January - Jetzt oder nie 32

Es war nicht sonderlich schwer, nur extrem verlogen und illegal, die Krankenschwestern zu überreden, mir Zutritt zu Avas Zimmer zu verschaffen. Ich erzählte ihnen wir wollten uns verloben und das dieser Zirkus mit dem Interview nur Ablenkung war. Sie glaubten mir und ich tat ihnen leid. Wie gutgläubig Frauen doch waren.

 Als ich sie erblickte, mit all den Kabeln und Schläuchen, erschrak ich. Ich wusste nicht was ich zu erwarten hatte. Sie lag da, als sei alles was noch von ihr übrig war, diese leere Hülle. Ich zog einen Stuhl neben ihr Bett und setzte mich zu ihr. Die Wangen, die so rosig leuchteten wenn sie sauer war, waren blass, eingefallen und 2 kleine Schnittwunden prangten an der linken Schläfe. Ein Schlauch in ihrem Mund half ihr beim Atmen und eine kleine Klemme an ihrem Finger überwachte scheinbar den Puls. Minutenlang starrte ich sie an und dann nahm ich ihre kleine Hand in meine. Sie war weich und eisig kalt.

»Oh Gott, komm bitte zu mir zurück.« Ich konnte mich nicht länger zusammenreißen, ließ den Kopf auf ihren Schoss fallen und heulte los.

***

»Mr. Scott?« Dr. Bennets Stimme war es die mich weckte und ich hob den Kopf von Avas Schoss. Für eine Sekunde dachte ich alles sei ein böser Traum gewesen, doch ein Blick auf Ava, die immer noch völlig reglos in ihrem Bett lag, katapultierte mich schmerzhaft zurück in die Realität.

»Gibt´s was Neues?«

»Nun ja, um das sagen zu können muss ich sie untersuchen und das ist schwer wenn sie halb auf ihr drauf liegen.« Dr. Bennet war nicht zu Scherzen aufgelegt.

»Oh ich hab doch hoffentlich nichts kaputt gemacht? « Dr. Bennetts Züge wurden weicher und er sah mich mitfühlend an.

»Nein. Keine Sorge. Würden sie bitte kurz den Raum verlassen, damit ich alle Untersuchungen machen kann und die Schwestern Miss Moore waschen können?«

»Ich bleibe hier.«

»Mr. Scott, bei aller Liebe. Berühmt hin oder her. Ich könnte sie sofort vom Sicherheitsdienst rauswerfen lassen und anzeigen, da sie gestern Krankenhausangestellte unter Vorspiegelung falscher Tatsachen getäuscht und sich somit Zugang zu dem Zimmer einer Patientin verschafft haben. Gehen sie bitte vor die Türe.« Bevor ich es mir hier ganz verscherzte, gab ich Ava einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Ich beschloss zur Cafeteria zu gehen und einen dieser scheußlichen Kaffees dort zu trinken.

Alle Eingangstüren waren von Sicherheitsleuten umstellt. Hier im Krankenhaus waren wir gefundenes Fressen für die Aasgeier von der Presse. Nur Leid taten mir die Leute, die hier geliebte Menschen besuchen wollten und sich vorher mit Kontrollen und Fragen zu ihrer Person rumschlagen mussten.

 

Emily 09:30 : Wo bist du?

Mason : 09:30 : Sitze in der Cafeteria

Ein paar Minuten später kam Em, bepackt mit einer Reisetasche, um die Ecke. Es tat gut ein bekanntes Gesicht zu sehen.

»Hey Bruderherz. Wie geht’s ihr?« Sie umarmte mich.

»Es gibt noch nichts Neues. Sie wird gerade untersucht. Wo ist denn Mia?« Ich hatte Emily gestern Nacht per SMS auf dem Laufenden gehalten und gebeten mir am nächsten Tag ein paar Klamotten und Kosmetikartikel zu bringen und selbiges bei Katy für Ava zu holen.

