Kanalisation

                                                            ***Keeda***

Lachen durchschnitt schließlich die Stille und Harbeks zuvor sorgenvolle Miene verzog sich wutentbrannt.

„Du kleines, mieses, widerlich boshaftes Scheusal!“, bellte Harbek zornig und schlug mit der Faust auf den Boden, sodass sich kleine Staubflocken lösten und durch die Luft schwebten.

Alice reagierte auf die Beleidigungen mit einem weiteren Lachanfall und rief: „Kommt runter, es ist nicht so tief.“

Keeda setzte sich an den Rand der Öffnung und ließ sich wortlos in die Tiefe fallen, Harbek folgte ihr ohne zu zögern und fiel beinah auf sie.

„Was bei Himmel und Hölle hast du dir dabei gedacht?“, seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut. Alice lachte nur erneut und sah von einem zum anderen. In der Dunkelheit konnte sie nur erahnen wo ihre Gefährten standen.

„Ihr hättet eure Stimmen hören sollen! Außerdem seid ihr beide so verkrampft, ich dachte ein kleiner Scherz würde euch ein wenig auflockern“, sie gluckste und wollte dem Zwergen auf die Schulter klopfen, doch blitzschnell ergriff jemand ihr Handgelenk und riss es hinunter.

„Das war nicht lustig!“ Auch Keedas Stimme bebte, ihre Fingernägel vergruben sich in Alice Haut.

„Ist schon gut! Lass mich los!“ Alice fauchte die Dunkelelfin an und riss sich von ihr los, „Es war ein Scherz. Ihr versteht wohl gar keinen Spaß!“

„Nicht wenn wir in das Hauptlager einer feindlich gesinnten Bande einfallen.“

„Und auch nicht wenn wir denken du wärst verletzt!“

Ein Funken erhellte für einen Moment die Dunkelheit und beleuchtete ihre Gesichter. Keeda sah Alice noch immer mit einer Mischung aus Sorge und Wut an, während Alice ihren Blick voll Überraschung erwiderte.

„Es tut mir leid“, murmelte sie verwundert und rieb sich das Handgelenk, welches Keeda endlich freigab.

Noch ein Funken erglomm aus dem Nichts und innerhalb weniger Sekunden standen die Drei in einer Wolke glühwürmchengleicher Lichtfunken. Der letzte Funke verließ Harbeks Siegel und schwebte durch die Luft.

Der Zwerg atmete tief durch und sagte mit beherrscht, ruhiger Stimme: „Tu so etwas einfach nicht wieder.“ Er schien um Fassung zu ringen und seinen Zorn wieder unter Kontrolle zu bringen.


Die Lichtfunken folgten ihnen durch die Dunkelheit und beleuchteten die grauen Steinwände des langen Tunnels, dem sie folgten.

„Sagt bitte, dass wir nicht in der Kanalisation sind“, flüsterte Alice verdrießlich und strich mit den Fingern über den feuchten und modrigen Stein, der von einer dünnen Schicht grüner Algen überzogen war.

„Weshalb?“

„Erinnert ihr euch noch an die Werratten von denen Knox erzählt hat?“

Keeda stöhnte auf und nahm bei dem Gedanken an die Worte des Feldwebels einen zweiten Pfeil aus ihrem Köcher. Ein leises Schmatzen und Klappern ließ sie in der Bewegung erstarren und in die Finsternis jenseits Harbeks Leuchtfunken starren.

„Warum musstest du das Schicksal herausfordern?“ fragte Keeda erschöpft und zog sich hinter Alice zurück.

Die fremdartigen Geräusche kamen rasch näher und bevor Alice antworten konnte, trat bereits eine der Kreaturen in das Licht der Funken. Laut klappernd und fiepend warf sie sich mit ihren Klauen auf Alice die ihr am nächsten stand.

Die Dolche reflektierten das Licht, bevor Alice sie in der Kehle des Angreifers vergrub und die Leiche angewidert von sich schubste und betrachtete.Das Wesen glich einer Mischung aus Nagetier und Mensch. Es bewegte sich auf zwei Beinen, die jedoch in eigenartigen Winkeln nach hinten abgeknickt waren. Seine Haut war von einer fleischig rosa Farbe, mit feinen weißen Härchen behaart und wurde von zahlreichen Narben und Kratzwunden verunstaltet. Ihre Hände, mit den langen, schwarzen Klauenfingern und das Gesicht mit dem breiten Maul voller spitzer Zähne und der langen Schnauze glichen einer Ratte, doch dort wo die Augen hätten sitzen sollen, befanden sich nur vernarbte, gelb verkrustete Wunden.

