III.6 - Auf Messers Schnide

Konnte er ihr Glauben schenken? Der Umschwung in ihrem Verhalten war zu schnell gekommen und noch immer hatte sie ihm keine Gründe dafür genannt, warum sie ihn so hasste. Zumindest keine, die er ihr abnahm. Misstrauen und schlechte Erfahrungen in allen Ehren, das erklärte noch lange nicht ihren Hass.

Nachlässig blätterte Tom in seinem Zaubertränkebuch. Er las nicht wirklich darin, doch der Anschein war stets geeignet, ihm ein wenig Ruhe zu verschaffen, während er im Gemeinschaftsraum saß. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Hermine ihrerseits ohne größeres Interesse in dem Lehrbuch las. Es gefiel ihm nicht, wie häufig er seit Beginn des Schuljahres über sie nachgedacht hatte, doch mit jeder Begegnung mit ihr bestätigte sich nur immer wieder, dass er Recht daran tat, sie im Auge zu behalten. Zuvor hatte er sich nur über Dumbledore Gedanken machen müssen, da die übrigen Lehrer und die Schüler sowieso ihm nichts Böses zutrauen. Es störte ihn, dass er sich nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit auf seine Pläne konzentrieren konnte.

Warum interessierte Hermine Dumbledore sich für die Dunklen Künste? Sie hatte überraschend selbstbewusst geklungen, als sie ihm erklärt hatte, dass sie nichts Verbotenes tat, doch als er auf die Versuchung und Verführung dieser Magie zusprechen gekommen war, hatte er eindeutig Unbehagen entdeckt. Dachte sie wirklich, sie könnte die Dunklen Künste studieren, ohne zumindest ein wenig davon beeinflusst und verändert zu werden? War sie so naiv? Konnte ein Mensch, der ohne mit der Wimper zu zucken vom Necronomicon sprach, überhaupt naiv sein? Noch am Abend zuvor, direkt nach dem Gespräch in der Bibliothek, hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich ihr zu nähern, doch nachdem eine Nacht vergangen war, waren die alten Zweifel zurückgekommen. Ihr Verhalten zu Beginn ihrer Bekanntschaft war zu extrem gewesen. Ebenso konnte er nicht einfach vergessen, wie häufig sie sich wie eine typische Gryffindor-Schülerin benommen hatte, egal, ob sie sich für die Dunklen Künste interessierte oder nicht.

Ungeduldig richtete er sich in seinem Stuhl auf. Wieso war Hermine so voller Widersprüche? Wie viel würde er wirklich riskieren, wenn er sich ihr näherte, sie eventuell sogar einweihte? Und wie viel würde er gewinnen, falls sie sich als Verbündete erwies? Tom mochte es nicht, wenn er Gewinn und Risiko nicht abschätzen konnte, und noch nie war es ihm so schwer gefallen, eine Variable zu berechnen, wie jetzt mit Hermine Dumbledore.

"Habe ich etwas im Gesicht?"

Irritiert blickte Tom über den Tisch zu Hermine hinüber: "Wie bitte?"

"Sie starren mich seit geraumer Zeit an, Mr. Riddle, und die einzige Schlussfolgerung, die ich daraus ziehen kann, ist, dass Ihnen etwas Ungewöhnliches an mir aufgefallen ist", erklärte Hermine trocken.

Ihm entging nicht, wie Beatrix, die ebenfalls an diesem Tisch saß, neugierig ihre Ohren spitzte, um der Unterhaltung besser folgen zu können. Genervt davon, dass er anscheinend zu offensichtlich gestarrt hatte, beugte er sich zu Hermine vor und erwiderte kühl: "Ich versuchte lediglich zu ergründen, warum meine geschätzte Mitschülerin so tut, als würde sie ihre Hausaufgaben machen, obwohl so augenscheinlich ist, dass ihre Gedanken ganz woanders sind."

Anstatt wie erwartet ertappt dreinzuschauen, breitete sich ein zuckersüßes Lächeln auf Hermines Gesicht aus: "Die Frage könnte ich direkt an Sie zurück geben, denn Sie tun alles, nur nicht in Ihrem Buch lesen. Was aber auch kein Wunder ist, das Kapitel über den Wolfsbann-Trank haben Sie ja, wie ich von Professor Slughorn weiß, bereits letztes Jahr behandelt. Da müssen Sie sich ja zwangsläufig langweilen..."

Verärgert blickte Tom auf sein Buch hinunter. Er hatte sich so wenig darauf konzentriert, was er da eigentlich las, dass ihm nicht einmal aufgefallen war, dass er tatsächlich ein bereits behandeltes Kapitel aufgeschlagen hatte. So nachlässig war er eigentlich nie und dass Hermine bemerkt hatte, was er las, ohne dass ihm aufgefallen wäre, dass sie ihn beobachtete, irritierte ihn unendlich. Und es mache ihn wütend.

