Im Exil

Das letzte Stück des Weges war steil. Halt suchend klammerte sich Johann an die Gesteinsbrocken, welche entlang des schmalen Pfades versprengt lagen. Der Korb auf seinem Rücken wog schwer. Er war bis zum Rand gefüllt mit Äpfeln, Speck, Schüttelbrot und anderen Lebensmitteln. Die spätsommerliche Sonne brannte erbarmungslos auf ihn herunter. Am wolkenlosen Himmel kreiste ein Steinadler. Sein Kreischen hallte an den Felswänden wider und fuhr Johann durch Mark und Bein. Dennoch war er froh, dass er den schattenspendenden Wald hinter sich gelassen hatte. Das Raunen und Wispern zwischen den Baumwipfeln bereitete ihm weitaus mehr Unbehagen als die Schreie des Greifvogels. Kurz hielt er inne und tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn. Auf dem Stofftaschentuch hatte Eva seine Initialen eingestickt. Nun waren ihre Finger klamm und kalt. Nie wieder würden sie kunstvolle Handarbeiten fertigen oder ihm sanft und tröstend übers Gesicht streifen. Der Anblick ihres leblosen Körpers, wie er vom Balken des Schuppens baumelte, verfolgte ihn noch immer. Krampfhaft versuchte er, den Kloß, der ihm die Kehle zuschnürte, hinunterzuschlucken. Er war schuld an all dem Leid. Und wäre Dora nicht, hätte er seinem Leben auch schon längst ein Ende gesetzt.

Zehn Jahre waren nun seit dem Tag vergangen, als sie den kleinen Jakob tot in seinem Bettchen vorgefunden hatten. Nicht einmal sein erstes Lebensjahr hatte er vollenden dürfen. Als Johann Evas tränenverschleiertem Blick begegnete, wusste er es: Dass sie sich entschieden hatte, ihm bald zu folgen. Dora stand wie ein Geist neben ihrem Bruder. Sie weinte nicht. Doch ihr Gesicht war fahl und ihre violetten Augen lagen in tiefen Höhlen. In diesem Augenblick glich sie einer Greisin. Nicht einem neunjährigen Kind. Allesamt waren sie zusammengezuckt, als plötzlich ihre helle Mädchenstimme die erdrückende Stille durchschnitt:
»Ihr dürft nicht traurig sein. Der Tod ist nicht das Ende.« Ihre kleine, weiße Hand legte sich auf Evas bebende Schultern: »Seine Seele ist gut behütet. An einem anderen Ort.«
»Woher willst du das wissen?« Zweifel und ein wenig Hoffnung schwangen in Evas Worten.
»Ich weiß es ebenso sicher, wie dass er sterben würde.« Dora konnte nicht entgangen sein, dass sich die Haltung ihrer Mutter versteift hatte. Dennoch fuhr sie fort: »Er war zu schwach. Deine Kinder können nur überleben, wenn sie sind wie ich. Doch er hatte es nicht in sich. In der jenseitigen Welt aber ist er stark. Und glücklich.«

Dicht neben Johann ging ein Steinhagel nieder und riss ihn aus seinen Erinnerungen. Die kleinen, aber tödlichen Geschosse pfiffen ihm um die Ohren. Schnell kauerte sich hinter den nächstgelegenen Felsbrocken. Die Hände hob er schützend über den Kopf. Als das Klackern nach einer schieren Ewigkeit verebbte, setzte er seinen beschwerlichen Aufstieg fort. Gleich hatte er es geschafft. Mit letzter Kraft zog er sich über die Kante des Felsvorsprungs auf die verborgene Hochebene. Der Anblick der üppigen Almwiese überwältigte ihn jedes Mal aufs Neue. Zwischen zitronengelben Anemonen und tiefblauem Enzian erhoben sich leuchtende Feuerlilien. Schmetterlinge und Bienen taumelten trunken von Blüte zu Blüte. Und inmitten dieses Blütenmeers graste friedlich das Vieh. Das vertraute Läuten der Kuhglocken vermittelte Johann das Gefühl von Heimat. Für einige glückliche Augenblicke übertönte es das Wehklagen seiner Seele.

