"Irgendwann"

Als ich am nächsten Morgen die Treppe herunterschlich und mich an den Küchentisch setzte, konnte ich vor Müdigkeit kaum die Augen aufhalten. Ray und ich hatten uns noch eine Weile in der vergangenen Nacht unterhalten und ich denke, dass es eigentlich keine Rolle spielte, wann wir eingeschlafen waren. Wie viele Stunden Schlaf bekam ich in dieser Nacht? Es war wirklich egal, denn ich fühlte mich, als wäre ich verkatert. Nach den Geschehnissen am vergangenen Abend war das wohl kein Wunder.

Halb sieben war definitiv keine gute Zeit, um wieder auf den Beinen zu sein. Apropos Beine. Meine schmerzten noch immer grauenvoll. Meine Knie zeigten offene Wunden, meine Schienbeine unzählige Schrammen. Nur mühsam schaffte ich es an diesem Morgen, mir zumindest Pflaster darauf zu kleben. Auch blaue Flecken zierten nun meinen Körper. Was machte das aber schon?

Wenn mir allerdings an diesem Tag nach einer Sache nicht der Sinn stand, dann war es, in die Schule zu gehen. Bens Tat musste sich inzwischen im ganzen Dorf herumgesprochen haben. Mir graute davor, unzählige Fragen zu beantworten und zu erklären, warum Kai nun im Krankenhaus lag.

„Guten Morgen.“ Die Stimme meiner Mutter klang gereizt und ich verdrehte genervt die Augen, weil ihre miese Stimmung nicht dazu beitragen würde, dass meine eigene besser wurde. Ich konnte schließlich auch nichts dafür, dass ihr Date ein Flop gewesen war.

Eigentlich hätte mir aber wohl ein Licht aufgehen müssen, stattdessen stellte ich die belanglose Frage nach dem Rest ihres Abends. Nicht, dass es mich an diesem Morgen wirklich interessierte.

„Ich habe von deinem Abend gehört“, erwiderte sie stattdessen und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

Natürlich wusste sie es. Mir wäre es nicht in den Sinn gekommen, aber wann gab es mal etwas, das meiner Mutter im Dorf entging? Wenn ganz Spellington über den Neuen sprach, der nun im Krankenhaus lag und über Ben, der mit einer Waffe durchgedreht war, war meine Mutter vermutlich bereits bestens informiert.

„Es ist nichts passiert.“ Mehr brachte ich nicht heraus. Ich konnte die Augen kaum aufhalten und wusste, dass ohnehin ein Donnerwetter folgen würde. Was spielte es schon für eine Rolle, was ich nun sagen würde?

Nichts passiert?“ Und da war sie. Die hysterische, kreischende Stimme meiner Mutter. Ganz, wie erwartet. „Dein neuer Mitschüler liegt im Krankenhaus, weil er angeschossen wurde. Zwei Mal, Douphne! Weil meine Tochter meint, sich spät abends noch mit ihm draußen herumtreiben zu müssen! Du hättest tot sein können!“

Ich nickte bloß monoton. Meinte sie etwa, das wären Neuigkeiten für mich? Ich konnte an nichts anderes denken, als daran, dass ich ohne Kais Hilfe nicht mehr an diesem Tisch sitzen würde.

„Warum triffst du dich mit diesem Kerl, wenn du ihn nicht magst und er dich ja doch nur in Schwierigkeiten bringt?“

So war das also? Das machte die Gerüchteküche aus dem Vorfall? Den bösen, neuen Kerl im Dorf, der das liebe Vorstadtmädchen in Schwierigkeiten brachte? Wundervoll. Ganz großartig. Weil wieder jeder Idiot der Meinung war, er wüsste es besser.

„So war das doch überhaupt nicht“, murmelte ich leise vor Erschöpfung.

„Dann erklär‘ es mir!“ Meine Mutter starrte mich fordernd an und mir wurde bewusst, dass ich keine andere Wahl hatte, als es ihr zu erzählen.