»Oh…ok. Das wird schon. Sie ist stark und eine Kämpferin. Ich habe alles gepackt was ich finden konnte. Die kleine wartet draußen bei Henry. Dort ist die Hölle los, wie du dir vorstellen kannst.«

»Danke, für alles.« , Em war sichtlich nervös, »Alles ok bei dir?«

»Naja ich möchte nicht auf Jamie treffen.« Sie blickte sich um als würde sie verfolgt.

»Emily du musst aber mit ihm reden.«

»Ich weiß, aber nicht jetzt. Wir fliegen später erstmal wieder nach Hause. Sobald sich hier etwas tut gibst du mir doch Bescheid oder? «

»Klar mache ich. Pass auf euch auf und gib Mia nen Kuss. « Ich hatte keine Kraft sie davon zu überzeugen, dass sie einem Gespräch mit Jamie nicht weiter aus dem Weg gehen sollte.

»Wir doch immer. Sei stark Mase.«

Nachdem meine Schwester weg war, rief ich Donovan und Katy an um ihnen zu sagen, es gäbe bisher nichts zu berichten und versprach mich zu melden, wenn die Untersuchung neues hervorbringen sollte.

Als ich wieder auf der Intensivstation ankam, war ich zunächst geschockt weil Avas Bett leer war. Nachdem ich aber wie ein Irrer über die Flure gerannt war, wurde mir mitgeteilt, dass man Ava zum MRT gebracht hatte. Ich nutzte die Zeit um im Badezimmer ihres Krankenzimmers zu duschen und mich umzuziehen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Schwellung des Hirns fast komplett abgeklungen war. Die Medikamente, die das künstliche Koma aufrechterhielten, wurden abgesetzt. Dr. Bennet meinte, es könne trotzdem weitere Tage dauern bis sie aufwachte.

Und so war es auch. Die Tage verschwommen ineinander und ich lebte mittlerweile seit einer Woche in diesem Krankenzimmer. Am dritten Tag schoben sie mir ein eigenes Bett in den Raum, da die Schwestern meine Versuche im Sitzen auf einem der Besucherstühle zu schlafen nicht mehr mit ansehen konnten.

Ich verließ Ava nur, wenn es unbedingt sein musste und man mich dazu zwang. Alle anderen nahmen ihr Leben wieder auf. Katy und Donovan flogen gemeinsam nach England um Szenen vorzubereiten, Avas Mom rief mittlerweile mich an um sich nach Ihrer Tochter zu erkundigen und Emily schrieb mir jeden Tag etliche SMS.

Nur meine Welt hatte aufgehört sich zu drehen, da ihr Mittelpunkt in diesem Bett lag und sich nicht regte. Dr. Bennett meinte es sei durchaus normal, dass der Prozess des Aufwachens sich hinziehen konnte. »Wenn sie bereit ist, wird sie aufwachen«, sagte er immer wieder.

Am 8. Tag nach dem Unfall wurde ich mitten in der Nacht wach. Es war ein schrecklicher Traum…sie war nicht mehr da. Sie war verdammt nochmal nicht mehr aufgewacht. Ich konnte mich kaum beruhigen, da schon dieser einfache Traum mein Herz in Fetzen gerissen hatte. Ich ging zu ihrem Bett rüber und schaltete die Nachtlampe an. Sie hatte wieder Farbe bekommen. Seit 4 Tagen atmete sie selbständig. Sie sah aus als, würde sie jeden Moment aufwachen. Sie war so unglaublich schön.

Ich setzte mich zu ihr und redete mir alles vom Herzen, so wie ich es seit Tagen tat. Den ganzen Tag las ich ihr vor oder erzählte ihr alles Mögliche, was mir durch den Kopf ging. Ich glaube es gab keine Frau, der ich so viel über mich, meine Gedanken und meine verdammten Gefühle erzählt hatte. Dumm nur, dass die Erste bei der ich das tat, nicht bei Bewusstsein war.

