Kapitel 1

Ich streiche mir eine dunkelbraunen Strähne aus den Augen und luge hinter meiner Spindtür hervor. Dort stehen sie. Miranda, Lorena, Franziska und Cassandra. Die vier beliebtesten Mädchen der Schule, doch leider geben sie sich nicht gerne mit mir ab. Sie wollen nach dem Unfall meiner Schwester nicht mehr mit mir gesehen werden. Wahrscheinlich wollten sie das auch schon vorher nicht, doch meine Schwester gehörte zu ihrer Clique und so habe ich Zeit mit ihnen verbringen dürfen. Als Miranda zu mir schaut, wende ich meinen eigenen Blick schnell ab. Plötzlich höre ich die Klingel, die verkündet, dass nun die nächste Stunde anfängt. Ich nehme so schnell ich kann meine Bücher und hetze zur Klasse. Schule ist mir sehr wichtig, was die meisten Jugendlichen in meinem Alter aber nicht verstehen.

Vor dem Klassenraum muss ich warten, da unsere Lehrerin noch nicht da ist. Die Anderen sind noch nicht da, sie wissen schließlich alle, dass Mrs Hendriks immer zu spät ist und die meisten Schuler nutzen diese Verspätung aus, um im Flur abzuhängen. Während ich warte, spiele ich nervös an meinem Armband. Es gehört eigentlich meiner Schwester, doch kurz bevor sie gestorben ist, hat sie es mir überreicht. Deshalb ist es für mich auch so wichtig.

Zehn Minuten nach dem eigentlichen Stundenbeginn torkelt Mrs Hendriks herbei. Sie hat einen riesigen Stapel Papier auf dem Arm und bleibt vor der Tür stehen. "Guten Morgen, Amelia", grüßt sie. "Guten Morgen, Mrs Hendriks", grüße ich zurück. Ich habe zu meinen Lehrern ein selten gutes Verhältnis. Das ist leider auch ein Grund dafür, dass mich so viele Mitschüler nicht besonders gerne haben. Das war auch eigentlich okay, denn ich hatte ja noch meine Schwester, aber jetzt wo sie nicht mehr da ist, stört es mich doch ein wenig. "Kannst du mal bitte aufschließen?", fragt mich meine Lehrerin freundlich. Ich nicke und nehme den Schlüssel vom Papierstapel herunter. Dann stecke ich ihn ins Schlüsselloch und öffne die Tür. Mrs Hendriks watschelt hinein und legt die Papiere auf dem Pult ab. Ich gehe ebenfalls zu meinem Platz. Ich sitze in der ersten Reihe, weil die Letzten sowieso von den Anderen belegt sind.

Nun finden sich auch meine Klassenkameraden in der Klasse ein. Die halbe Stunde ist zwar schon um, aber das schein Keinen, abgesehen von mir, zu stören. Na toll, schon wieder verschwendete Lebenszeit. Ich schaue aus dem Fenster. Der Himmel ist weiß und Schnee fällt in dicken Flocken vom Himmel. Es ist draußen um die null Grad kalt und eine hohe Schneedecke bedeckt den Boden. Trotz der eisigen Temperaturen draußen, ist es hier drinnen mollig warm. Mrs Hendrik beginnt mit dem Unterricht:"Kannst du bitte die Arbeitsblätter verteilen, Amelia?" Die Anderen äffen sie nach:"Amelia! Du sollst die Arbeitsblätter austeilen." Ich stehe seufzend auf und beginne die Arbeitsblätter aus zu teilen. Als ich an Jason, dem begehrtesten Jungen der ganzen Klasse, vorbei laufe, strecke er sein Bein aus. Ich bemerke es nicht und im nächsten Moment liege ich auf dem verdrecken Boden. Ich habe doch gesagt, dass alle hier mich hassen. Ich atme einmal tief ein und versuche mich zu beruhigen. Ich klopfe meine Kleidung ab und richte meine Haare. Dann hebe ich die übrigen Arbeitsblätter auf. Das hämische Lachen meiner Klassenkameraden ignoriere ich einfach. Ohne etwas dazu zu sagen, teile ich die Blätter einfach weiter aus.

