Jeromes Arbeit

Mein Kopf schlägt heftig gegen das Fenster, bin ich etwa schon wieder eingeschlafen? Dazu habe ich jetzt einen absolut widerlichen Geschmack im Mund. Vielleicht habe ich im Schlaf eine Fliege verschluckt. Allein der Gedanke lässt mich würgen. Verzweifelt durchsuche ich meine Jackentasche nach Kaugummis. Zum Glück habe ich noch ein paar übrig, allerdings sind diese schon ziemlich alt und richtig mehlig. Aber was soll`s? Hauptsache der eklige Geschmack ist weg. Ich überlege, wie lange ich wohl geschlafen habe? Laut meiner Uhr ist es schon zwanzig nach.
Ein Glück das ich schon aufgewacht bin, sonst hätte ich womöglich noch die Haltestelle verpasst an der ich aussteigen muss. Ob mein Vater wohl ein wenig Zeit für mich übrig hat? Es ist gefühlte Ewigkeiten her, seit ich mich das letzte Mal so richtig ausgiebig mit ihm unterhalten habe. Bestimmt ist er von der ganzen Arbeit zu Tode erschöpft. Vorfreude kommt in mir auf, vielleicht kann ich ja endlich das große Geheimnis lüften und finde heraus, was mein Vater überhaupt macht. Ich grinse, Geheimnisse über Geheimnisse.
Mir wird es schnell zu langweilig mich im Abteil umzusehen, daher schaue ich wieder nach draußen. Aber auch da ist nicht sonderlich viel los. Baum, Baum, Stein, Wiese, Tunnel und wieder Baum. Wirklich sehr vielfältig. Bevor ich wieder einschlafe, ist es wahrscheinlich besser, wenn ich mich schon einmal auf den Weg zum Ausgang mache. Unterwegs checke ich noch einmal mein Handy und tatsächlich habe ich eine neue Nachricht von meinem Vater. Als ich die Nachricht öffne, kann ich nicht anders als laut los zu lachen. Er hat tatsächlich ein Bild von sich und seinem Kollegen gemacht, in dem er auf ihn zeigt. Sein Kollege ist ungefähr einen ganzen Kopf größer als er und nur halb so füllig. Neben meinem Vater mit seinem Bäuchlein und fast schon Vollbart sieht er aus wie eine Gottesanbeterin. Hoffentlich hat Mama ihm einen Rasierer eingepackt.
Sein Kollege hingegen sieht gepflegt aus, er hat einen frischen Haarschnitt und sein Anzug sitzt gerade. Während mein Vater seine Krawatte gelockert hat und dumm und dämlich grinst, steht sein Kollege stramm da. Fast schon wie ein Roboter. So werde ich ihn auf jeden Fall erkennen, obwohl er sowieso aus der Menge herausragen wird, da bin ich mir sicher.
Ein Ruck geht durch den Zug, als er anfängt zu bremsen, die sollten echt mal geölt werden. Das Quietschen klingt schon fast krankhaft. Während wir in den Bahnhof einrollen halte ich schon einmal nach ihm Ausschau. Als ich ihn sehe, kann ich gerade so widerstehen wieder laut loszulachen. Er steht mit einem langen schwarzen Mantel, Hut und Sonnenbrille unter dem Vordach und wartet. Glaubt er, er ist ein Geheimagent oder was? Sobald der Zug steht, öffne ich die Tür und springe hinaus. Er scheint mich sofort zu erspähen und kommt direkt auf mich zu. Ich kann nicht anders als zu lachen. Selbst durch seine Brille kann ich seinen verwunderten Blick erkennen.
„Sie müssen Herrn Vanderits Tochter sein, nicht wahr?“ Ich nicke, irgendwie hat er einen komischen Akzent. Danach versucht er mir die Tasche abzunehmen, aber ich winke ab. „Danke, aber das schaff ich gerade noch so selber.“ Dabei lächle ich, damit er das auch ja nicht falsch auffasst. Fehlt mir noch, dass das Verhältnis meines Vaters zu seinen Kollegen wegen mir leidet.
Glücklicher Weise geht er nicht weiter darauf ein und nickt nur kurz. Ich folge ihm zu einem Auto und will mich automatisch auf den Beifahrersitz setzen, als ich bemerke, dass am Steuer schon jemand sitzt. Der Kollege meines Vaters deutet auf die Hintertür und öffnet sie mir sogar. Ist mein Vater vielleicht doch ein ziemlich hohes Tier bei seiner Arbeit? Ich bin peinlich berührt als ich einsteige. Der hinter Teil des Autos erinnert an eine Limousine, also zumindest glaube ich das. Die Sitze sind nicht nebeneinander, sondern befinden sich jeweils gegenüber. Dazu befindet sich zwischen dem Fahrerabteil und dem Hinteren eine schwarz gefärbte Scheibe.
Wenn sich der Typ jetzt wirklich als ein Geheimagent herausstellt, bin ich zumindest nicht mehr überrascht. Aber würde das meinen Vater nicht zum Obergeheimagenten machen? Ich bin so tief in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerke, wie noch jemand ins Auto steigt. Erst als ich angesprochen werde, bemerkte ich den Jungen, der mir gegenübersitzt und mich neugierig anstarrt. „Das hier ist mein Neffe Niels, bitte lass dich von ihm nicht stören. Er arbeitet zurzeit als Praktikant bei uns und wird sicherstellen, dass du zu deinem Vater findest.“ Damit fährt er die Scheibe wieder hoch.
