Kapitel 1

Hätte man mir vor einem Jahr noch gesagt, dass ich mich in meinen Zwillingsbruder verlieben würde, hätte ich demjenigen vermutlich eine rein gehauen. Ich und Liebe - Nein. Ich und schwul - Auf keinen Fall! Ich und Drake - Never!! Doch es passierte. Ich verliebte mich in ihn. Ich hatte nicht gewusst wie süß seine Küsse schmecken. Bis zu jenem Abend.
Wir saßen zusammen auf dem Sofa und schauten einen Film. Nur Drake und ich. Ihr müsst wissen, dass Drake grade erst wieder nach Deutschland zurück gekommen war. Er hatte im Ausland studiert. Wir hatten uns Jahre nicht gesehen. Da mein Zwilling noch keine eigene Wohnung hatte und unsere Eltern keinen Platz für eine weitere Person im Haus hatten, nahm ich ihn, widerstrebend bei mir auf. Wir hatten uns noch nie besonders gut verstanden, gingen uns ständig an den Kragen. Und dennoch konnte ich ihm nicht einfach in ein Hotel abschieben. Also hatte ich ihn bei mir aufgenommen. Und so saßen wir schließlich zusammen auf dem Sofa und schauten uns einen Film an. Es war ein Horrorstreifen. Ein guter sogar. Aber das sollte er auch sein. Immerhin hatte ich deswegen Ewigkeiten mit meinem Bruder in der Videothek gestanden und mich natürlich mal wieder mit ihm in die Haare gekriegt. Doch wie gesagt, war der Film gut und daher den Ärger wert. Wir hatten uns einen Sixer Bier gekauft und einiges zum Knabbern. Wobei Drake auf Paprikachips-light bestanden hatte und wir uns um die Herstellerwahl gestritten hatten. Selbst an der Kasse stritten wir noch.
Ich griff blind nach den Chips, als sich unsere Hände berührten. Drake wollte wohl auch welche. Meine Hände kribbelten bei der Berührung. Schnell schnappte ich mir ein paar Chips und zog meine Hand zurück. Was war denn das grade? Ich griff nach meinem, mittlerweile dritten, Bier und trank in großen Schlucken. Dann versuchte ich mich wieder auf den Film zu konzentrieren. Einige Zeit später, einiges an Alkohol intus wurde der Abend langsam entspannter. Die zuvor herrschende Angespanntheit verschwand immer mehr. Ich setzte mich bequemer auf die kleine Couch und merkte wie mein Bruder es mir gleich tat. Der Horrorfilm war mittlerweile zu Ende und ich legte eine Komödie ein. Etwas zum lachen war doch immer gut. Leider war der Film recht langweilig und so begann ich schließlich ein Gespräch.
"Wie war dein Studium?" Fragte ich so beiläufig wie möglich.
"Ganz okay."
"Wie war die Wohnsituation? Nette Mitbewohner gehabt?"
"Öhm... Joa."
So ging es einige Zeit weiter, bis ich das Gespräch aufgab. Noch einer Weile sprach mich Drake an. "Hattest du schon mal was mit einem Mann?" Ich verschluckte mich an meinem Bier. Hatte er mich das wirklich grade gefragt? Ich sah ihn an. Und er sah mich an. "Nein." War meine Simple Antwort. "Hast du je darüber nachgedacht?" Ich schüttelte den Kopf. "Warum fragst du mich das?" Drake senkte den Kopf. "Ich hatte so eine einmalige Sache mit einem Mitbewohner." Ich staunte nicht schlecht über dieses Geständnis. "Hast du mit ihm geschlafen?" Fragte ich neugierig. "Ich hab ihn gevögelt." Sprach mein Bruder leise. "Hat es dir gefallen?" Stille. Dann; "Ja." Ich lächelte. Er war unsicher. Mein ach so selbstbewusster Bruder war unsicher und plagte sich scheinbar mit einer wichtigen Frage. Und ich konnte mir denken welche das war. "Hey, das ist okay. Ich kann mir zwar nicht vorstellen auf Männer zu stehen, aber ich habe nichts dagegen wenn andere Männer es tun."
"Ich bin mir nicht sicher ob ich schwul bin. Es ist einfach... kompliziert."
"Und was erwartest du jetzt von mir?"
"Ich... ich würde dich gerne küssen. Einfach um... nun ja... Wenn mir der Kuss gefällt, dann bin ich wohl schwul. Wenn nicht dann nicht."
Er schaute mich schüchtern und mit großen Augen an. War das sein Ernst?
"Du hast zu viel getrunken! Ich bin dein Bruder. Dein Zwilling! Das geht einfach nicht. Das wäre falsch und das weißt du!" Machte ich ihm meinen Standpunkt zu der ganzen Sache klar. Ich konnte doch nicht meinen eigenen Bruder küssen! Was dachte Drake sich nur dabei?
