January - Jetzt oder nie 40

MASON 

 

Ich starrte auf mein Handy und fragte mich, ob der tagelange Schlafentzug schon Spuren hinterließ und es sich bei Avas SMS um eine Halluzination handelte. Nach dem vierten lesen wollte ich es auf einen Versuch ankommen lassen und schrieb zurück. Ich tippte eine Antwort nach der anderen, die ich dann jedoch sofort wieder löschte. Nach dem dritten Versuch entschied ich mich für die einfachste Variante. 

 

MASON 02:16 : Ja 

Bevor ich lange überlegen konnte, ob meine Antwort nicht etwas sehr knapp war, vibrierte mein Handy erneut. 

AVA: 02:17 Hast du Zeit? 

MASON: 02:18 Jetzt? 

AVA: 02:18 : Ja, wenn es dir nichts ausmacht 

MASON: 02:19: Geht es dir nicht gut? 

AVA: 02:20 : Bei mir ist alles ok. Ich möchte aber mit dir reden. 

MASON: 02:22: Ich versuche ein Auto zu organisieren 

AVA: 02:24: Okay, danke. Bis später. 

 

Henry erklärte sich bereit mich zu fahren. Was wäre ihm auch anderes übrig geblieben bei meiner Laune neuerdings. Mit dem Lieferwagen des Hotels konnten wir unerkannt die Tiefgarage verlassen. Die Papparazzi waren weniger geworden, seit sie eine neue Story über mich zu berichten wussten. Ein Betthäschen erregte halt weniger Aufregung als eine Frau, der man sein Herz auf dem Tablett servierte. 

Nach einer 20 minütigen Fahrt, passierten wir das elektronisch gesicherte Zufahrtstor zu meinem Grundstück. Ich bat Henry wieder zurück zu fahren und sagte ihm, ich melde mich, sollte er mich noch abholen müssen. Die letzten Meter bis zum Haus ging ich zu Fuß. Ich verlangsamte meinen Schritt, um dem Gespräch mit Ava noch ein wenig aus dem Weg zu gehen. Der Schmerz darüber sie endgültig verloren zu haben wütete noch immer in mir. Das gepaart mit dem Stress um die Reporter und viel zu wenig Schlaf, machten aus mir ein nervliches Wrack. Es würde alles andere als hilfreich sein, sie gleich wieder zu sehen, doch ich konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen nur weil ich zu einer Memme mutiert war. 

Da Katy meinen Schlüssel noch immer hatte, klingelte ich. Seltsames Gefühl als Gast vor seiner eigenen Haustüre zu stehen. 

Ava öffnete mir bereits unmittelbar nachdem der Ton der Klingel vergangen war. Sie muss in der Eingangshalle gewartet haben. Mein Herz schlug mir bis zum Hals als ich sie sah. Sie hatte eine weiße Pyjamahose mit blauen und rosa Streifen an und dazu lediglich ein Top. Mir war nicht entgangen, dass sie darunter keinen BH trug. Wollte diese Frau mich umbringen?   

»Hi.« Sie lächelte vorsichtig. 

»Hi, Ava.« Wir standen da und starrten uns an. Ava bekam eine Gänsehaut von der eiskalten Luft, die ihr durch die geöffnete Türe entgegen wehte. 

»Darf ich?« Ich bewegte mich langsam auf sie zu. Sie riss die Augen auf. 

»Oh Mist. Sorry. Klar komm rein. Ich meine es ist dein Haus, du hättest also einfach so reinkommen können. Also ohne dass ich dich hereinbitte....« Sie stoppte mitten im Satz, atmete tief durch, schüttelte den Kopf scheinbar über sich selbst und trat zur Seite damit ich eintreten konnte. Ich zog Jacke und Schuhe in der Eingangshalle aus. 

»Sollen wir uns ins Wohnzimmer setzen?« Avas Stimme zitterte ein wenig. 

»Klar, gerne.« Ich bedeutete ihr vorzugehen und folgte ihr. Auf dem Wohnzimmertisch stand eine Teekanne und dazugehörige Tassen. 

»Ich dachte du möchtest vielleicht was warmes trinken?« Sie hob die Kanne an und zitterte dabei leicht.  