Mir ist es unangenehm, wie mich der Typ anstarrt, weswegen ich strickt nach vorne schaue. Als er nicht aufhört fahre ich ihn gereizt an: „Hab ich was im Gesicht oder warum Glotzt du so blöd?“ Der Junge erschreckt sich und bekommt Schluckauf. Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich so unhöflich war, immerhin kann er nicht älter als 15 sein. Er scheint es allerdings ganz gelassen zu sehen und sagt fröhlich: „Nein, nichts, was dort nicht hingehört. Aber das, was dort ist, ist wunderhübsch. Deswegen konnte ich meine Augen einfach nicht von dir abwenden. Tut mir leid.“ Ich laufe puterrot an und nuschle etwas Unverständliches. Es ist noch nie meine Stärke gewesen mit Komplimenten umzugehen. Aber wie um Himmelswillen kam er darauf?
Naja, jeder hat seinen Geschmack und sicherlich gibt es immer Geschmacksverirrungen. Ich bedanke mich knapp und sehe dann wieder nach draußen. Nach einer Weile fragt er: „Bist du wirklich seine Tochter? Ich meine wirklich ähnlich seht ihr euch ja nicht.“ „Und? Gleichst du deinen Eltern mit Haut und Haar?“ Er überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. „Tut mir leid, aber jetzt sehe ich, dass ihr euch im Charakter sehr gleicht. Ich habe Herrn Vanderit auch einmal darauf angesprochen und er hat fast exakt genau das Gleiche gesagt.“ Wieder grinst er breit. Irgendwoher kommt er mir bekannt vor, aber woher nur? „Haben wir uns schon einmal getroffen?“ Überrascht schüttelt er den Kopf. „Nicht das ich wüsste, wieso?“ Ich schüttle leicht meinen Kopf und lächle dann.
„Ach nichts, das war nur so ein Gefühl.“ Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie der Geheimagent neugierige Blicke nach hinten wirft. Irgendwie ist mir das alles nicht ganz geheuer. Bevor noch jemand etwas sagen kann, hält der Wagen an. Der Geheimagent öffnet mir und dem Jungen die Tür und deutet dann auf das Gebäude vor dem wir stehen.
Ein riesiges Gebäude mit mindestens 10 Stockwerken, wenn nicht noch mehr. Gehört das etwa alles dazu? Bestimmt nicht, dass wäre ja total übertrieben. Der Junge packt mich am Handgelenk und bevor ich reagieren kann sind wir schon im Gebäude drin. Wenn ich recht überlege, ist er nicht etwas zu jung um als Praktikant durchzugehen? Der Geheimagent folgt uns bis in den Fahrstuhl. „Ich werde euch noch bis in den 9 Stock begleiten. Ich hoffe danach findet ihr alleine zurecht?“ Der Junge nickt eifrig und wie auf Kommando fährt der Fahrstuhl los. Mit einem kräftigen Ruck fahren wir in einem erstaunlichen Tempo nach oben. Nach nicht einmal einer Minute sind wir oben und mit einem melodischen ´Poing` springen die Türen wieder auf. Sofort packt mich der Junge wieder am Handgelenk und zieht mich hinter ihm her.
Glaubt er etwa, dass ich mich hier sonst verlaufe oder was? Mit einem Schlag reiße ich mich los und sehe ihn trotzig an. „Ich glaube, ich kann schon ganz gut alleine gehen.“ Er sieht mich wie ein kleiner einsamer Welpe an und nickt dann nur stumm. Der Typ ist echt anstrengen. „Also wo lang jetzt?“ Wie erwartet hellt sich seine Stimmung sofort auf und er läuft voran. Neugierig werfe ich noch einmal einen Blick nach hinten. Die Türen schließen sich gerade, aber der Geheimagent hat sich genauso platziert, dass er uns bis zur letzten Sekunde nicht aus den Augen verliert. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Der Typ ist mir einfach nicht geheuer. Schnell schließe ich zu dem Jungen auf.
Weit ist der Weg allerdings nicht, nach nur 20 Meter rennt er praktisch in meinen Vater hinein. Dieser fängt belustigt an zu lachen und klopf im herzhaft auf die Schulter. „Wo willst du denn drauf los?“ Als ich meinen Vater sehe, verkrampft sich mein Herz. Er hat fürchterliche Augenringe, ganz zu schweigen davon, dass er anscheinend Gewicht verloren hat. Normalerweise ist das ja nicht verkehrt, aber dadurch wirkt er für mich nur noch kränklicher. Als er mich erblickt kommt er sofort zu mir und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Na meine kleine Prinzessin? Wie war dein Tag? Hast du auch sicher hergefunden?“ Ich lache, jetzt merke ich erst wirklich, wie sehr ich seine Nähe vermisst habe. „Mein Tag war wie immer, außer das Marie mich gezwungen hat, mit einem Kotzbrocken nach Hause zu gehen. Und wie um alles in der Welt hätte mir was zustoßen sollen?“ Ich lache immer noch. „Ich meine zuerst schickst du einen Geheimagenten um mich abzuholen und das mit einem wahrscheinlich kugelsicheren Wagen und dann, bringt dieser Bodyguard hier, mich her.“ Bei meiner letzten Bemerkung müssen auch der Junge und mein Vater lachen. Mein Vater wuschelt ihm einmal kräftig die Haare durch und murmelt etwas Unverständliches, während er lächelt. Der Junge grinst immer noch breit und macht sich nach einer kurzen Verabschiedung dann wieder auf den Weg.
