Isolation

Garrett seufzte, als es nach der letzten Stunde klingelte. Mit einem letzten Schwung des Kugelschreibers notierte er sich die enorme Hausaufgabe, die der Englischlehrer seinem Kurs aufgebrummt hatte.

Das einzig Gute daran war, dass es ihnen überlassen war, das Thema zu wählen. So hatte der alte Habicht nachher kein Recht, sich zu beschweren, wenn seine Hausarbeit von Vampiren handelte oder von seiner Lieblings-Metalband.

Er war müde und nicht gerade ein begeisterter Schüler, doch er mochte Arbeiten, in denen er Kreativität beweisen musste. Und so waren seine Essays und Aufsätze stets mit sehr guten Noten belohnt.

Es regnete, als er das Schulgebäude verließ und beobachtete seine Mitschüler, wie diese versuchten, halbwegs trocken zu ihren Fahrrädern oder Autos zu gelangen.

Nicht viele Schüler in Gatwick hatten eigene Fahrzeuge, außer hier und da mal ein klappriges Moped. Die Menschen waren einfach und hatten einfache Jobs. Die wenigen, die studiert hatten und nun als Anwälte oder Ärzte ihr Geld verdienten, konnten es sich allerdings leisten, ihren Kindern eigene Autos zu kaufen und bildeten sich höllisch etwas darauf ein.

Garrett ließ sein Fahrrad unbeachtet am Unterstand stehen. Er würde gleich jetzt mit den Vorbereitungen zu seinem Essay anfangen und huschte im Regen über die nur mäßig befahrene Straße.

Die Bibliothek der Stadt, die auch von der Schule genutzt wurde, stand für jedermann offen und die alte Bibliothekarin kannte Garrett schon, da war er noch ein kleiner Junge. Sie war die Einzige, die ihn wirklich zu mögen schien, hatte er manchmal das Gefühl. Die nie komisch guckte, wenn er mit Makeup um die Augen auftauchte oder mit einem besonders auffälligen Outfit. Sie sagte, er erinnerte sie an ihren Enkel aus Manchester. Der würde sich an den Wochenenden mit seinen Freunden in Clubs treffen und auch immer so rumlaufen.

Garrett glaubte, sie hielt ihn für schwul. Doch wenn er ehrlich mit sich selbst war, wusste er selber nicht, was er war.

Er wusste nur, dass er trotz seiner 18 Jahre noch nie Interesse an einem Mädchen hatte. An einem Jungen aber auch nicht. Wie denn auch bei den ganzen Idioten, die sich seine Altersgenossen nannten?!

»Oh hallo, Garrett. Schön, dich mal wieder zu sehen«, begrüßte ihn Mrs. Bigsby, die Bibliothekarin, mit einem Lächeln, welches er erwiderte. Eigentlich lächelte er fast nur sie an.

»Hallo, Mrs. Bigsby. Was macht das Knie?« Die Dame war bereits etwas über 60 und klagte schon eine Weile über Arthritis im Kniegelenk.

»Es geht etwas besser jetzt. Was brauchst du denn heute, mein Junge?«

Garrett dachte einen Moment nach.

»Könnten Sie mir helfen, alles zusammenzutragen, was mit übernatürlichen Legenden zu tun hat? Besonders alles über Vampire? Ich soll ein Essay schreiben und der alte Habicht, sorry, Mr. Warmer, hat uns kein Thema vorgegeben.«

Die alte Bibliothekarin zwinkerte und wuselte sogleich mit dem Jungen los. Es dauerte keine 10 Minuten, da hatte Garrett einen Stapel aus 7 dicken und alten Büchern auf einem Tisch liegen.

»Und denk dran, Schätzchen. Informationen findest du auch in diesem neumodischen Internet. Du bist der Einzige aus der Schule, der für die Hausaufgaben noch hier her kommt. Die anderen klappern nur auf dem Computer rum.«

Garrett lächelte. Sicher würde er auch noch Informationen aus dem Internet ziehen, wenn er das Essay eh tippen musste, aber er mochte die Bibliothek. Dort war es ruhig.

»Ich liebe den Duft alter Bücher, Mrs. Bigsby, und ich mag Ihre Kekse.«

Die alte Dame tappte ihm auf den Kopf und huschte los, während Garrett das erste Buch aufschlug. Es war eine Sammlung von Legenden über Dämonen der Nacht, die sich nach Blut verzehren.

