Im Arbeitszimmer

Da saß ich nun frustriert in meinem Arbeitszimmer, einem der schönsten Räume im Palais, an meinem Schreibtisch, trank ein kaltes Bier aus der Flasche und fragte mich, was Selina wohl dachte. Ich hatte ganz bewusst nicht weiter gesprochen, weil nichts dabei herausgekommen wäre. Nachdem ich einfach geschwiegen hatte, war es an Sel, sich zu erklären oder aber, wieder Frieden herbeizuführen. Selina war eine ungewöhnlich kluge Frau, der man nichts vormachen konnte. Sie vertrat ihre Meinung, die sich Gottlob fast immer mit Meiner deckte, resolut. Selina hätte sich gewünscht, ich hätte es ausgesprochen, was mir da vorhin auf dem Herzen gelegen hatte, aber sie hatte mich mit der unwirschen Frage beleidigt. Es war von Anfang an nur um sie und Mel gegangen und sie wusste auch genau, dass ich ihr das sagen wollte. Ich wollte mich auch dafür entschuldigen, aber jetzt nicht mehr. Alleine die Betonung dieses einen Fragewortes hatte unser sonst so enges Miteinander gestört. Das kam so gut wie nie vor, aber es lag uns nun beiden im Magen.
Lustlos tippte ich an meinem Laptop herum für den Ärztekongress, doch hätte ich das auf einer Schreibmaschine getan, wäre wohl der Papierkorb übergegangen. Es klopfte neuerlich und Mel kam herein. Sie wuselte zu mir an den Schreibtisch heran und fragte: "Papi, was hast du denn mit Mami gemacht?" - "Nichts mein Schatz, warum denn?" - "Weil sie so traurig ist. Sie hat gesagt, sie ist nicht traurig, aber ich weiß, dass sie traurig ist." - "Vielleicht hat es sie geärgert, wie ich mit dem Reporter umgegangen bin..." - "Aber sie hat ihm doch auch eine runtergehauen! Ich hab's gesehen, vom Fenster aus!" - "Weiß sie das?" - "Nein!" - "Dann sag's ihr doch Melina!" - "Wenn sie dann nicht mehr traurig ist... aber du bist auch traurig, Papi, oder?" - "Ein Bisschen, Mel, aber ich hab euch beide sehr lieb und morgen ist bestimmt wieder alles gut!" Melina schien befriedigt, verschwand aus meinem Arbeitszimmer und ließ mich wieder allein mit meiner Misere. Erneut widmete ich mich den Unterlagen für den Kongress. Am liebsten hätte ich die Vorträge abgesagt, aber so kurzfristig ohne plausiblen Grund abzusagen war nicht gut.
Es dauerte noch über eine Stunde, bis Selina an die Tür klopfte. Sie kam herein, hob meine Hand hoch und setzte sich wortlos auf die Armlehne meines schweren Ledersessels, so wie sie es immer tat, wenn ich zum Beispiel mit Bertl eine Videokonferenz hatte. Sie sah auf dem Bildschirm, dass ich praktisch nichts erreicht hatte. Eine Minute lang, saß sie da, meine Rechte auf ihrem Oberschenkel, so als ob nichts gewesen wäre. Dann lehnte sie sich mit den Ellenbogen zurück auf die zweite Armlehne, um mir ins Gesicht zu sehen. "Geht es dir auch an die Nieren?" fragte sie. "Na ja..." - "Tut es dir wenigstens leid?" - "Nein!" - "Dann ist es ja gut!" - "Ist es nicht! Ich sagte, es tut mir nicht leid, Selina" - "Ist mir egal! Ich liebe dich, mein unbeherrschter, verrückter Erfinder. Und ich möchte nicht eine Minute länger Knatsch mit dir haben, wegen diesem Idioten!" Sie rutschte von der Lehne auf meinen Schoss und küsste mich sehr leidenschaftlich, um zu unterstreichen, dass zwischen uns alles wieder in Ordnung war. Auch wenn es mir eine Genugtuung war... lange hätte ich nicht mehr durchgehalten, dann wäre ich zu ihr gekrochen...

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