Können wir reden

Ella

Ich stand in der Küche, um mir Frühstück zu machen. Ich trug noch mein Top und meine kurzen Shorts von gestern. Ich würde später duschen gehen, Heute war hier sowieso keiner, den das stören könnte. Irgendwie hatte ich mich wohl doch noch von der Couch in mein Bett geschleppt, denn genau da war ich heute Morgen aufgewacht. In den letzten Tagen litt ich wohl an einigen Gedächtnislücken, aber als ich aufwachte, hing ein anderer Duft in dem Zimmer als sonst. Etwas Herbes hatte sich in die Luft gemischt. Ich setze mich auf den Barhocker und träumte vor mich hin, als ich einen Blick auf mir spürte, erschrocken drehte ich mich um. »Ben was machst du denn hier?« hatte er nicht gesagt, dass er über Nacht wegblieb. »Ich wünsche dir auch einen guten Morgen Ella und wenn mich nicht alles täuscht, wohne ich hier« sagte er und ein leichtes Lächeln hing auf seinen Lippen. »Sorry, ich wollte nicht unhöflich sein ... Ich dachte nur, du kommst nicht vor heute Abend zurück« versuchte ich, mich zu rechtfertigen, dass ich ihn so angefahren hatte. Ben sah mich eindringlich an und sein Blick wanderte zu meinen nackten Beinen, aus Reflex zog ich mein Top ein Stück weiter herunter, was zwecklos ist, da es viel zu kurz war. »Magst du mit frühstücken?« versuchte ich, ihn von meinen nackten Beinen abzulenken. Ben nickte »Ja gern« er machte sich wie jeden morgen Cornflakes und nahm sich eine Tasse Kaffee dazu.

»Wie ist eigentlich dein Job im Krankenhaus so?« fragte er, ohne mich anzusehen. Wie kam er denn jetzt darauf? Woher weiß er überhaupt davon, sollte ich ihm sagen, dass ich ihn dort gesehen hatte? »Gut« antwortete ich knapp und hoffte, dass er meine Unsicherheit nicht bemerkt. »Und was genau machst du dort« wollte er wissen, er wollte ganz offensichtlich auf irgendetwas Bestimmtes hinaus. »Na ja nichts Aufregendes ich liefere das Essen aus und messe den Blutdruck, woher weißt du von meinem Job?« wollte ich von ihm wissen. »Von deinem Dad. Er hat es mir erzählt, als er sagte, dass du hier einziehen wirst um dann an der Uni Medizin zu studieren« klärte er mich auf, das hätte ich mir eigentlich denken können das er es von Sam wusste, immerhin verstanden die beiden sich gut. Schade war nur, dass mein Dad mir so gar nichts von Ben erzählt hat. Ich sah kurz zu ihm auf, in diesem Augenblick war mir klar, dass er es wusste. »Von dir hat er mir nichts erzählt« murmelte ich vor mich hin als ich aufstand um mein Geschirr abzuräumen. Ich brauchte Abstand zwischen uns, da mich seine Nähe nervös macht und ich das Gefühl hatte nicht klar denken zu können. Ich wusste nicht, woher es plötzlich kam, aber es brach einfach aus mir heraus. »Alexander warum warst du im Krankenhaus? Und warum weiß niemand etwas davon? Und warum nennen dich hier alle Ben?« Erschrocken hielt ich mir die Hand vor den Mund, weil ich anklagend klang, dabei hatte ich gar kein Recht dazu. Er sah mich entsetzt an »Was? ... Woher?... Das geht dich nichts an« stammelte er, sprang auf und stürmte aus der Küche, er sah wirklich wütend aus. Na toll! Das war ja super gelaufen, ich lief ihm hinterher, aber er war schon weg. Und jetzt? Was mache ich nun, ich sollte mit ihm reden, ich wollte nicht das Ben wütend auf mich war. Allerdings würde ich solange warten, bis er sich etwas beruhigt hatte.