Ich seufzte, dann lehnte ich mich vor und stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab. „Ich war auf dem Schulhof, weil ich dachte, Alex würde in Schwierigkeiten stecken. Dann war da aber nur Ben mit einer Waffe. Er ist durchgedreht und wollte mir wehtun. Kai war nur zufällig dort und kam mir zu Hilfe. Deshalb wurde er angeschossen. Er hat mich vor Ben beschützt.“

„Der Kerl, den du also nicht magst, rettet dir das Leben?“ Mom klang verwundert.

„Sieht wohl so aus.“ Was sollte ich sonst sagen? Mehr wusste ich schließlich auch nicht.

Meine Mutter schnaubte. „Hast du dich wenigstens bedankt?“

Ich stieß ein Lachen aus. Das konnte unmöglich ihr Ernst sein. Keine Frage danach, wie es mir ging, ob ich verletzt war. Sie fragte nicht danach, ob es Kai gut ging. Nichts. Nur der Drang, sicherzugehen, ob ihre Tochter sich auch ja ihrer Erziehung entsprechend für die Hilfe bedankt hatte. Es zählte wie immer nur eines. Das perfekte Betragen.

„Sicher“, brummte ich nur.

Kai war wirklich kein geeignetes Gesprächsthema am frühen Morgen. Ich wusste selber noch nicht, was ich von der ganzen Sache halten sollte. Ich war noch immer geschockt, weil Ben tatsächlich durchgedreht war. Die Angst steckte mir noch immer in den Knochen.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Kaum sprach sie es aus, platzte mir der Kragen und die Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. „Ich? Soll das dein Ernst sein? Ich habe gestern nicht auf jemanden geschossen! Ich war es nicht, die jemanden umbringen wollte!“

Wut kam in mir auf und ich wollte meine Mutter in diesem Augenblick schubsen oder schlagen, nur um sie endlich zum Schweigen zu bringen. Wie konnte sie auch nur ansatzweise mich für diesen ganzen Mist verantwortlich machen?

„Ohne Kai McKenzie …“

„Er hätte mir nicht helfen müssen!“, unterbrach ich sie lautstark.

„Er hat dir das Leben gerettet!“ Sie schrie zurück und dieses eine Mal waren ihr offenbar die Nachbarn egal, die Streit aus dem Hause Parker gewohnt waren.

„Aus einer reinen Kurzschlussreaktion!“ Wutentbrannt stand ich auf und stellte mich vor sie. „Dieser Mistkerl wusste vorher schon ganz genau, was Ben vorhatte!“

Schlagartig kehrte Ruhe in der Küche ein. Meine Mutter stand bloß da und ihr fehlten anscheinend die Worte, um darauf zu reagieren. Ja, welche netten Worte wollte sie jetzt noch für den Helden der Nacht finden? Wenn er gar nicht so heldenhaft war, wie sie glaubte.

Ich wusste, was Kai für mich getan hatte. Ich wusste, dass ich ihm etwas schuldete. Ich wusste aber auch, dass ein Teil von mir es ihm wirklich übelnahm, dass er nur aus einer Laune heraus auf dem Hof erschienen war.

Leider wusste ich ebenfalls, dass mich das heldenhafte Auftreten wieder völlig in seinen Bann zog. Ich war fasziniert von ihm, beinahe noch mehr, als an dem ersten Morgen in der Schule. Ich bewunderte seinen Einsatz, mir zu helfen. Seinen Mut. Himmel noch eins, er wurde deswegen sogar angeschossen.

Brauchte ich also, zusätzlich zu meinem Gefühlschaos, jetzt auch noch eine Mutter, die nicht wusste, wovon sie sprach? Mit Sicherheit nicht. Sie sollte mich in Ruhe lassen.

„Guten Morgen.“

Ich folgte dem überraschten Blick meiner Mutter und entdeckte Ray, der in der Türe stand und uns verunsichert ansah. Mir war doch glatt entfallen, dass er da war. Ganz plötzlich schämte ich mich für den häuslichen Ausbruch.

