Kapitel 1

5. Dezember 2004

Ich laufe. Ich laufe so schnell ich auf meinen kurzen Beinen laufen kann. Hinaus in den Wald. Die Rufe die ich hinter mir höre, ignoriere ich. Es ist nicht so, als würde es sie tatsächlich interessieren, was mit mir ist.

Die Schritte werden schneller und ich weiß, dass sie mich schnell einholen werden. Daher springe ich hinter den nächstbesten Busch und klettere auf einen Baum und ruhe mich auf einem dicken Ast aus, als die Personen an mir vorbei gelaufen sind. Endlich atme ich durch und fühle mich nun frei. Nun ja. Fast.

8. Juli 2017

„Venus", höre ich Heaven, meine Freundin, hinter mir rufen. Ich drehe mich zu ihr um und sehe, wie sie auf dem Boden liegt und es sich unter der dünnen Decke gemütlich macht. „Gehst du schon?" Ihre kurzen blonden Haare stehen in alle Himmelsrichtungen ab, was sogar richtig süß aussieht.

„Ja", antworte ich. „Wir sehen uns heute Nachmittag."
„Bis später", ruft sie, doch ich habe ihr schon den Rücken zugewandt und gehe.

Vor dem Eingang der abgebrannten und leerstehenden Fabrik, in der meine Freunde und ich wohnen, stehen große Stapel Zeitungen und eine Schubkarre. Ich hieve so viele Zeitungen wie möglich auf die Schubkarre und schiebe sie vor mir her, während ich immer mal wieder eine Zeitung nehme und sie vor die Haustür anderer werfe. Da ich natürlich nicht alle Zeitungen mitnehmen kann und trotzdem alle verteilen muss, renne ich mindestens fünf Mal wieder zur Fabrik um eine neue Ladung zu holen um dann wieder dort weiter zu machen, wo ich aufgehört habe.

Ein paar Stunden später bin ich auch schon fertig. Ich lasse mir Zeit beim Austragen, da ich ohnehin nichts anderes zu tun hab. Mein Job als Flyer-Verteilerin, beginnt nämlich erst später.

Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, setze ich mich in ein Café in der Nähe meiner Arbeitsstelle, bei der ich nachher die Flyer zum Verteilen abholen muss. Dort bestelle ich mir einen Kaffee und einen Kuchen. Andere Gäste schauen mich schräg an, da es für sie unverständlich ist, wieso man so früh am Morgen einen Kuchen isst. Aber im Gegensatz zu ihnen, kann ich mir nicht alles in diesem Café leisten und abgesehen davon, ist mir jede Mahlzeit zu jeder Zeit willkommen. Vielleicht starren sie aber auch wegen meinem Aussehen. Meine langen und fettigen Haare hängen mir vorm Gesicht wie einer Gardine und meine Klamotten machen auch nicht den Eindruck als wären sie frisch gewaschen von einer teuren Marke. Aber das macht mir nichts. Heutzutage trägt jeder zweite zerrissene Hosen. Wieso ist es also schlimm, wenn ich welche trage? Nun, sie sehen nicht neu aus, aber es sind trotzdem Klamotten.

Während ich in der hintersten Ecke sitze und an meinem Kaffee nippe und Gedankenverloren aus dem Fenster starre und die vorbeigehenden Menschen zähle, spüre ich einen Blick in meinem Rücken. Durch die Scheibe kann ich erkennen, dass zwei Männer, an einem der Tische hinter mir, zu mir schauen. Einer der beiden deutet sogar mit dem Finger auf mich, doch ich ignoriere es. Stattdessen trinke ich schnell meinen Kaffee aus und esse meinen Kuchen auf. Danach mache ich mich schleunigst auf den Weg zum Büro meines Arbeitgebers. An seinem Blick, als ich sein Büro ohne anzuklopfen betrete, sehe ich, dass ich zu spät bin. Schon wieder.

„Sie sind-", setzt er an, doch ich weiß, was er sagen möchte. Das, was er jedes Mal sagt, wenn ich zu spät bin.

„-spät, ich weiß. Wie oft haben Sie mir das schon gesagt?", sage ich und nehme die Stofftasche, in dem sich die Flyer befinden, von seinem Schreibtisch. „Wird nicht wieder vorkommen."

Er seufzt. „Und wie oft haben Sie mir versprochen, dass Sie das nächste Mal pünktlich sein werden? Ich mache wegen Ihnen ständig Überstunden."

„Nicht so oft wie Sie", antworte ich. „Außerdem komme ich nur ein paar Minuten zu spät, und das auch nur, weil der Aufzug an jeder Etage hält. Es wäre besser, wenn Sie Ihr Büro im Erdgeschoss haben würden. Dann hätten wir dieses Problem nicht."