„Ein drolliger kleiner Junge, findest du nicht? Er wächst einem richtig schnell ans Herz.“ Ich nicke und gemeinsam blicken wir ihm nach, wie er verschwindet. „Also, wo sollen deine Sachen hin? Ich weiß allerdings nicht, was Mama alles eingepackt hat.“ Mein Vater legt mir seinen Arm um die Schulter und nimmt mir die Tasche ab. Danach gehen wir zusammen in Richtung Büro. Komischer Weise kommt mir alles seltsam vertraut vor, selbst bei manchen Details kommt es mir so vor, als hätte ich sie erst vor kurzer Zeit gesehen. Als ich so darüber nachgrüble bekomme ich furchtbare Kopfschmerzen. „Wie gefällt dir deine neue Schule denn so? Hast du schon Freunde gefunden?“ Nicht, dass er das wirklich glaubt.
„Die Schule an sich ist ziemlich schräg. Die Lehrer schmeißen praktisch mit Geld um sich und auch unser Schulgebäude zeugt nicht gerade von Armut. Mit meinen Noten ist es ein Wunder, dass ich dort überhaupt angenommen wurde. Meine Lehrer scheinen ansonsten ganz nett zu sein. Und, jetzt halt dich fest, ich habe tatsächlich zwei potentielle Freunde kennengelernt. Ein Mädchen und einen Jungen. Sie sind zwar auch nicht ganz normal, aber ich verstehe mich ganz gut mit ihnen.“ Mein Vater bleibt stehen und sieht mich ungläubig an. „Ist das dein ernst? Das ist ja super!“ Freunden strahlend drückt er mich zu sich ran.
Nach wenigen Metern erreichen wir auch schon sein Büro. Oder eher seine Wohnung, denn sein Büro ist komplett ausgestattet mit einer Einbauküche und einem schmalen Bett. Daneben gibt es noch einen riesigen, massiven Schreibtisch, auf dem lauter Dokumente liegen. „Willkommen in meiner Hölle.“ Natürlich meint er das nicht ernst, an seinem breiten Grinsen kann ich erkennen, dass er seinen Arbeitsplatz über alles liebt. Er schmeißt die Tasche auf sein Bett und fängt an sie auszupacken. Achtlos schmeißt er die Klamotten auf einen Haufen und stürzt sich direkt auf das Essen. „Das Essen deiner Mutter ist immer noch das Beste.“ Ich nicke und schaue mich in weiter in seinem Büro um. Überraschender Weise ist es sogar aufgeräumt. „Was machst du hier überhaupt?“ Mein Vater schaut vom Essen auf und grinst mit vollem Mund. Unachtsam wie er ist, fällt sogar etwas heraus.
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, obwohl das Ganze schon ekelig aussieht. Nachdem mein Vater aufgekaut hat sagt er: „Wenn du willst und noch Zeit hast, kann ich dich ein wenig rumführen.“ Ich nicke begeistert, wenn das nicht ein Lichtblick in der Fall Akte von `als was arbeitet mein Vater überhaupt´ ist. Vielleicht sollte ich den Namen noch ändern, er erscheint mir ein wenig lang. „Aber hast du denn dafür überhaupt Zeit? Normalerweise bist du doch viel zu beschäftigt. Deswegen schläfst du doch überhaupt hier oder nicht?“ Während er isst nickt er immer wieder, keine Ahnung auf welche Frage er das bezieht. Wahrscheinlich hieß es so viel wie `ich habe eigentlich nicht einmal die Zeit zum Essen, aber ich nehme sie mir einfach´. Das wäre typisch er. Seine Kollegen suchten in mittlerweile bestimmt schon verzweifelt. Meinte er nicht erst, dass er heute ein wichtiges Meeting hat? Innerhalb 5 Minuten schlingt mein Vater das gesamte Essen runter und zieht sich, in seinem eigenen Badezimmer, schnell um. In seinem frischen Anzug sieht er wenigstens schon mal ein wenig frischer aus. Als er aus dem Bad kommt sitze ich auf seinem Sofa und frage ihn: „Solltest du dich nicht besser mal rasieren?“
Er winkt nur ab und meint: „Wen sollte das schon stören? Meine Kollegen kennen mich gar nicht anders und so kann ich mich einfach besser konzentrieren.“ Zusammen gehen wir los. Hin und wieder deutet mein Vater auf einen Raum oder eine Person und erzählt mir etwas über sie. Allerdings höre ich nur selten zu. Das ist nicht das, was mich interessiert. Als wir endlich an seinem Arbeitsplatz ankommen und mein Vater gerade anfangen möchte, mir mit stolz geschwellter Brust etwas über seine Arbeit zu erzählen, wird er von einer Frau gerufen.
