In einer Welt voller Menschen

In einer Welt voller Menschen

Kira

Die Sekunden zogen sich wie Kaugummi. Ich atmete weiter, in der Hoffnung, irgendetwas würde sich verbessern. Etwas würde helfen. Aber alle Empfindungen waren unecht. Gar nichts wurde besser.
Ich stand wie versteinert vor der Tür und betete, dass sie sich noch einmal öffnen würde, um Varek auszuspucken. Ganz gleich, in welchem Zustand er hindurchkommen würde; ich wollte nur, dass er lebte. Und dann, einige Schrecksekunden später, riss mich das Knarren der Scharniere aus der Starre.
Das Türblatt schwang auf und eine dunkle, sandige Kreatur torkelte wie betrunken hindurch.
»Varek!«, entfuhr es mir. Ich stürzte auf ihn zu und bekam ihn zu fassen, noch bevor er an meiner Seite fallen konnte.
Seine Augen streiften mich, aber er schien mich nicht zu sehen. Verwirrt schaute er sich um. Ich spürte kein Erwachen hinter seiner geweiteten Pupille.
»Varek«, hörte ich nun auch John murmeln, als mich ein zweiter, seltsam vertrauter Klang aus der Starre riss.
Ich wandte mich ab, wie in Zeitlupe, drehte mich um und sah, wie eine weitere Gestalt von der Treppe her das Zimmer betrat. Der Lauf einer Waffe kreiste durch das Zimmer, streifte mich im Vorübergehen und haftete sich entschlossen auf die Gestalt des geschwächten Dämons hinter mir. Hinter der geladenen Waffe schob sich Will in das Zimmer. Sein Gesicht war eine eisige Maske. Jeder Muskel hart wie Stahl.
»Will, bitte«, setzte ich an, doch er entsicherte die Waffe und das helle Klicken riss auch Varek und John langsam aus der Starre.
»Ist er das?«, fuhr er mich an. Der Lauf seiner Waffe zitterte, als er sich endgültig an Varek festfraß.
Der schien unaufhaltsam aus seiner Trance zu erwachen. Wie ein Hund begann er den Kopf hin und her zu wiegen, befreite sich von den Illusionen der anderen Welt. Eine Welle seltsamer Emotionen schwappte von ihm auf mich über. Irgendwas fühlte sich anders, fühlte sich fremd und beschwerlich an.
»Will, es ist nicht so, wie du denkst«, wehrte ich ab und sah mich hilfesuchend um. Wo war Nick, um Licht ins Dunkel zu bringen?
»Nein? Dann sag mir, wie es ist.«
»Varek hat versucht, uns zu beschützen. Er ist durch das Portal gegangen und wir wurden angegriffen.«
Beim Klang seines Namens begann Varek sich erstmals auf mich zu fokussieren. Seine Gedanken kamen endlich dort an, wo sein Körper längst verweilte. Er schaute auf. Seine Augen streiften mich.
»Was..?«, murmelte er verwirrt, als er in den Lauf einer geladenen Waffe blickte.
So schnell das Erwachen auch in seine Augen trat, so flink übernahmen seine Instinkte die Oberhand. Er riss sich von mir los, und noch bevor ich ein zweites Mal zupacken und nach ihm greifen konnte, war er von meiner Seite verschwunden.
Die Geschwindigkeit, mit der er den Raum durchquerte, machte es mir unmöglich, jede einzelne Bewegung auszumachen. Doch ich sah, wie er auf William zuhielt, dem Engel die Waffe aus der Hand schlug und knirschend dessen Handgelenk zu packen bekam.
Klirrend fiel die Pistole zu Boden und blieb reglos zwischen ihnen liegen.
»Richtest du in diesem Leben noch ein einziges Mal den Lauf einer Waffe auf mich«, begann der Dämon grollend und umfasste Wills Arm so fest, dass die Knochen darin knirschten und er schmerzverzerrt das Gesicht verzog, »wirst du keine Gelegenheit mehr bekommen, es zu bereuen.«
Ihre Blicke trafen sich. Wills Augen sprühten Feuer und Blitze. Vareks hingegen waren eisig. Leblose, kalte Seelenspiegel, in denen der Zorn einer Ewigkeit loderte.