Ich hatte geduscht und die Hälfte des Tages damit verbracht auf das Buch das vor mir lag zu starren. Ich war kurz davor es einfach gegen die Wand zufeuern, als ein leises Klopfen an der Tür meine Aufmerksamkeit erregte. »Ja Bitte?« Ich setzte mich aufrecht hin, die Tür öffnete sich und Ben kam herein. Ich sah ihn überrascht an, ich hatte zwar damit gerechnet, dass er es war, aber ich hatte nicht erwartet, dass er aussah wie ein angeschossenes Reh. »Ella, es tut mir leid! Ich hätte dich nicht einfach stehen lassen sollen, ich habe mich nur etwas überrumpelt gefühlt« sagt er in einem sanften Ton, er wirkte unsicher und etwas verlegen. »Ist schon okay, es geht mich ja wirklich nichts an« er lächelte leicht und setzte sich zu mir auf die Couch. »Ich arbeite auf der Station, auf der du gelegen hast« ich hatte das Gefühl mich erklären zu müssen. Ben holte tief Luft »Ich habe ... Ähm ich hatte einen Unfall mit meinem Motorrad ... Mein Dad verließ uns, als ich vier war, ich weiß nicht mal wo er gerade ist und meine Mutter lebt derzeit in Paris. Ich glaub, sie hielt es nicht für nötig, mich zu besuchen oder jemanden darüber zu informieren wo ich mich befand. Ich entschied, das es besser wäre es dabei zu belassen. Ich wollte nicht das sich jemand unnötig Sorgen um mich macht. Mary würde mich jetzt wahrscheinlich umsorgen wie ein Kleinkind, wenn sie es wüsste« sagte er und starrte auf seine Hände, er wirkte leicht nervös. »Es tut mir leid, ich hätte das nicht sagen dürfen, du musst mir nichts erklären« Ben stand auf und ging zur Tür, er hatte anscheinend alles gesagt und trat den Rückzug an. Ich wollte, dass er blieb, aber mir fehlte der Mut ihm das zu sagen. »Schon okay. Mein vollständiger Name ist Alexander Benedikt White. Mir wäre es allerdings lieber, wenn du mich nicht wieder mit Alexander ansprichst, meine Freunde nennen mich Ben« er hatte fast die Tür erreicht, ich wollte etwas sagen, aber die Worte kamen mir einfach nicht über die Lippen. »Du hast das hier im Krankenhaus vergessen« sagte er und tippte mit dem Zeigefinger auf ein Buch, dass auf der weißen Kommode neben der Tür lag. Ohne mich noch einmal anzusehen, verließ Ben das Zimmer. Mit einem leisen klicken, fiel die Tür ins Schloss. Verdammt jetzt hatte ich wirklich ein schlechtes Gewissen, er hatte sicher erwartet, das ich ihm selbst davon erzählen würde. So ein Mist!