»Baby ich vermisse dich so sehr. Was würde ich dafür geben, wenn du mich jetzt anschreien würdest, weil ich mal wieder dämlich war. « Ich nahm ihre Hand in meine. Ich kannte mittlerweile jede ihrer Handlinien, wusste dass ihre Lebenslinie sehr ausgeprägt und auf beiden Händen gleich beschaffen war, was dafür stand, dass sie nicht sehr anfällig für Krankheiten war und einen starken Charakter hatte. Ja, ich hatte genug Zeit so einen Mist zu googeln und ihr die Ergebnisse mitzuteilen. Ich wunderte mich, dass sie nicht allein aus dem Grund aufgewacht war, um mir zu sagen ich solle die Klappe halten. Ich redete vor mich hin und plötzlich zuckte etwas in meiner Hand. Es waren Avas Finger.

»Ava? Bist du wach?« Doch da war nichts. Ich halluzinierte wahrscheinlich schon. Ich blickte zum Fenster und es dämmerte bereits. Ein neuer Tag den wir in unserer Luftblase verbringen würden. Die Enttäuschung, mir das nur eingebildet zu haben, traf mich härter als erwartet. Ich machte etwas Unvernünftiges. Trotz all der Kabel stieg ich in Avas Bett, schlüpfte mit unter ihre Decke und legte meinen Arm vorsichtig unter ihren Kopf um sie halten zu können.

»Baby bitte komm zu mir zurück. Du fehlst mir so unglaublich. Wir stehen doch ganz am Anfang.« Ich begann eine Melodie zu summen. Sie hörte das Lied oft bei den Proben. Es war langsam und romantisch. Es war kitschig, doch sie liebte es. Jeden Tag, an dem ich ihr bei den Proben zugesehen hatte, beendete sie ihr Training mit dem immer gleichen Song: All of me von John Legend. Leise sang ich den Refrain:

My head's underwater
But I'm breathing fine
You're crazy and I'm outta my mind

Cause all of me loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections
Give your all to me, I'll give my all to you
You're my end and my beginning
Even when I lose, I'm winning
Cause I give you all of me
And you give me all of you,

Mein Herz schlug mir bis zum Hals und meine Kehle schnürte sich zu.

„ Baby, wenn das alles war. Wenn uns nur die paar Wochen vergönnt waren. Wenn das hier und jetzt alles ist, was ich von ihr haben kann, dann verbringe ich den Rest meines beschissenen Lebens hier, in diesem Zimmer mit dir. Ich verspreche dir, ich werde dich nie wieder verlassen, es sei denn du bittest mich darum.«

Eine Träne rann über meine Wange, doch dann fiel mir auf, dass nicht ich es war der weinte.

»Ava?« Sie bewegte sich. Oh mein Gott sie bewegte sich wirklich. Sie drehte langsam ihren Kopf.

»Ugh….mei….« Ihre Stimme war durch den Beatmungsschlauch noch etwas heiser. Sie hustete.

»Langsam Baby. Ganz langsam. Du hast Zeit.« Ich griff hinter mich um den Schwesterknopf zu drücken.  Sie blickte zu mir auf und ich hätte vor Freude durch die Decke gehen können, als ihre wunderschönen grünen Augen mich ansahen. Mein Herz schwoll über.

»Oh fuck…« Ok, ich hätte mir jetzt schönere erste Worte von ihr gewünscht. Sie griff sich an den Kopf.

Noch bevor die Schwester da war, war sie bereits wieder eingeschlafen. Weitere Stunden ging es immer wieder so, dass sie 2 Minuten wach war und dann wieder wegdämmerte. Dr. Bennett meinte es wäre völlig normal. Ich blieb bei ihr im Bett. Niemand hatte etwas dagegen.

Um 11 Uhr morgens, öffnete sie ihre Augen erneut. Sie sah mich mit gerunzelter Stirn an und sah dabei ziemlich wütend aus.

»Was willst du hier?« Ihre Frage hörte sich sehr förmlich an.

Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass sie vielleicht noch sauer auf mich sein könnte.

