In meinem Kopf

Tik Tak. Tik Tak. Tik Tak. Das Ticken der Uhr an der Wand kam mir durch die Stille im Raum unglaublich laut vor. Nachdem mir Holly befohlen hatte hier zu bleiben, war ich abrupt stehen geblieben. Wie eine Salzsäule stand ich einen Schritt von der Tür entfernt.
Ich wusste genau, dass sie darauf wartete, dass ich zu ihr zurückkam, doch ich konnte mich nicht dazu überwinden. Ich konnte es nicht ertragen in ihrer Nähe zu sein, nach allem, was heute Abend passiert war.
„Ich weiß, dass du noch da bist. Komm bitte her. Ich muss mit dir reden, James.“
Ihrer Stimme konnte ich Enttäuschung entnehmen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Sie hatte ja keine Ahnung, warum ich dermaßen abweisend zu ihr war. Es war falsch von mir sie so zu behandeln, vor allem, da ich nicht sauer auf sie war, sondern auf mich selbst.
„Bitte, James“, flehte sie verzweifelt. Es tat mir weh, wenn Holly traurig war. Ich musste mich ihr stellen, auch wenn ich am Liebsten ohne ein Wort abgehauen wäre.
Also machte ich auf dem Absatz kehrt und schlurfte zu Holly zurück. Den Kopf hielt ich gesenkt.
„Was beschäftigt dich?“, fragte sie mich leise.
Ich hatte geahnt, dass sie mich gleich auf mein merkwürdiges Verhalten ansprechen würde.
Ich war es ihr schuldig alles zu erklären, aber mir fiel es ungemein schwer ein Wort herauszubekommen. Je mehr Zeit verging, desto angespannter wurde Holly, dass konnte ich spüren. Genauso wie ihren fragenden Blick, der unentwegt auf mir ruhte.
„Ich weiß, dass mit dir etwas nicht stimmt. Wieso redest du nicht mit mir? Du weißt, dass du mir alles sagen kannst.“
Mechanisch nickte ich. Es stand außer Frage, dass ich Holly alles anvertrauen konnte. Das Problem war nur, dass ich ihr nicht alles erzählen oder sie mit allem belasten wollte.
„Warum behandelst du mich so?“, fragte sie mich verständnislos. Ihr Ton zerriss mir beinahe das Herz. Ich rang mich dazu durch meinen Kopf zu heben und sie anzusehen. Holly hatte sich ihr rotes Cape ausgezogen und es über den Nachttisch geworfen. Mit beiden Händen fuhr sie sich durch die schwarzen, langen Haare.
„Tut mir leid, Holly, aber ich kann dir nicht in die Augen sehen“, gab ich ehrlich zu und meine Augen wanderten zu Boden.
„Warum nicht?“ Sie klang erschüttert.
„Ich…ich bin an allem Schuld. Du bist nur knapp dem Tod entkommen, Holly. Ophelia hat dich nur so schlimm zurichten können, weil ich nicht gut genug auf dich aufgepasst habe. Ich hätte viel aufmerksamer sein müssen. Ich werde mir das alles niemals verzeihen.“ Vor Wut ballte ich die rechte Hand zur Faust und schnaubte. Ich verabscheute mich. Bei der einzigen Aufgabe, nämlich Holly zu beschützen, hatte ich kläglich versagt. Ich war zu nichts nutze. Ich war ein Versager.
Auf einmal beugte sich Holly zu mir herüber und legte ihre Hand in meine.
„Du bist ein Idiot, James“, sagte sie lachend und zog kräftig an meinem Arm. Leise grummelte ich vor mich hin, als ich mich neben Holly auf die Bettkante setzte.
„Wie kommst du darauf, soetwas zu sagen? Du würdest alles tun, um mich zu beschützen, James.“ Sie lehnte sich an mich. Kurz warf ich ihr einen wehleidigen Blick zu.
„Das stimmt. Ich würde sogar für dich sterben“, entgegnete ich ernst. Hollys Gesichtszüge entgleisten.
„Also, so weit musst du nicht gehen“, äußerte sie mit entsetzter Miene. Ihre Haut war bleich.
„Das will ich aber. Ich muss versuchen meinen Fehler wiedergutzumachen.“ Meine Stimme war stetig lauter geworden. Ich wollte, dass Holly meine Beweggründe verstand.
„Was meinst du? Welchen Fehler willst du wiedergutmachen?“
Verwirrt legte sie ihre Stirn in Falten. Gequält stöhnte ich auf.
„Ich meine den schlimmsten Fehler, den ich jemals begangen habe.“ Ich holte tief Luft, bevor ich fortfuhr.
„Ich habe mein Versprechen nicht gehalten. Ich hätte Emilia niemals von dir erzählen dürfen“, sagte ich bitter. Nach meiner Antwort wirkte sie überrascht.
„Emilia war die Kollegin, der du alles anvertraut hast?“
„Ja“, gab ich kleinlaut zu. Ich schämte mich in Grund und Boden.
„Sieh mich an“, fuhr mich Holly plötzlich an. Überrascht über ihren wütenden Ton, sah ich in ihr Gesicht. Ihr Mund war nur noch ein dünner Strich und ihre blauen Augen durchbohrten mich.
„Du hast den Fehler gemacht ihr zu vertrauen. Ich weiß, dass es dir unendlich leid tut, aber du kannst es nicht rückgängig machen, James. Ich akzeptiere es und das solltest du auch tun.“
Sie nahm mein Gesicht in ihre zarten Hände. Trotz ihrer Worte fiel es mir immer noch schwer sie anzusehen.
„Ich kann nicht“, presste ich hervor.