„Oh, haben wir dich etwa geweckt?“ Natürlich war es so. Man konnte uns kaum überhören, wenn erst mal die Fetzen flogen.

Ich deutete auf den Stuhl neben mir und Ray kam der Aufforderung nach. Dann starrte er beinahe ehrfürchtig zu meiner Mutter. „Nein.“ Ein leichtes Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht. „Ich war schon wach.“

Das machte es auch nicht besser.

„Mom.“ Mir graute vor dem nächsten Donnerwetter von ihrer Seite, weil unangekündigter Besuch da war. „Das ist Ray Klevens. Er ist ein Freund von Kai.“

Ich erklärte ihr die erfundene Geschichte über das genehmigte, gemeinsame Wohnen und beobachtete dann kritisch ihren Blick.

„Fein.“ Ihre Laune war nicht mehr zu retten. „Ich muss zur Arbeit. Wir unterhalten uns dann ein anderes Mal darüber, ob hier Männerbesuch übernachten sollte.“

Ich schmunzelte. „Muss ich dich etwa um Erlaubnis fragen?“

Da bekam sie ein einziges Mal etwas mit und spielte sich gleich auf, wie eine richtige Mutter.

„Ich finde nur, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen sollten.“ Mom war nie erfolgreich autoritär und stellte mir nie wirklich klare Regeln auf. Vor allem nicht, was den Umgang mit Jungs anging.

„Wirst du mich also fragen, wenn Michael oder sonst wer hier übernachten will?“

„Nein, denn ich bin hier die Erwachsene“, erwiderte sie nur.

„Stimmt ja.“ In meiner Stimme schwang Ironie mit, doch sie war schon auf halbem Weg nach draußen. „Da hört die Rücksicht wieder auf.“

Ich hörte die Türe ins Schloss fallen und endlich kehrte die ersehnte Ruhe ein. Ray blickte mich unsicher an, doch ich seufzte und grinste dann. „Du bist soeben Zeuge einer Mutter geworden, die es für fünf Minuten interessiert, was ihre Tochter treibt.“

„Sie war ziemlich überrascht von meiner Anwesenheit.“ Er lächelte.

„An einem anderen Tag wäre es ihr gar nicht aufgefallen.“ Ich senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Alex schläft ständig hier, das merkt sie auch nie.“

Es war wohl nur fair, dass Ray gleich alles über mich und meine Familienverhältnisse erfuhr. Immerhin war ich auch über seine bereits informiert.

Ray sah sich in der Küche um, verdaute scheinbar immer noch den Streit, den er hatte mitanhören müssen. „Wow.“ Er lachte plötzlich und schüttelte den Kopf.

„Ja.“ Ich erwiderte das Lachen. „Herzlich Willkommen bei den Parkers.“

 

Als ich Alex und Gary an der Straße erblickte, hielt ich für einen kurzen Augenblick inne. Ihnen zu erklären, weswegen Ray bei mir war, war mir zu anstrengend an diesem Morgen.

Überraschenderweise fiel Alex mir aber gleich um den Hals und drückte mich fest. „Geht’s dir gut?“

Ja, die Nachricht hatte offenbar bereits die Runde gemacht. Ich wollte wirklich nicht zur Schule und um ehrlich zu sein, war ich auch nicht auf dem Weg dorthin. Wer würde es mir schon verübeln, wenn ich nach den Geschehnissen dort nicht auftauchte? Mit Sicherheit würde die Polizei uns noch sprechen wollen und Ray brauchte den Schlüssel zu Kais Haus, deshalb waren wir auf dem Weg ins Krankenhaus.

Dass Alex und Gary also eigentlich da waren, um mich zur Schule abzuholen, überraschte mich.

„Mir schon“, teilte ich also nur mit. „Aber Kai liegt im Krankenhaus.“

„Was interessiert mich der?“ Alex‘ Stimme klang kühl und ich befreite mich aus seiner Umarmung, um ihn ansehen zu können. „Wichtig ist nur, dass dir nichts passiert ist.“

Ich stand einfach nur da und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Es klang so unglaublich feindselig und lieblos, dass es mir die Sprache verschlug. Nicht mal ich würde es wagen, solche eine Äußerung von mir zu geben, obwohl ich im Prinzip jeden Grund dazu hatte.