„Herr Vanderit! Da sind sie ja! Wissen sie, wie lange ich nun schon nach ihnen suche!? Sie haben in 5 Minuten ein Meeting, dass sie auf keinen Fall verpassen können!“ Sie trägt einen Hosenanzug, dazu hochhackige Schuhe und ihre Haare hat sie sich zu einem strengen Zopf gebunden. Mit einem flüchtigen Blick auf mich fügt sie fast beiläufig hinzu. „Muss ich sie zudem daran erinnern, dass Außenseiter hier nichts verloren haben?“ Mein Gott, ich kann diese Frau jetzt schon nicht ausstehen.
Vielleicht hat sie es ja auf meinen Vater abgesehen? Mama hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass Papa früher ein echter Überflieger war und sich kaum vor den Frauen retten konnte. Mittlerweile ist er zwar schon ganz schön gealtert, aber wer weiß schon, was für Frauen in seinem Alter als attraktiv gilt. Die Frau wirft mir noch einen kurzen Blick zu und bedeutet meinem Vater dann, ihr zu folgen. Er denkt allerdings gar nicht dran und klammert sich an mir fest. „Nein, ich will noch nicht gehen. Mach was Cleo, lass sie mich nicht mitnehmen!“ Wie ein Kleinkind schüttelt er immer wieder den Kopf und streckt der Frau die Zunge heraus. „Sie können mich nicht zwingen zu diesem langweiligen Meeting zu gehen! Und ich lasse nicht zu, dass sie die kostbaren Minuten, die ich mit meiner Tochter zusammen habe, wegen einer solchen Unwichtigkeit verkürzen!“
Die Frau schnaubt einmal entrüstet und sieht ihm fest entschlossen in die Augen. „Sie müssen sich nun wirklich nicht jedes Mal so anstellen! Wenn ihnen ihre gemeinsame Zeit so unendlich wichtig ist, dann gehen sie öfter nach Hause!“ Er schmollt, dass sehe ich ihm ganz deutlich ins Gesicht geschrieben. „Ich kann dich auch wann anders noch einmal besuchen Papa. Arbeit ist Arbeit!“ Er sieht mir beleidigt ins Gesicht, bis sich seine Miene blitzartig aufhellt. „Ich hab’s. Warum schließen wir nicht einen Kompromiss? Ich darf Cleo mit zum Meeting nehmen und mache meine Arbeit dafür vernünftig!“ Die Frau beißt sich ärgerlich auf ihre Lippe. Zu meinem Erstaunen widerspricht sie ihm nicht, sondern wendet sich direkt an mich. „Ich hoffe dir ist im Klaren, dass alles was besprochen wird, nicht für deine Ohren bestimmt ist. Wehe sie weiß sich nicht zu benehmen!“
Damit wandte sie sich wieder an meinen Vater. Dieser hat sich bereits aufgerichtet und fummelt gerade seine Krawatte zurecht. Mit einem Mal wirkt er wie ein ganz anderer Mensch. Wenn sein Bart nicht wäre, könnte ich ihn sogar ernst nehmen. „Ich hole nur noch schnell die nötigen Unterlagen. Wenn sie so freundlich wären und meine Tochter schon einmal in den Konferenzraum bringen könnten?“
Nicht, dass er überhaupt auf eine Antwort wartet. Die Frau seufzt genervt und murmelt: „Wenn er nur immer so ernst sein könnte.“ Ich sehe sie fragen an und sie erklärt mir: „Dein Vater leistet gute Arbeit, nein eigentlich sehr gute. Allerdings ist er sehr schwer dazu zu motivieren überhaupt damit fortzufahren und etwas fertig zu stellen. So sprunghaft wie er ist, fängt er ständig von Neuem an und bringt es nur selten fertig, etwas von alleine fertig zu stellen. Du glaubst es vielleicht nicht, aber ich wurde einzig und allein dafür eingestellt, um dafür zu sorgen, dass er mit seiner Forschung weiterkommt.“ Sie seufzt wieder.
Vielleicht habe ich sie ja doch falsch eingeschätzt, mein Vater scheint ihr ihren Job ja nicht gerade leicht zu machen. Damit habe ich eigentlich nicht gerechnet, warum tut er seine Arbeit nicht, wenn er sie doch so liebt? Vielleicht ist er ja nur deswegen so selten zu Hause, weil er immer Überstunden machen muss um seine Launen auszugleichen. Die Frau bedeutet mir, ihr zu folgen. Immer wieder murmelt sie etwas Unverständliches und ich bemerke, wie ihr hin und wieder mitleidige Blicke zugeworfen werden. „Woran arbeitet mein Vater denn gerade?“ Sie sieht mich überrascht an. „Das weißt du nicht? Ich hatte das Gefühl, er würde das jeder nur erdenklichen Person auf die Nase binden.“
Nach kurzen Überlegen nickt sie bestimmt. „Darum besteht er also hartnäckig darauf, dass du mit zu dem Meeting gehst. Dort wird auch seine Forschung angesprochen bzw. dein Vater soll seine neuesten Fortschritte erläutern. Es werden viele Sponsoren unseres Unternehmens daran teilnehmen, weshalb du besonders aufpassen musst, wie du dich verhältst. Am besten versuchst du gar nicht erst in irgendeiner Weise aufzufallen.“ Ich nicke stumm, nicht, dass ich geplant habe aufzufallen.