Erstaunlich, dass diese Bibliothek solche Schätze besaß. Denn es war kein reißerischer neuaufgelegter Druck irgendeines Fantasyautors, sondern Sagen aus ganz Europa, zusammengetragen vor mehr als 150 Jahren.

»Hier, Schätzchen. Ich habe deinen Wink schon verstanden. Kekse und eine Tasse Tee. Viel Erfolg bei deinem Essay.« Die Bibliothekarin stellte ein kleines Tablett neben ihm auf den Tisch und ging wieder ihrer Arbeit nach, während Garrett begann, sich Notizen zu machen.


Je mehr er las, desto mehr versank er in der Sagenwelt und während er seine Notizen machte, fiel ihm vermehrt der Name Dionysos in den alten Aufzeichnungen über Vampirmythen auf.

Hatten sich die Schreiber der Legenden dort vertan? Was hatte der griechische Gott des Frohsinns, des Weins und der schönen Künste mit einem Vampir zu tun? Er schob den Gedanken beiseite und las, ohne weiter auf den Namen zu achten.

Müde lehnte er sich nach 3 Stunden an den Stuhl und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. Er hatte mehrere Seiten vollgeschrieben und einige Dinge notiert, die er im Internet genauer nachforschen wollte.

Nicht mehr mit der nötigen Motivation, noch weiter zu lesen, blätterte er noch ein wenig in dem Buch und blieb an einem alten Holzstich hängen, der ihn augenblicklich in seinen Bann zog.

Der Mann, den der Stich zeigte, war überirdisch schön. Sicher wusste Garrett, das hochstehende Personen des Mittelalters sich gern stilisiert darstellen ließen, doch das kümmerte ihn wenig. Die Augen des Mannes waren schwarz und Garrett hatte das Gefühl, dass sie ihn genau durchbohren würden, bis ganz tief in den hintersten Winkel seiner Seele. Er schluckte und versuchte, den Blick abzuwenden, doch es gelang ihm erst nach einigen Sekunden. Sein Herz raste, als hätte er den Teufel gesehen.

In Gestalt des schönen, jungen Verführers.

Mühsam lenkte er seine Augen von dem Gesicht weg zu dem Namenszug unterhalb des Bildes. Sein Mund wurde trocken. Die Signatur zeichnete das Bild als Werk eines italienischen Künstlers aus und es trug den Namen ”Il vampiro Dionysos”.

Also hatten sich die Schreiber nicht vertan und es gab einst jemanden, der sich selbst als Vampir bezeichnete und Dionysos nannte. Denn der Holzstich stammte aus dem Jahr 1523.

»Mrs. Bigsby? Kann ich dieses Buch ausleihen? Da sind einige Sachen drin, die ich gern noch lesen würde, aber es wird langsam spät«, nuschelte Garrett und musste tatsächlich erstmal husten, bevor man seine Worte verstand. Der Junge packte alles andere zusammen und legte das gewünschte Buch auf den Tresen.

»Oh, das ist aber ein alter Schinken. Da musst du gut drauf aufpassen, ja? Hier, ich gebe dir eine Plastiktüte, falls es noch regnet, denn in deine Tasche wird es nicht passen.«

Garrett unterschrieb für die Leihgabe, verabschiedete sich und radelte, als er sein Fahrrad geholt hatte, zügig heim.

Er seufzte, als er seine Mutter, kaum das er zuhause war, bereits wieder meckern hörte.

»Garrett Pinkerton, wozu hast du ein Handy, wenn du es nie benutzt? Hättest du mir nicht eine SMS schreiben können, dass du später kommst? Wo warst du schon wieder? Sag nicht, du hast schon wieder alberne Fotos gemacht und dich im Wald rumgetrieben?! Ich hab dir gesagt, dass ich das nicht will!«

Danke, das du soviel Verständnis für meine Hobbys hast, Mum!!

Diese Worte lagen ihm auf der Zunge, doch er hielt nur die Tüte hoch.

»Ich war in der Bibliothek. Ich muss ein Essay schreiben und hab vergessen, nen Text zu schicken, ok? Kann ich auf mein Zimmer gehen? Ich hab zu tun.«

Die Frau schüttelte nur den Kopf und ließ ihren Sohn ziehen, während sie vor sich hin nuschelte, dass er dringend mal wieder zum Friseur musste.

