Kapitel 1

Ein paar Tage war ich ans Bett gefesselt. Ich war sehr schwach. An aufstehen war nicht zu denken. Nicht mal ansatzweise. Sobald ich nur einen Fuß aus dem Bett setzte fing ich zu zittern an. Also fand ich mich damit ab erst mal zu Kräften kommen zu müssen. Nur ging das nicht einfach so indem ich nur rumlag und nichts tat. Ich musste zwar als Vampir nicht mehr auf meine Ernährung achten, immer brav mein Gemüse essen und viel trinken und ich musste auch nicht mehr die Toilette aufsuchen aber dennoch brauchte mein Körper Nährstoffe um wieder zu Kräften zu kommen. Deshalb brachte, nach einigen Tagen eine ältere Dame ein Menschenkind zu mir. Es war ein Mädchen. Höchstens sechs Jahre alt und was mich so schockte waren die Wunden an ihren Handgelenken. Man hatte von ihr getrunken. Nicht nur einmal. Die teilweise vernarbte Haut war mehrmals durchbrochen worden. Auf nicht sehr zärtliche Weise, was anzunehmen war. Ich konnte meinen Blick kaum von ihr wenden als sie auf mich zu ging und mich mit glasigem Blick ansah. Sie setzte sich auf die Bettkante, streckte mir ihr Handgelenk entgegen und sagte; "Sie müssen trinken." Fassungslos starrte ich sie an. Sie lächelte nur und hielt mir weiterhin ihr Handgelenk unter die Nase. Und sie roch so gut. Der Duft ihres jungen Blutes hing schwer in der Luft und auch wenn ich gewollt hätte, ich konnte dem nicht widerstehen. Zu sehr trieb mich mein neu erwachter Instinkt. Zu hungrig war ich, als dass ich hätte ablehnen können.

 

Ich umfasste ihr zartes Handgelenk, fuhr einmal fast zärtlich über die Narben und die fast noch frisch aufgerissene Haut und dann durchbrachen meine Zähne ihre zarte Haut. Blut strömte aus der Wunde und ich umschloss sie mit den Lippen. Saugte begierig daran. Das köstliche Nass strömte in meinen Mund und ich schluckte in großen gierigen Zügen. Ihr Blut war so unglaublich süß und ich schmeckte den Sommer in ihm, der schon längst vergangen war. Ich nahm immer mehr von dem Mädchen, bis ich eine Stimme hörte. Tief in meinem Bewusstsein. Es war seine Stimme. Ariks. Er sagte mir genug. Und ich hörte auf zu trinken. Ich ließ die Kleine los und sie rannte eilig aus dem Zimmer.

 

Erst Stunden später wurde mir bewusste, was ich da einfach so als wäre es das normalste von der Welt getan hatte. Ich hatte von einem Kind getrunken. Einem so unschuldigem und reinem Wesen. Sie war ein Menschenkind. Und in ihren Augen hatte ich erkennen können, dass nichts mehr von ihr vorhanden war. Man hatte ihr Wesen förmlich leergetrunken. Ich hatte es leergetrunken! Ich schlug mir Die Hand vor den Mund. Mir war plötzlich speiübel. Ich rannte zum Fenster, öffnete es und lehnte mich nach draußen um mich zu übergeben. Kurz würgte ich. Dann musste ich tatsächlich spucken. Was mich allerdings erschreckte war, das es Blut war, was mein Körper nun auf diese Weise wieder los wurde. Logisch, wenn man so darüber nach dachte. Ich hatte seit meiner Verwandlung nichts mehr zu mir genommen, bis auf heute. Und da ich nun ein Vampir war, war das scheinbar normal. Ich hatte die ganzen Tage über keinen Hunger verspürt. Selbst kurz bevor man mir meine Mahlzeit brachte nicht. Seltsam. Aber ich machte mir zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken darüber.

 

Lange Zeit hatte ich nicht um mir Gedanken zu machen, denn es klopfte kurz vor Sonnenaufgang an meine Zimmertür und kurz darauf kam Arik herein. "Hallo, mein Schöner" wie ist es dir in den letzten Tagen ergangen?" fragte er und setzte sich zu mir auf das Bett. Er trug heute ein grünes Seidenhemd zu seinen schwarzen Jeans, die seinen wohlgeformten Hintern gut betonte. Er war seit meiner Wandlung nicht mehr bei mir gewesen und ich hatte seit dem auch nichts mehr von ihm gehört, bis auf vorhin, als ich von dem Mädchen trank und ich mir sicher war, seine Stimme in meinem Kopf gehört zu haben. Stirnrunzelnd sah ich meinen Schöpfer an. Er war sicherlich nicht ohne guten Grund hier, nur um mich nach meinem Befinden zu fragen und ich war mir nicht sicher ob mir dieser Grund gefallen würde. Er hob die Hand und strich mir eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr. Diese liebevolle Geste wollte so gar nicht zu dem sonst zu kühlen Mann passen, der hier neben mir saß. "Mir geht es gut, Danke" antwortete ich ihm schließlich zögerlich. "Ich will wissen warum ihr hier seid Herr" benutzte ich die Worte die er hören wollte. Die Anrede war seltsam für mich, aber okay. Arik lächelte sein kaltes Lächeln als er sich nahe an mein Ohr beugte, kurz seine Zungenspitze hineingleiten ließ und mir zu flüsterte; "Der finale Test steht bevor" Dann stand er auf, griff nach meiner Hand und zog mich zu sich hoch. "Was soll das heißen? Was habt ihr vor? Ich dachte ich hätte es überstanden!" fragte ich empört. Wollte er mich testen? Hatte ich mich nicht genug ergeben?