Dora stand vor der Hütte. Und sie war nicht allein. Ein hochgewachsener, dunkel gewandeter Mann unterhielt sich mit ihr. Er kehrte Johann den Rücken zu. Doch die schwarze Kapuze, die über des Fremden Schultern lag, löste in Johann ein verschwommenes Déjà-Vue aus. Er hatte kein Bild vor Augen, verspürte aber Beklommenheit. Und allein schon die Tatsache, dass dieser Kerl in ihr hart erkämpftes Idyll eingedrungen war, machte ihn zu einer Bedrohung. Was hatte er mit Dora zu schaffen? Und wie war er hierher gelangt? Sein Beschützerinstinkt trieb Johanns müde Beine an. Obwohl er wusste, dass seine zierliche Tochter hundertmal stärker war als er selbst. Als Dora ihren Vater erblickte, unterbrach sie die Unterhaltung sofort. Mit wehenden Röcken eilte sie ihm entgegen und fiel ihm ungestüm um den Hals. Gerührt erwiderte er ihre innige Umarmung und strich über die langen, braunen Locken, die unter ihrem Kopftuch hervorquollen. Im Sonnenlicht schimmerte ihr Haar rötlich.
»Wie schön, dich zu sehen!« Die goldenen Sprenkel in den violetten Augen funkelten und ihr strahlendes Lächeln brachte sein Vaterherz zum Schmelzen. Dora war zu einer jungen Frau von nahezu überirdischer Schönheit herangewachsen. Wer sie nicht kannte, würde nicht glauben, dass dieses feengleiche Wesen ihr Heimatdorf in Angst und Schrecken versetzt hatte.

Zwar kam es nach Sophies Tod zu keinem vergleichbar tragischen Unfall mehr. Und auch der geheimnisvolle Reiter ward von jenem Tag an nicht mehr gesehen. Hin und wieder wurde gemunkelt, dass der Schatten seines Höllenrosses die Steilwände des Rosengartens hinaufgeschossen sei. Doch da hatten wohl eher die Dämpfe der Gerüchteküche einigen Dorfbewohnern die Sinne vernebelt. Nein, es gab andere Abnormitäten, die den Leuten und sogar Johann selbst kalte Schauer über den Rücken jagten. Noch immer dachte er voller Grauen an die Vollmondnächte. Dora schlafwandelte nicht einfach. Sie veränderte sich. Es war, als würde SIE von ihr Besitz ergreifen, während Doras Geist sich nicht widersetzen konnte, weil er im tiefen Schlaf gefangen war. Die weit aufgerissenen Augen blickten ins Leere, doch ihr Körper bewegte sich zielgerichtet voran. Dabei berührten ihre Füße nie den Boden. Dora lief nicht, sie schwebte. Es schien so, als baumelte sie an den Fäden eines unsichtbaren Marionettenspielers. Und ganz gleich, wohin ihre nächtlichen Streifzüge sie auch führten: An jeder Ecke und hinter jedem Baum warteten gesichtslose Schatten darauf, sich ihr anzuschließen. Johann war ihr fast jede Nacht gefolgt. Und er konnte verstehen, dass der Anblick von Dora und ihrer Geisterarmee jeden, der zufällig ihren Weg kreuzte oder gerade zum Fenster hinaussah, zutiefst verstörte.