In seinem Zimmer konnte Garrett es kaum erwarten, das Buch wieder an der Stelle mit dem Holzstich aufzuschlagen. Dieser Mann... er wusste nicht, ob er echt war, aber die Person, die einst Modell stand für diesen Stich, faszinierte ihn, ja ließ ihn erschauern und jagte ein Kribbeln über seinen Rücken.

Obwohl er sich ein wenig dumm dabei vorkam, einen Mann zu bewundern, der seit 500 Jahren tot sein musste, zückte er sein Handy und machte eine gute Fotografie des Bildes. Und mit schrecklichen Gewissensbissen griff er nach der Seite des Buches und riss sie kurzerhand raus. Auf der Rückseite war nur ein weiterer Stich einer Landschaft, würde dem Buch also nicht schaden.

Beschämt verstaute er die gestohlene Seite in seinem Schreibtischfach, nahm das Buch und las die Legenden über den Vampir Dionysos.


»[...]So gilt Dionysos, glaubt man den Legenden, die Europa durchziehen, als größte Bestie unter den Vampiren und versetzte über Jahrhunderte die Menschen aller Länder gleichermaßen in Angst und Schrecken. Seine überlieferten Angriffe gezielt auf Klöster, besonders religiöse Gemeinden und Geistliche lassen den Schluss zu, dass sein Hass sich nur auf Personen dieser Kreise reduzierte. Angriffe oder gar diese immense Ausuferung der Gewalt und des Blutrausches auf normale Zivilisten sind laut den Legenden nicht bekannt. Jedoch wird von Dionysos als besonders blutrünstigem Vampir berichtet, den ein Menschenleben nicht kümmerte, war es nun geistlich oder nicht.[...]«


Garrett schluckte, als er zwei Stunden später das Buch weglegte. Er hatte überlieferte Legenden aus Ungarn gelesen, Rumänien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Skandinavien und eben auch Großbritannien. Dieser Vampir hatte laut diesen eine Spur des Blutes hinter sich her gezogen wie kein anderer und zahllose Klöster und Kirchen sind ihm zum Opfer gefallen.

Er erschauderte, als er an die Legende des Franziskanerklosters in Irland dachte, in dem die Mönche sich, durch Dionysos vergiftet, gegenseitig abgeschlachtet haben sollen wie die Tiere, während er alles mitangesehen hatte.

Auch wenn dies nur Legenden waren, als Lektüre vor dem Zubettgehen waren sie eindeutig ungeeignet. Und dennoch faszinierte ihn die Figur des Vampirs und er war froh, dass diese Wesen ins Reich der Fantasy gehörten. Er liebte Vampire und alles Übersinnliche, aber er war nicht so weltfremd, um wirklich an deren Existenz zu glauben.

Er fröstelte und schloss das Fenster, bevor er das Zimmer verließ, um eine Dusche zu nehmen. Er musste die kalte Furcht in seinen Knochen loswerden.

Er föhnte sich gerade die Haare, als seine Mutter ihn zum Essen rief.

»Garrett, ich möchte, dass das aufhört«, sagte sie, als die Teller auf dem Tisch standen.

»Was, Mum?«

Seine Mutter machte eine allumfassende Geste zu ihm.

»Das alles. Deine Kleidung, dein ganzes Aussehen... deine Haare. Du bist doch so ein hübscher Junge, warum läufst du so rum? Kein Wunder, dass die Jungs um Kyle nichts mehr mit dir unternehmen wollen.«

Garrett starrte seine Mutter an, als hätte sie ihm gesagt, er hätte eine grüne Nase.

»Mum, ich will gar nicht mit Leuten wie Kyle rumhängen, saufen und kiffen. Das kann nicht dein Ernst sein?!«

»Aber so bekommst du doch nie eine Freundin. Und denk mal dran, in einem Jahr bist du mit der Schule fertig. Wer gibt dir so einen Job, hm?«

Seine Mutter musste immer an Tagen, an denen er eh schon total fertig und müde war, mit solchem Mist kommen.

