III.8 - Der innere Kreis



Innerlich fluchend hastete Hermine durch den Gemeinschaftsraum. Sie war über ihre Hausaufgaben eingeschlafen, so dass sie es vor der Astronomie-Stunde nicht mehr in die Bibliothek schaffen würde. Warum hatte sie sich auch dazu entschieden, dieses Fach zu belegen? Sie schätzte ihren Schlaf, da waren die regelmäßigen Stunden tief in der Nacht nicht hilfreich.

„So spät noch unterwegs, Miss Dumbledore?“

Sie rollte mit den Augen, ehe sie sich zu dem Sprecher umdrehte: „Ich bin auf dem Weg zu Astronomie, Mr. Lestrange.“

Seine Augen wurden groß, während er eine Verbeugung andeutete: „Alleine? Haben Sie keinen Mann, der Sie durch die dunklen Gänge begleitet?“

Hermine schnaubte nur: „Brauche ich denn einen? Lauern Gefahren innerhalb von Hogwarts auf mich?“

Lestranges Augen zeigten einen merkwürdigen Schimmer, als er lächelnd erwiderte: „Man sollte sich nirgends zu sicher fühlen. Darf ich Ihnen meine Begleitung anbieten?“

Ein zynisches Lächeln erschien auf Hermines Lippen: „Sie wollen mir weißmachen, dass ich in Ihrer Gegenwart sicherer bin?“

Gespielt getroffen legte er sich beide Hände auf die Brust: „Was sagen Sie da? Wollen Sie andeuten, ich wäre unfähig, Sie zu beschützen?“

Kopfschüttelnd ging Hermine auf den Ausgang zu: „Nein, ich will andeuten, dass Sie selbst eine Gefahr darstellen.“

Sie hörte, dass er ihr folgte. Vorsichtig tastete sie nach ihrem Zauberstab und stellte sicher, dass er in direkter Griffreichweite war, damit sie schnell genug reagieren konnte. Lestrange klang amüsiert, als er neben ihr gehend meinte: „Sie sind direkt wie immer, Miss Dumbledore. Ein ungewöhnlicher Wesenszug für eine Slytherin.“

„Vielleicht bin ich auch einfach nur gut darin, mir meine Schlachten selbst auszusuchen und weiß, wann ich auf Höflichkeit verzichten kann, wenn der Gegner mir unterlegen ist“, stichelte sie zurück. Sie hatte kein Interesse daran, sich bei Rufus Lestrange einzuschmeicheln, ganz gleich wie gerne Tom es hätte, dass sie ihn um ihren Finger wickelte.

Zu ihrer Überraschung blieb Rufus höflich: „Sie sind sich Ihrer Fähigkeiten sehr sicher, Miss Dumbledore, und Sie scheuen sich nie, das zu zeigen. Ein bemerkenswerter Zug in einer Dame.“

Sie grinste ihn breit an: „Vielleicht bin ich einfach keine Dame? Vielleicht lege ich keinen Wert darauf, eine Dame zu sein?“

In einer nachdenklichen Geste rieb Rufus sich über das Kinn, doch er schwieg vorläufig. Gemeinsam erklommen sie die Stufen zum Astronomieturm und Hermine begann sich zu fragen, wann er wohl zum Angriff übergehen würde. Sie war sich sicher, dass es keine Frage des Ob war, sondern des Wann.

„Nachdem Tom Ihnen seine Hand gereicht hat, können Sie vermutlich auch darauf verzichten, ein gutes Verhalten an den Tag zu legen“, sagte Rufus schließlich.

Genervt blieb Hermine stehen und blickte zu ihm auf: „Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, ich habe mich schon zuvor wenig darum gekümmert, was richtig oder angemessen oder höflich ist. Ich bin hier, um zu lernen.“

Er legte den Kopf schräg: „Eine faszinierende Einstellung. Was wollen Sie mit all der Bildung anfangen?“

„Oh, was könnte man nur mit Bildung und einem guten Schulabschluss anfangen?“, fragte Hermine ironisch: „Wirklich, wozu sollte das nützlich sein? So eine gute Frage, die Sie da stellen.“

Rufus zeigte ein beinahe wölfisches Grinsen: „Sie haben mich missverstanden. Was wollen Sie als Frau mit all der Bildung anfangen?“

Sie schüttelte entschlossen den Kopf: „Sie können mich nicht provozieren, Lestrange. Ich weiß, wie wenig Sie von uns Frauen halten, aber das ändert nichts daran, dass ich mir meines Wissens und meiner Intelligenz ziemlich sicher bin und eigenständige, unabhängige Zukunftspläne verfolge.“