Alex war niemals kühl oder distanziert und ich fragte mich ernsthaft, ob das wirklich mein bester Freund war, der da vor mir stand. Er schien meine Entrüstung zu bemerken, doch es war Gary, der noch einen draufsetzte.

„Wer ist das?“ Er starrte noch feindseliger, als unser Freund, doch bei ihm störte es mich gleich erheblich mehr.

Ray hingegen übertraf in seinem Verhalten nun alle beide. Ihm war der unangebrachte Tonfall in den Stimmen der beiden offenbar nicht entgangen. Er nannte lediglich brüsk seinen Namen.

„Er ist auch neu hier und kommt an unsere Schule“, fügte ich hinzu. „Ray, das sind Alex und Gary.“

Plötzlich lächelte mein bester Freund freundlich und reichte ihm die Hand. Ray gab ihm seine, doch wohl nur, weil er gut erzogen war.

„Ich würde gerne schon vorgehen“, bemerkte er dann und warf mir einen Blick zu.

Er wollte der Situation entkommen und wohl einfach nur noch das Weite suchen. Verständlich, denn genau das wollte ich in diesem Moment auch.

„Was ist denn geplant?“ Alex sah ihn interessiert an.

Wieder versuchte er, mit dem Neuen Kontakt aufzubauen und obwohl Ray wesentlich höflicher war, als Kai, hatte er sich das bereits verscherzt. Kein Wunder, bei den unfreundlichen Äußerungen über seinen Freund.

Weil Ray mit sich rang, ob er überhaupt antworten wollte, wandte ich mich an Alex. „Wir besuchen Kai.“

„Wieso denn das?“ Gary bemerkte es sehr abfällig.

Weil Kai dabei gewesen war, als Ben auch ihn drangsaliert hatte, hielt sich seine Sympathie für ihn stark in Grenzen.

Ich verübelte es ihm auch gar nicht, trotzdem fand ich, dass sie lieber schweigen sollten, anstatt Kai herabzusetzen. Außerdem spürte ich, dass Ray angespannt neben mir stand. Es riss sich zusammen und ich verstand auch das. Was war nur los mit den beiden?

Plötzlich verspürte ich den Drang, Ray beizustehen, indem ich Kai verteidigte. „Er hat mir das Leben gerettet. Außerdem ist er ein Freund von Ray.“

Alex warf uns einen überraschten Blick zu. Nun schien er zu verstehen, dass sein Verhalten unangebracht war.

„Kai wurde angeschossen, wusstet ihr das?“ Ray klang aufgebracht und konnte sich nicht mehr zurückhalten. „Er hat Douphne geholfen und wurde dabei verletzt. Er hat sie vor eurem Freund beschützt.“

So, wie er es ansprach, klang es wirklich äußerst ehrenhaft.

„Und du bist also gerade vom Krankenhaus hergekommen?“ Alex fühlte sich scheinbar provoziert und ließ sich nun von der angespannten Stimmung mitreißen. Er sollte sich besser hüten, denn ich war nicht wenig geneigt, zu Ray zu halten. „Oder warst du zum Frühstück hier?“

„Ray hat hier geschlafen.“ Ich schob mich intuitiv vor ihn, um ihm Schutz zu symbolisieren.

„Also ist er jetzt schon ein Freund von dir, oder was?“ Alex klang sehr verärgert, aber wenigstens konzentrierte sich seine Laune auf mich und nicht mehr auf Ray.

„Was soll das hier werden?“ Ich sprach es sanft an, um weitere Anspannungen zu vermeiden, doch vergebens.

