IV/V. Professor

Lange hatte Anouk über die Geschehnisse des letzten Abends nachgedacht. Die mysteriösen Nachrichten dieser Person 'Internal Realism', wie sie sich selbst nannte, hatten in ihr viele Fragen keimen lassen.

Wer war sie? Was wollte sie von ihr? Warum hat sie ihr solch eine unverständliche Nachricht geschickt? Und woher kannte sie sie überhaupt?
Sie wollte ihr diese Fragen stellen, aber sie bekam nie eine eindeutige Antwort zurück. Es war mehr so eine Art Katze-Maus-Spiel gewesen und Anouk war die hilflose Maus, die zum Narren gehalten wurde.
'Vielleicht hat sich jemand einen Spaß erlaubt', dachte sie plötzlich bei sich.
Inzwischen war es Nachmittag, draußen tröpfelte es und das Unigelände war schon seit einigen Minuten leergefegt. Die Studenten hatten sich aufgemacht, denn heute war der heiligste Tag der Woche: Freitag.
Anouk begegnete auf dem Weg durch den hallenden Flur nur noch einigen vereinzelten Kommilitonen, die abgelenkt an ihr vorbeiliefen, auf ihr Smartphone schauten, sich ihre Kopfhörer aufsetzten oder einfach stur an ihr vorbeiblickten.
Jeden von ihnen beobachtete Anouk aufmerksam, wodurch sich die Jugendlichen gar nicht beeinflussen ließen.
Anouk zog die Stirn kraus, als ihr in den Augen der Jugendlichen eine gewisse Art von Leere entgegen strahlte. Krisselige Bilder in den Pupillen, Verzerrungen in den Gesichtern und das Licht der Smartphone-Displays, das in den dunklen Fluren nur auf die Antlitze der Studenten fiel, fühlte sich kalt und fahl an. Eiskalt. Totenbleich. Seelenlos.
Sie ging, scheinbar als Einzige, nicht Richtung Ausgang. Stattdessen lief sie weiter ins Innere des Gebäudes hinein und in ihren Armen hielt sie einen Ordner, vollgepackt mit einem Aufsatz über den Prozess der Informationsverarbeitung im Gehirn, genauer gesagt dem Cortex cerebri, dem Großhirn.
Professor Jakow Grigorjew, der sich sehr gerne mit der Neurologie befasste, und die Studenten regelmäßig dazu zwang Synapsen in ihre Aufzeichnungen zu kritzeln, bis sie einen regelrechten Nervenzusammenbruch erlitten, war ein Mann, der geradezu besessen davon war, mehr über das menschliche Gehirn herauszufinden als es je irgendein Hirnforscher wäre. Er würde besser in ein Forschungszentrum passen als an eine Universität, wo er unerfahrene, junge Menschen, mit seinen beinahe abstrusen Lehrmethoden in die Wissenschaft des Nervensystems einwies.

Nicht allein dank seiner völlig unappetitlichen Ausführung über Nervenbahnen im Körper, die er anhand eines Modells veranschaulicht hatte - indem er die menschliche Hand so nachgebildet hatte, dass man an den Nerven ziehen konnte und sich die Hand bewegte, wie eine Marionette, wenn man an ihren Fäden zog - bekam er mehrfach Ärger mit dem Rektorat.
Da gab es diesen Vorfall, über den Anouk nicht gerne nachdachte, weil sich das Erlebnis sehr bildlich wieder in ihr Gedächtnis rief.
Eines Tages trat Professor Grigorjew mit einem breiten Lächeln in den Hörsaal, unter den Arm eine große Schachtel geklemmt.
"Meine Lieben, Sie werden heute Zeugen davon, wie wir einen Hirntod kurieren!", hatte er voller Euphorie den Studenten erzählt, sodass es einige Male durch den Saal schallte.
Die fragenden Gesichter starrten ganz verwundert auf die riesige Schachtel, welche der Professor auf seinem Pult abgelegt hatte.