Ich stand auf und nahm das Buch in die Hand, es war Romeo und Julia. Er musste es aus dem Krankenhaus haben? Hatte er es die ganze Zeit gewusst? Ich wusste, dass ich ihm eine Erklärung schuldete, also machte ich mich auf den Weg um Ben zu suchen um das zu klären. Ich fand Ben im Wohnzimmer, er saß mit gesenktem Kopf auf dem Sofa. Ich räusperte mich und er sah zu mir auf »Können wir reden?« Ben nickte, ich setzte mich zu ihm achte aber darauf, einen gewissen Abstand zwischen uns zu halten. »Also« fing ich an, ich war immer noch auf der Suche nach den richtigen Worten. Ich hatte so gehofft, dass ich dieses Gespräch niemals führen müsste. »An meinem ersten Tag im Krankenhaus wurde ich mit der Essensausgabe beauftragt. Da ich noch nicht wusste wie das System funktioniert und welche Patienten etwas essen konnten, bin ich von einem zum anderen gegangen. Dein Zimmer war das letzte auf dem Gang gewesen." Ich schluckte schwer, Ben hörte mir aufmerksam zu, also sprach ich weiter. »Nach ein paar Tagen fiel mir auf das du nie Besuch bekamst. Ich fand das schade, sozialer Kontakt ist wichtig für die Patienten. Hilde die Oberschwester meinte, ich könnte dir Gesellschaft leisten« fuhr ich fort. Ben riss die Augen auf und starrte mich etwas ungläubig an. »Und das hast du dann getan? Obwohl du mich nicht kanntest?« schlussfolgert er, ich nickte zustimmend. »Hin und wieder. Ja. Ich habe dir dann aus Romeo und Julia vorgelesen, die Krankenhausbibliothek gab leider nichts Besseres her.« Ich hielt es für besser, bestimmte Details für mich zu behalten. »Und warum hast du das getan? warum hast du mir das nicht schon eher erzählt? Du hättest mir sagen müssen, dass du mich kennst.« Ben wirkte aufgewühlt »Ich dachte, es wäre nicht so wichtig, da du dich sicher nicht an mich erinnerst. Ich wollte nicht, dass du denkst, du wärst mir etwas schuldig.« Sagte ich schulterzuckend, er lächelte mich an »Danke, dass du da warst« damit war die Sache geklärt, jedenfalls für mich. Ben schien auch nicht daran interessiert, das Gespräch in diese Richtung weiter zu vertiefen. Er hatte seinen Blick abgewandt. Von der sonst so selbstsicheren Art war im Moment nicht viel zu sehen, er wirkte so verloren. Zu gerne würde ich wissen, was sich in seinen Gedanken abspielte. Irgendetwas setzte ihm gehörig zu, aber er würde es mir sicher nicht einfach erzählen, wenn ich ihn danach fragte. Ich würde ihm so gerne helfen, aber dazu musste ich erst einmal herrausfinden, was ihn so beschäftigte.

Okay, mir blieb nur die Flucht nach vorn »Wollen wir etwas beim Chinesen bestellen und einen Film schauen?« Platzte ich heraus, meine Stimme war um einiges schriller geworden. Ich hatte noch nie einen Mann gefragt, ob er den Abend mit mir verbringen möchte. Als ich in dem Alter war um mich für Jungs zu interessieren, war meine Mum krank geworden, somit hatte es sich nie wirklich ergeben. Bisher hatte mich aber auch keiner wirklich interessiert, bis jetzt. Hoffentlich verstand Ben das jetzt nicht falsch, ich dachte nur, das er vielleicht nicht allein sein wollte. Ben musterte mich, sicher versuchte er, meine Absichten abzuwägen. »Also ich meine ... nur für den Fall ...« Ben zog fragend eine Augenbraue nach oben, dann schlich sich ein leichtes Lächeln in sein Gesicht, bevor er schließlich nickte. »Atmen Ella!« erinnerte er mich, meine Wangen hatten inzwischen wahrscheinlich ein bordeaux angenommen. Ben stand auf und ging zu dem DVD Regal, sicher gehörten sie alle ihm, mein Dad schien mir nicht der Typ zu sein der sich Filme ansah. Ich nutzte die Zeit und verschwand in die Küche, am liebsten hätte ich mir selbst eine Ohrfeige verpasst, damit mein Verstand wieder einsetzte. Ich nahm den Flyer von der Pinnwand und bestellte uns eine Auswahl an Kleinigkeiten. »Magst du etwas Bestimmtes sehen?« fragte er, als ich wieder in den Raum trat. Etwas ratlos sah er den Stapel in seiner Hand durch. »Nein such du aus« ich musste dringend etwas lockerer werden, aber ich war leider mehr als angespannt. Seine Gegenwart brachte mich einfach völlig aus dem Konzept und das hing nicht damit zusammen, das er ein Mann war, sondern daran das er, Er war. Für gewöhnlich hatte ich keine Probleme damit mit Männern zu reden, aber bei Ben brachte ich nicht mal drei zusammenhängende Sätze zustande.