Diese ganze Situation fraß mich innerlich auf. Erst wurde ich Abends nach Einbruch der Dämmerung auf dem Weg nach Hause überfallen und fast getötet, dann erklärte man mir, dass ich Teil eines Experiments sei und in der selben Nacht noch schlief ich das erste Mal mit einem Mann obwohl ich doch hetero war. Und als ob das nicht genug wäre sperrte man mich Tagelang in ein Zimmer ein. Ja ich war erschöpft und dankbar das man mich in Ruhe ließ, aber das war dann doch ein wenig viel. Außerdem war das Freiheitsberaubung! Und wäre ich nicht schon seit langem allein gewesen, mit mir und meinem Leben, hätte ein paar mehr Freunde, die mir gänzlich fehlten, wäre es sicherlich Jemanden aufgefallen, dass ich seit Tagen nicht mehr zu Hause war. Ich hoffte nur, mein Kater hatte den Weg durch die Katzenklappe gefunden und sich ein paar Vögel oder Mäuse gefangen. Wobei er durchaus ein Paar Tage ohne Nahrung ausgekommen wäre. Ich hatte schon immer das Talent gehabt meine Katzen zu überfüttern. Kasimir war nur mein neustes Exemplar der selbst gefütterten Hängebauchkatze. Aber zurück zum Thema. Jetzt verlangte Arik von mir das ich noch einen letzten Test überstand. Was zum Teufel sollte das alles? Ich riss mich mit all meiner neu gewonnenen Kraft los und brachte innerhalb eines Wimpernschlags mehrere Meter Abstand zwischen uns. Das war wohl eine meiner neugewonnenen dunklen Fähigkeiten, von denen ich schon gelesen hatte. Praktisch. Wütend starrte ich meinen Schöpfer an. Dieser lächelte nur. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Fand er das etwa witzig? War ich für ihn nur eine Witzfigur? Ein Spielzeug, was er sich jederzeit aus dem Regal nehmen konnte um damit zu spielen. Ich schnaubte vor Wut. Was fiel ihm eigentlich ein? Er kam langsam auf mich zu. Blieb aber direkt vor mir stehen. "Ich will dir nichts böses Rune. Glaub mir. Bald ist es vorbei. Wir werden jetzt hinaus aufs Dach gehen und wenn die Sonne aufgeht werden wir sehen ob du für das große Ganze geeignet bist." Er streckte seine Hand aus. Hielt sie mir entgegen. Er schaute mich an und ich konnte in seinen Augen lesen, dass er nichts böses wollte. "Vertrau mir" sagte er wie zur Bestätigung. Und ich glaubte ihm. Ich nahm seine Hand und ließ mich von ihm aus dem Raum führen.

 

Wir liefen durch mehrere lange Gänge mit Zimmern die links und rechts abzweigten und gingen schließlich eine Wendeltreppe hoch, hinaus auf Dach. Er führte mich zu einer Bank am Rande der Dachteerasse. Wir setzten uns und ich schaute mich um. Neben der Bank stand ein kleines Tischchen mit einer Kerze und einem Dolch, der im Licht der aufgehenden Sonne grünlich funkelte. Es war ein verzauberter Elbendolch. Eine Waffe die Vampire töten konnte. Ich schluckte. Was hatte das alles zu bedeuten. Ich schaute Arik angstvoll in die Augen. Er hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und sprach dann. "Du brauchst keine Angst haben. Wenn die Sonne aufgegangen ist und du nichts spürst außer ihrer angenehmen Wärme, dann hast du es geschafft." sagte er mit einem gezwungenen Lächeln. Ich wusste, dass dieses Lächeln falsch war. Ich sah die Angst in seinen Augen. "Und was wenn ich mehr als die angenehme Wärme spüre? Verbrenne ich dann?" fragte ich unsicher. Er schüttelte den Kopf. "Nein" sagte er traurig. "Dann muss ich dich töten"

 

Unruhig blickte ich zum Horizont an dem grade die Sonne aufging. Das goldene Licht der ersten Sonnenstrahlen des Tages fiel auf mich, in mich. Ich schloss die Augen und erinnerte mich zurück an eine Zeit in der der Sonnenaufgang für mich der schönste Moment des Tages war. Die Sonne war für mich immer etwas positives gewesen. Etwas reines unvollkommenes. Wenn sie aufging, war alles in Ordnung und die Schatten der Finsternis, die jede Nacht über mich herein brachen verschwanden wieder. Die Sonne und ihr wärmendes Licht waren immer schon mein Lebenselixier gewesen.