Irgendwann endete ihre Nachtwanderung immer auf dem Dorffriedhof. Hier vereinigten sich die Schatten zu einer dichten Nebelwand, die sich hinter Dora auftürmte und sie schließlich verschluckte. Wenige Augenblicke später verschwand auch der graue Dunst. Doch er löste sich nicht einfach in einzelne Schwaden auf, die dann langsam auseinanderdrifteten. Vielmehr schien es so, als würden die Schatten von einem starken Sog erfasst, der sie in Sekundenschnelle durch ein unsichtbares Loch zog. Nicht nur das Bild, das sich Johann dort auf dem Friedhof bot, war widernatürlich. Auch die Geräusche klangen, als befinde er sich in einem Vorhof zur Hölle. Das Jammern und Heulen und die verzweifelten Schreie hallten ihm noch stundenlang in den Ohren. Obwohl seine Instinkte ihn mit aller Macht davor warnten, hatte er ein einziges Mal versucht, den Geisternebel zu durchdringen, bevor er sich verflüchtigte. Eine Ahnung von ineinander verschmelzenden Gliedmaßen, verzerrten Mündern und Augenhöhlen, streifte ihn, als er sich näherte. Er fasste sich ein Herz und tauchte seine Hand in die wabernde Masse. Doch kaum hatte er die Spukgestalten berührt, durchzuckten ihn schmerzhafte Blitze. Gleichzeit grub sich eine eisige Kälte durch seine Eingeweide. Johann hatte das irrwitzige Gefühl, im selben Moment zu verbrennen und zu erfrieren. In seinem Kopf schwoll das Heulen und Schreien zu einer scheußlichen Kakophonie an. Sie ließ seinen Schädel dröhnen und beinahe platzen. Lange würde er dem nicht standhalten können. Dabei war noch kein Stück vorangekommen. Inzwischen hatte die brennende Kälte seine Arme und Beine in empfindungslose Stümpfe verwandelt. Johann spürte nichts mehr. Und so hatte er keine andere Wahl: Er musste wie gelähmt verharren und dabei zusehen, wie der Nebel und damit auch sein Kind durch das verborgene Nadelöhr gesaugt wurde.

Viele Nächte hatte er dort draußen auf dem Friedhof zugebracht. Aus Angst, dass Dora nicht zurückkäme oder dass sie von feindlich gesinnten Dorfbewohnern entdeckt würde. Und aus dem Bedürfnis heraus, das Geheimnis ergründen zu wollen. Doch weder der Nebel, noch seine Tochter kehrten auf demselben Weg zurück, auf dem sie verschwunden waren. Nie. Aber jedes Mal, wenn er enttäuscht und mit bangem Herzen nach Hause kam, lag Dora in ihrem Bett und schlief friedlich.

»Das ist kein sicherer Ort für dich, alter Mann.« Der Unbekannte mit dem schwarzen Umhang war neben Dora getreten. Johann musterte ihn. Die Mimik des Mannes war unbewegt und sein Gesicht alterslos. Er hätte ebenso gut zwanzig wie fünfzig sein können. Und er war wirklich von ungewöhnlich hochgewachsener Statur. Johann selbst war schon kein kleiner Mann. Doch der Fremde überragte ihn noch um anderthalb Köpfe.
»Niemand kann mir verwehren, meine Tochter zu besuchen!« Johann hatte nicht vor, sich von diesem wildfremden Kerl einschüchtern zu lassen. Schlimm genug, dass er sein Kind so selten zu Gesicht bekam. Obwohl es wirklich ein Segen und wahrscheinlich auch Doras Rettung war, dass sie hier oben als Sennerin arbeiten konnte. Johann dankte Gott jeden Tag für diese glückliche Fügung.
»Ja, auf eine gewisse Weise hast du recht. Du bist ihr Vater. Aber dennoch nur ein verschwindend kleiner Teil ihrer Selbst. Sorge dich nicht: Es geht ihr gut. Sie ist fast zu Hause.« Der Funken von Milde, der in den pechschwarzen Augen glomm, wirkte seltsam deplatziert in diesem Gesicht, das Johann an einen dunklen Racheengel denken ließ. Der Wind zersauste das Haar des Fremden und eine schwarze Locke legte sich über sein Antlitz. Sie verdeckte den Hauch von Freundlichkeit und verlieh ihm stattdessen ein verwegenes Aussehen.
»Wer bist du überhaupt, dass du dir anmaßt, so mit mir zu sprechen?« Johann straffte seine Glieder und versuchte, seiner Stimme und Haltung Würde zu verleihen. Dora legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. Der Fremde lachte nur. Statt Johann zu antworten, führte er Daumen und Zeigefinger an seine Lippen und ein durchdringender Pfiff ertönte. Im selben Augenblick löste sich ein gewaltiger Schatten aus den Kiefern hinter der Hütte und ein riesiger Rappe kam auf sie zu galoppiert. Sein schwarzes Fell glänzte in der Sonne und Johann stockte der Atem. Noch nie hatte er ein derart schönes und zugleich furchterregendes Pferd gesehen. Die wilde Mähne des Tiers war ein Abbild der Haare seines Herrn, neben dem es nun anhielt. Als dieser ihm über die geblähten Nüstern strich, schnaubte der Rappe leise, während seine feurig lodernden Augen auf Johann ruhten. Der Fremde wechselte einen kurzen Blick mit Dora. Dann schwang er sich auf den Rücken des Pferdes und zog sich die schwarze Kapuze über den Kopf. Der lange Umhang floss über den Körper und den Schweif des Tieres und verschmolz Ross und Reiter zu einer imposanten Einheit. Das Pferd scharrte ungeduldig mit den Hufen. Zweifellos dieselben Hufen, die damals über Sophie hinweggedonnert waren. In Johann tobten widerstreitende Gefühle. Furcht, Entsetzen, Zorn, aber auch Erleichterung und sogar Verbundenheit kämpften um die Vorherrschaft in seinem Herzen. Noch bevor er seinen inneren Aufruhr in den Griff bekommen konnte, schnalzte der dunkle Reiter mit der Zunge und schoss mit seinem Pferd Richtung Felsen davon.

