Ist es wahr?

Ist es wahr?

Varek

Ich hatte das Gefühl, zu stürzen. In einen Abgrund. Ich trudelte durch Zeit und Raum und niemand half mir, den Sturz abzufangen.
Aus sicherer Entfernung, weit genug fort, damit sie mich nicht mehr sehen konnte, und durch Magie abgeschottet von ihren Gefühlen, stand ich in der kargen Wildnis. Meine Instinkte tanzten.
Ich hob das Gesicht dem Himmel entgegen. Das Schauspiel am Himmel ließ meine Sinne noch schärfer pulsieren. Ich fühlte mich betrunken, high, wie auf einem Tripp, von dem ich nicht mehr herunterkam.
Der Blutverlust zehrte an meinen Kräften. Ich musste fort. Schnell. Aber mein Verstand klammerte sich an den Bildern fest, die sich in weiter Ferne abspielten. Das Mädchen sprang vom Baum herunter. Ich sah, selbst über die Distanz hinweg, wie sie die Hand hob, um sich Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Mein Herz pulsierte.
Ich hatte ihr nicht wehtun wollen. Aber jedes weitere Wort brachte sie in Gefahr.
Sie. Kadra. Die Eine. Wie war das möglich? Wieso tauchte sie, nachdem ich Jahrhunderte vergebens nach ihr gesucht hatte, gerade jetzt hier auf? Wieso führte uns das Schicksal an diesem Ort und zu dieser Zeit erneut zusammen? Und wie um Himmelswillen hatte ich nicht spüren können, dass sie tot war?
Die Gewissheit, dass alles Hoffen und Bangen nun vergebens war, nistete sich wie ein Schatten in meinen Verstand ein. Sie war tot. Und keine Magie der Welt brachte sie mir wieder. Jetzt blieb uns nur die Ewigkeit. Ein Leben nach dem Leben. Nie mehr würde ich den Arm um sie legen, in ihre rehbraunen Augen schauen und spüren, wie sie in mein Haar atmete. Niemals wieder.
Ein eisiger Sturm erfasste mich. Diesmal kam er nicht aus den Kräften der Natur, sondern symbolisierte das Heulen der Leere tief in meiner Brust.
Instinktiv huschte meine Hand zu meinem Herzen hin. Ich schnappte nach Luft.
Jahrhunderte waren vergangen, seit ich das letzte Mal den Drang verspürte, es zu berühren. Nachzusehen, ob es noch immer schlug. Und nun war der Moment gekommen. Ein tiefes, ebenmäßiges Pochen in meiner Brust presste nicht nur die letzten Blutstropfen aus mir heraus, es erinnerte mich auch an eine ferne Vergangenheit. An eine Zeit, in der dieses Klopfen mehr für mich gewesen war, als eine Erinnerung an das Leben selbst. An eine Zeit, in der ich für einen Augenblick glücklich war. Und liebte.
Ein Windstoß peitschte mir das Haar ins Gesicht. Ich unterdrückte den Impuls, die Hand zu heben, und es fortzustreichen. Ich wollte jede einzelne Sekunde dabei zusehen, wie sich die junge Frau bewegte. Ihr langes, blondes Haar war zusammengebunden. Es war lockig und trug den Geruch meiner Zigaretten fort. Der schwere, beißende Gestank übertönte den zarten Geruch ihres Angstschweißes, der mich in einem schlechten Zeitpunkt zum unkontrollierten Jäger gemacht hätte. Das Adrenalin schoss in meine Venen.
Ich taumelte, ging in die Hocke und musste mich an einem der kahlen Felsen abstützen.
Sie war hier.
Nach all den Jahren war sie mir so nahe, dass ich nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihre Seele an mich zu reißen. Nur ein Ruck, ein Augenblick, und wir konnten frei sein, für immer.