„Ich hasse mich. Ich kann einfach nichts richtig machen.“ Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Seit Langem hatte ich mich nicht mehr so mies gefühlt, wie in diesem Moment. Holly schenkte mir ein kurzes, aber liebevolles Lächeln.
„Jeder macht Fehler, James. Und du hast nicht alles falsch gemacht. Wenn du nicht immer zur Stelle gewesen wärst, dann wäre ich sicherlich schon tot.“ Ich riss weit die Augen auf.
„Jetzt sei nicht schockiert. Wir beide wissen, dass ich Recht habe“, sagte sie ernst und rückte noch ein Stückchen näher an mich heran. Ihr betörender, einzigartiger Duft stieg mir in die Nase und vernebelte meinen Verstand. Vergessen waren mein schlechtes Gewissen und die Vorwürfe, die ich mir machte. Ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie. Doch kaum hatten sich unsere Lippen getrennt, da kam alles auf einen Schlag zurück.
„Mach dir nicht so viele Gedanken, James“, flüsterte sie mir zu und strich mir über die Hand. Holly überraschte mich immer wieder. Ich konnte nicht fassen, wie sie mit all den schrecklichen Ereignissen umging. Vor allem mit dem Tod ihrer Eltern, den ich verschuldet hatte.
Als ihre Augen zu mir wanderten, setzte ich ein falsches Lächeln auf.
„Ich versuche mir nicht all zu viele Gedanken zu machen.“ Holly schien nicht zu bemerken, dass mein Lächeln nur gekünstelt war. Erleichtert strahlte sie mich an. Dann rutschte sie ein großes Stück von mir weg. Durch den Gips sahen ihre Bewegungen etwas unbeholfen aus.
„Leg dich hin und bleib noch eine Weile bei mir“, bat sie und legte ihren Kopf auf das Kissen. Eigentlich war ich nicht in der Stimmung mich noch länger im Krankenhaus aufzuhalten, aber ich tat es Holly zuliebe. Ich konnte verstehen, dass sie jetzt nicht alleine sein wollte.
Ich schwang meine Beine aufs Bett, legte mich neben sie und zog sie fest an mich.
„Hast du noch Schmerzen?“, fragte ich Holly, während ich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr klemmte.
„Ich habe leichte Kopfschmerzen, aber das wird schon“, entgegnete sie gelassen. Ich konnte immer noch nicht glauben, wie leicht sie den Mordversuch nahm. Verdrängte sie die Erlebnisse oder war sie bereits Angriffe auf ihr Leben gewohnt? Beides war nicht gerade der geeignete Weg mit solch einem Ereignis umzugehen.
Einige Zeit lagen wir still nebeneinander. Ich hörte ihr beim Atmen zu. Jeder Atemzug hinterließ bei mir pure Erleichterung, denn als ich Holly noch vor wenigen Stunden am Sportplatz gefunden hatte, hatte ich geglaubt, dass sie tot war.
Ihre Haut war weiß und die Augen glasig gewesen. Sie hatte sich nicht bewegt. Bei diesem schrecklichen Anblick war mir vor Entsetzen das Herz stehen geblieben und ein tiefer, schwarzer Abgrund hatte sich vor mir aufgetan. Ein lautes Räuspern unterbrach meine Gedanken. Holly sah mich mit ihren azurblauen Augen an.
„Was ist?“, fragte ich sie und erwiderte ihren Blick.
„Ich möchte von dir wissen, wie du deinem Ex-Kollegen unverletzt entkommen bist?“ Ihre Stimme bebte vor Aufregung.
Leise stöhnte ich. Ich hatte befürchtet, dass Holly mich dies erneut fragen würde, schließlich hatte ich ihr gesagt, dass ich ihr alle Fragen beantwortete, wenn es ihr besser ging. Ausgerechnet an solche Versprechen konnte sie sich erinnern.
„Es war nicht so schwer Brolin loszuwerden, weil er ein Idiot ist.“ Ich musste schmunzeln. Jericho war dümmer, als ich gedacht hatte. Wie war er auf die Idee gekommen, ausgerechnet Brolin zu schicken, um mich zu erledigen? Aber vielleicht hatte er bloß die drei losgeschickt und Emilia und Ophelia hatten ihm gesagt, dass er sich um mich kümmern soll.
Holly starrte mich derweil unverwandt an. Sie wirkte irritiert, weil ich ohne sichtbaren Grund angefangen hatte zu grinsen. Ich setzte eine ernste Miene auf und fuhr fort.
„Wie du mitbekommen hast, hat Brolin mich in der Turnhalle abgefangen und verhindert, dass ich Ophelia und dir folgen konnte“, zischte ich verärgert und fletschte die Zähne. Holly streichelte behutsam meinen rechten Arm, um mich zu beruhigen.
„Natürlich hat er mich gleich gepackt und mich nach draußen vor die Schule gezerrt. Dort ist er auf mich losgegangen.“
Je mehr ich ihr erzählte, was mir passiert war, desto wütender wurde ich. Mein Blut kochte. Es fiel mir immer schwerer meinen Zorn im Zaum zu halten. Doch ich atmete tief durch und versuchte mich am Riemen zu reißen, weil ich Holly keine Angst machen wollte.
„Er hat auf mich eingeschlagen, aber ich habe mich nicht weniger zurückgehalten.“ Als ich an die Verletzungen dachte, die ich ihm zugefügt hatte, wurde ich unglaublich glücklich.
Mir war gar nicht klar gewesen, wie sehr es mir gefehlt hatte einem Menschen Schmerzen zu bereiten. Brolins Blut und sein qualvolles Stöhnen hatten mich in einen Trancezustand versetzt, in dem ich mich schon lange nicht mehr befunden hatte. Es verstand sich wohl von selbst, dass ich dies Holly niemals anvertrauen würde.