Ich stehe an der Tür und will gehen, doch ich habe das Gefühl, dass er noch etwas loswerden muss. Er reibt sich den Nasenrücken und sieht aus, als beherrsche er sich um mich nicht anzuschreien. „Gehen Sie", sagt er leise und bedeutet mir mit einer Handbewegung, sein Büro schnellstmöglich zu verlassen. Ich tue es. Gerne sogar.

In der Innenstadt habe ich mich an eine Stelle gestellt, die zu dieser Zeit sehr überfüllt ist.

„Wer möchte einen Flyer?", rufe ich lustlos und wedle mit einem davon in der Luft. Zugegeben, das ist nicht die erfolgreichste Methode, aber was Besseres fällt mir eben nicht ein. Wer möchte denn schon einen Flyer in dem etwas darüber steht, wie schrecklich die Umwelt doch ist? Außerdem wird somit die Menschheit kritisiert, weil sie an dem Klimawandel Schuld sind. In einer Weise stimmt das auch, aber wer lässt sich gerne kritisieren und sich die Schuld in die Schuhe schieben? Alle wissen, dass sie etwas dagegen unternehmen müssen, indem sie vielleicht Mal mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen. Aber das ist für viele Menschen viel zu unbequem, deshalb tun sie es nicht. Oder sie hoffen einfach, dass andere ihnen die Last abnehmen.

Als ich zwei Stunden später immer noch mehr als die Hälfte der Flyer in der Stofftasche habe und mein Magen laut knurrt, gebe ich auf und setze mich neben einen Mülleimer, in die ich die restlichen Flyer stopfe. Würde eh keiner mitbekommen.

Müde schließe ich die Augen und halte mir den Bauch fest in der Hoffnung, niemand würde das Knurren hören.

Gerade will ich wieder zurück in die Firma und die Stofftasche an der Rezeption abgeben, da kommen schon zwei Männer auf mich zu und lächeln mich mysteriös an.

Beider sind groß und breit gebaut. Ich bezweifle aber stark, dass sich unter den Jacken Muskeln befinden. Vom Gesicht und Hals her kann ich sagen, dass sie deutlich mehr Fett an sich haben, als der Durchschnitt.

„Kann ich Ihnen helfen?", frage ich und lege den Kopf schief.

„Das wollten wir Sie fragen, junge Dame", antwortete mir der braunhaarige, welcher seinen Freund um einen Kopf überragt, und mich um mindestens drei.

„Ich brauche keine Hilfe", winkte ich ab und will schon gehen, da fasst mich der dunkelhaarige am Arm. „Was?", frage ich zwischen zusammengebissenen Zähnen? Ich sehe mir sein Gesicht genauer an. Er hat buschige schwarze Augenbrauen, auch seine Augen sehen fast schwarz aus. Und rasiert hat er sich anscheinend auch seit Wochen nicht. Er kommt mir stark bekannt vor.

„Wir wollten dich auf eine Pizza einladen, was hältst du davon?", bietet er mir an und obwohl ich ein ganzes Pferd essen könnte, schüttle ich den Kopf.

„Kein Hunger, danke." Wieder will ich gehen, doch der Mann hält noch immer meinen Arm und zu allem Überfluss beginnt auch noch mein Magen zu knurren. Ich beiße mir auf die Unterlippe und beschimpfe meinen Magen innerlich. Hättest du nicht noch ein paar Sekunden warten können?

Die Männer hinter mir lachen und legen je einen Arm um meine Schulter. Widerwillig lasse ich mich mitziehen und erst als wir in einem Pizza Haus in der Nähe sind, begebe ich mich auf Abstand.

„Möchtest du was trinken?", fragt der braunhaarige, der sich mit seinem Freund vor mich gesetzt hat. Erst jetzt merke ich, dass er schielt.

Ich nicke nur.

Der dunkelhaarige Typ winkt eine Kellnerin zu uns die unsere Bestellung aufnimmt und wenige Minuten später mit drei Gläsern Cola zurückkommt. Ich nippe an der Cola und meide den Blick der zwei Männer. Ich kann deutlich ihre Blicke auf mir spüren. Als ich hochschaue, fällt mir ein, wo ich die zwei schon mal gesehen habe. Erst heute Morgen in dem Café haben sie mich beobachtet. Doch trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los, dass ich einen von ihnen irgendwo vorher schon getroffen habe. Aber wo nur?

„Wofür ist das?", frage ich an die Männer gewandt als wir unsere Pizzen vor uns liegen haben.

Sie sehen sich an, bevor mir der braunhaarige antwortet. „Du sahst ausgehungert aus und tatst uns leid."

