Ist es wirklich so furchtbar?

Ich schreibe diesen Text aus folgenden Gründen: Ich führe kein Tagebuch und keinen Blog. Ich möchte das Erlebte aufschreiben, um es so vielleicht endgültig aus meinem Kopf zu bekommen und auch, um die Ironie des Lebens, meines Lebens, zu schildern. Möglicherweise unterhält es den ein oder anderen auch. Mir hat es nicht allzu gut getan, weder von der einen, noch von der anderen Seite, obwohl ich mir von beiden Seiten Besserung erhofft habe. Doch, wie heißt es so schön in 'Das Leben des Brian': You know, you come from nothing, you're going back to nothing. What have you lost? Nothing!

Ich bin ein guter Verdränger. Das hab ich mir mit zunehmendem Alter immer mehr angewöhnt. Und eines noch dazu: Für mich war die Welt um mich herum immer 'perfekt', weil ich dachte es sei normal und müsse so sein.

Vor zwei Tagen ging ich zum Hausarzt. Der Grund ist Einigen hier auf Belle vielleicht bekannt. Ich habe seit Jahren ein sehr gestörtes Verhältnis zu Essen. Und in gewisser Hinsicht habe ich vor wenigen Tagen realisiert, dass es mit mir zuende geht, wenn ich so weitermache. In circa einem dreiviertel Jahr habe ich 16 bis 17 Kilogramm abgenommen, habe Angst wieder zuzunehmen, sehe im Spiegel eine fremde Person und kontrolliere sehr streng, dass ich täglich unter einer Kaloriengrenze von 700, aber höchstens 1000 Kalorien bleibe, weil ich dann ganz sicher sein kann, nicht meinen Grundumsatz erreicht zu haben. Und warum so ein Blödsinn, werden sich jetzt einige fragen.
Das hat mehrere Gründe, aber die Relevantesten sind wohl meine ablehnende Haltung gegenüber meinem Körper und meine Sehnsucht nach etwas, was ganz alleine mir gehört. Mein Leben ist reglementiert, unser aller Leben ist das, aber es geht zu weit, wenn Eltern ihrem 18-jährigen Kind jegliche Arbeit abnehmen wollen, es für ein schwächliches Baby halten und am liebsten die ganze Jugend verplanen würden, bis sie es irgendwann mit Mitte 30 vielleicht loswerden, falls das überhaupt passieren sollte, wenn man sein Kind unselbstständig hält und es in einen goldenen Käfig sperrt. Das klingt hart und wie ein Vorwurf gegenüber fürsorglichen Eltern. Aber das ist es nicht. Es sind die Fakten!
Am liebsten hätte man sein Kind an einer Leine und könnte es in den meisten Lebensbereichen beobachten. Aber wisst ihr, was das Böse am Wundervollen ist? Ich hab mich eine lange Zeit gefragt, warum ich mich gerade so ausgiebig mit Science-Fiction und vorallem mit Künstlichen Intelligenzen und Dystopien beschäftige. Warum mich gerade diese Themen immer wieder reizen. Ich glaube den Grund gefunden zu haben. Das Gefühl selbst nur eine Künstliche Intelligenz zu sein, die nach den Regeln eines Überwachungsstaates funktioniert, beschlich mich wahrscheinlich schon immer auf subtile Weise.
Und auch wenn es jetzt klingen sollte als würde ich verzogenes Wohlstandkind meine Eltern als böse Diktatoren darstellen, nun... das mache ich jetzt, hier, in diesem Text. Denn zu erkennen, dass meine Eltern nicht die unfehlbaren Götter sind, die ich immer haben wollte, das hat fast 19 Jahre auf sich warten lassen. Ich habe immer irgendwo eine Ausrede gefunden, um ihr Verhalten mir gegenüber in Schutz zu nehmen, denn daraus bestand mein Leben immer: Das Verhalten anderer zu bestätigen. Und besonders das meiner Eltern.
So war ich für mich selbst immer ein unzulängliches Kind, wenn ich das Verhalten meiner Eltern als negativ bewertet habe. Es erschien mir als sei ich nicht fähig in den Augen der Welt richtig zu funktionieren und hätte es mehr als verdient von allem und jedem runtergezogen zu werden. Und besonders von meinen Eltern.