Sie hatte mich größtenteils zu einem besseren Menschen gemacht, aber sie hatte meine Seele nicht von allem Bösen befreien können. Zu lange hatte ich ohne Mitleid und Gnade Menschen gegen Bezahlung getötet. Diese Zeit konnte ich nicht so einfach ausblenden und vergessen. Meine Vergangenheit würde immer ein Teil meines Lebens sein.
„Was ist dann passiert?“, harkte sie nach und betrachtete mich eingehend.
„Während wir uns geprügelt haben, sind ein paar Schüler aufgetaucht. Sie sind zwar nicht dazwischen gegangen, doch Brolin hat Panik gekriegt und ist abgehauen. Tja, die Tatsache, dass er ziemlich schnell aufgegeben und seinen Auftrag nicht ausgeführt hat, wird Jericho mit Sicherheit nicht gefallen.“ Ich konnte es mir nicht verkneifen, gehässig loszulachen. Doch als ich Hollys Gesicht sah, blieb mir das Lachen im Hals stecken. In ihren Augen hatten sich Tränen gesammelt.
„Zum Glück ist dir nichts passiert, James. Die ganze Zeit habe ich nicht gewusst, ob du noch lebst oder ob dieser Brolin dich getötet hat.“ Ihre Stimme brach ab. Die ersten Tränen liefen ihre Wangen hinab. Hektisch wischte sie sich mit den Händen über das Gesicht. Es war offensichtlich, dass alles viel zu viel für sie war.
Holly war unglaublich tapfer gewesen, seit sie mir begegnet war. Es war kaum noch aufzuzählen, was sie wegen mir alles hatte ertragen müssen. Einiges hatte sie besser verkraften können, als anderes.
Doch in Momenten, wie diesem, wurde mir erst wieder bewusst, dass Holly ein Mädchen war, das ein normales Leben geführt hatte, ohne hinterhältige Kollegen, Mord und Tod. Sie war es nicht gewohnt, sich mit durchgeknallten Leuten herumzuschlagen, die emotionslos jeden töteten, der ihnen im Weg war. Sie war nun mal nicht so abgehärtet, wie ich und dass war auch gut so.
Als ich gerade erst mit meinem Beruf angefangen hatte, hatte ich mir unzählige Male gewünscht mit jemand Anderem zu tauschen. Liebend gerne hätte ich ein Leben, wie das von Holly, geführt. Aber das war mir niemals vergönnt gewesen, denn ich hatte früh meine Eltern verloren und war in einem Waisenhaus gelandet.
Mit sieben Jahren war mein kurzes, sorgloses Leben bereits vorbei gewesen. Während ich mich an meine verkorkste Vergangenheit erinnerte und mich bemitleidete, schluchzte Holly leise neben mir und schmiegte sich an mich.
Sie legte ihren rechten Arm um meine Taille und klammerte sich mit aller Kraft an mir fest. Sie schien mich gar nicht mehr loslassen zu wollen.
„Ich lebe und ich bin bei dir, Holly“, hauchte ich ihr ins Ohr, um ihr bewusst zu machen, dass mir nichts passiert war. Sie brauchte sich keine Sorgen um mich zu machen.
Gedankenverloren nickte sie und verbarg ihr Gesicht in meiner Jacke. Ich beugte mich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Überrascht zuckte sie kaum merklich zusammen.
„Ich liebe dich.“ Ihre Stimme drang bloß gedämpft an meine Ohren.
„Ich dich auch“, entgegnete ich und schloss die Augen. Auf einen Schlag war ich wahnsinnig müde. Herzhaft gähnte ich. Langsam, aber sicher, sank ich ins Land der Träume.
Ich war noch im Halbschlaf, als ich hörte wie jemand die Zimmertür öffnete und eintrat. Mit leisen Schritten näherte sich jemand dem Bett. Augenblicklich war ich wieder hellwach. Ich schlug die Augen auf und sprang blitzschnell aus dem Bett, zum Angriff bereit. Mein Herz schlug ungewöhnlich laut.
Doch mein Puls beruhigte sich sofort, als der Arzt, der Holly untersucht hatte, vor mir stand. Ich war umsonst aufgeregt gewesen. Ich hatte befürchtet, dass einer meiner Ex-Kollegen uns gefolgt und nun hier war, um uns beide zu beseitigen. Ich wurde paranoid und bekam einen Verfolgungswahn. Kein Wunder, wenn meine Ex-Kollegen ständig unerwartet auftauchten und mir das Leben zur Hölle machten.
Der Arzt betrachtete mich eingehend mit einem irritierten Blick.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er mich, wobei er sich dem Bett näherte. Dort schlief Holly. Ich war froh, dass sie eingeschlafen war und sich ausruhen konnte. Kurz nickte ich ihm zur Antwort zu, ohne die Augen von Holly abzuwenden.
„Sie sollten nach Hause fahren. Die Besuchszeit ist schon lange vorbei.“ Seine Stimme klang zwar nicht unfreundlich, aber ich mochte es nicht rausgeworfen zu werden. Ich wollte hier bei ihr bleiben.
„Besteht nicht die Möglichkeit, hier zu übernachten?“ Ich achtete darauf, dass mein Ton nicht allzu flehend klang. Der Arzt lächelte mich entschuldigend an.
„Es tut mir leid, aber das geht nicht.“ Ich hatte geahnt, dass an seiner Entscheidung nicht mehr zu rütteln war.
Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass der Arzt mich beobachtete. Ich gab mich geschlagen. Leise stöhnte ich, bevor ich mich noch einmal auf die Bettkante niederließ. Behutsam strich ich Holly die langen Haare aus dem Gesicht. Dann beugte ich mich zu ihr herunter und küsste sie auf die Nasenspitze. Plötzlich öffnete sie die Augen und sah mich an. Verwirrt runzelte sie die Stirn.