Mein bester Freund redete sich bereits in Rage. „Gestern war noch alles in Ordnung und heute bist du plötzlich die Busenfreundin von Kais Kumpel?“

Ich litt fast schon Schnappatmung und meinte, mich verhört zu haben. „Gestern war nicht alles in Ordnung, Alex!“ Es platzte aus mir heraus. „Ben hat auf mich geschossen! Der Kerl, den du deinen Freund nennst, ist verrückt und unberechenbar! Hundert Mal habe ich dir das gesagt, doch du hast ihn verteidigt! Vielleicht vergisst du also mal für einen Moment deine ach so tolle Menschenkenntnis und dass Kai dich scheiße behandelt hat! Er hat mir geholfen und wurde dabei schlimm verletzt, also hör‘ auf, dich zu verhalten, wie ein schmollender Fünfjähriger!“

„Und das macht aus euch jetzt Freunde?“ Alex war angespannt, ebenso wie Ray. „Weil er tatsächlich etwas Nettes getan hat?“

„Nein“, wies ich ihn zurecht. „Aber mein Mitgefühl für seine Verletzungen machen mich zu einem besseren Menschen, als du gerade einer bist!“

Plötzlich bemerkte ich den Blick, der nichts Gutes heißen konnte. Alex starrte mich wütend an und holte Luft. „Eigentlich wollte ich dir das schonender beibringen, aber da du ja jetzt jemanden gefunden hast, der dich trösten kann, sag‘ ich es einfach. Wir haben ein Angebot von einer Firma erhalten und werden das Abitur abbrechen. Wir ziehen weg. Die Ausbildung beginnt schon nächste Woche.“

Er nahm mir die Sache mit Kai und Ray wirklich übel, das spürte ich. Trotzdem traf es mich nun wie ein Schlag. Wir stritten, ja, aber das war nicht ungewöhnlich. Mir solch eine Information nun auf diese Weise entgegenzuwerfen, war gemein. Ich wünschte, die Wut würde aus meinem Bauch weichen, doch das tat sie nicht. Sie wurde nur noch schlimmer. Wütend und gleichzeitig verletzt zu sein, war keine gute Kombination.

„Da habt ihr euch ja den besten Zeitpunkt ausgesucht, nicht wahr?“ Ich stieß ein abfälliges Lachen aus. „Dein Freund will mich umbringen und du gehst einfach weg. Dann muss ich jetzt wohl alleine damit klarkommen.“

„Douphne …“

„Lass‘ es!“, ermahnte ich ihn laut. „Rechtfertige keine Sache, für die ich gerade kein Verständnis aufbringen kann! Komm‘, Ray, wir gehen.“

Eiskalt wandte ich mich ab und ließ meinen besten Freund zurück. Ray warf den beiden noch einen Blick zu, dann folgte er mir.

Heute kann ich sagen, dass mir diese Tatsache wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen hatte. Zu wissen, dass es das Beste war, was mir passieren konnte, hätte mir damals sehr geholfen.

„Das war nicht fair von ihm.“ Ray regte sich neben mir auf und blieb vor dem Eingang des Krankenhauses abrupt stehen. „Kai ist ein guter Kerl! Und so mit dir zu reden …“

Er warf mir einen Blick zu und wollte wohl, dass ich ihm wegen Kai zustimmte.

„Ich glaube dir, dass du das glaubst“, bemerkte ich nach einem kurzen Zögern, doch es war nicht die Antwort, die er hören wollte.

„Du wirst es merken“, sagte er entschieden. „Irgendwann.“

Würde ich das? Würde ich Kai die Chance geben, mir genau das zu beweisen? Würde ich den Kontakt zu Ray aufbauen, wenn Alex verschwand? Ich war mir nicht sicher, dennoch nickte ich.

 

Der Tag, an dem mein bester Freund mich zurückließ, kam schnell. Obwohl wir kein Wort mehr verloren und unseren Streit nicht aus der Welt schafften, verletzte es mich sehr, dass er verschwand. Bloß fiel der Abschied ziemlich kühl aus, als Alex am frühen Morgen mit seinem Vater und dem Umzugswagen vor meinem Haus stand.