»Gerne, danke.« Ava schenkte Tee in beide Tassen und setzte sich dann auf den Sessel mir gegenüber. Sie trank einen Schluck und sah dann etwas unsicher durch die Gegend, bevor sie zu sprechen begann.  

»Du hast es wirklich schön hier. Ich verlaufe mich zwar immer noch ab und zu, aber es ist schön.« Okay sie wollte nicht sofort zur Sache kommen. Gut dann zögerten wir das Ganze halt noch etwas hinaus. 

»Danke. Ich hab das meiste selbst ausgesucht, aber es ist noch etwas nackt. Also... ich bin nicht so der Dekorateur... das meinte ich damit.« Sagte ich wirklich nackt? Ich war so ein Idiot, doch Ava lächelte. 

»Eine weibliche Hand fehlt hier und da, aber das kriegt ihr sicher noch hin.« 

»Ja, ich besitze das Haus auch erst seit 7 Monaten daher...« , Moment sagte sie "ihr"?   »Was meinst du mit IHR?«  

Ava wand sich ein wenig. Es war ihr unangenehm.  

»Also Mason, warum ich dich eigentlich gebeten habe herzukommen... nun ich werde mir eine neue Bleibe suchen. Es ist nicht fair, dass ich hier wohne und du so viel Stress mit den Reportern hast. Ich werde in ein Hotel gehen.« 

»Das musst du nicht. Ich komm damit klar. So schlimm ist es nicht.«  

Ava sah mich ungläubig an und runzelte die Stirn. 

»Lügner. Du siehst echt schlimm aus. Schlimmer als im Krankenhaus.« 

»Die Matratzen im Hotel sind nicht sonderlich bequem.« 

»Mason, Emily war heute hier.«  

»Was?« 

»Ich weiß alles. Ich weiß von Mia und Dan und der Zeit hier in New York mit dir. Ich weiß auch, dass die Reporter dich nicht in Ruhe lassen. Du kannst also offen mit mir sprechen.« 

Alle Luft entwich meinen Lungen. Ich brauchte einen Moment mich zu sammeln und Ava wartete geduldig bis ich das Wort ergriff. 

»Ich .... ich weiß nicht mehr was ich noch sagen kann. Es tut mir alles schrecklich leid Ava. Ich kann das, was ich dir angetan habe nie wieder gut machen. Mein Verhalten war einfach mies. Mia und Em mussten aber aus der Sache rausgehalten werden und als ich dir Wahrheit erfuhr war es bereits zu spät. Ich verstehe das was du mir im Krankenhaus gesagt hast. Ich komme nur nicht sonderlich gut damit klar. Und ja, es ist beschissen im Hotel, aber für mich ist das wichtigste, dass es dir gut geht.« Ich hob erst jetzt den Blick und sie kämpfte mit den Tränen. 

»Bitte weine nicht Baby.« Ich stand auf und hockte mich vor sie. Vorsichtig nahm ich ihre Hände in meine und sah fragend zu ihr auf. Sie ließ es zu. 

»Oh man. Ich wollte nicht, dass du her kommst nur um mir beim heulen zuzusehen.« Sie schniefte und gab dabei unheimlich süße Geräusche von sich. 

»Du kannst mich jederzeit anrufen. Egal aus welchem Grund.« 

»Nein ich will euch da nicht...« 

»Wovon redest du da eigentlich?« 

»Naja, diese Frau in der Zeitung heute?« 

»Welche Frau.....Ach du meinst Tina. Die hab ich bezahlt.« 

Avas Augen weiteten sich und sie sah mich entgeistert an. Was war denn nun schon wieder. Sie entriss mir die Hände und stand auf. 