Nach wenigen Minuten haben wir einen riesigen Konferenzraum erreicht. In der Mitte steht ein riesiger runder Tisch, auf manchen Plätzen sitzen bereits Leute, die mich nun neugierig betrachten. Die Frau bedeutet mir auf dem Stuhl neben der Tür Platz zu nehmen und blickt nervös auf ihre Uhr. Nachdem immer mehr Leute eintreffen und mein Vater immer noch nicht da ist flucht sie leise und macht sich dann auf den Weg nach draußen. Zum Glück bleibt ihr sie Suche erspart, denn genau in diesem Moment kommt er zur Tür herein gestolpert. Nachdem er mir kurz zugezwinkert hat, macht er sich auf den Weg zu einem der letzten freien Plätze. Auf den letzten Plätzen werden Laptops platziert, auf denen meiner Überraschung nach auch Menschen erscheinen. Die Firma hat also tatsächlich auch ausländische Sponsoren. Insgesamt sitzen nun 15 Personen an dem Tisch und fast alle Augen richten sich gebannt auf meinen Vater. Er kramt gerade in einem Haufen Papieren rum, bis er endlich ein Blatt mit einem Fleck darauf gefunden hat. Ist das sein ernst?
Er winkt ein paar Männer herein, die Stellwände und Plakate hereintragen. Lauter Diagramme. So gespannt ich auch bin, mir wird mir jetzt schon langweilig. Nach und nach redeten die Männer über die Erträge, welche die bereits Veröffentlichten Produkte mittlerweile brachten. Ich kenne kein einziges davon. Nach einer halben Stunde kann ich mir ein Gähnen nicht mehr verkneifen. Dafür ernte ich aber auch den einen oder anderen strengen Blick. Aber das schlimmste scheine ich überstanden zu haben. Mein Vater fängt nun von seiner neuen Forschung zu erzählen. Das meiste klingt für mich wie eine andere Sprache. Lauter Fachausdrücke die wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Männer hier verstehen kann. Im groben glaube ich aber heraus zu hören, dass er an etwas Ähnlichem wie einer Maschine arbeitet. Wenn mich nicht alles täuscht soll man sich damit wohl teleportieren sollen.
Was sich für mich wie kompletter Schwachsinn anhört. Allerdings nicken die anderen Männer hin und wieder zustimmend. Immer mehr bekräftigt sich mein Eindruck, dass hier alle geistesgestört sein müssen. Am Ende gesteht mein Vater mit vor stolz geschwellter Brust, er stünde kurz vor einem Durchbruch, der alles verändern wird. Vielleicht wäre es besser gewesen ich hätte nie erfahren, an was mein Vater genau arbeitet. Wie soll ich ihn jetzt noch ernst nehmen können?
Ich meine, die Idee an sich hört sich schon cool an. Aber viel zu sehr nach Science-Fiction Roman. Wenn jemand so etwas auf der Straße behaupten würde, würde man ihn mit Sicherheit für verrückt erklären, wenn nicht sogar einweisen lassen. Als mein Vater mit seiner Ausführung fertig ist, applaudieren die Männer. Sie scheinen alle mit den Ergebnissen zufrieden zu sein.
Mein Vater kommt lächelnd auf mich zu und fragt: „Und? Was sagst du?“ Ich sehe ihn schräg an. „Ist das dein Ernst?“ Er sieht mich verwundert an. „Das hört sich so an, als wären hier drinnen alle durchgedreht und verrückt geworden.“ Merklich macht sich Enttäuschung in meinem Vater breit. Schnell beeile ich mich und füge „Aber falls das wirklich wahr sein sollte ist das wirklich bemerkenswert“, hinzu.
Es scheint ihn zwar nicht ganz zu überzeugen, aber seine Miene hellt sich wieder etwas auf. „Wie wäre es, wenn wir noch einen Kaffee und heiße Schokolade zusammen genießen?“ Ich werfe einen Blick auf meine Uhr und schüttle meinen Kopf. „Tut mir leid, aber Marie wartet sicherlich schon auf mich. Außerdem musst du deine Arbeit machen! Sonst kommst du ja nie wieder nach Hause.“
Mein Vater seufzt theatralisch, doch seine Sekretärin, Aufseherin oder Assistentin, was auch immer die richtige Bezeichnung ist, nickt bekräftigend. Ich sehe mich fragend um: „Wie komme ich denn von hier wieder am besten zum Bahnhof?“ „Keine Sorge, Herr Vanderit hat dafür gesorgt, dass der Wagen unten wartet, bis du hier fertig bist. Wenn du dich beeilst schaffst du auch noch den Zug in einer halben Stunde.“ Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg zum Ausgang. Wieder wird mir bewusst, wie seltsam vertraut mir hier alles erscheint. Selbst den Weg nach draußen finde ich ohne Probleme. Irgendwie ist das schon seltsam.
Der Wagen sticht mir sofort ins Auge. Zum Glück ist der Geheimagent dieses Mal nicht dabei. So cool er in seinem Mantel und Hut auch aussieht, so gruselig ist er auch zur selben Zeit.
Anscheinend sind alle Angestellten hier nicht ganz normal. Aber „normale Leute“ würden ja auch nicht planen ein Portal zu bauen. Der Fahrer öffnet ihr dieses Mal die Tür. Der Rest des Weges verläuft relativ unspektakulär. Im Zug ist zwar mehr los als auf der Hinfahrt, aber er ist immer noch vergleichsweise leer. Marie hat mittlerweile schon drei Mal versucht mich anzurufen. So wie ich sie kenne, macht sie sich Sorgen, dass mir etwas passiert sein könnte, weil ich mich bis jetzt noch nicht gemeldet habe. Schnell schreibe ich ihr eine Nachricht, dass ich bereits auf dem Rückweg bin.