„Weiß Tom das?“

So desinteressiert wie möglich zuckte Hermine mit den Schultern: „Keine Ahnung. Ich wüsste nicht, wieso ich das mit ihm besprechen müsste.“

Rufus zog beide Augenbrauen hoch: „Ohne die Erlaubnis Ihres Ehemannes dürfen Sie nicht arbeiten.“

Hermine schenkte ihm ein süßes Lächeln: „Tja, was kann man da nur machen, mh? Wenn Tom etwas dagegen hat, was tue ich dann bloß? Ah, ich weiß. Ich heirate ihn einfach nicht! So ein kluger Einfall, finden Sie nicht?“

Zum ersten Mal entdeckte Hermine echte Überraschung auf Lestranges Gesicht. War der Gedankengang für ihn wirklich so unvorstellbar? War dieser Mann wirklich so sehr in seinen konservativen Ansichten gefangen, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass sie ledig bleiben wollte?

Rufus trat einen Schritt näher auf sie zu. Unauffällig ließ Hermine ihren Zauberstab in ihre Hand gleiten. Was auch immer er plante, sie war vorbereitet. Doch statt sie anzugreifen, fragte er nur mit leiser Stimme: „Sie würden Tom betrügen?“

Mehrmals blinzelte Hermine. Wo kam diese Frage her? Sie hatte nicht vor, Tom zu betrügen, zumindest nicht in dem Sinne, wie es der junge Mann offenbar gerade dachte. Vorsichtig erklärte sie: „Ich sehe es nicht als betrügen. Mir wurde kein Heiratsantrag gemacht und ich habe nicht vor, einen anzunehmen. Wenn es zwischen Tom und mir nicht funktioniert, werden sich unsere Wege trennen.“

Ernst schaute Rufus auf sie hinab, während er offenbar über ihre Worte nachdachte. War ihm nie in den Sinn gekommen, dass eine Beziehung jetzt nicht bedeutete, dass sie in der Zukunft heiraten würde? Noch immer flüsternd erwiderte er: „Ich hatte den Eindruck, dass Sie nicht nur an Toms Seite stehen, sondern auch auf seiner Seite. Loyal und unterstützend. Wollen Sie etwa andeuten, dass das nicht der Fall ist?“

Unwillkürlich entfuhr Hermine ein Lachen: „Haben Sie Tom und mich zusammen gesehen? Wirken wir wirklich wie ein glückliches Liebespaar, das in allen Dingen einig ist, wo sich die Welt nur umeinander drehte?“

Rasch warf Rufus einen Blick nach links und rechts, um zu sehen, ob jemand die Stufen rauf oder runter kommen würde, dann trat er einen weiteren Schritt auf sie zu und zwang sie so mit dem Rücken zur Wand. Ernst sagte er: „Es ist gefährlich, so offen Widerstand gegen Tom zu zeigen, Miss Dumbledore. Ich gehöre zu seinen engsten Vertrauten. Wollen Sie wirklich seinen Zorn riskieren?“

Kaum hatten seine letzten Worte seinen Mund verlassen, legte Hermine ihm mit einer flüssigen Bewegung ihren Stab an die Kehle: „Wollen Sie mir wirklich drohen, Lestrange?“

Seine Augen wurden eiskalt: „Sie wagen es, Ihren Stab gegen mich zu erheben?“

Hermines Augen blitzten, als sie wütend erwiderte: „Offensichtlich. In genau dieser Position habe ich mich in meiner ersten Woche hier in Hogwarts vorgefunden. Nur dass mich damals Tom bedroht hat. Denken Sie wirklich, dass Sie mich einschüchtern können, wo es ihm nicht gelungen ist?“

„Sie haben Tom Riddle Ihren Stab an die Kehle gehalten?“

Genervt rollte Hermine mit den Augen: „Ich dachte, es wäre inzwischen relativ offensichtlich, dass ich nicht nach den herrschenden Spielregeln spiele. Ich bin mein eigener Mensch. Ich wehre mich, wenn man mich bedroht, egal, wer mich bedroht. Sie sind ein Lestrange, ich sollte vermutlich zittern vor dem Namen Ihrer Familie. Ich sollte vermutlich zittern davor, dass Ihre Familie meine Zukunft nach Hogwarts zerstören kann. Aber wissen Sie was? Das tue ich nicht. Politische Intrigen, Drohungen, Erpressungen und all das wird bei mir keine Wirkung zeigen. Es interessiert mich nicht.“

Fest blickte Hermine ihm in die Augen. Sie meinte jedes Wort. Sicher, es half, dass sie wusste, dass es für sie in dieser Zeit kein Nach Hogwarts geben würde. Es konnte ihr egal sein, ob die Familie Lestrange in dieser Zeit versuchen würde, ihre Zukunft zu zerstören. Doch selbst wenn. Sie würde sich solchen Mitteln nicht beugen. Sie hatte sich Tom unterworfen, wo es nötig war, um ihm nahe zu kommen, aber sie würde sich nie wieder irgendeinem anderen Menschen, und schon gar nicht einem Mann, unterwerfen.