»Varek!«, rief ich aus. »Lass ihn los.«
Er wandte mir das Gesicht zu. Ich konnte fühlen, wie er kurz über die Option nachdachte, William, aus dem Leben zu schleusen, und ein Problem endgültig zu bereinigen. Doch als er mich ansah, erkannte ich, dass er sich an das Versprechen erinnerte, das er mir gegeben hatte. Sein Griff um Wills Arm lockerte sich.
»Dein Glück«, raunte er Will zu, »dass deine Gefährtin so geschickt Verhandlungen führt.«
Er riss sich los, stieß Will von sich, und dieser nach seiner Waffe langte, war Varek bereits verschwunden.
Ich blinzelte. Mein Blick kreiste. Er war fort. Auf die gleiche mysteriöse Art verschwunden, wie damals auf dem Feld.
»Bist du verletzt?«, fragte ich, überbrückte die Distanz zwischen Will und mir und wollte nach seiner Hand greifen. Doch er stieß mich mit Nachdruck von sich.
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, brauste er auf. »Was hast du dir dabei gedacht, mit diesem Ungeheuer-«
»Kira!«, knurrte John hinter mir. »Sag deinem Gefährten, er täte besser daran, sein loses Mundwerk zu zügeln, bevor ich da weitermache, wo Varek aufgehört hat!«
»Mein loses..« Will schnaubte. Sein Finger krümmte sich um den Abzug.
»Schluss jetzt!« Todesmutig schob ich mich zwischen sie. »Alle beide! Was ist denn in euch gefahren?«
»Was in mich gefahren ist?!« Plötzlich starrte der Halbengel mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Was ist in dich gefahren? Bist du mit diesem Ungeheuer mitgegangen? Ich dachte, du hättest entschieden, dass es gefährlich und falsch ist, ihm zu vertrauen. Du-«
»Gefährlich?«, knurrte John. Ich brauchte zwei Hände, um ihn davon abzuhalten, sich vornüber auf William zu stürzen. »Er ist der Einzige, der sich um das Leben deiner Gefährtin kümmert!«
»Um ihres?«, fauchte Will, »oder um seines?« Sein Gesichte wandte sich mir zu. »Hat dir dein neuer Freund erzählt, was mit seinen Brüdern geschehen ist? Ich habe ein paar sehr vertrauliche Informanten, und was diese zu erzählen haben, wird dir ganz und gar nicht gefallen. Dein sauberer Freund entstammt einer unsagbar alten, ausgestorbenen Blutlinie. Er und seine Brüder sind einem Bann verfallen, der-«
»Ich weiß«, erwiderte ich. »Er hat es mir erzählt.«
»Du.. weißt?«, wiederholte Will fassungslos. »Wir sind alle in Gefahr, so lange er lebt!«
Meine Gedanken drehten sich. »Er hat uns eben da drin den Hals gerettet. Du weißt ja nicht, wovon du sprichst..«
»Kira, dieser Mann ist ein Monster! Er verfolgt ausschließlich seine eigenen Ziele. Siehst du das denn nicht? Es geht ihm gar nicht um dich. Er will Kadra. Und nichts anderes.«
»Du musst gerade reden«, mischte John sich wütend ein. »Lässt deine Liebste allein, wann immer du kannst. Glaubst du, du bist der bessere Gefährte für sie?«
Mit einem Seufzen verdrehte ich die Augen. »Könnt ihr nicht einen Moment lang aufhören, euch anzukeifern und mir die Chance geben, alles zu erklären?«
Und tatsächlich warfen sich die beiden noch ein paar finstere Blicke zu, schwiegen jedoch. Ich öffnete die Lippen, suchte nach Worten und in diesem Augenblick erklangen Schritte. Rasch sah ich auf. Nick kam herein.
