Kaninchen im Anzug

Die Brücke, die Kristoff erspäht hatte, strahlte im Abendlicht, als hätte sie jemand mit Glitzer lackiert. Dass sie einfach aus weißem Stein gebaut war, konnten die beiden auf die Entfernung nicht erkennen.

»Die erreichen wir nie, bevor es dunkel wird«, maulte Pippa und schüttelte ihre müden Vorderhufe. Kristoff machte ein zustimmendes Geräusch und sah sich um.

»Aber das da. Siehst du es? Felsen im Gras. Da können wir dieses Iglu-Dings aufbauen und werden nicht weggeweht.«

Das erschöpfte und zerzauste Pony funkelte seinen Freund böse an, setzte sich aber in Bewegung, als der Junge loslief.

Die Steine im Gras stellten sich als etwas heraus, was mal Steinhütten gewesen sein könnten. Jedoch waren einige der Felsen so groß, unförmig und tief in den Boden eingesunken, dass sie wohl schon immer hier gelegen hatten.

»Ob sich hier Trolle verstecken?«, fiepste das Pony und sah sich besorgt um.

»Schau doch nach.« Kristoff zog das aufblasbare Iglu hervor und versuchte, zu ergründen, wie und wo man es aufblasen musste. Eine leuchtend rote Leine entfachte seine Neugier.

Sorglos wie immer zog er daran und mit einem lauten und fiesen Fauchen entfaltete sich die knittrige, eisblaue Gummipelle zu einem Iglu, ja fast zu einem Palast, für mehrere Personen und ein Pony.

»Cool«, staunte Kristoff nicht schlecht, während Pippa mit vor Schreck gesträubtem Schweif dastand und schnüffelte.

»Whoa, hier drin ist ein Kamin!«, rief der Junge und das Pony folgte ihm ungläubig in das Gebilde aus Gummi. Innen in dem Aufblasiglu hatte man nicht das Gefühl, es sei ein Spielzeug für Kinder.

Es gab tatsächlich einen Kamin - sogar mit Feuer! Außerdem einen richtigen Fußboden, auf dem bunte Teppiche mit Schnörkelmuster und Fransen lagen. Es gab mehrere Gelegenheiten, auf denen ein Mensch würde schlafen können und einen Diwan aus bunten Kissen, perfekt für ein Pony.

»Schon merkwürdig«, murmelte Pippa, die die Schalen mit Süßigkeiten und Obst entdeckt hatte.

Kristoff streckte den Kopf aus der Tür und bemerkte, dass es draußen bereits stockfinster war. Sterne standen riesig am Himmel, doch der Junge, der in Sachkunde immer gut aufgepasst hatte, erkannte keines der Sternbilder über sich.

Das Geräusch des Windes war nicht mehr zu hören, als er die Tür zum Iglu schloss.

Pippa frass sich krachend und schmatzend durch eine Schale mit Äpfeln, während sie ihre wunden Füße dem Feuer entgegen streckte.

Kristoff setzte sich auf ein Schlafsofa und mit einem Schlag traf ihn die Erschöpfung, die er den ganzen Tag nicht gespürt hatte. Er hatte weder Hunger noch Durst, er wollte nur noch schlafen.

Mit unverständlichem Murmeln legte er sich ins Kissen und erwachte erst wieder, als draußen die Sonne über die Bergketten kroch.

 

»Steh' auf!«, flüsterte etwas in sein Ohr, als der Junge die Augen aufschlug. »Los jetzt, jetzt komm' schon, wach auf!«

Kristoff murrte und wandte seinen Kopf um. Er blickte in die blauen Augen von Pippa, die vor seiner Schlafstatt hockte und sich verängstigt umsah.

»Was ist denn?«, murmelte der Junge verschlafen und richtete sich aus dem Kissenberg auf.

»Da draußen ist etwas. Hörst du das nicht? Da raschelt was. Das sind bestimmt die Trolle, die uns fressen wollen!« Das Pony bibberte und der Junge rieb sich über die Augen.

»Wer würde dich schon fressen wollen, du bestehst doch nur aus Süßigkeiten und Plüsch.«

»Ich bin ein echtes Pony!«, fauchte Pippa leise und klang eingeschnappt.

»Ja, hier. Wo auch immer das ist.« Der Junge stand auf und huschte leise zur Tür des Gummiiglus. Draußen war tatsächlich ein Rascheln zu hören und das Geräusch leiser Schritte.

Übermütig und vom Schlaf noch etwas paralysiert, riss der Junge die Tür auf und starrte in die weit aufgerissenen Augen eines... Kaninchens. Ein schneeweißes Kaninchen, das auf seinen Hinterläufen saß und offenbar neugierig das in der Sonne schimmernde, eisblaue Gebilde aus Gummi untersucht hatte.

»Wa...?«, machte der Junge, doch das Kaninchen war schneller, machte ein ersticktes Geräusch und schlug einen Haken. Mit einem Satz war es umgedreht und hoppelte davon.

»Los, komm, Pippa. Hinterher!«, rief Kristoff seiner Freundin zu, die ängstlich wie immer hinter ihm geblieben war. Der Junge schnappte sich seinen Rucksack und zog ein weiteres Mal an der leuchtend roten Leine, die am Türeingang hing.