Ben hatte sich kurz zurückgezogen, um zu telefonieren. Mich beschlich der Verdacht, dass er wahrscheinlich gerade eine Verabredung absagte. Eine halbe Stunde später saßen wir mit chinesischen Essen auf dem Sofa und Ben schaltete den Film ein, ich hatte keine Ahnung, was er ausgesucht hatte. Gespannt sa ich auf den Bildschirm, für eine Komödie oder eine Romanze war die Stimmung wohl gerade etwas unpassend.

Oh, was ist das? Ein Horrorfilm? Der spinnt doch, so etwas schaue ich mir nicht an! Ich ertappe mich dabei, wie ich mir immer wieder die Hände vor die Augen hielt. Das war wirklich kein Film für mich. Ich hoffte, dass das chinesische Essen sich keinen Weg nach oben erkämpfte, bei dem Gemetzel, was da über den Bildschirm lief. So etwas sah ich mir wirklich nie an, aber es hätte mich schlimmer treffen können. Ben hätte auch einen Porno einschalten können, bei dem Gedanken fingen meine Wangen an zu glühen. Ein Blick zu Ben verriet mir, dass er leicht amüsiert war von meinem Verhalten. Na wenigstens hatte er seinen Spaß. Ich schaute ihn böse an, im nächsten Moment griffen seine Arme nach mir und zogen mich an seine Brust »Tsscch Blondi ... Ich beschütze dich« flüstert er mir belustigt ins Ohr. Sofort stellten sich meine Nackenhaare auf, als sein Atem meine Haut streifte. Ich hätte erbost von ihm wegrücken sollen, aber Ben hielt mich fest an sich gedrückt. Diese plötzliche Nähe vernebelte mir völlig das Hirn, ich entzog mich ihm nicht, im Gegenteil ich lehnte mich an ihn.

Der Abspann lief gerade, als ich bemerkte, dass Bens Arm schwerer wirkte als zuvor. Ich sah über meine Schulter, er war tatsächlich eingeschlafen. War das sein ernst? Er sucht diesen beknackten Film aus und schläft dann dabei ein! Ich schob ihn von mir und stand auf um ins Badezimmer zugehen, als ich wiederkam um Ben zu zudecken, sah ich wie er sich im Schlaf wand. Er gab unverständliches Zeug von sich. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Im Garten hatte er schon einmal schlecht geträumt, wenn er das öfter tat würde es erklären wo die leichten Augenringe herkamen. Es gab sicher so einiges was ihn beschäftigt, mir war schon ein paar mal aufgefallen, das er müde aussah. Allerdings hatte ich gedacht, dass es daran lag das er nachts, etwas anderes tat als schlafen. Also im eigentlichen Sinne, er hatte sicher einiges nachzuholen. Doch nun fragte ich mich, ob er vielleicht nicht schlafen konnte. Ich ging zu ihm und strich ihm die Haare aus der Stirn, sie fühlten sich feucht vom Schweiß an. Ich sagte ihm, dass er sich beruhigen sollte und ich bei ihm wäre, langsam kam er zur Ruhe. Bens Atem ging wieder gleichmäßig, es war vorbei. Ich stand auf, um die Decke über ihn zu legen. »Bleib, Ella« murmelte Ben, ich erstarrte in meiner Bewegung. Ich zwang mich ihn an zusehen, er schien zu schlafen, jedenfalls waren seine Augen geschlossen. Wieder begann er unruhig zu werden, ich setzte mich und strich ihn mit den Fingerspitzen über die Wange »Ich bin hier« flüsterte ich. Ben legte einen Arm um mich, ich war mir nicht ganz sicher, das er tatsächlich schlief. Aus irgendeinem Grund schien er meine Nähe zu brauchen, um sich zu beruhigen. Seine Gesichtszüge hatten sich inzwischen wieder entspannt. Was sollte ich jetzt tun? Gehen und ihn allein zurücklassen, obwohl er wollte, dass ich blieb? Ich holte tief Luft. Was war schon dabei? Er hatte mich ja nicht darum gebeten mit ihm zu schlafen. Schnell verdrängt ich den Gedanken, schloss die Augen. Ben zog mich noch näher zu sich heran. Seine Nähe fühlte sich gut an, vielleicht sogar ein bisschen zu gut.

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