Aus der Schachtel, aus der es bereits ein wenig tropfte, hatte der Mann einen Behälter geholt. Dann hatte es auch schon angefangen. Einige Studenten stießen spitze Schreie oder andere Geräusche der Abscheu aus. Jemand, so glaubte Anouk, hatte sich sogar übergeben müssen und vorn, auf den besten Sitzplätzen, war jemand von seinem Stuhl gekippt.
"Die Jugend von heute", hatte Professor Grigorjew unwirsch gebrummt, "weichgespülte Öko-Hippies."
In dem Behälter schwamm in einer grünlich-trüben Flüssigkeit tatsächlich das Gehirn eines Menschen.
An dieser Stelle hatte Anouk gedacht, dass der Rektor Professor Grigorjew endlich entlassen würde. Sie hielt nicht viel von ihm und schon gar nicht von seinen wahnwitzigen Einfällen in den Vorlesungen.
Der Professor hatte, unter der Verwendung eines Paares Gummihandschuhe, in der trüben Flüssigkeit, direkt an der Hirnrinde Elektroden angebracht.
Schaudernd, angeekelt und zugleich gespannt waren ihm dabei die Augen der Studenten gefolgt und, ganz speziell, Anouks.
Zwar hatte der Professor, ihrer Ansicht nach, einen gewaltigen Sprung in der Schüssel, aber dieses Experiment ließ die Studenten erzittern. Nicht nur vor Abscheu, sondern vor fragwürdiger Faszination.
Mit einer leicht verkleinerten Ausführung einer Elektronenzephalografie hatte er in den Gesichtern der Studenten ungläubige Blicke bezweckt.
Jedes Mal nach einem elektrischen Reiz, schlug das Messgerät aus. Eine Amplitude zwischen 0 und +50 Millivolt, dann bis zu -70 Millivolt. Ein Aktionspotenzial, eine Hyperpolarisation, ein Ruhepotenzial. Die Nerven im Gehirn konnten also durch elektrische Reize stimuliert werden.
Doch wie war das möglich? Das Gehirn war ganz offensichtlich tot, denn es gab keine Gehirnperfusion, es wurde also nicht durchblutet. Es war bleich, nur durch die grünliche, widerwärtige Flüssigkeit, die es umgab, gefärbt.
"Sie sind zurecht erstaunt, meine Lieben", sprach der Professor, während er immer noch mit den Gummihandschuhen im Behälter herum fischte. "Es handelt sich hierbei um eine neurologische Reanimation. Der Mensch, meine Damen und Herren, ist nicht mehr als die elektrischen Signale, die ihm zugeführt werden", mit diesen Worten hatte er unmittelbar jegliche Emotion in den Gesichtern seiner Zuhörer ausradiert. Sie wirkten wie ausgelöscht, ohne Ausdruck, Münder verschlossen, kaum sichtbar, Augen nach unten gerichtet, die Farbe verschwunden, nur noch in Grautönen.
Der Mensch ist ein Ding. Das Gehirn ein Gerät.
Professor Grigorjew hatte gelacht, voller Schadenfreude fast, während die Studenten realisierten, dass das ganze Leben nur aus elektrischen Reizen bestand. Sie alle starrten auf den kahlen Fußboden.
Nur eine Person hatte auf ihrem Stuhl gesessen, die Beine überschlagen und dem Professor nachdenklich in die dunkelgrünen Augen geschaut. Anouk Ludwig, die junge Frau mit den lockigen, braunen Haaren auf dem letzten Platz der dritten Sitzreihe.
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Anouk warf einen letzten Blick auf ihre Arbeit, 78 Seiten, wofür sie in den letzten drei Monaten mehr als 2000 Seiten wissenschaftlicher Abhandlungen wälzen musste.
Sie hoffte innig, dass Professor Grigorjew mit ihrer Arbeit zufrieden war, denn es war das Letzte gewesen, was sie in diesen drei Monaten überhaupt zustande bringen konnte. Alles andere zog an ihr vorbei. Das ganze Leben zog an ihr vorbei in diesem Moment.
