IX

Als ich in dieser Nacht in meine Wohnung zurückkehrte, traf mich die Einsamkeit wie ein Schlag. Sven war nicht zuhause, er hatte die Stadt wieder über das Wochenende verlassen. Warum er innerhalb des letzten Monats so häufig verreiste, hatte er mir nicht gesagt.

Ich saß also wieder allein in der kalten, öden Wohnung und klammerte mich an die Wärme, die mich ein paar Stunden zuvor noch erfüllt hatte. Klammerte mich an das wundersame, warme Bild, das Ravenna von unserer Zukunft gezeichnet hatte.

Sie hatte gesagt, sie müsse Dinge mit ihren Mitbewohnern regeln, sich um den Umzug kümmern. Doch in spätestens einem Monat wäre sie bei mir. Natürlich musste ich Sven davon auch noch erzählen. Ich glaubte zwar nicht, dass er etwas dagegen hätte, aber er war ohnehin gerade nicht erreichbar.

Ich zog mich also auf mein Sofa zurück und wickelte mich in eine Decke, schaute zu wie mein Atem vor meinen Augen gefror und verfluchte einmal mehr den Umstand, keine Heizung zu haben. Jetzt da der Winter zu Ende ging würde es bald besser werden. Auch die Sonne würde langsam zurückkehren. Diese Aussicht ließ mich lächeln.

Doch einstweilen galt es das letzte Aufbäumen der kalten Jahreszeit zu überleben. Unter der dicken Wolldecke verborgen presste ich meine Arme dicht an meinen Körper, vergrub die Hände in den Taschen der Jacke, die ich noch immer trug. Dort spürte ich, sorgsam zusammengefaltet, das Papier auf dem ich Ravenna gezeichnet hatte.

Ich zog das Blatt aus meiner Tasche und betrachtete es. Die dunklen Linien schienen sich zu bewegen, während ich das Bild entfaltete. Ravennas Haare wogten hin und her, als ich es in meinen Händen drehte und wendete. Fast wirkte das Bild lebendig. Fast.

Mein Blick fiel auf die Leinwand in der anderern Ecke des Raumes. Sie war leer. Weiß, unschuldig und unberührt. Seit ich mein letztes Bild vollendet hatte, hatte ich keine Inspiration mehr gefunden. Doch jetzt, da ich ihr Ebenbild in den Händen hielt, da drängte es mich, erneut den Pinsel in die Hand zu nehmen.

Plötzlich wieder voller Energie und Schaffensdrang warf ich die Decke von mir, sprang auf und lief mit schnellem Schritt zu der Staffelei. Das Bild von Ravenna hielt ich noch immer fest in meiner Faust. Ich betätigte den Lichtschalter, der sich von meinem kreativem Arbeitsplatz aus am nächsten befand und begann meine Materialien zu ordnen.

Dieses Bild sollte ein Abbild ihrer finsteren, göttlich anmutenden Schönheit sein. Kein exaktes Abbild der Realität, das ihr ohnehin nicht gerecht würde. Ich nahm die Tuben mit der Acryl-Farbe zur Hand und mischte kalte Farbtöne in verschiedenen Kontraststufen. Dann ging ich zu meinem Plattenspieler und legte Musik auf. Die neue Platte von Svartr. Den Soundtrack unserer Liebe.

Und dann begann ich endlich zu malen. Wie im Rausch strich mein Pinsel über die weiße Leinwand. Mal sanft und liebkosend wie in einem Trance, dann wild und ekstatisch. Ich wurde zu einem Teil meiner Arbeit, ging vollständig darin auf und vergaß darüber vollständig die Zeit.

Nur zwei kurze Pausen legte ich ein um zu schlafen. Doch nach wenigen Stunden stand ich wieder auf, weil es mich erbarmungslos zu der Leinwand zog. Ich aß nicht und ich trank nicht. Und als mein Gemälde vollendet war, brach ich vor Erschöpfung beinahe zusammen.

Mühsam schleppte ich mich zum Kühlschrank um mir endlich etwas zu Essen zu nehmen. Dann ließ ich mich auf das Sofa fallen und betrachtete mein Werk aus einigem Abstand: Es zeigte einen schwarzen Engel, der seine Flügel vor einem stahlschwarzem Hintergrund ausbreitete. Ein kalter Schein ging von ihm aus, die einzige Lichtquelle vor dieser einfarbigen Fläche. Von seinem Kopf fielen rabenschwarze Haare, von einem Windstoß aufgefächert. Und aus seinem ebenen und schneeweißen Gesicht blitzten zwei funkelnde Smaragde, die genug Wärme ausstrahlten um im Kontrast zu der Kälte des übrigen Bildes einen Ausgleich zu schaffen. Der Blick des Betrachters musste zwangsläufig zu ihnen wandern und dort verweilen.

