Im Auge des Betrachters

Corey sprintete davon und Shane nahm die Beine in die Hand, um ihr zu folgen. Nebeneinander preschen sie durch den Wald. Sie schenkten ihrer Umgebung keinerlei Beachtung mehr, weder wohin sie rannten, noch wie deutliche die Spuren waren, die sie dabei hinterließen. Nur schnell weg. Dass sie gegen vier oder womöglich fünf Gegner keine Chance hatten, sah offenbar sogar Corey ein. Gelegentlich warf sie einen Blick über die Schulter, wurde jedoch nicht langsamer. Shane vertraute auf ihre scharfen Sinne. Wenn sie in diesem Tempo weiter lief, waren die anderen ihnen noch auf den Fersen. Dicht auf den Fersen. Statt nach hinten zu sehen, blickte er sich regelmäßig zu dem Mädchen um. Schweiß lief ihr über das Gesicht und hinterließ Spuren in dem getrockneten Blut, das auf ihrer gesamten unteren Gesichtshälfte verschmiert war.

Shane fragte sich, was sie mit dem Mädchen gemachte hatte und ob es ihr eigenes Blut war. Er glaubte es jedoch nicht. Die einzige sichtbare Verletzung trug sie quer über dem Wangenknochen und am Rand ihres Ohres, von dem Messer, das den Kampf eröffnet hatte.

Shanes Herz raste und er merkte, wie er zunehmend außer Atem kam, doch er kämpfte sich verbissen weiter. Er wollte hier nicht sterben und er war sich nicht sicher, ob Corey ihm zugunsten anhalten und ihm in einem Kampf helfen würde, wenn die Aussicht lebend davon zu kommen, so gering war. Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Shane wurde er langsamer, bis er sich nur noch taumelnd und mit rasselndem Atem voran schleppte. Er hielt auf einen riesigen Baum zu, der von Efeu und anderen Kletterpflanzen überwuchert war. Keuchend stützte er sich ab, doch der Halt gab unter seiner Hand nach. Shane verlor das Gleichgewicht und kippte gegen den Baum und durch die Kletterpflanzen hindurch. Sie offenbarten einen gewaltigen Riss, der in einen Hohlraum mündete. Perfektes Versteck. Der Riss reichte von Shanes Knien bis zu seinen Schultern und war gerade breit genug, um sich hindurch zu zwängen.

Er sah sich um. Von den anderen war keine Spur. Doch von Corey auch nicht. Hab ich sie abgehängt? Haben wir uns beim Laufen zu weit voneinander entfernt? Er lauschte, doch das Blut in seinen Ohren übertönte fast jedes andere Geräusch. Er kletterte in den Baum und spähte so unauffällig wie möglich durch den Efeu nach draußen. Doch er meinte eindeutig Schritte zu hören. Jemand bewegte sich geschickt und auf leisen Sohlen durch das Unterholz. Ein dunkler Haarschopf schimmerte durch die Blätter. Ist sie das? Shane hatte keine Ahnung wie die anderen aussahen. Er hatte nur einen kurzen Blick auf sie geworfen, bevor Corey abgehauen war und ihm zugerufen hat, zu laufen.

„Corey!", flüsterte er, so laut er es wagte. Die Gestalt hielt inne. Hat sie mich gehört? Sie kam näher, bis die Vegetation einen kurzen Blick auf ihr Gesicht freigab. Sie war es.

„Corey! Hier her!", rief er noch einmal gedämpft. Ihr Kopf fuhr herum. Sie hatte seine Stimme gehört und sah sich suchend nach ihm um. Shane beugte sich aus dem Spalte und hob winkend den Arm, bis sie ihn entdeckte und hastig zu ihm huschte. Shane hielt die Ranken beiseite und das Mädchen kletterte mit großen Augen in das enge Versteck. Behände schlüpfte sie durch den Spalt. Shane ließ die Ranken los und hoffte, sie würden den Eingang weiterhin unsichtbar machen.