„Was ist los, James?“ Sie wollte sich schon aufsetzen, doch ich fasste sie an den rechten Oberarm und drückte sie sanft zurück auf die Matratze.
„Ich muss jetzt gehen, aber ich komme dich morgen wieder besuchen. Versprochen.“ Sie machte ein enttäuschtes Gesicht.
„Musst du wirklich gehen?“, fragte sie mich.
Ich bekam ein zaghaftes Lächeln zu Stande.
„Ich fürchte ja.“ In ihren blauen Augen konnte ich tiefe Traurigkeit erkennen. Ihrem Blick konnte ich kaum Stand halten.
„Bitte bleib hier. Ich will nicht allein sein“, sagte Holly mit vor Angst bebender Stimme. Ich wollte ihr schon antworten, als sich der Arzt in unser Gespräch einmischte.
„Bitte verstehen Sie, dass Sie dringend Ruhe brauchen, Miss Dugan.“ Holly drehte sich auf die andere Seite des Bettes und sah zum Arzt. Dieser machte ein ernstes Gesicht. Sein Blick war durchdringend und streng. Sowohl Holly, als auch ich mussten einsehen, dass wir an den Krankenhausvorschriften nichts ändern konnten.
„Ich werde jetzt gehen“, wisperte ich. Schneller, als ich gucken konnte, wandte sich Holly wieder mir zu.
„Ich bin morgen wieder bei dir“, setzte ich nach. Dann hockte ich mich neben das Bett und beugte mich so weit vor, bis ich nur noch wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war.
„Ich gehe nicht weit weg. Ich bleibe in deiner Nähe und passe auf dich auf, wie ich es dir versprochen habe“, flüsterte ich ihr zu, damit der Arzt mich nicht hören konnte. Wie hypnotisiert starrte sie mich an und nickte.
„Pass auf dich auf“, bat sie mich inständig.
„Na klar“, versprach ich und lächelte sie an. Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund, bevor ich mich wieder erhob. Holly verfolgte meine Bewegungen mit traurigen Augen.
„Bis morgen“, verabschiedete ich mich. Der Arzt sah mich an.
„Auf Wiedersehen“, sagte er. Dann wandte er sich ab und begann Holly noch einmal durchzuchecken. Da ich mich überflüssig fühlte, ging ich zur Tür und verließ das Zimmer.
Als ich die Eingangstür des Krankenhauses hinter mir ließ, wurde ich von einem heftigen und eiskalten Windstoß begrüßt, der die herabgefallenen Blätter umherwirbelte.
Ich schloss meine Lederjacke, obwohl ich wusste, dass mich dies nicht gegen die Kälte schützen würde. Mir stand also eine weitere, unangenehme Nacht bevor, in der ich frieren und kaum schlafen würde. Gequält stöhnte ich, ehe ich meine Hände in die Hosentaschen schob und mich auf die Suche nach einem Schlafplatz machte.

Der Baum, an dem ich mit meinem Rücken lehnte, kam mir von Minute zu Minute härter vor. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne Kerbe in der Rinde sei spürbar.
Um mich herum standen noch vier weitere Bäume, die halbwegs den Wind von mir abhielten. Ich konnte mir eindeutig etwas Besseres vorstellen, als eine Oktobernacht im Freien zu verbringen, doch dies war die einzige Möglichkeit auf Holly aufzupassen.
Schließlich konnte ich nicht in meine Wohnung zurück und bei ihr Zuhause konnte ich ja auch nicht wohnen.
Von meinem Platz aus konnte ich zumindest den Haupteingang des Krankenhauses beobachten. Ich glaubte nicht wirklich daran, dass meine Ex-Kollegen hier auftauchten, aber sicher war sicher.
Ich war schon einmal nachlässig gewesen, weil ich ihnen nicht zugetraut hatte, dass sie in Hollys Schule kommen würden und dass ausgerechnet zu einer Party, an der über hundert Menschen teilnahmen.
Es beunruhigte mich, dass es ihnen plötzlich gleichgültig war, wie viele Leute sie sehen könnten. Das war ein Zeichen dafür, dass sie uns so bald, wie möglich, loswerden wollten.
Wir wurden Jericho und den anderen lästig, denn es kostete sie viel Zeit uns zu töten. Mehr Zeit, als sie geglaubt hatten.
Seit drei Stunden hockte ich bereits auf der harten Erde und konnte nicht einschlafen. Darüber war ich froh, denn ich hatte Angst im Schlaf zu erfrieren. Die Kälte wurde immer unerträglicher, selbst für mich. Normalerweise fror ich nicht so schnell, aber heute zitterte ich ununterbrochen. Ich hatte mich zusammengekauert, aber das half nicht. Jedes Mal, wenn ich ausatmete, stieg eine Nebelwolke vor mir auf. Es mussten unter null Grad sein.
In diesem Moment vermisste ich ein bequemes Bett und ein warmes Zimmer noch mehr, als sonst. Vielleicht sollte ich es doch noch mal in Erwägung ziehen in meine Wohnung zurückzukehren. Es stand außer Frage, dass ich dort nicht mehr leben konnte.