Pippa konnte gerade noch mit einem Satz aus dem Iglu springen, bevor es laut zischte und innerhalb einer Sekunde wieder zu dem knittrigen Gummilappen zusammenschrumpfte, der es am gestrigen Abend war. Kristoff ergriff das Ding und stopfte es beim Laufen in seine Tasche, während er wieder auf die gelbe Straße trat. Das Gelände fiel etwas ab und so war es ein Leichtes für ihn, den schneeweißen Tupfen auf der Wiese zu erkennen, der das Kaninchen sein musste.

»Schon wieder laufen? Warum willst du dem Kaninchen hinterher?« Pippa murrte, während sie neben ihm her rannte.

Kristoff lachte. »Weil es ein weißes Kaninchen ist. Hast du denn bei Alice im Wunderland nicht aufgepasst? Und außerdem hat es einen Anzug getragen. Das ist doch voll witzig.«

Die beiden näherten sich durch ihr Rennen zügig der Brücke, die am Abend so hell gestrahlt hatte. Sie war aus Stein gemacht und breit genug, um ein Auto drüber zu lassen. Doch Kristoff bezweifelte, dass es sowas wie Autos in diesem komischen Land gab.

Das Kaninchen entdeckte er auf der anderen Seite des ziemlich breiten Flusses, der merkwürdig zu murmeln schien. Ein Schild an der Brücke betitelte ihn als »Schreib-Fluss«.

»Komm!«, rief er zu Pippa und eilte über die weiße Brücke.

Das Kaninchen war als beweglicher, weißer Punkt inmitten von bunten Blumen zu erkennen. Doch es war schnell. Der Junge befürchtete, es aus den Augen zu verlieren.

Kaum hatten sie die Brücke überquert und wieder einen Fuß auf die gelben Steine der magischen Straße gesetzt, verklang das Murmeln des Flusses und ein leises Stimmengewirr lag in der Luft. Wie hunderte geisterhafte Stimmen umwehte es das Pony und den Jungen und beide blickten sich überrascht und mit Gänsehaut auf den Armen bzw. gesträubtem Fell um.

»Das ist unheimlich«, jammerte Pippa. Kristoff sah genauer hin. Die Wiese rund um die Straße war voller bunter, exotischer, merkwürdiger Blumen, die sich in alle Richtungen bewegten, nicht nur in die der Sonne. Sie drehten sich nach rechts und links, ihre Blätter bewegten sich wie kleine Arme und die Blütenköpfe nickten. Der Junge ging in die Hocke.

»Sechsundsechzig«, murmelte die violette Blume vor ihm, »Siebenundsechzig«, schien eine weitere, gelbe, ihr zu antworten. Verwundert betrachtete der Junge das verwirrende Schauspiel von lauter bunten Blumen, die aus einem unerfindlichen Grund irgendetwas zu zählen schienen.

»Können wir weiter? Das Kaninchen ist da lang gerannt!« Pippa fühlte sich ziemlich unwohl. Kristoff stand wieder auf und nickte. Eilig rannten sie dem Kaninchen hinterher, das längst hinter den feinen Grashügeln verschwunden und nicht mehr zu sehen war.

Ein bisschen mulmig war ihm zumute, die gelbe Straße zu verlassen. Immerhin war bis jetzt immer etwas Merkwürdiges geschehen, wenn sie das getan hatten. Erst wurde Pippa zu einem echten Pony, dann hatte sich ein Gummispielzeug für Kinder in einen Palast verwandelt, nun waren sie umzingelt von komischen sprechenden Blumen. Was würde als nächstes geschehen? Würden sie in einen Abgrund rutschen und für alle Ewigkeit fallen?

Auf einem Hügel blieb Kristoff stehen und versuchte, die Landschaft zu überblicken. Die Blumen hatten sich gelichtet, hier gab es keine bunten Tupfer mehr. Vielmehr war alles überwuchert von Gestrüpp und Büschen. Vereinzelte kleine Baumgruppen spendeten Schatten unter der hellen Sonne. Das Grün der Wiese war einem komischen Grün-Braun mit roten Stellen gewichen.

»Was ist das?« Pippa glotzte mit großen, verwunderten Augen.

»Ich würde sagen, das ist ein Moor. Aber dazu ist es viel zu trocken. Meine Lehrerin sagt, Moore sind voller Seen und sie sind nass und riechen komisch. Aber die haben die gleiche Farbe wie das da.«

»Und da ist das Karnickel reingerannt?«

»Schau, da steht ein Schild. 'Schwafelfelder - Vorsicht, unterirdische Tunnel. Betreten auf eigene Gefahr. G. G.'. Vielleicht lebt es irgendwo in den Tunneln?«

»Ich will da aber nicht rein. Der Elf am Tor hat gesagt, wir sollen auf der Straße bleiben, die führt uns zum König. Wenn wir da runter gehen, fressen uns die Trolle. Hast du denn bei Rotkäppchen nicht aufgepasst? Die wurde vom Wolf gefressen, weil sie nicht auf dem Weg geblieben ist!«

»Ja, und später hat sie wieder gelebt. Das ist doch nur ein Märchen. Komm schon«, kicherte Kristoff und huschte den Hügel runter in das Gewirr aus Sträuchern und Büschen. Pippa trabte ihm ängstlich hinterher. Der Junge glaubte schon, dass es sich nur um eine langweilige vertrocknete Strauchsteppe handeln würde, als er stehen blieb, das Pony neben ihm hielt und gerade fragen wollte, was er denn hätte, als plötzlich der Boden unter ihren Füßen nachgab.

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