Es war nicht leicht einen festen und gleichzeitig einigermaßen bequemen Stand zu finden. Er drückte den Rücken gegen die Wand, rutschte etwas daran nach unten, bis er mit leicht gebeugten Knien und die Beine gegen die gegenüberliegende Seite gestemmt, stabilen Halt hatte.

Corey quetschte sich vor ihn, das Gesicht ihm zugewandt und nahm eine ähnliche Position ein. Ein Oberschenkel zwischen seinen Beinen platziert und umgekehrt, saß sie halb auf seinem Knie. Das andere Bein klemmte sie zwischen Shane und das trockene Holz.

Im Gegensatz zu ihm, schien das Mädchen plötzlich und, nach ihrer Szene am Morgen, völlig unerwartet keine Berührungsängste mehr zu haben. Nachdem sie offensichtlich nicht wusste, wohin mit ihren Armen, legte sie sie anstandslos um seine Schultern und schaute ihm geradezu herausfordernd in die Augen. Vielleicht versuchte sie ihn zu provozieren oder hatte ihren kleinen Disput vom Morgen tatsächlich vergessen oder ausgeblendet, weil es die Situation schlicht erforderte. Shane nahm die Berührung wortlos hin und hoffte, dass er keine Miene verzog, als ihre Finger seinen Nacken streiften, doch sicher war er sich nicht. Allerdings bot Corey ihm damit auch eine Lösung für seine Arme. Bewusst gleichgültig erwiderte er ihren Blick und legte den einen auf ihrem angewinkelten Oberschenkel ab, den anderen auf seinem eigenen Knie. Corey blinzelte nicht einmal und Shane wertete das Manöver als ein Unentschieden. So miteinander verschlungen, lehnten sie die Rücken an die Wand, um zumindest zwischen ihre Oberkörper einen gewissen Wohlfühlabstand zu bringen.

Seit das Mädchen seinen Platz gefunden hatte, sah sie ihm die ganze Zeit über aufmerksam an und beobachtete sie seine Miene, als wartete auf etwas ganz Bestimmtes. Eine Reaktion, eine Bewegung oder ein Wort. Es fiel nicht viel Licht ins Versteck, aber doch genug, um sich gegenseitig genau erkennen zu können. Ganz besonders auf die kurze Entfernung. Der Spanne zwischen ihren Gesichtern war kaum drei handbreit, zwischen ihren Körpern dagegen nicht vorhanden. Der Hohlraum bot gerade genug Platz für eine Person, doch zu zweit, waren sie gezwungen, sich eng aneinander zu quetschen.

Ihm viel auf, dass sie völlig normal atmete und nicht, als wäre sie gerade gute zwanzig Minuten mit Höchstgeschwindigkeit durch einen Wald gerannt. Sie war völlig durchgeschwitzt, genau wie er, doch in körperlich wesentlich besserer Verfassung. Sie musste sich über das Gesicht gewischt haben, vielleicht um den Schweiß zu entfernen, denn das Blut, das vor kurzem noch ihre ganze Mundpartie, Kinn und die Wangen besudelt hatte, war nur noch in Spuren sichtbar.

Stumm, doch merkwürdig wachsam musterte sie ihn. Shane hatte keine Ahnung was in ihr vorging. Ihr Ausdruck konnte praktisch alles bedeuten. Kalte Wut, Hass, Gleichgültigkeit, aber auch Neugier, Interesse, sogar eine absurde Art von Zufriedenheit.

Er tat es ihr gleich. Wohin sollte er auch sonst schauen. Inzwischen hatte er das Gefühl, jede Linie ihres Gesichts memoriert zu haben. Er war sich sicher, noch in Jahren jede Linie nachzeichnen zu können. Die hellbraunen Augen, die je nach Lichteinfall warmen Bernsteinbrauntönen bis hin zu gelb und grün strahlten, eingerahmt von dunklen Wimpern und Brauen, von denen sie gern eine in die Höhe zog; die gerade kleine Nase, deren Spitze leicht nach oben geneigt war und wunderbar zu der Arroganz passte, die immer wieder durchbrach, wenn sie jemanden ansprach; aber auch den sanften Schwung ihres Mundes, mit Lippen, die zur Abwechslung so zart und weich wirkten, weil sie entspannt war, sich aber auch zu einem Fletschen über die Zähne ziehen konnten, wenn sie wütend war. Und trotzdem konnte er nicht anders, als dieses Mädchen schön zu finden. Besonders ihre klaren Augen, mit der ungewöhnlichen Farbe, aber nicht zuletzt auch ihre Lippen. Er fragte sich, was es auf ihrem Gesicht bewirken konnte. Bisher hatte sie ihm höchstens ein freudloses oder höhnisches Grinsen gezeigt.