»Mum! Erstens will ich keine Freundin, denn die Leute hier sind mir einfach zu blöde. Zweitens dachte ich, dass klar ist, dass ich nach dem Abi zu Dad ziehe, um zu studieren? Er hat meine Unterlagen am King’s College schon eingereicht und ich hab gute Karten.«

»Dein Vater, natürlich. Der hat dir auch den Floh ins Ohr gesetzt, dich wie ein Satanist anzuziehen und solche widerlichen Fotos von Grabsteinen, toten Bäumen und vergammelten Tieren zu machen. Ich verstehe, warum die anderen Teenager nichts mit dir zu tun haben wollen...«

Garrett hatte genug. Er hasste es, wenn seine Mutter ihm so kam. Warum konnte sie ihn nicht einfach so sein lassen wie er wollte? Warum verstand sie nicht, das “diese widerlichen Fotos” Ausdruck seiner Kunst und seines Verständnisses des Lebens waren? Und dass es Menschen gab, die diese Bilder liebten und ihn unterstützten. Wie sein Vater, auch wenn der im fernen und lauten London lebte.

»Nur nochmal, damit du es auch verstehst, Mum. Meinen Stil nennt man Gothic und das hat nichts mit Satanismus zu tun. Du kannst es googlen, wenn du willst. Und nur, weil du willst, dass ich zu den Idiotenkindern passe und die Leute dich nicht mehr auf der Straße wegen mir ansprechen, werde ich nicht aufhören, mich so anzuziehen. Denn so bin ich, Mum. Finde dich damit ab! Der Hunger ist mir vergangen, ich gehe lieber noch einen toten Fuchs fotografieren!«

Grob schob der Junge seinen Stuhl an den Küchentisch, nahm seine Kamera von dem Haken an seiner Zimmertür und stürmte nach draußen, in den Wald, der ihn mit samtener Finsternis umschloss. Seine Augen hatten sich durch die Monate, die er schon darin herumlief, an die Dunkelheit gewöhnt. Er kannte seine Wege und stolperte nicht mehr.

Auf einer kleinen Lichtung blieb er stehen und fokussierte die Kamera auf eine nachtblühende Blume, doch die Worte seiner Mutter wollten nicht aus seinem Ohr verschwinden.

»Ich verstehe, warum die anderen nichts mit dir zu tun haben wollen...«

Ein Rascheln in seinem Rücken ließ ihn aufhorchen, doch er bewegte sich nicht. Es machte ihm keine Angst mehr, in der Nacht hier zu sein. Hier gab es nichts, was ihm schaden würde.

In die Finsternis starrend spürte er die heißen Tränen auf den Wangen kaum. Er weinte nur selten, und wenn, dann tat er es hier, wo ihn niemand sehen und hören konnte.

War er wirklich so anders als andere? Und warum fand er dann im Internet auf seinem Fotoblog so viele Anhänger, die ihn bewunderten für seine Kunst? Lag es nur daran, dass er in einem 2.000-Seelen-Kaff lebte, das rückständig und kein bisschen modern war?

Energisch und sauer auf sich selbst, weil er sich mal wieder bemitleidete, wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. Er fühlte sich wohl, so wie er war und das war alles, was er wollte. Die anderen würden ihn auch in normalen Klamotten immer noch für einen Freak halten, weil er andere Interessen hatte, andere Bands mochte und allgemein einfach etwas feingeistiger war als sie. Er war sogar besser in der Schule als die meisten und das, ohne sich groß anzustrengen.

Nein, er würde nie in diese Clique passen. Dazu war auch schon zuviel passiert, was seine Mutter gar nicht wusste. Und was er selber lieber vergessen wollte.

Nach einigen Minuten des Grübelns wurde das Gefühl, beobachtet zu werden, in ihm immer stärker und er machte schließlich kehrt, um nach Hause zurückzukehren. Das Kaninchen, welches im Gebüsch sitzen und das Gefühl ausgelöst haben musste, würde sich dann sicherlich auch wieder verkrümeln.

Zuhause angekommen, ging er sofort, ohne ein weiteres Wort zu seiner Mutter, in sein Zimmer, entkleidete sich und legte sich ins Bett.

Dem Drang nachgebend, betrachtete er das Bild des Vampirs aus dem Buch noch einige Minuten auf dem Display seines Handys und schlief schließlich deprimiert und total erledigt ein.

Comments

  • Author Portrait

    Habe jetzt auch mal angefangen diese Geschichte zu lesen, ist sehr eindrucksvoll!

  • Author Portrait

    Ich bereu nicht, es noch mal begonnen haben zu lesen :) Jetzt kommentiere ich in aller Ruhe. Du schreibst sehr mitreißend und man kann sich gut reinversetzen.

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