»Du bist ein solches Arschloch Mason Scott. Ich gehe jetzt ins Bett. Was ich dir eigentlich sagen wollte ist... ich schlafe im Gästezimmer und da es dein Haus ist solltest du auch hier leben. Ich suche so schnell wie möglich was neues. Darf ich bleiben bis ich was neues gefunden habe? « 

»Kannst du mir bitte mal sagen was hier los ist...« , dann fiel der Groschen bei mir, »oh fuck, nein...« War ich ein Idiot oder war ich ein Vollidiot? »Ava, ich hab die Frau bezahlt, damit sie sagt sie hätte was mit mir gehabt. Ich hab sie nie wirklich angefasst. Das war alles nur Show um dich aus dem Fokus der Reporter zu manövrieren.« 

Ava sah mich zögernd an.»Du hattest also nichts mit ihr?« 

»Was ist so schwer daran zu verstehen, dass ich keine außer dir will? Denkst du wirklich ich bin ein solcher Arsch?« 

»Ganz ehrlich? Ja das glaube ich. Wenn ich mich recht entsinne, warst du derjenige, der mich nackt in einer Dusche zurückgelassen hat weil er zu einer Verabredung musste.« 

»Es gab keine....« Ich nuschelte das eher gen Boden, als das ich es zu Ava sagte. 

»Du hast gelogen? Mason ich weiß nicht ob das besser ist.« Sie klang enttäuscht. 

»Ich schwöre dir, ich habe keine andere Frau angefasst seit wir uns kennen. Wenn du mir sonst nichts glaubst, dann glaube bitte das.« 

»Du bist mir keine Rechenschaft schuldig. Ich bin dir zu Dank verpflichtet, für alles was du für mich getan hast. Ich hab dir das nie gesagt, aber es bedeutet mir wirklich viel und ich weiß das zu schätzen. Nimm bitte keine Rücksicht mehr auf mich. Das hier ist dein Haus und du solltest dich hier zurückziehen können.« Was redete sie da für einen Schwachsinn? 

»Das hört sich an als wolltest du dich von mir verabschieden.«  

»Ich gehöre hier nicht her. Nicht in dieses Haus und nicht in dein Leben. Diese Welt ist nichts für mich. « 

»Ich finde du passt aber mehr als perfekt in mein Leben. Was kann ich tun um dich zu überzeugen« 

Ava ließ die Schultern hängen. »Du kannst nichts tun. Ich glaube einfach nicht, dass du wirkliches Interesse an mir hast. Du hast vielleicht eine Vorstellung von mir aber die hat mit der Realität nicht viel zu tun.« 

Ich stand auf und ging im Wohnzimmer auf und ab. 

»Das ist doch scheiße...« 

Ava unterbrach mich. »Ich habe meine Entscheidung getroffen.« 

»Kannst du bitte zumindest über die Feiertage hierbleiben? Ich will nicht dass du in irgendeinem Hotel sitzt.« 

»Das ist sehr nett von dir. Aber nur wenn ich dich hier nicht störe.« 

Ich sah sie an und ich wusste ich hatte diesen Kampf verloren. Sie war so distanziert und die ganze Situation war verfahren.  

»Du störst nicht, Ava. Ich gehe ins Bett, okay?« 

Ich verließ das Wohnzimmer ohne ihre Antwort abzuwarten. Was auch immer ich von diesem Gespräch erwartet hatte, ich hätte nicht gedacht, dass ich mich noch schlechter fühlen würde als davor. 

 

*** 

Über Nacht setzte draußen der erste Schnee ein und bedeckte bereits am Morgen alle Wege und Straßen zentimeterhoch. Es war noch früh, als ich aufstand. Ich kramte Sportsachen aus meinem Schrank heraus und schlich leise durch das Treppenhaus hinunter in den Keller. Da ich mir draußen beim Joggen sicher das Genick brechen würde, beschloss ich mich ein wenig auf dem Laufband abzureagieren.  

Mein Keller war in 3 Bereiche aufgeteilt. Durch einen schmalen Flur, kam man links in den Wellnessbereich mit Schwimmbad und rechts in eine große verspiegelte Halle, mit dahinterliegendem Geräteraum. Ich durchquerte die Halle und betrachtete die Polestange, die Henry auf meinen Wunsch für Ava angebracht hatte. Hätte durchaus interessant werden können hier unten. Ich betrat den Geräteraum, stöpselte mir die Kopfhörer meines Ipods ein und stellte das Laufband an. Die Gedanken an Ava und unser Gespräch gestern Nacht spukten mir unentwegt im Kopf herum. Sie hatte jegliche Möglichkeit ausgeschlossen mir eine weitere Chance zu geben und ich respektierte den Wunsch. 