»Ava, ich kann dir alles erklären.« Sie hustete erneut.

»Haben wir…?« WAS? Ich war ein Mistkerl aber ich stand nicht auf Sex mit bewusstlosen Frauen.

»Nein, nicht seit letzter Woche…« Ich sah verlegen zwischen den Leuten im Raum umher. Musste sie das wirklich jetzt diskutieren?

»Seit wann? Du bist…du bist doch Mason Scott oder? « Sie sah verwirrt aus. Das Licht ging an und eine Schwester kam rein. Ava riss die Augen noch weiter auf und sah sich schockiert um. Sie hatte keine Ahnung wo sie war.

»Oh wie ich sehe ist unser Dornröschen richtig aufgewacht. Mr. Scott, Dr. Bennet wird in ein paar Minuten hier sein, ich denke es wäre besser…..« Sie beendete ihren Satz indem sie mit dem Kopf auf mein Bett deutete. Ich verstand sofort und kletterte aus Avas Bett.

Dr. Bennet kam Sekunden später ins Zimmer geeilt.

»Miss Moore. Es ist schön sie unter den Lebenden begrüßen zu dürfen. Wie fühlen sie sich?«

Ava sah sich verwirrt um.

»Ich hab Durst. Und ein wenig Kopfschmerzen.« Die Schwester half ihr, sich etwas aufzurichten und gab ihr ein wenig Wasser zu trinken. Dr. Bennet leuchtete ihr in die Augen.

»Miss Moore. Können sie mir sagen wann sie geboren sind? »

»Ähm, klar. Am 24. 12. 1989.«

»Sie ist noch durcheinander, oder?«  Ava sah mich verdutzt an, als wäre meine Äußerung völlig daneben.

Dr. Bennet lachte. »Nein, Mr. Scott. Miss Moore ist am 24.12.1989 geboren. So steht es in meiner Akte.« Ich wusste nicht, dass die Frau die ich liebte an Weihnachten Geburtstag hat. Was war ich ein Vollpfosten.

Er stellte ihr weitere Fragen zu Ihrer Adresse, ihren Eltern und ihrer Lieblingsspeise, die wie sich herausstellte, genau wie meine, Ben & Jerry´s Cookie Dough Eis war, wobei Ava betonte, dass auch Eis eine Speise war. Dem hatte ich nichts entgegen zu setzen.

Sie hatte nichts von ihrer Dickköpfigkeit verloren. Nach dem Frage-Antwort-Spiel, erklärte Dr. Bennett ihr kurz was passiert war, von dem Autounfall und das sie sich seit 9 Tagen im Krankenhaus befand. Sie nahm es erstaunlich gefasst auf.

»Sie werden in einer halben Stunde zum Untersuchungsraum gebracht, damit wir noch einmal alle Werte überprüfen können. Es spricht nichts dagegen, dass sie danach in ein normales Zimmer umziehen können. Haben sie noch Fragen?« Sie sah mich kurz an und dann schnell, fast schüchtern wieder weg.

»Eine Frage habe ich tatsächlich noch. Was macht Mason Scott in meinem Zimmer?«  Geschockt stand ich auf.

»Du weißt nicht mehr wer ich bin?« Vorsichtig sah sie mich an und strich durch ihre wirren Haare. Als wäre eine perfekte Frisur gerade wichtig.

»Natürlich weiß ich wer Sie sind. Aber was macht ein berühmter Schauspieler wie Sie in meinem Krankenzimmer?« Sie scherzte nicht. Diese Frage war ihr voller Ernst.

Die Freude über ihr Aufwachen konnte nichts gegen das Gefühl vermachen, wenn einem das Herz aus der Seele gerissen wurde weil die Frau die man liebte, sich nicht mehr an einen erinnern konnte.

Comments

  • Author Portrait

    Jetzt muss Mason halt noch etwas leiden ;-)

  • Author Portrait

    der Klassiker!

  • Author Portrait

    Viel gemeiner gehts nimmer...

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