Die Zeit mit meinem Vater ist wortwörtlich wie im Flug vergangen, es ist bereits 18 Uhr. Vielleicht bin ich aber auch während des Meetings, ohne es zu merken, eingeschlafen und habe die Hälfte verpasst. Undenkbar ist es nicht. Selbst ein einstündiger Vortrag über Ameisen ist mit absoluter Wahrscheinlichkeit spannender. Das würde die strafenden Blicke auch besser erklären, als ein einfaches Gähnen. Aber ich kann ja schlecht etwas dafür, dass mich die Bilanzen und Diagramme und all der andere Kram nicht interessieren. Sollen sie doch froh sein, dass ich ihre wichtigen Geheimnisse verschlafen habe. Ich kann mir aber auch nur schwer vorstellen, dass jemand vor hat, diese Hirngespinste zu stehlen oder zu kopieren.
So in Gedanken versunken merke ich gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht und ehe ich mich versehe bin ich schon an meinem Ziel. Fast habe ich schon damit gerechnet, Marie warten mit dem Roller auf mich. Es wäre aber auch regelrecht naiv von mir gewesen, zu glauben, sie würde mich alleine nach Hause laufen lassen. Wahrscheinlich hat sie nur darauf gewartet, dass ich ihr schreibe, wann ich ankomme. So ist es mir aber immer noch lieber, als dass sie mir den Idioten wieder auf den Hals hetzt. Als ich aussteige winke ich ihr zu.
Marie sieht mich wütend an. Hat mich der Idiot etwa verraten? Er hatte doch auch keine Lust mich zu begleiten. Schon bevor ich bei ihr ankomme bin ich mir sicher. Sie weiß Bescheid.
„Warum um alles in der Welt bist du alleine losgegangen?! Ich dachte wir waren uns einig! Weißt du wie viele Sorgen ich mir gemacht habe?“ Ich hebe abwehrend die Hände. „Ja wir waren uns einig, dass er mich nach Hause bringt. Aber nicht bis zum Bahnhof. Außerdem konnte ich ihn einfach nicht länger ertragen! Keine Ahnung, wie du es mit diesem Schnösel aushältst!“ Marie verschränkt genervt die Arme: „Warum könnt ihr euch denn nicht einfach vertragen? Ja er hat einen schwierigen Charakter und ja manchmal ist er etwas zu direkt, aber, wenn man ihn erst einmal kennt, ist er ein ganz netter Kerl. Als er bemerkt hat, dass du verschwunden bist hat er mir sofort Bescheid gesagt! Er wusste, wie viel Sorgen ich mir um dich mache! Warum kannst du das nicht verstehen?“ „Ganz einfach! Er und ich passen einfach nicht! Er kann mich nicht leiden und ich ihn nicht! Akzeptier es endlich. Ich bin schon einen riesigen Kompromiss eingegangen. Aber ich werde mir sicherlich keine Freunde von dir aufzwingen lassen! Wenn du dir Sorgen machst, kann ich das nicht ändern! Ich kann ja schließlich nicht ewig mit einem deiner Bodyguards rumlaufen!“ Marie beißt sich verärgert auf die Lippen und drückt mir wortlos meinen Helm in die Hand. Das habe ich ja richtig toll hinbekommen, jetzt wird sie den ganzen Abend schlechte Laune haben. Wenn nicht sogar noch länger.
Ich weiß, dass sie es nicht böse meint, aber jeder andere Fremde wäre mir lieber als Johannes. Wortlos steige ich hinter ihr auf und wir fahren los. Mit dem Roller brauchen wir nicht einmal 10 Minuten bis nach Hause. „Wenn du willst kann ich heute Auflauf machen. Mama kommt wahrscheinlich nicht vor 20.00 zurück und so wie ich Oma kenne zwingt sie Mama bei ihnen zu essen.“
Ich nicke nur stumm aus Angst, sie noch weiter zu erzürnen. Marie bringt den Roller in die Garage und macht sich dann auf den Weg in die Küche. Auf mich warten noch Hausaufgaben. Am Wochenende habe ich keine Zeit dafür. Vorausgesetzt ich treffe mich wirklich am Sonntag mit Raff und Simone. Noch hat Simone mir nicht geschrieben. Nach und nach packe ich meine Schulsachen aus und fange mit den Aufgaben an. Dank unserer Kunstlehrerin habe ich das Meiste schon erledigt, nur noch ein paar Übersetzungen fehlen.