Ich würde nur in meine Wohnung gehen, um das Geld und die Waffe aus dem Tresor zu holen. Beides könnte ich momentan verdammt gut gebrauchen. Vor allem die Waffe. Mit ihr könnte ich sowohl Holly besser beschützen, als auch mich richtig verteidigen. Es ärgerte mich, dass ich mich in der Vergangenheit nicht gegen meine Ex-Kollegen hatte behaupten können. Zum einen hatte das natürlich an meiner verletzten Schulter gelegen. Ich erinnerte mich nur ungern an meine Begegnung mit Ophelia auf dem Friedhof. Sie hatte meine Schwäche ausgenutzt und mir gezeigt, was für eine enorme Kraft in ihrem schlanken Frauenkörper steckte. Ich hatte sie unterschätzt, so, wie ich es auch bei Holly getan hatte.
Doch das hatte sich geändert, als sie mir auf dem Friedhof das Leben gerettet hatte, denn ich war mir sicher, dass Ophelia mich sonst außer Gefecht gesetzt hätte. Dann hätte sie mich zu Jericho gebracht, wo ich die Strafe für meinen Verrat erhalten hätte.
Ein anderer Grund, warum ich gegen die Killer nicht ankam, war eindeutig die Tatsache, dass ich unbewaffnet gewesen war. Wenn ich eine Waffe gehabt hätte, dann hätte ich auch Mickey damals an Hollys altem Haus mit Leichtigkeit töten können.
Auf einmal fühlte ich mich miserabel. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich bis jetzt keinen einzigen von ihnen getötet hatte und dabei waren bereits über zwei Monate vergangen. Je länger sie lebten, desto gefährlicher und unberechenbarer wurden sie. Jeder Einzelne von ihnen sollte dafür büßen, was sie Holly und mir angetan hatten. Sie hatten versucht uns beide zu ermorden und dafür mussten sie sterben.
Allen voran die Fünf, die an der Ermordung von Hollys Eltern beteiligt waren. Als ich mir meiner enttäuschenden und schwachen Leistung in der letzten Zeit bewusst wurde, fasste ich den Entschluss, trotz aller Risiken, in meine Wohnung zurückzukehren und alles Brauchbare mitzunehmen. Ich sah keine andere Möglichkeit.
Aber bevor ich mich auf den Weg machte, musste ich mir absolut sicher sein, dass es Holly gut ging und sie in Sicherheit war.

Die Stunden krochen dahin, ohne, dass ich auch nur fünf Minuten meine Augen geschlossen hatte. Die Kälte spürte ich nicht mehr. Das lag jedoch nicht daran, dass ich mich an die niedrigen Temperaturen gewöhnt hatte, sondern mein ganzer Körper war taub. Meine Fingernägel waren blau und ich ging jede Wette ein, dass meine Lippen genau dieselbe Farbe hatten. Ich fühlte mich, als sei ich am Baum festgefroren. Ich konnte nur hoffen, dass ich mich jemals wieder bewegen und aufstehen konnte.
Am Horizont entdeckte ich nach einer gefühlten Ewigkeit die Sonne, die alles in ein helles Licht tauchte. Ich war dankbar für die ersten Sonnenstrahlen, obwohl ich bezweifelte, dass es warm werden würde. Der November war angebrochen. Ich erwartete Regengüsse, starke Winde und den ersten Schneefall und keinen wärmenden Sonnenschein. Ich seufzte. Es wurde Zeit aufzustehen, denn ich wollte, sobald wie möglich, bei Holly sein.
Zuerst bewegte ich meine Finger. Dann folgten die Arme. Dabei schmerzte jeder Muskel in meinem Oberkörper. Mir entfleuchte ein leiser, kurzer Schrei. Besonders stark waren die Schmerzen in der linken Schulter. Holly hatte Recht gehabt. Die Kälte und die harten Unterlagen, auf denen ich schlief, waren nicht gut für meine Verletzung. Egal, da musste ich jetzt durch. Ich biss die Zähne zusammen und stand blitzschnell auf. Ich stützte mich am Baum ab, bevor ich es wagte, ein paar Schritte zu tun. Meine Bewegungen sahen unbeholfen und ungelenk aus. Ich fühlte mich eingerostet.
Meine Knie zitterten und meine Beine waren steif. Ich blieb stehen und rieb die Hände aneinander, damit sie warm wurden. Als ich halbwegs wieder Gefühl in den Händen hatte, schaute ich auf die Uhr. Es war zwanzig vor neun. Ich machte mich auf den Weg zum Krankenhaus.
Hektisch ging ich an den umstehenden Bäumen vorbei und steuerte direkt den Haupteingang an. Kaum hatte ich die Eingangshalle betreten, da spürte ich eine angenehme Wärme auf meiner Haut. Durch den plötzlichen Temperaturunterschied bekam ich eine Gänsehaut und mir fuhr ein Schauer über den Rücken. Ich sah mich um.
Es waren bloß sehr wenige Besucher um diese Zeit hier. Dagegen hasteten viele gestresste Krankenschwestern an mir vorbei. Ich achtete nicht weiter auf sie, stattdessen ging ich am Empfangstresen vorbei zu den Aufzügen. Ich fuhr in den zweiten Stock. Dann steuerte ich das Zimmer 245 an. Tief im Innern hoffte ich, dass keiner ihrer Freunde oder ihr Onkel da waren. Für anstrengende Auseinandersetzungen hatte ich nach dieser Nacht keine Nerven. Ich atmete laut hörbar ein, bevor ich an die Tür klopfte.              
Von drinnen ertönte ein fröhliches „Herein.“ Ich öffnete die Tür und trat ein. Mein Blick fiel automatisch auf die Fensterfront. Die Sonne, die ich eben noch hatte betrachten können, war hinter dichten, grauen Wolken verschwunden. Es sah nach Regen aus.