"Bitte! Ich muss einfach wissen ob ich schwul bin. Außerdem wird das nie jemand erfahren. Dein Ruf als Frauenheld bleibt also bestehen."
Ich dachte nach. Einige Minuten vergingen. Dann hatte ich meinen Entschluss gefasst. Ich konnte meinen Bruder nicht einfach so im Unklaren über seine sexuelle Orientierung lassen. Wäre ich in seiner Situation... . Wer weiß. Vielleicht würde ich dann genauso denken. Und er hatte ja Recht. Niemand würde je davon erfahren, also wovor hatte ich Angst? Das mich dieser Kuss schwul machen würde? Das würde nie im Leben geschehen! Also warf ich meine Vernunft über Bord, legte eine Hand in Drakes Nacken und zog ihn zu mir heran. Dann legte ich meine Lippen auf seine. Ich bewegte sie sanft und öffnete sie einen Spalt. Schon bald drang seine Zunge in meine Mundhöhle vor und begann ein Spiel mit der meinen. Ich schloss meine Augen und ließ mich darauf ein. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass es mir unglaublich gefiel ihm zu Küssen. Dass, ich mehr wollte, als diesen Kuss. Ich bemerkte kaum, wie sich seine Hände unter mein Shirt stahlen und sanft meinen Rücken hinunter strichen. Als jedoch der Kuss leidenschaftlicher wurde und ich Hände auf meinem Hintern spürte (unter meiner Boxer!) wurde ich schlagartig in die Realität zurück geholt. Schwer atmend löste ich mich von ihm. Ich hielt ihn auf Abstand als ich ihn ungläubig anstarrte. „Drake, was tust du?“ Fragte ich ihn völlig perplex. Mein Gegenüber wurde rot. „Ich...Ich weiß auch nicht. Sorry.“ Nuschelte er. Verlegen legte er die Hände in seinen Schoß. Erst jetzt viel mir auf, dass er erregt war. „Oh Gott nein!“ Stöhnte ich auf als ich feststellen musste, dass es mir nicht anders erging. Hektisch stand ich auf. All der Alkohol in meinem Blut hatte sich mit einem Schlag verflüchtigt und ich konnte endlich wieder klar denken. Ich war scharf! Auf meinen Bruder! Und ich war verdammt nochmal nicht schwul! Drake war die Situation offensichtlich unglaublich peinlich. Auch er stand jetzt auf. Und dann lief er aus dem Zimmer. Ich hörte es kurz darauf im Flur rascheln und konnte eins und eins zusammen zählen. Doch ehe ich reagieren konnte, hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Ich schlug mir die Hände vors Gesicht und ließ mich stöhnend zurück aufs Sofa fallen. Was hatte ich da nur angerichtet? Einige Minuten lang saß ich einfach nur da. Den Kopf in die Hände gestützt, und starrte vor mich hin. Der Fernseher lief noch. Der Film war längst vorbei, doch dies beachtete ich gar nicht. Ich muss ihm nach. Schloss es mir durch den Kopf. Ich konnte ihn jetzt nicht allein lassen. Er fühlte sich bestimmt schrecklich. Dabei war es nicht seine Schuld. Ich hatte mich darauf eingelassen, in einem Moment der Schwäche und dann hatte ich so überreagiert. Ich hatte den Fehler gemacht, da musste ich es auch wieder grade biegen. Also stand ich auf, nahm meine Jacke von der Garderobe im Flur, meine Schlüssel aus der Schale und verließ eilig die Wohnung. Ohne extra ab zu schließen. Dazu war jetzt keine Zeit. Davon hatte ich schließlich schon genug verschwendet. Ich hätte ihm gleich nachlaufen müssen! Jetzt machte ich mir Vorwürfe. Und als ich noch nachdachte wo mein Zwilling sein konnte, trugen mich meine Füße an einen Ort aus unserer Kindheit.
Der Kies knirschte unter meinen Füßen. Kalter Wind wehte mir um die Ohren und ich zog den Kragen meiner Jacke mehr nach oben. Ich überbrückte die kleine Erhebung aus Steinen, die als Abgrenzung zum sandigen Buddelgebiet des Spielplatzes bildete und ging zu dem winzigen Häuschen hinüber, in das wir uns früher immer verkrochen hatten, wenn wir für uns sein wollten. Das letzte mal als ich hier war, war ich 10 Jahre alt. Genau wie Drake. Und genau wie beim letzten Mal, saß er in der letzten Ecke des Häuschens und lehnte seinen Kopf gegen die Wand. Seine Füße lugten aus dem winzigen Haus heraus und ich konnte seine Nase durch ein kleines Kuckloch oberhalb der Wände erkennen. Er war eindeutig zu klein für dieses Versteck. Ich erklomm mit zwei Schritten die Rutsche, die aus der kleinen Hütte fürte und steckte meinen Kopf zu Drake herein.

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