Tief in Gedanken versunken merke ich gar nicht, wie Marie mein Zimmer betritt. Still setzt sie sich auf mein Bett und sieht mir zu. „Was ist los?“ Sie tut dies nur, wenn ihr etwas auf der Seele liegt. Ein langer Seufzer folgt. „Weißt du, ich kenne Johannes jetzt schon gefühlte Ewigkeiten und ich versichere dir, dass er kein schlechter Mensch ist. In seiner Vergangenheit wurde er von den Mädchen in unserer Klasse ziemlich heftig belagert, sodass es schon fast an Mobbing gegrenzt hat. Sie haben ihm Sachen geklaut und als eine Art Trophäen behalten. Er hat sich mit der Zeit immer mehr zurückgezogen und ich tippe mal, dass er auch dadurch seine doch sehr direkte Art entwickelt hat.“ Ich sehe sie verwirrt an. Als sie das bemerkt hebt sie abwehrend die Hände: „Keine Sorge, ich hör schon damit auf, aber ich will nicht, dass du denkst, dass er ein Abgrund tief schrecklicher Mensch ist. Er hat seine Probleme, wie jeder andere auch, nur, dass ihn seine grundlegend verändert zu haben scheinen. Das hört sich jetzt vielleicht so an als würde ich übertreiben, aber glaube mir, er hatte furchtbare Angst vor den Anderen. Später wurde er auch noch von den anderen Jungs geärgert. Bis wir uns kennengelernt haben war er fast immer alleine. Verstehst du was ich meine? Er hat genau das durchgemacht, was du so sehr fürchtest.“ Ich nicke bedächtig. „Vielleicht kann ich ihn jetzt besser verstehen, aber ich werde definitiv kein Blatt vor den Mund nehmen! Wenn du unbedingt willst, dass wir uns besser verstehen, dann sorg erst einmal dafür, dass er sich zu benehmen weiß.“ Marie grinst und nickt.
Es scheint ihr wirklich auf der Seele gelastet zu haben. „Ich hab´ dich lieb Cleo.“ Ich lache „Natürlich hast du das. Du bist doch meine herzallerliebste Schwester.“ Marie lächelt noch immer und schaut mir eine Weile zu. „Das Essen müsste in etwa 20 Minuten fertig sein. Ach so und bevor ich es vergesse. Hat Lukas es geschafft dich zu erreichen?“ Ich verneine. „Er lädt dich morgen nach der Schule zum Essen ein. Als ich ihm erzählt habe, dass du Freunde gefunden hast, ist er fast hintenübergekippt.“ „Ist die olle Zicke auch dabei?“ „Du sollst sie nicht immer so nennen! Lisa ist eine ordentliche und wohlerzogene junge Frau! Aber nein, er weiß ja, dass du sie nicht leiden kannst.“
Ich äffe Marie nach „eine ordentliche wohlerzogene junge Frau. Wie alt bist du? 70?“
Das hat sich so dämlich angehört, dass wir beide in schallendes Gelächter ausbrechen. „Hat er dir auch gesagt wann und wo?“ „Jap. Er holt dich direkt nach Schulschluss an der Schule ab.“ Marie grinst wieder breit als sie meinen leidenden Gesichtsausdruck sieht. Unser Bruder ist früher zur gleichen Schule gegangen wie wir jetzt. Er war der totale Lehrerliebling und mittlerweile gingen sie sogar soweit in der Schule Bilder seiner Auszeichnungen aufzuhängen. Natürlich nicht nur seine. Die Schule hat angeblich einen ganzen Schaukasten voller „ehemaliger Schüler auf die die Schule stolz ist“. Ich habe heute schon genug Aufmerksamkeit bekommen, warum kann ich nicht einmal einen ruhigen, friedlichen Schultag erleben? „Warum muss er mich denn unbedingt da abholen? Kann er nicht hier warten?“ Marie schüttelt den Kopf.
„Du kennst ihn, jede Minute zählt. Wahrscheinlich hat er danach noch einen Termin und hat deswegen nicht viel Zeit.“ Ich seufze, das war typisch Lukas. Normalerweise hätte er mich einfach anrufen können, aber so wie ich die Lage einschätze möchte er sich mit dem Essen bei mir entschuldigen, weil er aus irgendeinem Grund meinen ersten Schultag verpennt hat. Das würde zumindest erklären, warum er mich bisher noch nicht angerufen hat. „Schlimmer als heute kann es doch nicht mehr werden oder?“ „Ohhh doch! Mit Pech stecken die Lehrer dann auch ihre Erwartungen an mich höher.“
„Das glaube ich nicht, haben sie bei mir auch nicht gemacht.“ „Ich hoffe es wirklich.“ „Wie war es denn bei Papa, hast du gut hingefunden?“ Ich nicke bedächtig. „Ja. Ich wurde von einem echt schrägen Vogel direkt vom Bahnhof abgeholt. Der sah aus wie ein Bilderbuch Geheimagent. Danach bin ich in einem Luxuswagen zu seinem Büro gefahren und wurde von einem Praktikanten, der dafür eigentlich noch viel zu jung ist zu Papa gebracht. Danach habe ich einem Meeting zugehört in dem Papa behauptet hat, er würde an einem Teleporter arbeiten und seine Kollegen haben ihm das abgekauft bzw. auch noch befürwortet. Echt schräg findest du nicht?“
Marie lässt sich nach hinten auf mein Bett fallen. „Papa arbeitet doch immer an solch verrückten Sachen. Ich habe mich auch schon einige Male gewundert, warum man ihn dort überhaupt ernst nimmt und auch noch unterstützt. Aber solange er dafür Geld bekommt, dürfen wir uns wohl nicht beschweren.“ Ich nicke, da hat sie wohl oder übel recht. Nach weiteren 5 Minuten schweigen klingelt unten ein Wecker. Marie springt auf: „Essen ist fertig!“ Zusammen gehen wir nach unten in die Küche. Mittlerweile duftet es schon richtig lecker. Maries Kochkünste kommen definitiv nach denen unserer Mutter. Ich hatte mich einmal an einer Lasagne versucht und sie am Ende weggeschmissen. Kochen konnte ich nun wirklich nicht. Wir aßen zusammen vor dem Fernseher, die Nachrichten haben wir nur knapp verpasst, sodass wir gerade noch so das Ende der Zusammenfassung sehen. Mama wird uns dafür bestimmt mal wieder einen ihrer Spezial Vorträge halten. Eigentlich lohnt es sich alleine deswegen immer die Nachrichten zu schauen.