„Da bist du ja endlich“, frohlockte Holly, die auf ihrem Bett saß. Aus den Augenwinkeln konnte ich ihr glückliches Lächeln sehen. Ich wandte mich ihr zu. Sie trug nicht mehr ihr Kostüm, sondern eine Jogginghose, die über ihren Gips passte und dazu einen lindgrünen Pullover. Ihr Onkel und seine Frau mussten bereits da gewesen sein. Ich erwiderte ihr Lächeln und schlenderte zu ihr herüber.
„Ich war doch bloß ein paar Stunden weg“, erwiderte ich und ließ mich, wie gestern Abend, auf die Bettkante nieder.
„Ich hab dich trotzdem vermisst, James“, meinte sie und küsste mich auf den Mund. Doch schneller, als ich gucken konnte, zog sie ihren Kopf zurück. Vor Entsetzen hatte sie ihre Augen weit aufgerissen.
„Du bist ja eiskalt.“ Sie klang schockiert. Mist, vielleicht hätte ich mich erst im Eingangsbereich aufwärmen sollen.
„Draußen war es ein bisschen kälter, aber es war halb so schlimm.“ Ich winkte ab, auch wenn die letzte Nacht ein einziger Albtraum gewesen war.
„Ich will nicht, dass du im Winter weiterhin draußen schläfst. Du siehst schrecklich aus.“ Mit einer Hand fuhr sie mir durch die Haare. Dabei betrachtete sie eingehend mein Gesicht.
„Danke“, sagte ich sarkastisch.
„Ich meine, dass du müde und durchgefroren aussiehst.“
Besorgt sah sie mich an und nahm meine Hand. Liebevoll streichelte sie mit ihren warmen Fingern über meinen kalten Handrücken.
„Das kann so nicht weiter gehen, James. Ich mache mir Sorgen um dich.“ Wieso muss sie es mir immer so schwer machen, dachte ich betrübt.
„Wir haben dieses Thema schon mehr als einmal besprochen“, entgegnete ich schroff und hoffte, dass Holly bemerkte, wie genervt ich war.
Es war reine Zeitverschwendung noch weiter mit ihr zu diskutieren.
„Waren dein Onkel und Olivia schon hier?“ Ich wechselte nicht gerade galant das Thema. Ihrem Gesicht konnte ich entnehmen, dass sie über den leicht aggressiven Ton meiner Stimme nicht erfreut war.
Geisterabwesend nickte sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. So schnell hatte ich sie noch nie verärgert.
„Sie sind vor zehn Minuten gegangen, aber sie wollen heute Nachmittag wiederkommen“, klärte sie mich ohne Aufforderung auf. Die Augen hatte sie immer noch auf ihre Knie gerichtet. Die Stimmung zwischen uns war unterkühlt, dass konnte ich förmlich spüren. Ich bekam eine leichte Gänsehaut.
„Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe, aber die Diskussion endet doch immer auf dieselbe Weise. Du willst nicht, dass ich draußen übernachte. Mit allen Mitteln versuchst du mich zu überreden und dabei weißt du, wie schwer es mir fällt, mich deiner Überzeugungskraft zu entziehen. Ich bin dagegen unglaublich stur und höre nicht auf deine Bitte.“
Sachlich hatte ich auf sie eingeredet, in der Hoffnung, dass sie mir Recht gab und dieses Thema damit endlich gegessen war. Hollys Gesicht zierte ein leichtes Lächeln.
Dann sah sie mich endlich wieder an. Mir ging das Herz auf.
„Ich werde dich nicht mehr bedrängen, James“, versprach sie.
Sie klemmte sich die Haare hinter beide Ohren, ehe sie mir einen flüchtigen Kuss auf den Hals gab. Vergnügt kicherte sie und ihre Wangen färbten sich zartrosa.
„Ich bin froh, dass du hier bist. Der Besuch von Olivia und Jamie war ziemlich anstrengend.“ Sie konnte eindeutig besser auf ein anderes Thema eingehen, als ich.
„Was meinst du damit?“
„Sie haben mich ständig gefragt, wie es mir geht und ob ich Schmerzen habe. Außerdem wollen sie unbedingt, dass ich zur Polizei gehe“, stöhnte sie entnervt.
„Wie geht´s dir?“, erkundigte ich mich, als mein Blick auf ihr eingegipstes Bein fiel. Schelmisch grinste ich. Holly riss empört den Mund auf.
„Du willst mich bloß ärgern, James Roddick.“ Sie versetzte mir einen kräftigen Schlag gegen meinen Brustkorb. Laut lachte ich auf.
„Was du nicht sagst“, spottete ich spaßeshalber und rieb mir die Stelle, die sie erwischt hatte, obwohl sie mir nicht wehtat.
Ich wollte, dass Holly sich ein wenig schlecht fühlte. Sie sollte ruhig glauben, dass sie mich verletzt hatte. Sie hatte jedoch nur einen verächtlichen Blick für mich übrig. Dabei lächelte sie mich überlegen an.
„Du kannst es dir sparen mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich weiß genau, dass du meinen Schlag kaum gespürt hast. Sorry, aber du bist kein guter Schauspieler. Du kannst zwar geschickt deine Gefühle und Gedanken verbergen, doch jetzt kannst du mir nichts vormachen.“
Kurz machte ich ein erstauntes Gesicht. Holly hatte mich ausnahmsweise durchschaut. Das hätte ich nicht erwartet, aber sie hatte mich ja schon des Öfteren überrascht. Ich nahm mir vor, sie nicht mehr so schnell und leichtsinnig zu unterschätzen.
„Meine Hochachtung“, erwiderte ich amüsiert und senkte demütig den Kopf. Meine Geste brachte Holly herzhaft zum Lachen.
„Ich hab´s doch gewusst“, sagte sie und zwinkerte mir zu.
Ihre eigene Bemerkung ließ sie noch lauter lachen. Ich konnte bloß den Kopf schütteln, wobei ich selbst ein Lächeln zu Stande brachte.
