Im Namen der drei Mächte

Dennoch schätze ich auch die Meinung eures Feldwebels, der um seine Männer besorgt scheint“, wiederholte Keeda abfällig Harbeks Worte, während sie sich einen Weg durch das Getümmel von Holzkarren und Barrikaden suchten, mit denen die Orks die äußersten Straßen ihres Gebiets verstellt hatten. Harbek lachte freudlos auf und ging aufrecht unter einem tiefhängendem Balken hindurch, der über die Straße hing, und unter dem sich Alice und Keeda hindurch bücken mussten.
„Das nennt sich Diplomatie, Keeda. Da du damit angefangen hast, dachte ich, du würdet verstehen, warum es unklug wäre den Feldwebel vollends vor den Kopf zu stoßen.
„Und du hast den ganzen Weg von der Taverne bis hier her, darauf gewartet, Harbek wortwörtlich darauf anzusprechen?“, fragte Alice erstaunt und warf Keeda einen zweifelnden Blick zu.

Keeda verdrehte lustlos die Augen und schüttelte wortlos den Kopf, während sie sich erneut unter einem Balken hindurch zwängen musste. „Vergessen wir das Thema“, knurrte sie, doch Alice schien erst in Fahrt zu kommen.

„Nein, nein, nein. Du weichst immer allen Fragen aus, dieses Mal wirst du mir Rede und Antwort stehen.“ Sie grinste die Drow schelmisch an, doch Keeda erwiderte den Blick kalt. Alice ließ sich nicht beirren und wollte weiter auf die sie einreden, als sich deren Gesichtsausdruck schlagartig veränderte und sie in einer flüssigen Bewegung ihren Bogen und einen Pfeil hervor zog.

Alice zog einen Moment später ihre Dolche, doch Harbek zischte sie wütend an und schlug mit seinem Zepter nach Alice Händen.

„Wir sind auf diplomatische Mission unterwegs, ihr Narren!.“

Unsicher ließ Alice ihre Dolche sinken, während Keeda noch immer den Bogen umklammerte, ihn jedoch ein Stück sinken ließ und mit dem Kinn nach vorne deutete, von wo jetzt auch Alice und Harbek schlurfende Schritte hören konnten.

„Keinen Laut“, flüsterte Alice tonlos und erstarrte, doch Harbek schüttelte bestimmt den Kopf und zischte, „Ihr scheint noch nie in friedlicher Absicht irgendwo eingedrungen zu sein.“ Ungläubig sah er von Alice zu Keeda, die ihn spöttisch ansah.

„Ich war bis vor einiger Zeit, noch Teil einer boshaften Elfensekte. Natürlich bin ich noch nie irgendwo in friedlicher Absicht eingedrungen.“

Harbek schloss erschlagen die Augen und schüttelte fassungslos den Kopf, „Überlasst mir das Sprechen und tut das, was ich tue, verstanden?“

Alice nickte zustimmend und Keeda zuckte genervt mit den Schultern. Sollte er doch das Kommando übernehmen, es war ihr gleich.


„Wir kommen in Frieden und mit einer dringenden Botschaft!“, brüllte Harbek laut und sah erwartungsvoll in die von Keeda angedeutet Richtung. Alice und die Dunkelfin erstarrten und sahen bestürzt zu Harbek, der noch immer keine Anstalten machte, sein Siegel zu heben.

Nervös umschloss Alice den Griff ihres Dolches, den sie vorhin wieder in ihren Gürtel geschoben hatte und kämpfte gegen den Drang, ihn erneut zu ziehen, als die Schritte lauter wurden und ein bedrohliches Knurren an ihre Ohren drang.

„Wir haben eine wichtige Botschaft!“, wiederholte Harbek laut und noch immer gelassen. Er zuckte selbst dann mit keiner Wimper, als ein Hüne mit drei gewaltigen Wölfen an seiner Seite um die Straßenecke kam und bedrohlich langsam seine Axt aus dem Gürtel zog.

Seine Haut war gräulich grün, wie die der Bardame im Lager, doch seine Augen und sein Haar waren von pechschwarzer Farbe. Auf seinem Gesicht und der nackten, muskelbepackten Brust prangten weiße und blaue Kriegsbemalungen, die zusammen mit der grünen Haut, die gelben, langen Zähne betonten, die aus seinem Unterkiefer bis zu seinen Wangen empor stiegen.

Ein dunkles, rauchiges Röcheln entstieg seiner Kehle, während er langsam auf die Drei zukam. Die Wölfe hinter ihm, jeder zähnefletschend und mit Krallen so lang wie Alice Dolche, knurrten sie hungrig an und warteten nur auf den Befehl ihres Herren, der nun drei kurze, laute Pfiffe ausstieß.