»Dora, wer ist dieser Mann?« Johanns Stimme war nur mehr ein Flüstern, doch seine Tochter hatte ihn trotzdem gehört.
»Das ist eine lange Geschichte, Vater.« Dora fasste seine Hand und lief dann mit ihm zusammen zielstrebig auf die Hütte zu. »Wenn die Zeit reif ist, werde ich sie dir erzählen. Aber jetzt bekommst du erstmal ein warmes Mus. Du musst hungrig sein nach deinem langen Aufstieg.« Wie immer trug sie keine Schuhe. Leichtfüßig tanzte sie über die Almwiese und knickte dabei nicht eine einzige Blüte. Bei dem Gedanken an die sättigende Milchspeise krampfte sich Johanns leerer Magen zusammen. Doch so leicht ließ er sich nicht ablenken.
»Ist er überhaupt ein Mensch?« Noch bevor die Worte seine Lippen verlassen hatten, wurde ihm bewusst, wie unglaublich allein die Frage klang.
»Kennst du einen einzigen Menschen, der mir wohlgesonnen ist? Außer dir?« Dora lief unbeirrt weiter. Doch der Trotz und die Ablehnung in ihrer Stimme waren nicht zu überhören. »Was spielt es für eine Rolle, wer oder was er ist? Er ist immer zur Stelle, wenn ich ihn brauche. Er will mir nicht schaden. Er beschützt mich.« In Doras Augen glitzerte es verdächtig und Johann verspürte einen kleinen, eifersüchtigen Stich in seinem Herzen. Wofür er sich schon im selben Augenblick schalt. Seiner Tochter war in ihrem jungen Leben bereits so viel Unfassbares widerfahren. Vor diesem Hintergrund erschien es lächerlich, sich darum zu sorgen, ob der schwarze Reiter der richtige Umgang für sie war. Doch obwohl Johann in den letzten Jahren lernen musste, dass die Welt mehr war, als sie vorgab zu sein, blieb er ein Vater. Und Dora sein Kind.

»Hier oben sind die Menschen ohnehin in der Unterzahl und das ist auch gut so.« Mit diesen Worten öffnete Dora die Hüttentür und schob Johann in die Stube. Seine Augen benötigten ein paar Minuten, um sich vom gleißenden Sonnenlicht auf die schummrige Dunkelheit umzustellen. Es brannte kein Feuer unter dem gusseisernen Kessel. Er würde also noch etwas warten müssen, bis er seinen Hunger stillen konnte. Johann setzte sich an den wurmstichigen Holztisch und holte die mitgebrachten Vorräte aus seinem Korb. Diese Lebensmittel waren für seine Tochter bestimmt. Auch wenn sein Magen bei ihrem Anblick vernehmlich grummelte. Dora öffnete derweilen eines der Fenster, um etwas frische Luft und Licht hereinzulassen. Nun wurde auch der hintere Teil des Raumes sichtbar. Eine lange Leiter führte zu dem kleinen Zwischenboden, der Dora als Bettstatt diente, hinauf. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie noch immer schlafwandelte. Wohl war ihm nicht bei der Vorstellung, dass sie schlafend die Leiter hinunterkletterte. Allerdings warteten draußen noch weitaus größere Gefahren auf sie. Er spürte ihre kühle, zarte Hand, die sich behutsam über seine legte und Johanns raue Finger leicht drückte. Sie hatte ihm gegenüber Platz genommen.