 

Rückblick, 300 Jahre zuvor:

Ich trat aus meiner Hütte hinaus und schlang die Arme um meinen Körper. Meine Füße knirschten im Schnee, der zentimeterhoch auf dem sonst so schönen grünen Gras lag, und es bedeckte. Lange Zeit schon hatte es keinen Winter mehr gegeben. Fast 20 Jahre lang viel er praktisch aus. Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, den Schnee noch in diesem Jahrhundert wieder zu sehen. Selbst die Alten hatten das nicht. Ich zog meinen dunkelgrünen, langen Mantel über bevor ich auf die mit Schnee bedeckte Lichtung trat. Es war noch nicht hell draußen, doch die Dunkelheit und die Schatten in meiner Hütte hatten mich diese Nacht wieder einmal nicht schlafen lassen. Ich trat also hinaus auf die Lichtung und stellte fest, dass die anderen Elfen ihre Hütten bereits mit allem Hab und Gut verlassen hatten. Ich seufzte. Fröstelnd zog ich den Kragen aus Wolfspelz, der meinen Mantel säumte höher. Ich hatte es gar nicht anders erwartet. Niemand wollte mich lange in seinem Umfeld haben. Das traf sowohl auf Elfen wie auch auf jedes andere Volk zu. Immer wenn ich mich nach langer Zeit, aus Einsamkeit wieder einer kleinen Gruppe meiner Art anschloss, hielt es nicht lange. Entweder warf man mich mehr oder weniger raus, mit fadenscheinigen Begründungen versteht sich, oder sie verschwanden einfach in der Nacht. Elfen waren zu höflich, als das sie einem Angehörigen ihres eigenen Volkes gegenüber sagen würden er solle verschwinden. Und da Elfen nie lange an einem Ort blieben, da sie zu dem wandelnden Folk gehörten, verschwanden sie meist in der Nacht, weil sie dachten, ich würde sie dann nicht hören. Ich hörte sie fast immer. Aber es war höflicher sie einfach ziehen zu lassen. Ich machte keinen Aufriss deswegen. Mittlerweile war es mir gleich. Sollten sie doch abhauen und den finsteren Mann allein mit seinen Schatten lassen.

 

Schatten. Sie waren der Grund weshalb ich zu keinem Stamm der Elfen und auch zu keinem Anderen jemals wirklich dazu gehörte. Die Schatten kamen bei Nacht. Sie sprachen mit mir. Nichts als schemenhafte Gestalten. Sie sprachen stimmlos. Baten um Hilfe. Um Rache. Ich sollte mich für sie rächen. Doch ich war kein Böser Mann. Also wies ich sie ab. Jedes Mal von neuem, wies ich sie ab. Aber ich wurde sie nicht los. Sie verfolgten mich. Baten weiter. Und ich, drehte irgendwann durch. Da bemerkten die anderen Elfen meines Stammes es und so kam es wie es kommen musste. Sie verstießen mich, aus Angst, ich könnte ihnen etwas antun.

 

Ich ging ein paar Schritte nach vorn zum Abhang des kleinen Hügels, auf dem die Hütten standen. Langsam ließ ich mich auf einem Baumstumpf nieder. Wir Elfen waren eigentlich recht simpel gestrickt, wie man heut zu Tage sagen würde. Wir lebten in kleinen Stämmen, die quer durchs Land zogen. Nirgend sesshaft. Dort zu Hause wo ihr Stamm ist. Wir bauten keine Holzhütten, wohnten ein paar Jahre darin und zogen dann einfach weiter und ließen die Hütten für einen anderen Stamm stehen. Im Grunde waren wir Nomaden. Jeder Elf hatte seinen Stamm. Seine Familie. Er wuchs darin auf und verließ ihn sein Leben lang nicht. Ich seufzte. Alle hatten eine Familie. Alle bis auf ich. Ich war nirgends daheim. Nirgends willkommen. Man akzeptierte mich. Für eine Weile.

Langsam ging die Sonne auf. Das erste Licht des Tages drang durch die Baumgipfel und kitzelte meine Nase. Mit der Sonne im Nacken fühlte ich mich zu Hause.

 

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