Zufrieden mit meinem Werk schloss ich die Augen und fiel beinahe sofort in einen tiefen, wohligen Schlaf in dem ich weder Kälte noch Hunger spüren konnte. Und als ich erwachte, war sämtliche Anspannung von mir abgefallen. Ich fühlte mich so jung und energiegeladen wie schon seit langem nicht mehr! Die Malerei war für mich stets ein Akt der Befreiung gewesen, mit dem ich meine Gefühle kanalisieren, sie festhalten, ihnen eine Gestalt geben konnte. Wann immer ich ein Bild vollendete, fühlte ich einen Teil des Lebens in mich zurück kehren, den das Leben selbst mir raubte. Doch dieses Mal war es anders: intensiver, vollständiger.

Ich blieb lange auf dem Sofa sitzen, genoss den Augenblick, kostete ihn mit jeder Faser meines Geistes aus. Mein Kopf war wunderbar leer. Keine finsteren Gedanken plagten mich, da war nur dieses wohlige, pulsierende Gefühl, das ich immer spürte, wann immer ich Zeit mit Ravenna verbrachte. Meine Sinne kehrten erst in die Wirklichkeit zurück, als ich hörte, wie sich die Tür der Wohnung öffnete.

Sven war nachhause gekommen. Er war vom Regen durchnässt und stapfte sich schüttelnd und begleitet vom Rasseln des Schlüsselbundes in die Wohnung. Er hängte seine Lederjacke an einen Haken, nahm sie dann jedoch zurück und zog sie wieder an, als ihm klar wurde, dass die Heizung immer noch nicht funktionierte. Dann schaute er mich an und fing an loszuprusten:
"Hast du etwa die Kekse gegessen, die ich unter meinem Bett versteckt habe? So hab ich dich noch nie grinsen gesehen!"
"Ja, ich freu mich auch dich zu sehen", feixte ich, dann deutete ich auf meine Staffelei.
Sven stellte sich breitbeinig davor und fuhr mit einer Hand durch seine Bartstoppeln. Brummte hin und wieder ein gekünstelt kritisches "hmm" und wandte sich schließlich wieder mir zu.
"Eins deiner besten", befand er. "Ist das Ravenna?"
Ich nickte.
"Ich denke es wird ihr gefallen".
"Sie wird es bald zu Gesicht bekommen. Sie sucht eine neue Wohnung und will bei uns einziehen." 
"Hat sie sich das auch gut überlegt?" fragte Sven und warf einen kritischen Blick auf den Staub, die Farbspritzer und den allgemeinen Zustand unseres gemeinsamen Chaos.
"Ich glaube nicht, dass sie das stören wird", antwortete ich grinsend.
Darauf brach Sven in schallendes Gelächter aus.
"Zur Hölle ja! Es wird eng werden, aber warum nicht? Immerhin seid ihr so ein süßes Paar". Dabei zwinkerte er mir zu.
"Eng?" fragte ich verwundert. "ich glaube wir haben noch genügend Platz für eine dritte Mitbewohnerin."
"Dann ist es jetzt wohl an der Zeit meine häufige Abwesenheit in den letzten Wochen zu erklären", sagte Sven immer noch lachend. "Ich war unten in der Hauptstadt und habe mich mit Svartr getroffen. Sie haben bereits Pläne für ein neues Album gefasst und wollen es hier aufnehmen und ein paar Promo-Shows spielen. Back to the roots scheint ihr neues Motto zu sein."
"Svartr?" rief ich ungläubig, "Hier? Das sind doch mal Neuigkeiten!"
Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich in diese Stadt gezogen war und als blutiger Neuling in die Bar neben dem Helvetsgatan ging. Es war einer von Svartr's letzten Auftritten gewesen, bevor sie die Stadt verließen um einen Plattenvertrag bei einem größere Label zu unterschreiben. Die Musik hatte mich gepackt, mitgerissen und nie wieder losgelassen.
"Jedenfalls haben sie mich kontaktiert, weil sie das neue Album exklusiv über das Helvetsgatan veröffentlichen wollen und ich habe ihnen angeboten bei uns unterzukommen solange sie in der Stadt sind."
"Verdammt", sagte ich mit einem noch breiteren Grinsen als zuvor "Das wird wirklich eng. Aber scheiße ja!"
Ich sprang auf und klopfte Sven auf die Schulter. Er holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und dann stießen wir auf diese guten Neuigkeiten an.
Das Leben war nie besser gewesen.

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Fairy Dust

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