»Das Essen ist gleich fertig«, erklärte sie ihm, machte aber keinerlei Anstalten, sich zu erheben. In Johanns Kopf türmten sich unzählige Fragen und mit jedem Tag wurden es mehr. Seit Jahren schon. Doch Dora war ihm die Antworten immer schuldig geblieben. Entweder kannte sie diese selbst nicht oder sie wollte ihre Geheimnisse um keinen Preis lüften. Inzwischen hatte er es aufgegeben, sie auszuhorchen, auch wenn sein Schädel beinahe barst angesichts der Last an Unausgesprochenem, die er mit sich herumtrug. Es war ausschließlich die Sorge um sein Kind, die seine Neugier anfachte. Doch allmählich begriff er, dass er tatsächlich nur ein unbedeutendes, graues Behelfsstück in dem schillernden Mosaik war, aus dem Dora zusammengesetzt war. Obwohl er nicht zu den anderen Steinchen und in das Gesamtbild passte, versuchte er beinahe gewaltsam, weiterhin ein Teil von Doras Leben zu bleiben. Er schluckte und streichelte mit seinen spröden Fingerspitzen ihre weiche Haut. Hatte sie auch nur die leiseste Ahnung davon, wie sehr er sie liebte? Dass sie der einzige Grund dafür war, dass er noch an diesem erbärmlichen Leben festhielt? Ihre violetten Augen musterten ihn forschend.
»Soll ich dir helfen?«, erkundigte er sich schlicht.
»Nein, das ist nicht nötig«, erwiderte sie lächelnd und hielt einfach weiter seine Hand. In diesem Augenblick öffnete sich abermals die Tür und eine junge Frau trat zu ihnen in die Stube. Sie war gekleidet wie eine Magd, wobei ihre Kluft sehr in die Jahre gekommen war. Solch ein Gewand hatte er zuletzt an seiner Großmutter gesehen. Johann sprang auf, um die Unbekannte zu grüßen und sich ihr vorzustellen, doch Dora zog ihn zurück auf die Bank.
»Das ist vergebliche Liebesmüh, Vater. Sie kann dich nicht hören. Und auch nicht sehen. Noch nicht.« Wie so oft sprach sein Kind in Rätseln. Gebannt beobachtete er das Mädchen mit der altmodischen Haube und der Schürze, wie es sich zielstrebig auf die Feuerstelle zubewegte. Ein eigenartiger Schein umgab den Körper der jungen Frau und erhellte ihre unmittelbare Umgebung. Als sie bei dem Kessel angelangt war, bückte sie sich und schaufelte mit bloßen Händen die Asche aus der verloschenen Glut in den Topf. Johann rieb sich die Augen. Was war das nur für eine groteske Darbietung? Er warf Dora einen ratlosen Blick zu, doch seine Tochter fand offensichtlich nichts Merkwürdiges an dem Verhalten des Mädchens, das nicht sehr viel älter wirkte als sie selbst. Schweigend und entspannt saß sie da und lächelte. Die Besucherin hatte nun angefangen, den Inhalt des Kessels mit einer langen Holzkelle umzurühren. Es dauerte nicht lange und bläuliche Flammen leckten an dem schweren Gefäß. Es schien, als wäre das Feuer von Geisterhand entfacht worden.
»Das scheint nicht nur so«, las Dora seine Gedanken. »Marias Knochen sind Teil des Gerölls, über das du bei deinem Aufstieg hinweggeklettert bist. Sie wurde vor langer Zeit von der Alm gejagt, weil dem Bauern ihr Mus nicht schmeckte. Tragischerweise ist sie in der Scharte zu Tode gestürzt, bevor sie diesem Ort entfliehen konnte.« Obwohl Dora die Geschichte in ruhigem Ton und ohne Dramatik vorgetragen hatte, hatte Johann das Gefühl, als hätte sie ihn in einen eiskalten Bergsee getaucht. Er zitterte am ganzen Leib wie Espenlaub.
»Sie kocht ihr Mus nun für uns. Und es wird sie mit Glück erfüllen, wenn es uns schmeckt. Tun wir ihr den Gefallen. Immer und immer wieder. Vielleicht findet ihre arme Seele dann irgendwann Erlösung.« Johann konnte nicht glauben, dass diese Worte aus dem Mund einer neunzehnjährigen Maid kamen, die noch dazu seine Tochter war. War SIE es, die aus ihr sprach?
»Vater, ICH bin es. Und sei dir gewiss: Ich weiß um deine starke Verbundenheit. Nie werde ich einen anderen Menschen mehr lieben als dich. Dir verdanke ich mein Leben und du hast deines mehr als einmal für mich riskiert. Einen besseren Vater gibt es nicht auf dieser Welt.« Ihre Wärme durchflutete den Raum und erfasste auch Maria. Ein leises Lächeln spielte um ihre blassen Lippen. Mit einer raschen Handbewegung wischte sich Johann die Tränen aus den Augenwinkeln und unterdrückte den altbekannten Kloß, der nun wieder seinen Hals hinauf wanderte.