Ihre Vorträge dauern immer mindestens doppelt so lange, weil sie immer noch persönliche Kommentare abgibt. Aber anders als alle anderen Menschen, scheint sie besonders darauf bedacht zu sein, nicht nur Fakten und Ausgewertete Tabellen wieder zu geben, sondern auch immer wieder Zitate und andere sichtlich überflüssigen Details mit einzubringen. Eigentlich müsste sie als Lehrerin arbeiten, das wäre perfekt. Sie könnte ihren Schülern den ganzen Tag die Ohren abkauen und würde uns dann hoffentlich in Ruhe lassen. Ich frage mich, warum sie überhaupt Nachrichtensprecherin geworden ist, sicherlich nicht, weil man dann reichlich Zeit für die Familie hat. Marie schaltet sofort auf einen anderen Kanal um, zu meinem Entsetzen schaltet sie zielgerichtet auf einen Liebesfilm.
„Ist das dein Ernst? Du weißt, dass ich solche Filme nicht ausstehen kann.“ Ich stoße mir mit ihren Ellbogen leicht in die Seite. „Komm schon, nur dieses eine Mal ok? Ich schau auch diesen furchtbaren Massaker Film mit dir im Kino.“ Sie weiß genau wie sie mich beeinflussen kann. Ich liebe es einfach mir die neuen Filme im Kino anzusehen, aber alleine ist mir das zu unangenehm. Mal ganz ehrlich, wer geht schon alleine ins Kino? Man kommt sich zwischen den ganzen Pärchen und Freunden immer fehl am Platz vor, da kann ich machen was ich möchte. Vielleicht kann ich ja mit Raff und Simone mal ins Kino, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass Simone auf Horror- oder Actionfilme steht. Aber immer noch besser als von Marie damit erpresst zu werden. Wozu hat man denn Freunde.
Früher bin ich mit Moira und Franzi jeden Mittwoch ins Kino gegangen, der einzige Tag an dem wir alle Zeit hatten. Da fällt mir ein, dass ich schon ziemlich lange nicht mehr mit ihnen geschrieben habe, wie es den Beiden wohl geht? Marie kuschelt sich neben mir in eine Decke ein und ich mache mich daran ihnen Nachrichten zu schreiben. Das typische `Hey wie geht’s was machst du so? ´. Wahrscheinlich wird mir vor Morgen keiner von beiden antworten. Immerhin ist es schon ziemlich spät und keiner von uns schaut regelmäßig auf sein Handy. Mittlerweile ist es schon fast 22 Uhr, langsam frage ich mich wirklich, wo unsere Mutter bleibt. Marie scheint das gleiche zu denken aber genau in dem Moment hören wir ein Auto in der Auffahrt.
Schnell springe ich auf. Breit grinsend laufe ich schnell zur Treppe. „Schnell zu Bett, bevor sie bemerkt, dass wir die Nachrichten verpasst haben.“ Marie schaltet den Fernseher aus und läuft mir lachend hinter her. Schnell schaltet sie ihren Fernseher ein, um ja nichts Wichtiges von dem Film zu verpassen. Wobei sie ihn wahrscheinlich eh schon an die Tausend mal gesehen hat.
Ich stelle meinen Wecker für morgen und ziehe mich schon mal um. Laut Stundenplan dürfte morgen ein ziemlich entspannter Tag werden. Eigenverantwortliches Lernen und dann noch Religion. Wie schwer kann das schon sein, zudem haben wir in Religion nicht einmal Unterrichtsmaterialien. Aber es hätte mich auch gewundert, wenn wir in Religion ein fettes Lehrbuch gehabt hätten. Es stellt sich nur die Frage, was ich die ersten beiden Stunden machen soll. Eigentlich ist es ja eine gute Idee, die Zeit auch zum Lernen zu nutzen, vielleicht gehen Simone und Raff ja mit mir in die Bücherei. Dann können wir auch gleich damit anfangen uns gegenseitig den Stoff zu erklären.
Ich schnappe mir schnell mein Handy und schreibe beiden eine Nachricht. Nach nur wenigen Sekunden ist auch schon eine Chatgruppe gegründet und wir verabreden uns morgen dazu, in den ersten beiden Stunden zusammen zu lernen. Ich überlege, ich sollte auf jeden Fall Englisch und Französisch mitnehmen und Bio und Chemie sind wahrscheinlich auch keine schlechte Wahl. Notfalls müssen wir uns dann halt mal ein Buch teilen. Um 22.37 liege ich endlich fertig im Bett, alles zusammen zu suchen hat länger gedauert, als ich gedacht habe. Kurz bevor ich einschlafe muss ich wieder an den viel zu jungen Praktikanten denken. Warum nur kommt er mir so bekannt vor?

                                                                     

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