Als ich damit fertig bin, setze ich mich wieder auf meinen Platz. "Ich werde nach der Stunde mal mit Jason sprechen", sagt Mrs Hendriks entschuldigend. Sie hat es also mitbekommen. Ich schüttele den Kopf:"Schon gut. Ich regel das selbst." Mrs Hendrik schaut mich überrascht an:"Das ist ja mal was ganz Neues." Ich nicke. Sie hat Recht. Normalerweise ignoriere ich die Gemeinheiten meiner Klassenkameraden einfach und versuche irgendwie damit klar zu kommen, denn wenn ich mich dafür räche, was sie tun, bin ich nicht besser als die Anderen, doch das war jetzt einfach zu viel. Ich werde mich rächen. Ich weiß zwar noch nicht wie, doch irgendwie klappt das schon. Ich fühle mich gedemütigt und bin wütend. Wieso hassen alle mich so sehr? Ich habe ihnen nie etwas getan. Was kann ich denn dafür, dass ich eine Einserschülerin bin?

Plötzlich ist ein lautes Klopfen zu hören. Ich drehe meinen Kopf zur Tür. Wer ist das und was kann die Person mitten in der Stunde wollen? "Herein!", ruft Mrs Hendriks laut. Ich fixiere die Tür gespannt mit meinem Blick, unfähig weg zu schauen. Ich bin halt ziemlich neugierig.

Mr King, unser Schulleiter, kommt freundlich lächelnd in den Raum. Im Schlepptau hat er einen Jungen, der etwa in meinem Alter sein muss. Mr King tritt zu Mrs Hendriks ans Pult und beginnt mit ihr leise zu tuscheln. Zwischendurch werfen sie mir immer wieder einen Blick zu. Oh Gott, ich hoffe es geht nicht um mich. Und wer ist dieser Junge eigentlich? Ich drehe mich, während ich gespannt warte zur Tür. Dort steht der Junge. Er lehnt an der Wand und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Als er meinen Blick bemerkt, zwinkert er mir verführerisch zu. Ich drehe mich schnell wieder zu Tafel. Aus dem Augenwinkel sehe ich aber wie er mich weiterhin mustert. Ich drehe mich zu meiner alten Clique um. Alle vier Mädchen können den Blick von diesem Unbekannten nicht abwenden. Er kommt mir irgendwie total bekannt vor, doch ich kann sein Gesicht nicht genau erkennen, da er einen schwarzen Pullover trägt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hat.