"Haben Sie gesteigertes Interesse an mir oder warum bemerken Sie solche Details?", gab er äußerlich unberührt zurück und hob eine Augenbraue.

"Ich musste Ihnen kaum sonderlich viel Aufmerksamkeit schenken, um diese Kleinigkeiten zu bemerken", erwiderte Hermine, die sich ebenfalls alle Mühe gab, desinteressiert, aber höflich zu wirken. "Ein kurzer Blick genügte dafür. Und wollen Sie mir wirklich weiß machen, dass Sie dieses Mindestmaß an Beobachtungsgabe bemerkenswert finden? Ausgerechnet Sie?"

Amüsiert bemerkte Hermine, wie ganz kurz ein genervter Ausdruck in Riddles Augen aufblitzte, ehe wieder die übliche kalte, aber höfliche Maske zurückkehrte. Das Gespräch in der Bibliothek hatte ihr ihren Mut zurückgegeben. Nicht, dass sie es als angenehm empfunden hätte, aber die Art von Interesse, die Tom da an ihr gezeigt hatte, war nicht mehr so, dass sie fürchten musste, von jetzt auf gleich umgebracht zu werden. Entsprechend ließ sie den wagemutigen, provokanten Teil in ihr wieder etwas mehr Freiheiten.

"Was wollen Sie damit andeuten?", mischte sich da zu ihrem großen Unmut Beatrix ein, die es offenbar nicht mehr ausgehalten hatte, nur stumme Zuschauerin zu sein.

Hermine ließ ihr Lächeln betont noch breiter werden, als sie sich zu Ihrer Klassenkameradin umdrehte: "Sie klingen aufgebracht, dabei wollte ich unserem werten Schulsprecher nur ein Kompliment machen. Ich wollte nur ausdrücken, dass seine Aufmerksamkeit so gut ist, dass ihm selbst kleinste Details nicht entgehen. Deswegen kann er andere Menschen ja auch so gut verstehen und Konflikte lösen."

"Ein Lob für Tom aus deinem Mund ist aber auch eine Seltenheit, Hermine, das musst du zugeben", warf Abraxas ein, der am anderen Ende des Tisches mit einem Aufsatz für Verwandlung beschäftigt war. Hermine entging nicht, dass Riddle ob dieser offenen Worte kurz zusammenzuckte. Sie selbst kämpfte einen Moment lang darum, ihr Lächeln beizubehalten, ehe sie diesen Seitenhieb verdaut hatte. Was wollte Abraxas damit erreichen? Sie legte so viel Wärme und Bewunderung in ihre Stimme wie ihr möglich war, als sie schließlich erwiderte: "Du tust mir Unrecht. Ich habe vollsten Respekt für Mr. Riddle und alles, was er als Schulsprecher leistet. Es ist unfair von dir, mir öffentlich zu unterstellen, ich würde ihm Abneigung entgegen bringen."

Hermine konnte sehen, dass ihre Worte Abraxas verwirrten. Doch mindestens ebenso verwirrt war sie von seinem Verhalten. Tom hatte offensichtlich interveniert, um eine tiefere Freundschaft zwischen ihr und einem seiner wichtigsten Vertrauten zu verhindern. Zu ihrem Bedauern hatte das funktioniert, Abraxas verhielt sich kühler als zuvor. Er hatte sich, vermutlich aus Angst, dem Willen von Tom Riddle gebeugt. Warum also sprach er jetzt öffentlich etwas an, was unweigerlich zu einem Konflikt mit eben jenem Mann führen musste?

Ehe Abraxas Zeit hatte, eine angemessene Antwort zu finden, ergriff erneut Riddle das Wort: "Ich muss Miss Dumbledore hier zustimmen, du tust ihr Unrecht", sagte er mit einer Wärme in der Stimme, die so offensichtlich falsch war, dass Hermine sich erneut wunderte, warum nicht alle anderen Schüler seine Maske durchschauten. "Ich fürchte beinahe, du missverstehst die Beziehung, die wir haben. Ich bin sehr wohl in der Lage, ihre Intelligenz und Scharfsinnigkeit anzuerkennen, und umgekehrt ist sie durchaus fähig, auch in mir lobenswerte Eigenschaften zu sehen. Mir scheint, du möchtest eine Unstimmigkeit zwischen uns entdecken, wo es keine zu entdecken gibt."