Ich wollte nicht mit ihm reden und obwohl ich wusste, dass ich es bereuen würde, war es zu früh, den Streit fallenzulassen. Die Zeit würde das regeln, aber an diesem Tag verabschiedeten wir uns wortkarg voneinander und auch als er die Straße herunterfuhr, befand sich in meinem Bauch noch immer ein wenig Wut.

Die wurde nicht abgeschwächt, als Michael Brown sich zu mir stellte und den fürsorglichen Freund meiner Mutter mimte. Kaum zu glauben, dass er tatsächlich noch da war. Schlimmer noch. Er war ständig da. Trotz des miserablen ersten Dates, schienen die beiden der Sache eine Chance geben zu wollen. Mir sollte es recht sein, solange er mich in Ruhe ließ. Ich musste mich nun damit befassen, wie ich alleine zurechtkommen sollte. Ohne Alex.

„Nimm es nicht so schwer“, sprach Michael mich an. „Du hast doch noch andere Freunde.“

Ich ignorierte es. Leider lag er falsch. Mit vielen Leuten verstand ich mich wirklich gut, aber befreundet war ich eigentlich nur mit Alex. Auch an diesem Tag war mir deshalb gar nicht danach zumute, zur Schule zu gehen. Die letzten Tage waren schlimm genug gewesen, als ich immer und immer wieder, jedem der es hören wollte, die Geschichte mit Ben erzählte.

Und obwohl meine Laune unterirdisch war, war mir klar, dass es nicht gut ausgehen würde, was ich tat. Trotzdem konnte ich die Worte nicht aufhalten, als sie meinen Mund verließen. „Lass‘ uns mal etwas klarstellen. Du lässt mich in Ruhe und gibst mir keine blöden Ratschläge. Du wirst nicht so tun, als würden wir uns jetzt nahestehen, weil du der Freund meiner Mutter bist. Ich brauche dich nicht als Vaterersatz und werde nicht hinnehmen, dass du dich in meinem Leben breitmachst.“

Er konnte nichts dafür. Für gar nichts. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Zuerst schien er trotz meiner Worte sanft zu lächeln, bis ich schließlich noch ausstieß, dass ich meine Mutter schon dazu bringen würde, ihn wieder in die Wüste zu schicken.

Es war wirklich nur der Frust, der mich wegen Alex packte, doch ohne es zu wollen, traf ich einen Nerv und war mehr als überrascht, als ich die entsprechende Reaktion bekam.

„Jetzt hör‘ du mir mal zu, du freche Göre!“ Michaels Hand schnellte an meinen Arm und drückte fest zu. „Wenn du dich nicht bedeckt hältst, wirst du mich kennenlernen. Ich warne dich. Mach‘ mir keine Probleme, oder ich werde die Sache hier dann auf eine Art und Weise lösen, die dir nicht gefällt.“

In dem Moment schoss mir ein Gedanke geradewegs in den Kopf. Meine Mutter war eine erfolgreiche Anwältin, verdiente viel Geld. Da Michael mich so anfuhr, ging ich automatisch davon aus, dass er das schlechte Date nicht aus Nächstenliebe erduldet hatte. Vermutlich wollte er nur an ihr Vermögen, sie ausnehmen.

Ich war sprachlos von seiner drohenden Art und dem festen Griff. Was sollte ich tun? Was sollte ich darauf erwidern? Ich sah Schwierigkeiten auf mich zukommen.

„Finger weg von ihr!“ Die Stimme ertönte laut und stark und ich erkannte sofort Kais grimmigen Unterton darin.

„Kommen wir ungelegen?“ Ray musterte das Bild, das sich ihm bot, kritisch.

Mein Blick klebte allerdings nur an Kai. Auch, als Michael mich losließ, seinen Anzug zurechtrückte und ihn mit einem wütenden Ausdruck in den Augen anstarrte.

Was machte er nur außerhalb des Krankenhauses? Dass Kai wieder auf den Beinen stand, obwohl er zwei Mal angeschossen worden war, konnte ich mir nicht erklären. Ich bekam an diesem Tag nur heraus, dass er es auf eigenen Wunsch veranlasst hatte. Auf eigenes Risiko.

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beta
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