„Nun", sage ich mit vollem Mund. „Ich brauche kein Mitleid. Aber ich werde die Pizza dankend annehmen."

Sie lachen. „Nur zu. Lass es dir schmecken."

Recht schnell habe ich meinen Teller geleert. Es könnte einerseits daran liegen, dass ich einen Mordshunger hatte oder weil ich ein ungutes Gefühl hatte, was diese Männer vor mir anging und so schnell wie möglich verschwinden wollte. Wenn man so viele Männer wie ich kennengelernt hatte, dann entwickelte man irgendwann einen sechsten Sinn für so was.

Ich stehe auf und nicke den beiden Männern zu. „Vielen Dank für das Essen", bedanke ich mich und will gerade gehen, da rufen sie schon wieder nach mir. Ich verdrehe die Augen und wende mich ihnen wieder zu. „Ja?"

„Wir möchten dir noch was geben. Es ist im Auto. Willst du nicht kurz mitkommen?", fragte der schwarzhaarige. „Es ist etwas, was du sicher gut gebrauchen kannst." Er sagt das mit so einem dreckigen Grinsen im Gesicht, dass ich gar nicht anders kann als zu würgen. Doch sie merken es nicht. Ich weiß, dass ich besser verschwinden sollte, doch ich rühre mich nicht und nicke einfach und folge ihnen. Was könnten sie mir am helllichten Tag schon groß antun?

Wir gehen ein paar Meter und bleiben vor einem weißen schwarzen Auto stehen an dem die Scheiben verdunkelt sind. Noch ein Grund mehr das Weite zu suchen, doch so weit komme ich gar nicht erst. Denn im nächsten Moment wird mir meine Stofftasche über den Kopf gezogen, die der schwarzhaarige getragen hatte. Ich will schreien, aber ich habe gelernt, dass das nichts bringt. Keiner wird mir helfen. Ich wehre mich auch gar nicht als man mir in die Kniekehlen tritt, so dass ich nach vorne auf die Sitzpolster falle. Ich liege mit dem Bauch auf dem Rücksitz, so wie ich beurteilen kann, und spüre im nächsten Moment wie sich jemand auf meinen Rücken setzt, die Autotür zuknallt und mir die Hände hinter dem Rücken festhält. Statt herum zu trampeln, wie jeder andere normale Mensch es vermutlich getan hätte, liege ich regungslos da und lasse zu, wie die großen schmierigen Hände des Mannes über mir, mich am ganzen Körper betasteten.

Der Mann am Steuer, welcher das Auto gestartet hatte und fährt, lacht laut auf. „Wer hätte gedacht, dass sie auf diesen alten Trick reinfällt?"

Eine andere Stimme flüstert mir ins Ohr: „Hat deine Mama dir nicht beigebracht, nie mit Fremden mitzugehen?"

Ich schüttele den Kopf. „Nein", murmle ich, doch er scheint mich nicht gehört zu haben. Aber ehrlich gesagt, habe ich auch mehr mit mir selbst gesprochen.

Ich weiß nicht wie viel Zeit ich in diesem Auto verbracht habe, aber es ist bereits dunkel und meine Peiniger scheinen nicht müde zu werden. Anscheinend tun sie so was ziemlich oft. Sie haben mehr Ausdauer, als ich gedacht habe.

Ich liege auf dem Rücken auf der Rückbank, ohne Hose und lasse es einfach geschehen. Immerhin benutzt er ein Kondom und ich brauche mich um keine Geschlechtskrankheiten zu sorgen.

Als der dunkelhaarige fertig ist, klettert er auf den Beifahrersitz und ich setze mich auf. Meine Glieder schmerzen. „Fertig?", frage ich leise und wische mir übers Gesicht.

„Noch lange nicht", grinst der braunhaarige auf dem Fahrersitz und winkt mich zu sich. Wortlos klettere ich nach vorne auf seinen Schoß und bekomme von seinem Freund einen auf den Hintern geklatscht. Während ich also auf ihm sitze und der andere sich selbst an sich zu schaffen macht, beuge ich mich so weit vor, dass ich an den Geldbeutel heran komme, der zu meinen Füßen liegt. Lautes Stöhnen erfüllt das Auto bestimmt schon seit Stunden und ich frage mich, wieso sich noch keiner beschwert hat. Wo sind wir überhaupt?

Die Stöße in mir werden immer langsamer und ich merke, dass er keine Kraft für eine weitere Runde hat. Sie haben alle Kondome verbraucht und Flüssigkeit haben sie bestimmt auch nicht mehr viel in sich. Ich erhebe mich, damit er sich aus mir raus ziehen kann und öffne die Fahrertür. Warme Luft weht mir entgegen. Im Auto war es zwar auch warm, aber diese Luft ist definitiv angenehmer als die stickige im Auto, in der ich gefühlte Stunden gesessen habe.