„Sie können Ihren Stab runternehmen“, raunte Rufus ihr zu: „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt vor, Ihnen etwas anzutun. Ich bin nichts lebensmüde. Tom hat sehr deutlich gemacht, was er davon hält, wenn man Ihnen auch nur ein Haar krümmt.“

Für einen Moment länger noch hielt Hermine seinen Blick fest, dann ließ sie ihren Arm sinken. Angespannt presste sie hervor: „Es wäre mir lieber, Sie würden Abstand von mir nehmen, weil Sie mich respektieren. Ich brauche keinen Ritter in strahlender Rüstung, selbst wenn er Tom Riddle heißt.“

Ein Lachen ertönte, ein echtes, lautes Lachen. Rufus Lestrange wirkte tatsächlich amüsiert. Grinsend legte er ihr eine Hand auf die Schulter: „Sie sind wirklich das Gegenteil aller anderer Frauen hier, Miss Dumbledore. Sie wollen nicht von Tom beschützt werden? Wieso?“

Grummelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust: „Es würde ihm bloß Macht über mich geben, wenn er sich einbilden kann, dass ich ihn brauche. Und ich bin nicht bereit, ihm diese Art der Macht zu gewähren.“

„Jedes Wort aus Ihrem Mund klingt so, als wären Sie nicht in ihn verliebt.“

„Weil ich es nicht bin.“

Die Antwort war raus, ehe Hermine darüber nachdenken konnte, was sie da sagte. Entsetzt riss sie die Augen auf und starrte Lestrange an. War es wirklich klug von ihr, so offen über ihre Beziehung zu Tom zu reden? Wäre es nicht besser, nach außen hin weiter den Schein zu wahren, dass sie ein Liebespaar waren, wenn auch vielleicht nicht nach den traditionellen Regeln?

Schockiert bemerkte sie, wie Rufus ihr eine Hand auf die Wange legte und sie mit seinem Zeigefinger unter ihrem Kinn dazu zwang, zu ihm aufzuschauen: „Sie sind in einer festen Beziehung mit einem Mann, in den Sie nicht verliebt sind?“

„Nehmen Sie Ihre Hand weg“, zischte Hermine angespannt, „sonst hexe ich Ihnen doch noch einen Fluch auf den Hals.“

Ohne auf sie zu achten, hakte Rufus nach: „Ist das in Amerika so üblich? Sie lassen sich küssen und machen die Beine breit für einen Mann, den Sie nicht lieben?“

„Lestrange“, fauchte sie warnend, doch wieder ignorierte er sie. Stattdessen schloss sich seine freie Hand um ihre Hand, die ihren Stab hielt.

„Würden Sie die Beine auch für mich breit machen, wenn ich Ihnen nur genug dafür biete?“

Sein Tonfall hatte verächtlich und beinahe ironisch geklungen, doch da war etwas in seinem Blick, eine merkwürdige Intensität, die Hermine den Atem stocken ließ. Er meinte das ernst. Rufus Lestrange wollte sie bezahlen, damit sie mit ihm schlief. Ihr Herz begann zu rasen. Genau das hatte Tom doch gewollt. Er hatte ihr gesagt, dass er es befürworten würde, wenn sie auch Rufus um ihren Finger wickeln und ihn damit erpressbar machen würde.

Nervös leckte sie sich über die Lippen. Sie musste hier weg. Sie musste diese Situation auflösen, ehe dieser unberechenbare Mann irgendetwas tat. Sie schluckte: „Ich hätte Sie für klüger als Abraxas gehalten.“

Rufus hatte sich ihr soweit genähert, dass seine Lippen knapp über ihren waren. Er hielt inne, doch Hermine konnte seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren. Sie betete, dass er es sich anders überlegen würde. Sie konnte hiermit nicht umgehen. Sie wollte das nicht für Tom tun. Lestranges Griff um ihr Handgelenk wurde fester: „Ich müsste dir gar nichts bieten, nicht wahr? Es wäre ein Geheimnis zwischen uns, ein Geheimnis, das Tom niemals erfahren dürfte. Ein Geheimnis, das mich belasten würde. Mich vorsichtig machen würde.“

Hermine nickte. Rufus war tatsächlich schneller als Abraxas. Er begriff, dass Tom Spielchen mit ihnen spielte, weil Rufus selbst genau das erwartete. Er war nicht so blind und naiv wie Tom.