Mr King lenkt unsere Aufmerksamkeit wieder auf sich und beginnt den Grund seines Besuches zu erörtern:"Liebe Klasse 10a. Das ist Dean O'Connel." Er winkt den Jungen zu sich. Der Junge, der also Dean heißt, schlurft langsam zu unserem Direktor herüber. Man merkt ihm an, dass er keine sonderlich große Lust darauf hat hier zu sein. Mr King fährt, ohne einen Punkt zu machen, fort:"Dean ist neu hier in Oakwood und wird ab heute in eure Klasse gehen. Bitte behandelt ihn gut und zeigt ihm alles." Dann wendet er sich an Dean:"Könntest du dich deinen neuen Mitschülerin bitte einmal vorstellen." Er stöhnt genervt auf und wendet sich der Klasse zu. Als ich seine tiefe Stimme höre, erstarre ich:"Ich bin Dean Wanderwelth, 16 ein halb Jahre alt und bin neu hier." Man merkt, dass er keine Lust darauf hat sich vor zu stellen. Er steht nur einige Meter von mir entfernt und nun kann ich alles genauer erkennen. Mir stockt der Atem ist er. Der Junge aus meinen Träumen. Der Junge, der mich jede Nacht rettet. Ich erkenne seine vollen Lippen, seine nachtschwarzen Augen und sein rabenschwarzes Haar. Er bemerkt meinen Blick und einer seiner Mundwinkel wandert amüsiert in die Höhe. Also weiß er, dass ich ihn erkannt habe? Wie kann das überhaupt sein? Ich dachte es ist nur ein Traum! Wie kann er wirklich existieren. Er ist doch nur eine Produktion meines Gehirnes. Dachte ich jeden Falls? Erst jetzt fällt mir auf, dass mein Mund offen steht. Mrs Hendriks fragt mich flüsternd:"Ist alles in Ordnung, Amelia?" Ich nicke und schließe den Mund schnell, als ich merke, dass mich jeder anstarrt. Auch Dean kann seinen Blick nicht von mir abwenden. Ich senke den Blick. Einige meiner Haarsträhnen fallen mir ins Gesicht und verdecken meine Augen. Das ist heute einfach nicht mein Tag. Mr King erzählt noch irgendwas, doch ich höre ihm gar nicht richtig zu. Tausende von Gedanken tummeln sich in meinem Kopf und lassen mir keine Ruhe. Wie kann es ihn wirklich geben? Ich fühle mich total leer und mein Herz rast. Das ist nicht real. Das ist mit Sicherheit mein Traum.

Ich werde von Mr King aus meinen Gedanken gerissen:"Miss Gilbert? Hören sie zu?" Ich schaue schnell auf und schiebe mir die Haarsträhne aus dem Gesicht."Äh...Entschuldigung...Ich war gerade leider etwas abgelenkt", gebe ich kleinlaut zu. Mr King verschränkt die Arme vor der Brust und versucht streng zu wirken, lächelt aber leicht:"Schon gut. Ich wiederhole es für sie. Sie werden sich um Mr Wanderwelth kümmern und ihn herum führen." Ich bin total perplex:"Äh...Was? Nein, das geht nicht!" "Und wieso nicht?", fragt Mr King hartnäckig. Mist, wie komm ich aus der Sache nur wieder heraus. Ich will echt nicht mehr Zeit mit diesem Typen verbringen als nötig. Wenn er wirklich der Typ aus meine Träumen ist, weiß er mit Sicherheit mehr als mit lieb ist. "W-Wir...E-Er...", ich bin kurz davor zu verzweifeln, soll ich lügen? Alle schauen mich gespannt an. "Ja, Miss Gilbert?", fragt Mr King weiter. Ich knicke ein:"Ach nichts. Schon gut." "Also machen sie es?", fragt Mr King weiter. Hat er irgendwas gegen mich? Was habe ich diesem Mann getan, dass er so hartnäckig ist? Ich nicke tonlos. Wieso habe ich nicht einfach gelogen? Dann wäre ich jetzt nicht in dieser blöden Situation. Ich senke den Kopf wieder. Wieso immer ich? Wahrscheinlich bin ich selbst für die Lehrer das Mädchen ohne Freunde. Ich nehme wahr, dass Mrs Hendriks mit Dean flüstert, doch ich ignoriere das einfach. Ich starre einfach auf den Tisch hinab und warte darauf, dass die Stunde zu Ende geht. Wenige Sekunden später, spüre ich den warmen Atem eines anderen Menschen neben mir. Dann haucht jemand mir ins Ohr:"Kennst du mich noch?" Ich schaue auf, aber eigentlich muss ich das gar nicht, denn ich weiß auch so wer mir da etwas ins Ohr flüstert. Natürlich, kenne ich ihn noch. Wie kann ich ihn auch nicht kennen, wenn ich ihn jede Nacht in meinen Träumen sehe. Ich wende ihn den Kopf zu:"Ich dachte du existierst nicht wirklich." "Das denken die Meisten, bevor sie mich getroffen haben", sagt er mit seiner tiefen rauen Stimme. Mich überläuft ein wohliger Schauer. Wie schafft er das, was keiner zuvor geschafft hat?

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