Diesmal kostete es Hermine große Mühe, nicht völlig undamenhaft mit offenem Mund zu starren. Tom Riddle hatte gerade offen zugegeben, dass sie einander feindlich gesinnt waren. Wenn selbst sie diese hintergründige Bedeutung seiner Worte entziffern konnte, dürfte es den übrigen Schülern, die immerhin mit den umständlichen Floskeln dieser Zeit aufgewachsen waren, nur umso leichter fallen. Entsprechend legte sich nach seinen Worten absolute Stille über den Gemeinschaftsraum. Sie konnte beinahe spüren, wie sich alle Augen auf sie richteten.

Hastig packte Hermine ihre Sachen zusammen. Sie musste an die frische Luft, sie musste Abstand gewinnen zu dieser Gruppe an Schülern, die sich plötzlich bewusst geworden war, dass ihr geliebter Anführer der Nichte von Professor Dumbledore nicht wohlgesonnen war.

Sie wollte gerade ihr eigenes Zimmer betreten, da wurde sie sich bewusst, dass ihr jemand gefolgt war. Natürlich. Kurz schloss sie die Augen, dann drehte sie sich zu Riddle um: "Was sollte das gerade?"

"Ich verstehe nicht, was du meinst?", erwiderte Tom unschuldig, doch Hermine konnte deutlich sein hinterhältiges Grinsen sehen.

"Du hättest mich genauso gut für vogelfrei erklären können!", warf sie ihm hitzig an den Kopf. "Warum? Gestern bietest du mir noch ach so großzügig an, meine Studien zu unterstützen, heute wirfst du mir den Fehdehandschuh hin?"

"Ah, ich sehe, woher deine Verwirrung kommt", sagte er gedehnt und trat direkt vor sie: "Du dachtest nach dem Gespräch gestern, dass ich plötzlich meine Bedenken dir gegenüber aufgegeben habe. Wie naiv", zischte er, und mit einem Mal war wieder diese Kälte in seiner Stimme, die Hermine jedes Mal aufs Neue zu lähmen schien, "wie unendlich naiv von dir."

Natürlich hatte sie zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass Riddle sie von jetzt auf gleich nicht mehr als Bedrohung ansehen würde. Doch sein Verhalten hatte sie zumindest hoffen lassen, dass er seine Mordgedanken aufgegeben hatte. War das wirklich so naiv gewesen? Ehe sie sich einen Reim auf sein Verhalten machen konnte, hatte er sie gepackt, ihre Zimmertür geöffnet und zusammen mit ihr den Raum betreten.

"Wie kannst du es wagen, mein Zimmer zu betreten?", fuhr sie ihn an, doch sie spürte selbst, dass sie eher verängstigt als selbstbewusst klang. Wieso war er überhaupt in der Lage, den Korridor zu den Mädchenschlafräumen zu betreten? War das ein Vorteil, den das Schulsprecherdasein mit sich brachte?

"Ich stelle immer wieder fest, dass dir grundlegende Eigenschaften einer Schlange fehlen. Wie sonderbar", kommentierte Tom nachdenklich, ohne auf ihre Frage einzugehen. "Du wirfst mir an den Kopf, dass ich dich gerade genauso gut für vogelfrei hätte erklären können - ohne dass es dir in den Sinn kommt, dass ich tatsächlich exakt dies getan habe."

Hermine stockte der Atem. Sie musste ihm Recht geben, sie war einfach nicht hinterhältig genug, um Absicht hinter gemeinen Taten zu erkennen. In dem Bemühen, ein Stück Kontrolle zurückzuerlangen, legte sie ihre Tasche und Bücher auf ihrem kleinen Schreibtisch ab und richtete dann mit in die Hüften gestemmten Händen ihren Blick auf ihn: "Ich habe es tatsächlich noch nie für nötig befunden, mich auf andere zu verlassen in einer Angelegenheit, die nur mich etwas angeht."

Ein Kichern, das beinahe amüsiert wirkte, erklang: "Und genau das ist dein Fehler: Es ist immer ratsam, wenn man weiß, dass andere hinter einem stehen. Und wenn man weiß, dass alle hinter einem stehen, hat man echte Macht."

Sie schluckte ob seiner kalten Worte: "Also hast du über Nacht beschlossen, dass du mich nicht selbst aus dem Weg räumst, sondern deine ... deine Speichellecker auf mich hetzt?"