Statt sie loszulassen, lehnte er sich ein Stück vor, so dass sein ganzer Körper gegen ihren presste. Er beugte sich weiter hinunter, um direkt neben ihrem Ohr zu flüstern: „Schade nur, dass ich das jetzt weiß. Meinst du, Tom würde das immer noch befürworten, wenn ich dich wirklich verführe, mh, Hermine? Wenn du mir verfällst und ihn für mich verlässt? Denkst du nicht, dass ihn das in den Wahnsinn treiben würde? Männer können so eifersüchtig sein.“

Unwillig drehte Hermine ihren Kopf weg: „Das würde dir niemals gelingen, Lestrange. Niemals.“

Gewaltsam zwang er ihren Kopf zurück und schaute ihr tief in die Augen: „Ich könnte dich auch einfach jetzt nehmen, gegen deinen Willen. Meinst du, das würde ihm gefallen? Ich könnte dich haben, ohne mir Gedanken über Geheimnisse machen zu müssen. Würdest du es Tom erzählen? Würdest du Tom die Schande gestehen, die du über dich gebracht hast?“

Entsetzen breitete sich wie eisige Kälte in Hermines Magen aus, doch sie befahl sich, Ruhe zu bewahren. Er durfte nicht merken, dass sie Angst hatte. So unbeeindruckt wie möglich erklärte sie: „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich würde es nicht als Schande empfinden, sondern als genau das, was es ist: ein illegaler Akt der Gewalt gegen mich, der angezeigt und bestraft gehört. Natürlich würde ich es Tom erzählen. Er wäre unzufrieden mit mir, dass ich dir zum Opfer gefallen bin, gewiss, vermutlich würde er mich auch bestrafen. Aber ich weiß, Rufus Lestrange, ich weiß, dass er dich dafür töten würde. Langsam, qualvoll, in unvorstellbaren Schmerzen.“

Kurz flackerte sein Blick, doch dann schüttelte er überheblich den Kopf: „Das würde er nicht wagen. Er braucht mich. Er kann es sich nicht leisten, den Hass meiner Familie auf sich zu ziehen.“

Wieder leckte Hermine sich über die Lippen: „Als ob man deinen tragischen Tod auf Tom zurückführen können würde. So dumm ist er nicht. Und ich bin mir sicher, unser lieber Freund Abraxas würde ihm nur zu gerne ein Alibi geben.“

Herausfordernd starrte sie ihn an. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen, nicht von ihm. Er war intelligent und mächtig und voller Verachtung für Frauen, aber sie wusste, sie sah, dass er nicht wahnsinnig war. Nicht so wie Tom.

Tatsächlich ließ er sie schließlich los und trat einen Schritt zurück. Mit einer abfälligen Geste tätschelte er ihre Wange: „Du hast Mumm, kleine Dumbledore, das muss man dir lassen.“

Augenrollend erwiderte sie das Kompliment: „Du bist klug, Lestrange, das muss ich dir lassen.“

Wieder lachte er: „Schön, dass wir dieses Gespräch hatten. Ich bin mir sicher, wir werden in Zukunft einen Weg finden, uns nicht gegenseitig ins Jenseits hexen zu wollen.“

Darauf konnte Hermine nur schnauben: „Erwartest du ernsthaft, dass ich dir abnehme, dass du plötzlich sowas wie Respekt für mich empfindest?“

Er grinste nur: „Nein. Aber ich glaube, wir können Waffenstillstand schließen für den Moment, meinst du nicht?“

„Ich wusste nicht, dass wir vorher im Krieg waren.“

Er gab ihr darauf keine Antwort, stattdessen sagte er mit einem breiten Lächeln: „Ich glaube, du bist zu spät für Astronomie.“

Fluchend stieß Hermine ihn aus dem Weg und eilte die Stufen hoch. Sie war erleichtert, dass sie heil aus der Konfrontation rausgekommen war, aber die übertriebene Freundlichkeit von Rufus bereitete ihr Bauchschmerzen. Sie ahnte, dass sie noch nicht fertig mit ihm war.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media