Schade das du nicht in meiner Nähe wohnst. Sonst würde ich, in solchen Nächten wie heute, zu dir kommen. Leise schleiche ich aus dem Haus, Niemand würde merken das ich weg bin. An deinem Fenster angekommen würde ich mit meinen Fingernägeln solange gegen die Scheibe prasseln bis du wach bist. Vielleicht sagst du jetzt das du von so ein bisschen leisem Geprassel nicht wach werden würdest … aber in solchen Nächten schon. Mein Freigeist würde schon laut schreien, noch bevor ich überhaupt wüsste das ich mich in dieser Nacht von meinen wohnlichen Fesseln befreien würde. Und du würdest diesen Schrei wahrnehmen ohne ihn zu hören. Und je näher ich komme desto lauter wirst du ihn vernehmen und desto leichter wirst du schlafen. Wenn ich dann bei dir angekommen wäre, würde der Schrei verstummen. Plötzlich würde alles so schrecklich ruhig sein das ich dich sogar wecken könnte, wenn ich nur eine Nadel fallen ließe. Endlich dann wärst du wach gewesen und stehst am Fenster. Wahrscheinlich würdest du erst mal darüber nachdenken ob es eine gute Idee wäre mitten in der Nacht durch die Gegend zu laufen. Doch bevor du noch die Chance hättest das Pro gegen das Contra aufzuwiegen hätte ich dich schon am Arm ergriffen und aus deinem Zimmer gezogen. Und als ob das nicht genug wäre schautest du mich mit Ekel verzerrtem Gesicht an, weil du gerade in eine Nacktschnecke getreten wärst und weder Schuhe noch Socken anhättest. Du schautest mich an mit einem Gesichtsausdruck der wahrscheinlich sagen will "Warum ich". Und ich könnte mir wahrscheinlich das Lachen einfach nicht verkneifen und würde es hinter meiner Hand verstecken. Dann würde ich dich an dieser nehmen und wir laufen los, als ob wir auf der Flucht wären. Durch die Schatten. Denn keiner sollte auch nur auf die Vermutung kommen das wir es sind. Wir würden immer weiter und immer schneller laufen. Durch die Nacht in die Wälder hinein, bis wir vor Erschöpfung keuchend umfallen würden. Noch schwer atmend würden wir uns auf den Rücken drehen um in den sternenklaren Himmel zu sehen. Erst jetzt würde ich bemerken das wir in Mitten des Waldes auf einer großen Wiese liegen. Keiner sagt ein Wort, damit die Ruhe der Nacht und diese wunderschöne Stille nicht gestört wird.
Langsam wird es morgens. Meine Enttäuschung würde in der Luft sehr deutlich zu spüren sein. Ich trauere. Ich wäre traurig darüber das es schon wieder vorbei sein soll. Das der nächste Tag schon so schnell käme. Sehr langsam würde der Himmel aufhellen und der Raureif würde sich auf unsere Haut setzen. Von den Spitzen der Grashalme würden wir die Tropfen, die wie kleine, feine Diamanten dort hängen, bewundern. Niemand würde auch nur ein Wort sprechen. Denn diese Stille voller Vertrauen, das sprechen mit nur der Berührung, die wir unter unseren Verfolgern nicht ausleben dürfen, würden wir genießen.
Dann würdest du aufstehen. Keinen Grund zu lächeln hätte ich dann mehr. Nun wärst du einer von ihnen. Du würdest deine Hand ausstrecken um mich wieder mit zurück zu führen. Ich muss sie annehmen.
Auf dem Weg zurück wäre es andersrum. Du hältst meine Hand und gehst voran, ich hinterher, fast gezogen. So würden wir durch den dunklen Morgen waten. Wir würden offen über die Straßen ziehen und dennoch nicht beachtet werden, denn du bist nur einer von Ihnen der einen Ausreißer zurück in das vorgefertigte Leben führt in das er gehört. Der Sonnenaufgang wäre nur noch ein paar Stunden entfernt und der Himmel hätte sich schon ein wenig aufgehellt.Doch die Ansätze eines Sonnenaufgangs wären noch nicht zu sehen. Ich würde mich fühlen wie an Ketten die mich wieder in mein Gefängnis bringen sollen.
Doch angekommen an deinem Fenster würdest du mir zeigen das alle meine Vermutungen Trugschlüsse waren. Du würdest dich zu mir drehen und zuerst an die Stelle gucken an der sich unsere Hände berühren. Voller Interesse was du dort zu sehen scheinst würde ich auch dort hinschauen. Plötzlich blicktest du auf und ich ebenso. Unsere Augen würden sich nicht treffen, sondern du würdest mir tief in meine schauen. Dann würdest du meine andere Hand ergreifen. Ohne auch nur ein Wort ausgesprochen zu haben hättest du all meine Ängste, all meine Bedenken und all die Trauer in mir weggewischt. Jetzt weiß ich warum du das tun musstest. Du bist und warst nie einer von Ihnen, sondern tatest dies alles nur um mich wohlbehalten zurückzubringen, bevor es außer Kontrolle geraten würde, weil unser verschwinden entdeckt werden würde. Du würdest nur ein Zeichen damit geben wollen, das es bald so weit wäre, aber Geduld eine Tugend ist. Wir müssen unsere Fassade aufrecht erhalten, bis sie uns gehen lassen.
So viel Stärke und Qualen unter einer Fassade versteckt die selbst für meine Augen als einer von ihnen galt. Du bräuchtest mir nie etwas beweisen und dennoch hättest du mir bewiesen wie ernst du es meinst. Mit deiner Liebe, deiner Treue und deinem Wunsch dich von diesen Fesseln, dieser Stadt und diesen Menschen einfach nur zu befreien. Mit mir zu flüchten und zu zweit eine neue Welt zu erbauen.
Immer noch würdest du mir in die Augen sehen, meine Hände halten. Kein Wort. Stille, wie eh und je. Die wertvolle Stille die es nur zwischen uns beiden gibt und von anderen nicht verstanden wird. Der Morgen wäre nicht mehr weit entfernt, nun würde ich auch die Trauer in deinen Augen bemerken. Aber auch dieses mal wärst du es der Mut und Kraft gibt. Du streichst mir eine Strähne hinters Ohr. Deine warme Hand würde an meiner Wange bleiben. Ein Schritt auf mich zu. Dann würde es geschehen, diese zarte Berührung unserer Lippen. Jene die diesem Geschehen einen Namen geben mussten, ihn damit für sich völlig Bedeutungslos machten. Nur noch wir zwei und der Boden. Der Nebel hüllte uns ein als wollte auch er uns von dem Rest der Welt trennen, uns verstecken. Nicht nur mir gäbe dieses Bekenntnis der Lippen die Kraft es noch weiter auszuhalten und weiter zu schauspielern. Für dich wäre er ebenso wichtig, zu wissen das ich dir all die Unterstützung und Liebe geben würde die du bräuchtest. Und was auch kommen wird ich für dich da sein werde.
Als würde ich durch den Nebel schweben, wäre ich wieder zu Hause. Legte ich mich in mein Bett, bevor die Sonne uns erwischen könnte. So würden wir aufgeladen mit neuer Kraft warten, bis der Tag angebrochen ist und wir uns wieder sehen dürften unter ihren wachsamen Augen.

Dies alles würde vielleicht passieren, wenn du in meiner nähe wohnen würdest.

Doch das tust du nicht. Und so bleibt es nur eine weiter schöne Geschichte in meinem Kopf.

Comments

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    Wunderschön geschrieben :)

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    Zum Träumen schön :-)

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