Shane war nicht klar, wie lange seine Augen an ihren Lippen hängen blieben, bis sie sich leicht teilten, als Corey tief einatmete, ihre Brust sich deutlich hob und seinen Blick auf ihr Dekolleté lenkte. Das verdreckte und mittlerweile rotbraun befleckte Nachthemd trug sie noch immer und hatte es schlicht in die gestohlene Hose gestopft. Der runde Halsausschnitt war etwas ausgeleiert, als hätte jemand kräftig daran gezerrt. Außer ihrem Hals und Schlüsselbeinen entblößte er aber kaum mehr Haut. Doch der dünne, durchnässte Stoff konnte ihre Weiblichkeit nicht verbergen. Für ihre relativ schmale Gestalt und den trainierten Körper schien sie mit einem verhältnismäßig großen Busen gesegnet zu sein. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie einen BH trug. Allein bei der Vorstellung schoss ihm die Hitze den Hals hinauf. Sie bewegte sich leicht, verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein und ihr Unterleib drückte sich einen Moment lang fest gegen seinen. Er blinzelte verlegen und sah auf. Irgendetwas hatte sich in ihrer Miene geändert, doch er konnte es nicht in Worte fassen. Ihre linke Braue zuckte leicht und sie schien sich ein verschmitztes Grinsen kaum verkneifen zu können.

Ihr war offensichtlich nicht entgangen, wohin seine Augen gewandert waren, doch sie blieb stumm und legte nur den Kopf leicht auf die Seite. Ihr Daumen streifte seinen obersten Halswirbel und ließ ihn erschauern. Gleich darauf wünschte er, sie würde ihre Finger noch einmal über seine Haut und den Haaransatz gleiten lassen. Und nicht so schnell wieder damit aufhören. Der Gedanke erregte ihn und geschockte versuchte er die Bilder wieder aus seinem Kopf zu vertrieben, doch sein Körper hatte längst darauf reagiert. In der Enge sah er nur noch leicht geöffnete Lippen, wunderschöne große Augen und eine Corey, die plötzlich wieder nur das kurze Nachthemd trug, in dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. So knapp, dass er den Ansatz runder Pobacken darunter nicht nur zu erahnen brauchte. Ihre langen Beine schlangen sich um seine Hüfte, ihre Finger spielten mit seinem Haar...

Shane kniff die Augen zusammen. Verdammt, hör auf mit dem Scheiß. Er versuchte an das Blut an ihren Händen zu denken, das schwarze, breite Messer, das sie tief in den Hals eines Jungen trieb und ein anderes, schmales, längs über die Kehle eines blonden Mädchens. Ein Mädchen, das kurz davor versucht hatte ihn umzubringen. Doch es half nicht. Er spürte wie er hart wurde. Spätestens, wenn er probierte seine Hüfte von ihr weg zudrehen, würde Corey es auch merken. Was stimmte nicht mit ihm? Ja, sie war ausnehmend hübsch, aber er hatte sie bei kaltblütigem Mord beobachtet und ihr sogar dabei geholfen, jemanden zu töten.

