Jella

Nicht nachdenken, gar nicht denken, laufen!, schrillten tausend Stimmen zugleich in ihrem Kopf und Jella tat genau das: Sie sprang auf und versuchte, dieses Fleckchen Erde so schnell wie möglich zu verlassen.

Ihr unkoordinierter, völlig überstürzter Trab rächte sich ein paar Schritte weiter: Sie flog der Länge nach hin. Es war einfach zu dunkel, um sich sicher fortzubewegen. Schmerz raste gleißend hell von ihrem Handgelenk die Nervenbahnen hoch und sie konnte einen spitzen Schrei nicht mehr völlig unterdrücken. Für ein paar Atemzüge blieb sie auf dem kühlen Boden liegen, presste die Stirn ins feuchte Moos und konzentrierte sich aufs bloße Atmen.

Die wollten mich töten! Der Gedanke blitzte in ihrem Hirn auf und ließ sie ihre Kraft zusammennehmen. Sie musste weiter, weit weg, weg aus der Stadt. Mühsam rappelte sie sich auf, tappte weiter und verdrängte den Schmerz an Hals und Handgelenk.

Energisch wischte sie sich Tränen und Rotz aus dem Gesicht und machte sich keine Gedanken über ihre Stunden zuvor noch so sorgsam aufgetragene Mascara, die sich nun in schwarzen Schlieren über die Wangen zog. Das dunkle, ehemals hochgesteckte Haar war zerfleddert und hing ihr im Gesicht und außerdem fehlte ihr ein Schuh. Wütend zerrte sie am anderen Pump und warf ihn einfach weg, was sollte sie schon mit einem einzelnen dämlichen Schuh? Den anderen hatte sie schließlich gerade erfolgreich als Waffe eingesetzt.

Sie hatte wirklich nicht hergehen wollen, aber dank Sannes hartnäckiger Überredungskünste war sie mitgekommen – und es war passiert. Wieder.

Jella schluchzte trocken und hätte am liebsten laut geflucht. Das, was da am Horizont aufgetaucht war, ließ ihre Nerven vibrieren und sie hatte schon immer einen recht verlässlichen siebten Sinn gehabt. Ärger, und davon eine Menge, trieb gemächlich auf sie zu. Und sie hatte dem Typen auch noch ihre Arbeitsadresse gegeben – unverzeihlich.

Tannennadeln piekten sie in die Fußsohle und sie fluchte leise. Irgendwo knackte ein Ast und sie fuhr herum, doch niemand war da – zumindest konnte sie niemanden erkennen. Trotzdem machte sie sich keine Illusionen – sie war zwar kräftig und hatte so fest sie konnte zugeschlagen, aber der große Mann hatte recht unverwüstlich gewirkt. Dass sie ihn mit dem Absatz ihres Schuhs erledigt hatte, war zwar für den Moment praktisch, aber lange würde das vermutlich nicht vorhalten. Es sei denn, ihr Absatz hatte sich auf wundersame und gemeine Art und Weise durch seine Schläfe gebohrt.

So oder so würde das Ganze nicht unentdeckt bleiben. Entweder rappelte er sich selbst auf oder seine Kollegen – wer wusste schon, wie viele von denen sich auf der Party noch tummelten – würden ihn finden. Sie musste einfach schnell sein, weiterflüchten, nur weg von alle dem hier.

Beinahe hätte sie es ja auch ungesehen geschafft. Doch plötzlich war er vor ihr aufgetaucht, der Typ, derjenige, dem sie verraten hatte, wo sie donnerstags nebenbei arbeitete, in der dummen Hoffnung, dass sie sich wiedersehen würden. Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor ihr, genau in dem Augenblick, als sie wieder frische Luft hatte riechen können und sie ihre letzten Reserven noch einmal mobilisiert hatte.

Mit dunklem Blick hatte er sie gelöchert. Ein paar dumme Herzschläge lang hatte sie ernsthaft geglaubt, dass er nur zufällig dort gewesen war und sie sich seine Arme wie einen Schutzwall umlegen könnte, doch dann hatte ihre innere Alarmglocke angefangen zu piepsen. Dieser scannende, jede Regung aufsaugende Blick hatte sie gehindert, ihre Schwäche zuzulassen und mittlerweile war sie heilfroh, dass sie dem Impuls, genau in seinen Armen zusammenbrechen zu wollen, nicht nachgeben hatte.