„Die Viecher sind blind“, stellte Keeda nüchtern fest und deutete auf die Narben, von denen unklar war, ob sie angeboren oder zugefügt waren.

„Dafür ist ihr Gehör– und Geruchssinn ausgeprägt“, ergänzte Harbek angewidert und zeigte auf die großen Ohren und die mit Schnurrhaaren umkränzte Nase.

„Im Dunkeln haben wir keine Chance gegen sie“, murmelte Alice abschätzend und warf Harbek einen auffordernden Blick zu, „Lass es nicht dunkel werden.“

Für mehr Anweisungen fand sie nicht die Zeit, denn eine weitere Werratte warf sich ihr fauchend entgegen, gefolgt von weiteren Bestien die gierig mit den gelben Zähnen klapperten und witternd die Luft einzogen.

Diejenigen von ihnen, die nicht durch Alice Dolche zu Boden fielen, taten es durch Keedas Pfeile, die im Sekundentakt durch die Luft zischten. Das Zielen war in der Enge des Tunnels nicht leicht, da sie zusätzlich aufpassen musste nicht aus Versehen Alice zu treffen, dennoch trafen die meisten ihrer Pfeile ein Ziel.

„Alice, runter!“, schrie Harbek und löste eine leuchtende Lichtkugel aus der Spitze seines göttlichen Siegels. Alice kam der Aufforderung reflexartig nach und ließ sich auf den Boden fallen. Ihr Angreifer dagegen fauchte entsetzt auf, als ihn das Geschoss traf und mit einem hellen Blitz nach hinten warf.

Von dem grellen Aufleuchten geblendet kniff Alice überrascht die Augen zusammen und schrie im nächsten Moment schmerzerfüllt auf. Eine Werratte hatte den toten Genossen zur Seite gezerrt und ihre langen Zähne in Alice Oberschenkel vergraben, bevor auch sie von einer Lichtkugel zerfetzt wurde.

Alice heulte auf als sie einen weiteren Angreifer notdürftig abwehrte und ihr ein Dolch aus der Hand geschlagen wurde. Im nächsten Moment wurde sie am Kragen zurück gerissen, einen Moment bevor sich lange, schwarze Krallen an die Stelle bohrten, an der sie noch eine Sekunde zuvor gelegen hatte.

Keeda sprang über sie hinweg und wehrte den Angriff der Ratte mit dem Griff ihres Bogen ab, bevor sie in einer flüssigen Bewegung Alice Klinge aufhob und den Angreifer damit zurück trieb. Er versuchte erneut sich auf Alice zu stürzen, doch Keeda trat dazwischen bevor ein Lichtblitz an ihrem Kopf vorbei zuckte und die Werratte zu Boden warf, wo sie regungslos liegen blieb.

Keeda ließ den Dolch fallen und zog einen Pfeil, doch kein weiterer Angreifer stürzte sich auf sie. Die Stille schien gespenstig und wurde lediglich durch Alice überraschtes Aufkeuchen unterbrochen, als Harbek sich neben sie setzte und ihr Bein behutsam untersuchte.

„Bist du etwa schon müde?“, fragte er spöttisch und legte seine Hand auf die zwei tiefen Bisswunden.

„Es ist anstrengender als es aussieht“, antwortete sie zwischen zusammen gebissenen Zähnen und atmete befreit aus, als sich die Wunden langsam unter Harbeks Berührung schlossen und nur noch feine rote Linien zurück blieben.

„Danke“, stöhnte sie erleichtert und ließ sich von Keeda auf die Füße ziehen.

„Geht es? Kannst du laufen?“, fragte die Drow und stütze Alice bei ihren ersten Schritte.

„Ich habe mich noch nie besser gefühlt“, versicherte sie ihr und nahm den Dolch entgegen, den Keeda ihr hinhielt.

„Es wäre eine Lüge wenn ich nicht fände, dass du das wegen deinem geschmacklosen Scherz von vorhin ein bisschen verdient hast“, murmelte Harbek und klopfte Alice wohlwollend auf den Rücken. Sie zog spöttisch eine Braue nach oben, wurde aber durch Keedas Unterbrechung von einer Antwort abgehalten: „Wir müssen weiter, bevor weitere kommen.“

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