Noch vor etwas mehr als vierundzwanzig Stunden war er von ihr abgestoßen, gerad zu angewidert gewesen. Und nun betrog ihn sein Körper, weil sie ihn versehentlich im Nacken berührte und mehr oder weniger unfreiwilligen ihren Unterleib gegen seinen presste. Und sein Geist schloss sich dem Verrat sofort an und gaukelte ihm Bilder von dem Mädchen in äußerst knapper Bekleidung vor, wie es sich ihm an den Hals warf. Gleichzeitig erinnerte Shane sich an das Gefühl ihres Körpers, eng an seinen geschmiegt, den Kopf an seiner Brust und Halt suchend die Arme um ihn geschlungen. Ihr warmer Atem, der durch sein Hemd drang und das Wimmern und Schluchzen, das erst aufgehört hatte, als er sie fest an sich gedrückt hatte. Er hatte es angenehm gefunden, sogar genossen, doch entgegen ihres Vorwurfs, war er in der vergangen Nacht nicht erregt gewesen. Sie hatte Schutz und Trost gesucht und er war niemand, der einem weinenden Mädchen dies verweigerte. Doch hier und jetzt, wach und im völligen Bewusstsein über die gegenseitige körperliche Nähe, ihr Blick, der an ihm haftete, das war anderes. Es reizte sämtliche seiner Sinne. Er schien sie überdeutlich zu spüren, jedes ihrer Glieder, das eines von seinen berührte.

Er schloss die Augen und versuchte beherrscht zu atmen, die Kontrolle über seinen Körper zurück zu gewinnen und sich nicht weiter hineinzusteigern, in was immer das auch gerade war. Wenn sie in dieser Nacht wieder von Alpträumen geplagt werden würde, würde er sich von ihr fernhalten, auch wenn es ihm schwer fallen sollte und sie stattdessen einfach wecken, statt versuchen sie zu beruhigen.

Corey leckte sich über die Lippen und Shanes Blick klebte gebannt an ihr.

„Über dir", sie flüsterte sie, „fällt Licht herein, durch ein Loch oder so. Hilf mir hoch zu klettern und durch zu gucken. Mach mir 'ne Räuberleiter."

Er nickte, fast schon erleichtert und tat wie geheißen. Sie stellte einen Fuß in seine zusammengefalteten Hände und stützte sich auf seinen Schultern an. Er hob sie langsam hoch und sie stellte den zweiten Fuß auf seinen Oberschenkel.

Shane stöhnte. Nicht weil sie schwer war, sondern weil sie ihren Oberkörper, ihr Brust, direkt an seinem Gesicht entlang nach oben schob und sein Kopf letztlich genau auf ihrer Schritthöhe war. Er drehte den Kopf weg und kämpfte gegen seinen rasenden Puls und schmerzhaft pochende Erektion. Corey schien nichts davon zu aufzufallen oder es war ihr egal, jeden falls ließ sie sich nichts anmerken.

Shane hielt das Mädchen fest und sicher, bis es ihm auf die Schulter tippte. Er hob er den Kopf, sah zu ihr auf. Sie deutete nach unten und so langsam und vorsichtig, wie er sie hoch gehoben hatte, ließ er sie an sich wieder herunter gleiten. Er war klug genug, den Kopf dieses Mal gleich zur Seite zu drehen und er bog auch seine Hüfte ganz leicht von ihr weg.

Ihre Füße berührten wieder den Boden, doch sie hielt den ganzen Körper eng an ihn, die Arme nach wie vor um seinen Hals geschlungen, zog sie sein Gesicht näher zu sicher. Shane stockte der Atem. Ihre Wange berührte seine, ihre Lippen näherten sich Ohr.

„Ich hab niemanden gesehen. Ich geh mal raus, seh' mich um. Du bleibst hier!", hauchte sie und desillusionierte ihn. „Warte hier auf mich!"

Sie sah ihn beschwörend an, bis er gehorsam nickte. Dann schlüpfte sie nach draußen und verschwand. Und Shane atmete, als hätte er zehn Minuten die Luft angehalten. Er griff sich an die Nasenwurzel und kniff die Augen fest zusammen. Dann rutschte mit dem Rücken am Inneren des Baumes nach unten, bis er auf dem Hintern saß, legte die Arme um seine Beine und die Stirn auf die Knien. Und wartete.



Comments

  • Author Portrait

    So sehr mir diese Szene gefällt, macht sie mich doch ungeduldig XD

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Fairy Dust

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