Ich war froh, dass sie Ophelias erneuten Angriff auf ihr Leben gut verkraftete. Ich machte mir deswegen immer noch Vorwürfe. Jetzt hieß es für mich, mir noch mehr Mühe zu geben, um sie zu beschützen. Ich würde alles tun, damit sie nie wieder von meinen durchgeknallten und skrupellosen Ex-Kollegen angegriffen und verletzt wurde. Das war ich ihr schuldig.

Ich lag neben Holly im Bett und hatte meinen rechten Arm um ihre Schultern gelegt. Sie kuschelte sich an mich und schloss die Augen. Die weiße, schwere Decke lag über uns ausgebreitet. Holly hatte darauf bestanden mich zuzudecken, weil meine Haut immer noch kalt war. Nach ein paar Minuten unter der Decke war mir bereits wärmer geworden, aber trotzdem hatte ich noch gefroren.
Dies schien auch Holly bemerkt zu haben, denn sie überließ mir die ganze Decke. Ich wollte widersprechen, doch sie ließ es nicht zu. Sie war in manchen Momenten eben genauso stur, wie ich. So lag ich bis zum Hals zugedeckt neben meiner Freundin, die mich besorgt, gleichzeitig aber auch zufrieden beäugte.
„Hoffentlich wirst du nicht krank, James“, äußerte sie plötzlich. Und als ob sie sich vergewissern wollte, dass es mir wirklich gut ging, legte sie eine Hand auf meine Stirn.
„Ich habe kein Fieber“, klärte ich sie lachend auf. Beleidigt nahm sie ihre Hand herunter.
„Ich wollte nur sichergehen“, nuschelte sie etwas verlegen und senkte den Blick. Ich konnte nur grinsen.
„Das weiß ich doch“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Dann küsste ich sie auf den Kopf. Sie schmiegte sich noch näher an mich heran, doch die Decke war zwischen uns. Kurzerhand hob ich sie an, rutschte ein Stück zu ihr herüber und deckte uns zu. Ich spürte sofort die Wärme auf meiner Haut, die Holly ausstrahlte. Mich überkam ein wohliges Gefühl, als sie sich an mich klammerte und mir ein „Ich liebe dich“ ins Ohr hauchte.
Meine Nackenhaare stellten sich auf und mein Herz pochte heftig gegen meine Rippen. Ich drehte mich zur Seite und nahm ihr Gesicht in meine Hände. Hollys Miene war überrascht, als ich mich zu ihr herunterbeugte und sie lange und leidenschaftlich küsste.
Hollys Haut wurde in Sekundenschnelle brühend heiß. Beherzt schob sie ihre Hände unter mein T-Shirt und streichelte mir über den Rücken. Der Kuss hielt immer noch an. Mit der linken Hand ließ ich ihr Gesicht los und schob sie unter ihren Pullover w. Mit meinen langen Fingern fuhr ich ihr zärtlich über den Bauch. Ihre Haut war unvorstellbar weich und angenehm warm, doch ich spürte, dass Holly unter meinen Berührungen leicht zitterte. Kein Wunder, schließlich waren meine Hände eiskalt. Da sie sich aber nicht beschwerte, fuhr ich mit der Hand immer weiter nach oben.
Als ich mit dem Fingerspitzen jedoch ihren BH berührte, stoppte Holly sofort den Kuss. In ihren blauen Augen entdeckte ich Angst. Augenblicklich zog ich meine Hand unter ihren Pullover hervor. Erst jetzt wurde mir klar, dass ihr Zittern nicht an der Kälte gelegen hatte.
„Es…es tut mir leid“, stammelte sie und ihre Pupillen huschten nervös hin und her. Sie war darauf bedacht mich nicht anzusehen. Ihre Wangen waren noch immer rot, aber ich fragte mich, ob es an der Hitze durch den Kuss lag oder an ihrer Verlegenheit.
„Warum in aller Welt entschuldigst du dich bei mir?“, fragte ich sie, wobei ich mir ein kurzes Grinsen nicht verkneifen konnte. Holly machte sich das Leben unnötig kompliziert. Nach meiner Frage traute sie sich wieder mir in die Augen zu schauen.
„Ich entschuldige mich, weil ich mich wie ein kleines verschüchtertes Mädchen aufführe.“
Und kaum war ihr die Antwort über die Lippen gekommen, da senkte sie auch schon den Blick. Diese Situation war ihr mehr als unangenehm. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Wie kam sie nur dazu sich Vorwürfe zu machen, nur, weil sie mich in meiner Leidenschaft gebremst hatte? Und ausgerechnet sie nannte mich einen Spinner. Wenn sie nicht weitergehen wollte, dann war es so und ich wäre der Letzte, der das nicht akzeptierte.
„Deine Reaktion hat nichts mit der eines kleinen Mädchens zu tun, Holly“, erwiderte ich und suchte ihren Blick. Zuerst versuchte sie nicht auf mich zu achten, doch dann gab sie auf und ihr Kopf schnellte zu mir. Wie ein scheues Reh blickte sie mich völlig verunsichert an.
„Es ist in Ordnung, Holly. Wenn du nicht willst, dann werde ich das akzeptieren. Keine Sorge.“ Ich schenkte ihr ein breites Lächeln.
„Von mir geht keine Bedrohung aus“, setzte ich spaßeshalber nach. Schüchtern erwiderte sie mein Lächeln. Dann wurde ihr Gesicht blitzschnell knallrot.