Kreatur, hatte er sie genannt, Kreatur

Irgendetwas schien er über das knisternde Flüstern in ihrem Kopf zu wissen, welches das Feuer ankündigte, doch was er von ihr gewollt hatte, war ihr vollkommen schleierhaft. Der Typ war gestört, mindestens genauso gestört wie der Mann im Bad.

Jella berührte ihren Kiefer, der allmählich immer stärker pochte. Zwei brutale Irre an einem Abend, das war wirklich zu viel. Noch einmal wischte sie sich übers Gesicht, tappte weiter und hoffte, dass sie sich auf den richtigen orangeroten Schein am Himmel hin orientierte. Die Lichter des Hafens im Süden, der kleine Hausbrand und das flackernde Blau der Rettungskräfte im Nordwesten … Sie wollte nur noch weg. Weg von dem Feuer, dessen Flammen über ihre Haut geleckt hatten, ohne ihr auch nur ein Haar zu krümmen. Und vor allem weg von dieser Versammlung von Irren.

Ihr Schädel hämmerte zum Zerbersten, doch die zwischen dem Pochen aufblitzenden Gedanken waren erstaunlich klar. Sie überlegte, welche Unterlagen sie brauchen würde, wenn sie aus der Stadt verschwand, was sie ihrer Arbeitsstelle mitteilen könnte, welche Ausrede sie sich für die wenigen Freunde, die sie hier hatte, ausdenken sollte – und was sie hier in Hamburg am meisten vermissen würde.

Jella fluchte, verfluchte den Abend, verfluchte sich selbst und die beiden Männer, die ihr den Abend vermiest hatten und die ganze Welt. Das normale Leben hatte einfach zu lange geklappt, viel zu lange. Aus dem diffusen Gefühl Du bist anders als die anderen Menschen, aber denk nicht darüber nach! schien ein Du bist am Ende, dein Leben ist im Eimer! geworden zu sein.

Als sie schließlich vor einem hohen schmiedeeisernen Tor stehen blieb, dessen dazugehöriger Zaun mit spitzen Eisenzacken jedem unbefugten Besucher einen dezenten Hinweis gab, dass er nicht erwünscht war, atmete sie tief durch. Ihr Kopf schmerzte, ihr Kiefer pochte, ihre Rippen zogen. Von ihrem Hals ganz zu schweigen. Doch hier war sie richtig, dafür hatte es sich gelohnt, die knapp drei Kilometer barfuß zu laufen. Das Haus ihres Ziehvaters. Die Nähe zu dem Veranstaltungsort war ein Geschenk des Himmels, denn hier fühlte sie sich sicher.

Mit zittrigen Fingern gab sie den Code für das Tor ein, trat ein und schloss es hinter sich zu. An der Haustür angekommen, fingen ihr die Knie an zu zittern. Konzentrier dich, rief sie sich zur Ordnung, tippte erneut eine Zahlenkombination ein, gelangte endlich ins Haus und spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen.

»Nicholas?«, rief sie leise, dann immer lauter, doch nichts rührte sich. Vielleicht war er noch nicht wach, vielleicht war er im Urlaub, auf Geschäftsreise oder sonst wo, schlichtweg nicht hier? Schließlich stand sie vor seinem Schlafzimmer und klopfte zaghaft.

»Nicholas? Bist du da?«

Sie hörte eine Frauenstimme. Immerhin etwas. Er hatte Besuch, aber das hieß auch, dass er anwesend war.

»Was ist?«, vernahm sie seine Bassstimme und verfluchte sich, dass sie sich und ihren Ziehvater in eine solch peinliche Situation manövrierte.

»Kann ich dich … Kann ich dich kurz sprechen?«

»Nein! Ich bin beschäftigt!«

»Tut mir …« Ihre Stimme versagte mit einem Mal. Der Schock über das Erlebte holte sie allmählich ein und so presste sie nur noch ein krächzendes »Bitte!« heraus.

Sie konnte unterdrücktes Fluchen vernehmen. »Geh nach unten, bin gleich da.« Seine Laune war ihm durch die dicke Tür anzuhören. Vermutlich wäre sie ähnlich genervt, wenn man sie während oder nach einem Schäferstündchen stören würde.

Sie verzog sich ins Wohnzimmer, ließ sich auf einem der hellen Ledersofas nieder, umklammerte die dunkelbraune Kamelhaardecke, die sie seit ihren Kindertagen so liebte und scherte sich nicht darum, ob ihre dreckigen Füße Spuren auf dem teuren Leder hinterließen.

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Fairy Dust

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