Alice zuckte zusammen und griff reflexartig nach ihren Dolchen, während Harbek noch immer seelenruhig und mit erhobenen Händen vor ihr stand. Die Wölfe knurrten lauter, doch noch immer hielten sie sich hinter dem Ork. Erleichtert atmete Alice auf, doch ihren Griff konnte sie dennoch nicht lösen.

Eine Botschaft sagst du?“, knurrte der Ork sie an, und Keeda hätte schwören könne, dass sich in der rauchigen Stimme ein Lachen verbarg, „Warum schickt man dafür drei Boten?“ Ein hämisches Grinsen erschien auf seiner Fratze und noch mehr gelbe, spitze Zähne kamen hinter den schwarzen Lippen zum Vorschein.

„Drei Boten, um drei Mächte zu symbolisieren“, erklärte Harbek kühn, „Ich selbst stehe für den Hauptmann, einen stolzen und gläubigen Elfen. Meine rothaarige Menschenfreundin vertritt die Menschen und Soldaten dieses Viertels, während die Drow, die Mächte jenseits Neverwinter symbolisiert.“

Das Grinsen des Orks verschwand und er zog einen enttäuschten Schmollmund, „Ach je, dann kann ich also keinen von euch töten?“ Er sah sich traurig an bevor er in irres Gelächter ausbrach, „Wer glaubt ihr seid ihr, um mir eine solch dreiste Lüge zu verkaufen? Dafür werdet ihr als erstes sterben kleiner Mann!“ Er fauchte wütend und trat drohend einen weiteres Schritt auf Harbek zu. Die Wölfe in seinem Rücken bewegten sich ebenfalls vor und begannen Keeda und Alice von den Seiten zu flankieren.

Harbek beobachtete Aufmerksam die Wölfe und wandte sich lächelnd dem Ork zu, „Eure schönen Tiere machen uns keine Angst, denn die solltet ihr selbst haben, wenn ihr einen von uns tötet. Ich versichere dir, Ork, dass deine Anführerin uns sehen möchte. Das was wir zu berichten haben, wird sie überaus interessieren, und zwar von allen drei Seiten.“ Er sah den Ork eindringlich an, der sie wiederum nachdenklich taxierte.

„Ihr wollt zu unserer Anführerin?“, kam es plötzlich hinter ihrem Rücken fauchend aus den Schatten, „Ich fürchte, sie ist zu beschäftigt, eure schwächlichen Freunde zu töten.“ Ein massiger Ork trat in ihr Blickfeld und strich liebevoll über das schwarze Holz seines Kampfstabes. Er trug einen langen, bis zum Boden hängenden Umhang, dessen Kragen bis weit über seinen kahlen Kopf reichte und dort eine Art Standarte mit den kreisförmigen Insignien des Vielpfeil-Stammes bildete.

„Schamane, was tut ihr hier?“, kreischte der Ork und zog sich ängstlich ein paar Schritte von dem Neuankömmling zurück, der ihn mit einem eisigen Blick bedachte.

„Ich sorge dafür, dass die Boten von keinem umher streunenden Verräter gefressen werden.“ Er wandte sich mit einem grausamen Lächeln an Harbek, „Ich bringe euch zu unserem Hordenführer, er soll entscheiden auf welche Art ihr sterben werdet.“

Harbek neigte respektvoll den Kopf und faltete ruhig die Hände hinter dem Rücken. Er sah triumphierend zu Alice und Keeda, denen es schwer fiel ebenso ruhig zu bleiben. Alice Hände ruhten noch immer auf ihren Dolchen, während sich Keeda den Bogen langsam wieder über die Schulter zog, dafür aber nach ihrem eigenen Messer tastete. Er bedeutete ihnen ruhig zu bleiben, doch die beiden konnten nicht die Wölfe aus den Augen lassen, die sie noch immer umstellten.

Der Schamane grinste bei Alice schreckgeweiteten Augen noch breiter und machte eine spöttische Geste in Richtung des Mantelturmes.

„Wenn ich bitten darf?“ Er lächelte gehässig und stieß einen langen Pfiff aus, auf den hin die Wölfe knurrend näher kamen und sie in die gezeigte Richtung trieben. Hilflos mussten sie der Aufforderung nachkommen. Harbek blieb selbst in diesem Moment seelenruhig und nickte seinen Gefährten aufmunternd zu.

Alice und Keeda tauschten einen sprachlosen und besorgten Blick, folgten jedoch ihrem Freund und dem Schamanen, die Wölfe und der grauhäutige Ork dicht in ihrem Rücken.

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