„Ich weiß, dass klingt jetzt doof, aber ich hatte Angst vor dem, was zwischen uns hätte passieren können.“ Ich war perplex. Im ersten Moment fehlten mir die Worte. Ich hätte erwartet, dass sie nervös oder neugierig wäre, aber dass sie tatsächlich Angst vor einer Nacht mit mir hatte, überraschte mich sehr.
„Versteh das bitte nicht falsch, James“, warf sie ein, als sie mein erstauntes Gesicht bemerkte.
„Ich will es ja, weil ich dich liebe, aber wir kennen uns erst sieben Monate.“ Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe.
„Außerdem habe ich Angst etwas falsch zu machen, weil ich…nun ja, ich habe keine Erfahrung.“ Sie sah auf ihre Hände und betrachtete sie eingehend, als seien sie das Interessanteste, dass sie je gesehen hatte. Ihre Unsicherheit und ihre Verlegenheit ließen mich schmunzeln.
„Lachst du etwa über mich?“, fragte Holly empört.
„Nein, nein.“ Beschwichtigend hob ich die Hände. „Ich kann bloß nicht verstehen, warum du dir so viele Gedanken über dieses Thema machst.“ Ich setzte mich auf und fuhr mir ein paar Mal durch die Haare. Sie fühlten sich merkwürdig an. Es war wohl wieder Zeit für eine Dusche.
„Ich denke immer viel nach, James. Vermutlich viel zu viel“, stöhnte sie und legte den Kopf in den Nacken.
„Damit du dich nicht mehr lange quälen musst, werde ich dir sagen, was wir tun werden.“ Gespannt wartete sie darauf, dass ich fortfuhr. Die Aussicht auf ein Ende dieses Gesprächs machte sie hellhörig. Holly erhoffte sich eine Lösung, wie sie mit dem Thema Sex umgehen sollte. Sie wurde von Minute zu Minute ungeduldiger, doch ich schwieg. Ich genoss einfach die Ruhe. Ich schloss die Augen und atmete tief ein.
„Nun sag schon, bitte“, bettelte sie und durchbohrte mich mit einem flehenden Blick.
„Wir werden warten, bis du soweit bist.“ Ich legte meine Hände in ihre. Dann küsste ich sie auf die Nase, die meine geliebten Sommersprossen zeigte. Holly nickte langsam, ehe sie sich zu mir rüberbeugte und nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht Halt machte.
„Das ist eine gute Idee“, hauchte sie und küsste mich so zart auf den Mund, dass sich unsere Lippen kaum berührten. Danach zog Holly kaum merklich den Kopf zurück. Bei jedem Atemzug spürte ich ihren warmen Atem auf meiner Haut. Wir beide sahen uns an. Blau traf auf Grau.
„Der Idiot ist also auch schon wieder hier“, spottete auf einmal eine helle und klare Frauenstimme. Holly zuckte erschrocken zusammen und wandte sich ab. Ich biss die Zähne fest zusammen, damit mir kein böses Wort herausrutschte. Ich brauchte nicht einmal zur Tür zu schauen, um zu wissen, dass Linda hier war; das Mädchen, das mich verachtete und hasste.
Für sie war ich nichts weiter, als ein grausamer Killer. Ich fragte mich noch immer, warum Holly ihr die ganze Wahrheit über mich offenbart hatte. Beste Freundin hin oder her. Sie hatte Linda in Gefahr gebracht.
„Hi“, begrüßte Holly ihre Freundin freundlich, obwohl sie mich gerade beleidigt hatte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte.
„Hallo, wie geht es dir?“, erkundigte sich Linda.
Im Gegensatz zu mir war Hollys Freundin warm angezogen. Sie trug eine schwarze Daunenjacke, Handschuhe, einen Schal und eine Wollmütze, was mich noch mehr aufregte, da ich im Freien beinahe erfroren war. Böse funkelte ich sie an, als sie zum Bett geeilt kam und sich auf die rechte Bettseite setzte. Mich ignorierte sie dabei völlig, was mir aber mehr als recht war.
„Mir geht´s klasse. Nur die dämlichen Krücken nerven mich.“ Holly verdrehte die Augen. Ihre Freundin fing an zu kichern.
„Ach, so lange brauchst du sie ja nicht.“
„Stimmt, aber mit den Krücken dauert es ewig, bis ich mal zehn Meter gegangen bin“, meinte sie betrübt und machte ein entnervtes Gesicht.
„Jetzt übertreibst du aber“, sagte Linda unverdrossen und grinste breit. Holly zuckte zur Antwort mit den Achseln, doch auch sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Ich kam mir überflüssig vor. Ich konnte es ja ertragen, dass ihre Freundin mich ignorierte, aber wenn Holly dies tat, fand ich das nicht mehr lustig. Vermutlich war ich ihre Aufmerksamkeit zu sehr gewohnt.
„Wenn du keine Lust auf die Krücken hast, dann kann ich dich auch tragen“, mischte ich mich ein. Holly sah endlich wieder zu mir. Keck zwinkerte ich ihr zu. Zuckersüß lächelte sie mich mit strahlenden Augen an.
„Danke, James. Dein Angebot nehme ich gerne an.“ Es tat gut, wieder von ihr beachtet zu werden. Mir war klar, dass das egoistisch klang, doch das war mir gleichgültig.
„Du kannst dich nicht einfach in unser Gespräch einmischen“, protestierte Linda plötzlich. Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen und warf mir einen finsteren Blick zu. Hämisch grinste ich.
„Geht das schon wieder los?“, fragte Holly und sah zwischen uns beiden hin und her. Die Enttäuschung in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Es tat mir leid, dass ich ihre Bitte ein weiteres Mal ignorierte, aber ich hatte ständig das Gefühl mich rechtfertigen und verteidigen zu müssen, wenn Linda anwesend war.
Das Problem war, dass es ihr nicht anders ging.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media