Erstaunt blickte er sich um, mit einer braunen Papiertüte in der Hand, aus der die Hälse zweier Flaschen ragten. »Was..?«, murmelte er. »Was ist denn hier los?«
»Wir sind zurück«, entgegnete ich trocken. »Und danke, dass du William angerufen hast.«
»Das musste ich«, entgegnete der Vampir, schritt an uns allen vorüber und stellte die Tüte auf dem Tresen ab. »Falls dir etwas zugestoßen wäre, hätte ich mir nie verzeihen können.«
»Uns ist aber nichts geschehen«, brummte ich. »Varek hat uns gerettet.«
»Und wo«, fragte Nick stirnrunzelnd und schaute sich um, »ist er?«
Zum ersten Mal fiel die Anspannung ein klein wenig von mir ab. Ich rief mir den seltsamen Ausdruck in Erinnerung, der auf dem Gesicht des Dämons gelegen hatte, gleich nachdem er durch das Portal getaumelt kam. Fassungslosigkeit. Erstaunen. Qual? Entsetzen. Und nun war er fort. Und anstatt mich um ihn zu sorgen, stand ich inmitten ein paar testosterongesteuerter Unsterblicher und spielte Kindermädchen.
Zögernd ließ ich die Arme sinken. »Er ist fort. Will hat ihn verjagt.«
»Ich?«, brauste der Engel auf, verstummte jedoch, als ich kopfschüttelnd die Hand hob und eine abwehrende Geste vollführte.
»Das spielt jetzt keine Rolle«, entgegnete ich entrüstet. »Während ihr euch hier die Köpfe einschlagen wollt, verlieren wir Zeit. Varek hat von zwei Tagen gesprochen. Zwei Tage, bis uns die Hölle auf Erden droht und eine zornige Dämonengöttin auf diese Welt losgelassen wird. Ihr könnt gerne weitermachen, wie bisher. Aber ich muss zu ihm.«
»Wenn du denkst, ich würde dich gehenlassen, nach der Show, die dieser Irre hier eben abgezogen hat, bist du schief gewickelt«, fuhr Will fort.
»Dieser Irre«, griff ich seinen Wortlaut auf, stemmte die Hände in die Hüften und stellte mich, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, meinem eigenen Gefährten entgegen, »hat eben dein leben verschont. Verstehst du denn nicht? Er wollte überhaupt nichts von dir.«
»Dann erwartest du, dass ich diesem Ungeheuer gegenüber Dankbarkeit für mein Leben empfinde?« Will schnaubte.
»Ich erwarte gar nichts«, murmelte ich. Die letzten Stunden nagten schwer an mir. »Ich will in mein Bett gehen und dieses Gespräch mit dir nicht führen. Will, du konntest immer auf mich zählen. Ich habe immer auf deiner Seite gestanden. Ich habe immer zu dir gehalten und war immer für dich da. Und bisher hast auch du stets hinter mir gestanden und mich unterstützt, selbst wenn dir mein Handeln nicht gefallen hat. Aber diesmal steht mehr auf dem Spiel. Diesmal geht es nicht um dich oder mich. Ohne Vareks Hilfe können wir uns nicht verteidigen gegen das, was kommt. Wir brauchen ihn, ob dir das gefällt oder nicht.«
»Es gefällt mir nicht.«
»Wenn du mich noch liebst, dann musst du die nächsten Tage Abstand zu mir halten und Verständnis dafür zeigen, dass ich ihn sehen werde.«
»Ich soll was, bitte?«, brauste Will auf. Seine Nasenflügel waren vor Zorn geweitet.
Was tat ich hier? Die Konsequenzen meines Handelns waren viel weitreichender, als ich ahnte. Ich war dabei, den Mann zu verlieren, den ich liebte, weil ich einen anderen, den ich kaum kannte, und dem ich dennoch traute, zu helfen.