Nach den Feiertagen würde ich mich in die Arbeit stürzen, so wie ich es immer tat, wenn privat etwas schief lief. Ich verausgabte mich völlig, stellte das Laufband immer schneller ein bis meine Lungen brannten und meine Muskeln schmerzten. Als mir fast schwarz vor Augen wurde, sah ich ein, dass ein Ohnmachtsanfall auf einem Trainingsgerät recht unmännlich wäre und beendete mein Training. Erst als ich mein völlig durchnässtes Shirt auszog um mich abzutrocknen, nahm ich die Kopfhörer ab und hörte die Musik aus dem Nebenraum. Ava war also schon wach. Eigentlich hatte ich vor ihr aus dem Weg zu gehen, das war wohl jetzt nicht möglich, es sei denn ich verbrachte den Rest des Tages in diesem Raum. 

 

Ich öffnete die Türe und nahm das Bild, dass sich mir bot, auf. Ava trug wieder eine dieser verdammt engen schwarzen Hosen und ein knappes gelbes Top. Ein Stuhl war in der vorderen Mitte des Raumes vor der Spiegelwand positioniert und Ava probte konzentriert. Die Figuren sahen ähnlich aus, wie die Choreografie, bei der ich ihr so oft schon zugesehen hatte, doch irgendwas stimmte nicht. Die Reihenfolge mancher Schritte war verändert und es wirkte nicht so natürlich wie die Male zuvor. Ava war hochkonzentriert und als eine Drehung nicht so klappte, wie sie es sich vorstellte, gab sie wütende Flüche von sich und trat den Stuhl um. Er rutschte quer durch den Raum und kam vor meinen Füßen zum stillstand. Ava sah dem Stuhl hinterher und entdeckte mich.  

»Oh Gott Mason. Ich dachte du schläfst noch. Es....es tut mir so leid.« Sie machte einen Schritt auf mich zu, doch zuckte im selben Moment zusammen und verzog das Gesicht. Ich eilte zu ihr herüber und stütze sie ab. 

»Alles ok? Hast du dir wehgetan?«  

»Nein, ich bin nur falsch aufgetreten.« Sie sah mich an und ihr Blick wanderte über meinen nackten Oberkörper. Röte breitete sich zunächst auf ihren Wangen aus und wanderte dann über ihren Hals hinunter zu ihrem Dekolletee.  

»Ava?« 

Sie sah auf zu mir. »Ja?« Ihre Stimme klang belegt. 

»Bist du gerade im Moment sauer?« 

Sie blickte mich skeptisch an und zog die Augenbrauen zusammen. »Nein. Wieso?« 

Ich grinste. »Na weil du nur so rot wirst, wenn du sauer oder erregt bist. Ich wollte wissen, was von beidem gerade zutrifft.«  

»Du bist unmöglich.« Sie stapfte an mir vorbei um den Stuhl aufzuheben.  

»Fuck...« Sie fluchte wie ein Bauarbeiter und drückte dann an ihrem Finger herum.  

»Splitter?« 

»Ja...« 

»Lass mal sehen.« Sie kam zu mir herüber und hielt mir ihre Hand hin. Der Splitter steckte seitlich in ihrem Ringfinger und ich konnte ihn ohne Pinzette herausziehen. Ich drehte die Hand und küsste ihren Handrücken. 

»So gut wie neu.« Sie sah mich an und runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. 

»Ich geh dann mal duschen. Wir sehen uns dann später, Ava.« 

Comments

  • Author Portrait

    ach kinder, reißt euch doch zusammen!

  • Author Portrait

    Es ist unglaublich, wie du es immer wieder schaffst, ihn zwei Zehntel Millimeter vor dem Ziel aufzuhalten! Wenn du dieses Buch mal als Printmedium herausgibst, (und davon bin ich mittlerweile überzeugt) dann hätt ich gern ein signiertes Exemplar bitte! Eins von den Ersten! Für Bernhard (den Seegrafen) LG. Bernie

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