Den Geldbeutel schiebe ich mir unauffällig in den BH, öffne die Hintertür noch einmal und schlüpfe in meine Jeans. Meine Unterhose haben sie vor lauter Lust zerrissen.

Ich will gerade gehen, doch ich weiß nicht wo ich bin und bleibe daher ahnungslos auf der dunklen Straße stehen. Viele der Straßenlaternen hier funktionieren nicht. Ich versuche trotzdem zu erkennen wo ich bin, doch diese Straße ist leer. Hier ist nichts. Keine Menschenseele. Oder? Doch! Ich sehe von weitem ein Auto in unsere Richtung fahren. Aber was dann? Wenn hier um diese Uhrzeit Autos entlangfahren, dann sind das bestimmt nur wieder Männer wie diese beiden hier.

„Willst du nicht noch zu uns?", höre ich den dunkelhaarigen Fragen, der auch ausgestiegen ist und sich seine Hose zuknöpft. „Du warst echt gut, dass muss man dir echt lassen. Aber das nächste Mal solltest du dich vielleicht rasieren. Du warst trotzdem geil, keine Sorge, Kleine. Also was ist? Sollen wir dich mitnehmen?"

Ich schüttele den Kopf. „Nicht nötig." Ich winke den beiden zum Abschied und renne in die Richtung, aus der das Auto kommt. Als ich näher dran bin, erkenne ich, dass er ein Polizeiauto ist und wedle wie verrückt mit den Händen. Einige Meter hinter mir hält das Auto an und ein Mann steigt von der Beifahrerseite aus und joggt auf mich zu.

Ich stehe unter einer Laterne und kann ihn daher mustern, als er vor mir zum Stehen kommt. Es ist ein relativ gut aussehender Mann, ich schätze, dass er Mitte 20 ist. Seine lockigen braunen Haare sehen aus, als wäre er gerade aus dem Bett gekommen und selbst seine müden Augen verraten mir, dass er tatsächlich nicht lange wach ist. Ich sehe ihn von oben bis unten an und mein Blick fällt auf seine Waffe an seinem Gürtel. Ich liebe Polizisten. Klar, es gibt schlechte Polizisten, aber bei den meisten fühle ich mich sicher und beschützt. Und wenn er schon mal hier ist, kann ich auch gleich erzählen, was diese beiden Männer mir angetan haben. Schon irgendwie dumm, dass sie da noch stehen und sich über irgendwas zu streiten scheinen, wo gerade zwei Cops hier stehen.

„Ist alles Okay bei Ihnen?", fragt mich der Polizist und bückt sich leicht zu mir runter, da er um einiges größer als ich ist.

„Ja", flüsterte ich, schüttele aber im nächsten Moment den Kopf und versuche zu weinen. „Nein. Nein, nichts ist okay", schluchze ich und werfe meine langen Haare hin und her. „Di-Diese Männer dort", sage ich und deute auf das Auto in dem ich bis jetzt noch gesessen habe. der Polizist folgt meinem Blick und kneift die Augen leicht zusammen, als könnte er sie dadurch besser sehen und nickt. „Si-Sie haben mich heute Vormittag in-in ihr Auto gezerrt und..." Ich gebe mir solch eine Mühe, wirklich gekränkt zu klingen und Tränen zu vergießen, aber ich habe schon so lange nicht mehr geweint.

„Warten Sie hier", sagt der hübsche Polizist und klopft an die Scheibe des Polizeiautos. Ein weiterer junger Polizist steigt aus und gemeinsam gehen sie mit festen Schritten auf das Auto zu, in dem sich die beiden Männer noch immer anbrüllen und nicht merken zu scheinen, was gleich passieren wird. Ich lege den Kopf schräg und will stolz lächeln, aber ich kann es nicht. Meine Lippen sind wie eingefroren.

Wenig später werden die dicken Männer aus dem Auto gezerrt und mit Handschellen ins Polizeiauto gedrängt. Sie sehen mich wütend an und rufen mir Beleidigungen zu, die durch das zuknallen der Tür gedämpft werden. Der hübsche von Polizist kommt wieder auf mich zu und fragt, ob alles Okay sei.

„Jetzt schon", schluchze ich wieder.

„Kommen Sie, wir bringen Sie nach Hause."


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    Ich mag den Schreibstil, du erzählst gerade so viel und so wenig, dass es passt und man sich keine großen Fragen stellt. Ich bleib dran. :)

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