»Verständnis zeigen«, erwiderte ich kühl, während auch in mir langsam Wut schwelte. »Weißt du, woher ich komme? Aus einer verfluchten Höllendimension, in der Varek vor vielen Jahren von seinem Vater ermordet und vor wenigen Stunden von seiner Mutter aufgespießt und in Ketten gelegt wurde! Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, was er durchmacht.«
»Aber du? Du kannst es?«
Ich spürte, wie sich aller Augen auf mich richteten. »Ja«, entschied ich. Kadra gab mir die Kraft dazu, hinter dieser Entscheidung zu stehen. »Ich kann es. Ich weiß genau, wie es ist, wenn das eigene Leben plötzlich nicht mehr alleine dir gehört. Wenn jemand anders darin eindringt und danach greift. Ich weiß, dass er mich braucht. Und es ändert nichts an meinen Gefühlen dir gegenüber.«
»Bist du ihm nachgelaufen?«, hakte Will nach, während er sich angespannt über die Stirn wischte. Sein Blick flog zwischen John, Nick und mir hin und her. »Kira, weißt du eigentlich, was du da von mir verlangst? Du bist einem sehr gefährlichen Geschöpf in eine Höllendimension gefolgt, ohne zu wissen, was dich dort erwartet und erbittest von mir Verständnis für dein Handeln? Ich bin dein Mann«, brauste er auf. »Ich bin dein Gefährte, der Mann, der mit dir ans Ende der Welt gehen würde! Und du belügst mich, verschwindest einfach, um einem Ungeheuer das Leben zu retten? Wie viele Unschuldige hat dieses Wesen in den letzten tausend Jahren getötet? Du weißt doch gar nichts von ihm.«
»Nein«, flüsterte ich. »Aber du auch nicht. Aber ich bezweifel, dass er mehr Schattenwesen auf dem Gewissen hat, als du. Wie viele hast du gejagt und getötet? Dämonen, wie mich?«
»Diese Wesen waren nicht, wie du!«
Wesen wie ich? Zum allerersten Mal, seit Kadra in mein Leben gerauscht war, viel es mir leicht, ehrlich zu sein. Ja, auch in mir lauerte ein Dämon. Etwas altes, Finsteres. Etwas, das hin und wieder danach lechzte, von der Leine gelassen zu werden.
»In ihren Adern floss das gleiche Blut!«, begehrte ich auf. »Sie haben dieselbe Luft geatmet und sind denselben Tod gestorben! Und du hast sie getötet. Viele, viele von ihnen. Du weißt nicht, wie viele Kreaturen Varek getötet hat. Aber du warst stets dein größter Kritiker. Vielleicht hast du Recht. Vielleicht habe ich all die Jahre zu locker darüber hinweg gesehen, dass auch du ein Mörder bist.«
Plötzlich herrschte Stille. Will stand mir gegenüber, die Kiefer zusammengepresst, bis seine Zähne knirschten. Geräuschvoll sog er zwischen den Zähnen Luft ein, stieß sie zischelnd wieder aus und nahm den Blick von mir. Er spielte mit den Fingern an seiner Waffe herum, sicherte sie und ließ sie unter seinem Mantel verschwinden. Dann richtete er sich auf und sagte mir mit seiner ganzen Körpersprache, dass er gehen würde. Dass diesmal etwas mit uns geschehen war, das ich bereuen würde.
»In einer Welt voller Menschen, Kira«, waren seine letzten Worte, ehe er sich umdrehte und lautlos verschwand, »ist kein Platz für Grauzonen. Mörder bleiben Mörder und Bestien für immer Bestien. Du musst dich irgendwann entscheiden, was du bist und wohin du gehörst.«
Mit diesen Worten ließ er uns stehen. Ich starrte ihm nach, bis seine Schritte verklungen waren, und fühlte mich leer. Als hätte er den letzten Rest Liebe aus mir herausgesogen und mitgenommen.
Allein.
Meine Seele weinte. Ich holte Luft und schon schob sich eine Hand schwer auf meine Schulter. »Ach, Nick«, murmelte ich, drehte mich um und ließ mich von seinen Armen umschlingen. »Was hab ich getan?«
»Das richtige«, wisperte dieser in mein Haar. »Irgendwann musste es passieren.«
Ich seufzte tief und sorgenvoll, spähte an dem Vampir vorüber in Johns Gesicht. Sorgen verbargen seine natürlich Ausstrahlung.
»Geh«, formten meine Lippen wortlos.
Er nickte, säuselte ein bekümmertes »Danke«, und war verschwunden, als ich die Arme hob, um Nick zu umarmen.

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beta
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