Doch wie fang ich nun an mit der eigentlichen Geschichte? Der Anfang ist immer das Schwierigste, finde ich. Also schreibe ich einfach, ohne groß darüber nachzudenken und irgendwas zu beschönigen oder schlimmer zu machen als es war.

Nun, ich saß beim Hausarzt. Ich hatte es vor vier Tagen mit zittriger Stimme gerade so geschafft einen Termin zu vereinbaren und habe gleich der Sprechstundenhilfe ganz klar das Problem genannt: 'Ich glaube, nun... ich vermute ich habe eine Essstörung.' Aber was heißt 'ich vermute'? Immerhin ist mir seit fünf Jahren mehr als bewusst, dass irgendwas falsch läuft und ich auf meine Eigenmotivation und Kraft pfeifen kann.

Also, wie gesagt, ich saß beim Hausarzt. Sie war erstmal verwundert, dann irritiert, dann schockiert. Tja, wie sollte man verständlich machen, dass ich aus Hass auf meinen Körper angefangen hatte mich mit Nahrungsentzug zu bestrafen und mir nie gut genug für irgendwas war, geschweige denn meinen Eltern, und doch irgendwie versuchte Kontrolle zu behalten? Und meine Eltern. Wie sollte man solidarisch erklären, dass die eigenen Eltern das größte Problem waren, weil sie mir am meisten geschadet haben, indem sie mich nie wirklich als Menschen betrachtet haben, sondern mehr als Schoßhund, der einerseits einen eigenen Willen haben sollte, aber wenn er ihn dann hatte, das auch nicht so recht war?
Wie sollte man vernünftig erklären, dass man in den letzten Tagen immer wieder den Gedanken hatte, wenn man nicht mehr da sei, wäre alles besser? Wie hätte die Ärztin anders reagieren sollen als mit einer Einweisung in die Psychiatrie? Und wie hätte ich anders reagieren sollen als aus dem Affekt zuzustimmen, weil ich diese Situation einfach nur verlassen wollte, egal wie...?
Die Hausärztin war regelrecht schockiert von meinen, mir immer als sehr normal und passabel erscheinenden, Zuständen zu hören. Sie war vollkommen außer sich, verstand die Welt nicht mehr. Und ich fragte mich immer wieder 'Gott oh Gott, ist es tatsächlich so furchtbar mit meinem Leben?'

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  • Author Portrait

    Ich sende dir ganz viel Energie zu, mein lieber und ich glaube an dich und daran, dass du deinen Weg finden wirst. Das Gefühl für nichts und niemand gut genug zu sein kenne ich selbst bei mir, allerdings ist da irgendwas in mir dass mich abhält blödes zu tun. Ich weiß nicht was. Vielleicht erzeugt durch all die wunderbaren Menschen die ich hier kennenlernte oder durch meine eigene Sturheit was beweisen zu müssen. Ist aber auch was, woran man kaputt gehen kann. Ja, unsere Eltern meinen es oft zu gut mit uns, sehen oft nicht was sie anrichten. Ich denke es gibt kein Buch und keinen guten Rat, wie man sein Kind Richtig erzieht bzw. Aufzieht. Meine sind so fürsorglich und fordernd weil sie versuchen es besser zu machen als ihre Eltern und zeitgleich wollen sie natürlich schon auch dafür ein gewisses Ergebnis, das ich aber nicht erbringen kann. Vielleicht sind deine Eltern ähnlich und genauso unbeholfen. Wir können ja nicht in deren Köpfe sehen und einen Vergleich erst ziehen wenn wir selbst in der Situation sind.

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