"Ach, Frau Ludwig, kommen Sie rein", entgegnete ihr der Professor, als sie die schwere Tür zum Labor öffnete. Das universitätseigene Labor war ein circa 120 Quadratmeter großer Gebäudeanhang, der an das Unigelände angeschlossen wurde.
Er schien gerade mit etwas beschäftigt zu sein und füllte mit einer Pipette einige Tropfen in einen Erlenmeyerkolben. Dann stellte er das gläserne Behältnis vor sich auf den Tisch, zog seine Brille ab und bedeutete Anouk mit einer Handbewegung zu ihm zu kommen.
Zögerlich reichte sie ihm ihre Arbeit der letzten Monate. "Ah ja, ihr Aufsatz über den Cortex cerebri, sehr schön", er blätterte ganz bedächtig durch den dicken Blätterhaufen, während Anouk geistesabwesend den Blick durch den Raum schweifen ließ.
Da war einmal die Nachbildung des menschlichen Skeletts, welches man wirklich in jeder beliebigen Schule fand und, das mindestens einmal für den Bio-Unterricht herhalten musste.
Daneben standen in Reih und Glied Schränke mit Reagenzgläsern, Pipetten, Petrischalen, Abstrichen, Bunsenbrennern, Mikroskopen und allem, was man sonst zum Experimentieren benötigte.
Am meisten interessierte Anouk jedoch der 'verbotene Schrank'. Kommilitonen aus dem fünften Semester hatten ihr einmal erzählt, dass sich in ihm giftige, explosive und radioaktive Substanzen befanden, wohingegen andere behaupteten, die Professoren würden darin Gliedmaßen von Tieren und Menschen konservieren.
Das würde auch erklären, woher Professor Grigorjew das Gehirn in der Nährlösung hatte.
Doch ...
Anouk glaubte diesen Unsinn nicht einmal ansatzweise.
Selbst für eine Fakultät der Biologie und Chemie wäre die Aufbewahrung von Gliedmaßen, Organen oder gar einem Gehirn sicherlich nicht legal, geschweige denn eine gesetzliche Grauzone.
Da machten die giftigen und strahlenden Substanzen einen deutlich größeren Sinn.
"Sehr gut, Frau Ludwig. Sie werden das Resultat in ein paar Wochen von mir bekommen", Professor Grigorjews Stimme unterbrach die Stille.
"Dann wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende", sprach er und es klang ein bisschen so, als wollte er sie abwimmeln.
"Professor?", fragte Anouk mit einer leisen Stimme, leise wie eine Maus. "Hm?", gab dieser nur von sich, setzte sich seine Brille mit der Metallfassung auf und widmete sich wieder seiner Arbeit, die er vor Anouks Eintreffen begonnen hatte.
"Ich wollte Sie etwas fragen. Zu dem Experiment", erklärte sie zögerlich und der Professor horchte auf, schaute sie dabei aber nicht an.
"Welches Experiment?", vergewisserte er sich, denn er führte immer wieder welche während der Lesungen durch, weswegen er nicht genau wusste, auf welches sich Anouk bezog.
"Das Gehirn in der Nährlösung", sagte Anouk hastig. Der Professor richtete sich langsam auf und blickte ihr mit einem beinahe wütenden Gesichtsausdruck entgegen.
"Was ..", er holte tief Luft, "was wollen Sie dazu wissen?"
"Glauben Sie wirklich, dass das Leben ... so unbedeutend ist? Dass es nur die elektrischen Impulse sind, die uns lebendig machen?", fragte sie und presste anschließend die Lippen zusammen.
Professor Grigorjew verzog einen Mundwinkel und stieß durch die Nase einen Lufthauch aus, der klang wie ein amüsiertes Kichern. "Frau Ludwig. Ich bin ein Mann der Wissenschaft und, wenn ich Sie so betrachte, sind Sie auch eine Frau der Wissenschaft. Sehen Sie ein Kreuz um meinen Hals? Einen Davidstern? Einen Thorshammer?", erfragte er und klang mit jedem Wort etwas aufgebrachter. "Meine Liebe", er lächelte verschmitzt als er fort fuhr, "ich glaube nicht. Ich weiß es."

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