Wilde Fantasien zuckten über meine Netzhaut. Ich schloss die Augen, um die Bilder abzuschütteln. Ich wollte sie nicht töten. Ich durfte nicht. Meine Selbstwahrnehmung ließ keinen Trugschluss zu: Ich durfte ihr niemals wieder begegnen. Denn eine erneute Konfrontation mit Kadras Seele würde einer von uns nicht unbeschadet überstehen.
Kira wandte sich ab. Sie ließ die Augen über das Hochland schweifen, aber mich konnte sie nicht sehen. Ich besaß Gaben und Fähigkeiten, die mich nahtlos mit der Finsternis verschmelzen ließen.
Während ich sie ansah, versuchte ich, mich an Kadra zu erinnern. An unsere erste Begegnung am schwarzen Strand. An all die Male, die sie in meinen Armen gelegen und geschlafen hatte, während ich sie stumm betrachtete. Dieses Mädchen trug die wertvollste Seele des ganzen Universums in sich. Für mich jedenfalls.
Unter meiner Hand, die noch immer an meiner Brust ruhte, hörte das Blut langsam auf zu fließen. Der Speer hatte mein Herz durchdrungen. Eine derartige Verletzung kostete mich Kraft und Zeit. Ich musste diesen Ort verlassen, um in aller Ruhe zu genesen. Aber ich konnte mich nicht losreißen.
Wie gebannt fixierte ich die Sterbliche in der Ferne, sah ihr zu, wie sie sich langsam entfernte. Wie gern wäre ich ihr nachgelaufen, hätte sie gepackt und Kadra aus ihr herausgerissen. Aber ich wusste, mein Kontrollverlust wäre ihr Tod.
Deshalb atmete ich aus. Ermahnte mich zur Ruhe. Zwang mich zum Stillstand. Einmal. Zweimal. Meine Gedanken kreisten um den einen Punkt, an dem ich mich dazu drängen musste, zu gehen. Bevor die Ohnmacht mich einholte und ich die falschen Leute auf ihre Fährte führte.
Es galt, dieses seltsame, fremde Mädchen mit der kostbaren Seele um jeden Preis vor der Welt und deren Gefahren zu schützen. Ich wollte ihr Schatten sein. Immer da und niemals sichtbar. Ein stiller, unheimlicher Wächter, der jedes Unheil von ihr abhielt.
Aber der Zeitpunkt, den sie auserwählt hatte, mich zu finden, war denkbar schlecht gewählt. Ich war in Eile und doch im Alltag gefangen. Flucht, Ruhe, Ausruhen, Flucht, Ruhe - aus meinem Rhythmus gab es kein Entkommen.
Ich blinzelte dem Nachthimmel entgegen. Die vielen, tanzenden Lichter lullten meinen Verstand ein. Ich spürte Wärme, die von meinem Brustkorb aus in meine Arme und Beine kroch. Müdigkeit folgte ihr wie ein stechendes Nachbeben. Die Zeit drängte. Ich musste gehen.
Auch wenn ich bleiben und ihre Gegenwart trinken wollte, wie ein Süchtiger. War ich das? Süchtig nach Erinnerungen? Nach dem Dröhnen der Vergangenheit? Süchtig nach den Illusionen einer Zeit, die nur in meinem Kopf noch greifbar war?
Träge wandte ich mich ab, öffnete mit letzter Kraft ein Portal, das nur ich sehen konnte, und schlüpfte hindurch. Kira, Kadra, und die Wahrheit blieben hinter mir in der Finsternis zurück.
Fragen schwirrten durch meinen Geist.
Ihr Geheimnis war bei mir sicher. Vorerst.

Comments

  • Author Portrait

    Man kann sich wirklich gut in Varek hineinversetzen. Aber hast du hier einen Sinnsprung? Du schreibst: "Ihr langes, blondes Haar war zusammengebunden. Es war lockig und trug den Geruch meiner Zigaretten fort." Vielleicht den Satz umformulieren?

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