Gerade, als er Dora in seine Arme ziehen wollte, kam die Geisterfrau an den Tisch. Ihre Augen sahen durch Johann und seine Tochter hindurch. Dennoch stellte sie die zwei Holzschalen direkt vor ihnen ab. Die Schüsseln waren bis zum Rand gefüllt mit schwarzem Brei. Dora nahm einen der bereitliegenden Löffel zur Hand und tauchte ihn in die unappetitliche, dunkle Masse. Ohne zu zögern, schluckte sie die erste Portion hinunter.
»Vater, iss. Das Mus schmeckt vorzüglich. Glaub mir!« Unbekümmert aß sie weiter. Und sie schien ihr Mahl tatsächlich zu genießen. Es kostete Johann einiges an Überwindung, von dem dunklen Aschebrei zu probieren. Nie hätte erwartet, dass seine Geschmacksknospen förmlich jubilieren würden, als das Aroma der süßen Speise sie erreichte. Er wusste nicht, ob er je ein besseres Mus gegessen hatte. Überrascht blickte er hoch und begegnete Marias Blick. Sie sah ihn an.
»Ein wahrhaft köstliches Mal!«, lobte er das bleiche Mädchen und sie strahlte. Auch der sie umgebende Glanz wurde heller. Dora nickte ihr ebenfalls anerkennend zu. Maria öffnete den Mund und die Ahnung eines geflüsterten »Dankeschöns« hing für einen Augenblick in der Luft. Dann drehte sich die Erscheinung um und glitt durch die Tür hinaus. Diesmal jedoch, ohne sie vorher zu öffnen.* Im selben Moment, da Maria die Stube verlassen hatte, verlosch das blaue Feuer unter dem Kessel. Dora erhob sich und ging hinüber, um noch eine weitere Schale mit dem Brei zu füllen. Das Mus war offenbar echt. Eine Illusion hätte Johann wohl auch nicht annähernd so gut sättigen können. Dora trug die volle Schale hinüber zu dem geöffneten Fenster und stellte sie auf das schmale Brett. Dann trat sie einige Schritte zurück.

Johann rechnete damit, dass gleich eine Katze auf das Fensterbrett springen und sich auf den Brei stürzen würde. Stattdessen waren es zwei milchweiße Kinderhände, die nach der Schale griffen und gleich darauf mit ihr verschwanden.
Merkwürdig. Zu wem gehörte dieses Kind? Hier oben gab es keine Familien. Johann hatte seine Gedanken nicht laut ausgesprochen, doch für Dora war das einerlei. Sie wusste, was in Johanns Kopf vorging.
»Das sind Adams verborgene Kinder.«*
(*In Anlehnung an die Sagen von "der erlösten Sennerin" und "den antrischen Leut'")

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beta
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