"Und wieder bleibst du an der Oberfläche, meine Liebe", schnurrte Tom. Mit langsamen, aber absichtsvollen Schritten trat er auf sie zu, bis er direkt vor ihr zum Stehen kam und eine ihrer Hände ergriff: "Du bildest dir viel auf deine Intelligenz ein, aber mehr als Bildung und Wissen steckt da nicht hinter. Dir fehlt die Fähigkeit, Dinge zueinander in Verbindung zu setzen, über den Horizont zu schauen - oder hinter den Vorhang des Offensichtlichen. Deine Erfahrung mag dich gelehrt haben, meine Freundlichkeit zu hinterfragen, aber weiter reichen deine Fähigkeiten nicht", flüsterte er ihr zu, während er ihre Hand an seine Lippen führte und einen sanften Kuss darauf platzierte. Ein eiskalter Schauer lief Hermine den Rücken hinunter, als sie sich plötzlich bewusst wurde, dass sie gerade tatsächlich mit Tom Riddle alleine in ihrem Schlafzimmer war. Wie ein Kaninchen im Angesicht der Schlange stand sie paralysiert vor ihm, als er weitersprach: "Solange ich dich mit Höflichkeit behandele, werden meine Freunde dasselbe tun. Wenn ich jedoch irgendwann einmal Anlass finden sollte, mein Verhalten dir gegenüber zu ändern ..."

Er beendete den Satz nicht, sondern packte ihr Handgelenk plötzlich schmerzhaft fest. Doch er musste es auch nicht aussprechen, Hermine hatte die Botschaft verstanden. Entweder, sie fügte sich seinem Willen, oder er würde dafür sorgen, dass das gesamte Haus Slytherin sie schikanieren würde. Erinnere dich!, rief sie sich innerlich zur Ordnung. Erinnere dich daran, dass du auf seine gute Seite kommen wolltest! Zeig ihm, dass seine Drohung wirkt.

Entschlossen zwang sich Hermine dazu, den Blick zu senken. Zumindest für den Augenblick war es vermutlich tatsächlich klüger, ihm das Gefühl zu geben, dass er gewonnen hatte. Mit einem Zittern in der Stimme, das sie gar nicht aufsetzen musste, flüsterte sie: "Ich habe dich sehr gut verstanden. Jetzt lass mich bitte los."

Ganz langsam ließ Tom die Hand, die noch immer ihr Handgelenk umklammerte, sinken. Gerade wollte Hermine einen erleichterten Schritt von ihm zurücktreten, da fühlte sie mit einem Mal seine kühlen Finger unter ihrem Kinn. Verwirrt schaute sie ihn an. Ein beinahe bösartiges Funkeln war in seine Augen getreten und ihr entging nicht, wie er für einen Moment absichtlich und unverhohlen seinen Blick zu ihrem Bett wandern ließ, ehe er mit einem verächtlichen Grinsen auf den Lippen meinte: "Ich würde ja nur zu gerne herausfinden, ob dein bisheriger Lebensstil wirklich so frivol war, wie Beatrix angedeutet hatte."

Entsetzt riss Hermine sich los und brachte einen sicheren Abstand zwischen ihn und sich: "Das kann nicht dein Ernst sein!"

"Wer weiß", erwiderte Riddle und plötzlich war ein so intensiver Ausdruck auf seinem Gesicht, ein Blick, als könne durch ihre Kleidung hindurch schauen, der sehr langsam und voller Absicht ihren Körper hinunter und wieder herauf wanderte. Unwillkürlich schlang Hermine ihre Arme um ihren Oberkörper, als müsse sie sich vor seinen Blicken schützen. Seine Stimme klang anders als sonst, als er anfügte: "Du hast deine ganz eigene Anziehungskraft auf einen Mann wie mich. Wer weiß, was die Zukunft bringt."

Und dann war er in einer fließenden Bewegung an der Tür, hindurch und fort. Zitternd ließ Hermine sich auf ihr Bett sinken. Eiskalte Übelkeit machte sich in ihr breit, während sie über die Implikationen seiner Worte nachdachte. Sie wusste, dass er kein ernsthaftes Interesse an ihr hatte. Aber er hatte ihr deutlich gezeigt, dass er nur zu genau begriff, dass kaum etwas so viel Macht über einen anderen Menschen verlieh wie Sex. Und er hatte mehr als deutlich gesagt, dass er nicht davor zurückschrecken würde, sie damit in die Knie zu zwingen. Hier ging es nicht um Lust oder Liebe, sondern um Macht.

Und zu allem Überfluss hatte sie nun endgültig niemanden mehr, der auf ihrer Seite stand. Tränen kämpften sich gegen ihren Willen in ihr hoch. Sie konnte akzeptieren, dass sie hier eine Aufgabe zu erfüllen hatte, und sie hatte für Harry schon oft genug ihr Leben aufs Spiel gesetzt, freiwillig und in vollem Wissen, worauf sie sich einließ. Das hier hingegen nahm mehr und mehr Dimensionen an, die sie überforderten. Weinend kuschelte sie sich in ihr Bett, zog die Decke über den Kopf und blendete alles aus. Sie war alleine, vollkommen alleine, und irgendwo dort draußen im Gemeinschaftsraum lief ein Mann rum, der sie vergewaltigen würde, nur um seine Überlegenheit zu demonstrieren.

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