Kapitel 1

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Endlich in den wohlverdienten Feierabend. Okey, vielleicht nicht gleich, denn ich muss ja noch meine Hausfrauenpflichten erfüllen. Die mich, um ehrlich zu sagen richtig nerven. Manchmal würde ich lieber bei Charly bleiben und arbeiten, als nach Hause zu fahren und diesen Schwachsinn zu erledigen. Ich weiß, ich sollte es gut finden. Sollte es gerne machen. Doch ich tue nichts davon. Ich bin einfach so, wie ich bin und das ist mit Sicherheit keine Hausfrau.
Zu Hause angekommen, werde ich von Mikaela empfangen, die bereits ihre gesamte Sammlung an Schulbüchern auf dem Küchentisch ausgebreitet hat. Am Besten fange ich gleich mal mit dem Fünf Sterne Menü an, damit es schneller vorbei ist.
Dann ist es endlich soweit und ich stelle Mik das Teller vor die Nase. Gut. Aus dem Fünf Gänge Menü sind Spaghetti mit Dosensauce geworden. Aber immerhin sind die Nudeln noch nicht zu weich. „Das ist doch schon etwas Positives.“ Meine Innere Stimme klopft mir gerade auf die Schulter. An ihrem Blick erkenne ich alles andere, außer Begeisterung, als sie auf das Teller blickt und mich dann wieder mit ihren grünen Augen ansieht, als würde sie mich nicht ernst nehmen.

„Guck nicht so, immerhin kann man es essen.“

Eine angewiderte Grimasse von ihr als Antwort, ist auch eine Antwort. Aber ihr Hunger scheint zu siegen, denn sie zieht das Teller langsam zu sich und schnappt sich eine Gabel. Ich setze mich gegenüber auf den alten Holzstuhl und schnappe mir ebenfalls eine Gabel. Beim ersten Bissen bin ich froh Hunger zu haben. Denn hätte ich keinen, würde ich es nicht essen. Genauer genommen schmeckt es nicht wirklich nach etwas Essbarem. Aber was soll's. „Es ist nur Nahrung, Anna. Es ist nur Nahrung.“ Tja, innere Stimme, zum Glück musst du es ja auch nicht essen.
Nach einer kurzen, kalten Dusche hüpfe ich schnell in meine Schlafklamotten, die, um es genauer zu erklären, aus einer alten ausgewaschenen kurzen Short, und einem alten T-Shirt bestehen. Also, jeder der mich so sehen würde, würde entweder in einem Lachkrampf ausbrechen, oder mir ein paar Geldscheine zustecken. Aber so hässlich es auch aussieht, ich liebe es. Nur so schläft man gemütlich.
Schnell hüpfe ich ins Bett und krieche unter meine Decke. Ich zittere noch immer am ganzen Körper und ich bin so froh, als es nach einigen Minuten schön warm wird, ich das Licht ausmache und den Fernseher einschalte. Ich zappe mich durch die Kanäle und bleibe bei einer langweiligen Komödie hängen, da nichts Besseres läuft. Ich versuche entschlossen noch einige Minuten den Film zu verfolgen. Doch meine Augen sind einfach zu schwer und so schlafe ich ein.
Das laute Klappern meiner Zähne und die Kälte machen mich wahnsinnig, als ich aufwache. Meine Finger sind so kalt und wie in so einem verdammten Horrorfilm, kann ich die kleine Atemwolke vor meinem Gesicht sehen. Müde und verschlafen suche ich mit meinen, fast schon tauben Fingern, nach dem Lichtschalter. Das Flimmern des Fernsehers macht mich noch verrückter und so suche ich nach der Fernbedienung, um ihn auszumachen. Nach einem kurzen Blick zum Fenster wird mir klar, was der Grund für diese Kälte ist. Es steht offen und der Wind lässt die Vorhänge tanzen. Kurz überlege ich, ob ich das Fenster denn geschlossen habe. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass ich es einfach vergessen habe. Also gehe ich diesmal auch davon aus. Verschlafen und vollkommen unterkühlt mache ich mich auf dem Weg, zu dem Fenster. Doch als ich mit meinen verschlafenen Augen auf die Straße blicke, glaube ich etwas zu sehen. Es sieht aus wie ein großer Hund. Um meinen Blick zu schärfen versuche ich noch einmal meine müden Augenlider zu schließen. Dann richtet sich mein Blick wieder zu der Straßenecke. Doch dieses mal kann ich nichts erkennen. Wäre ich nicht noch im Halbschlaf, würde ich jetzt irgendwelche Horrorszenarien in meinem Kopf abspielen und nicht mehr schlafen können. „Aufhören mit dem Nachdenken.“ Meine Stimme ermahnt mich, nicht irgendwelche Phantasien in meinem Kopf zusammen zu reimen. Also schließe ich das Fenster und mache mich wieder auf den Weg unter die noch warme Bettdecke.

„Nein. Ich bin doch noch so müde.“ Ich murmle vor mich hin, als ich den Wecker abstelle. Es ist sieben Uhr morgens und ich muss aufstehen. Ich hasse diesen Wecker. Er hat einfach diesen wunderschönen Traum unterbrochen. Einen Traum, von diesem blauäugigen, gutaussehendem Kerl. Auch wenn ich nicht mal mehr genau weiß, von was dieser Traum gehandelt hat, würde ich jetzt liebend gerne nochmal einschlafen und weiter träumen. Doch das Leben ist kein Wunschkonzert. Das hat meine Mutter immer gesagt und so bewege ich mich langsam auf, um mich für die Arbeit fertig zu machen.
Die Stunden vergehen und endlich ist Mittagspause. Alleine der Vormittag war schon zu nervenaufreibend. Ich hatte nur anstrengende Kunden und einen älteren Mann, der nicht von einer Frau bedient werden wollte. Obwohl ich es ja lustig fand, als Peter ihn ansah und gesagt hat „Da müssen Sie die Dame dort fragen, ich kenne mich nicht aus.“ Natürlich hat er mit dem Finger zu mir gezeigt. Ich konnte mir das Grinsen kaum verkneifen als der ältere Mann, mit gesengtem Blick zu mir gekommen ist.
Mit Peter im Schlepptau mache ich mich auf den Weg in den Supermarkt auf der anderen Straßenseite und bin froh dass ich heute eine von Charly’s Jacken übergezogen habe, denn der Nieselregen und der Wind lassen einem nicht vergessen, dass es Ende April ist. Ich hasse dieses Wetter. Kein Wunder dass so viele Menschen dabei depressiv werden.
Im Supermarkt angekommen suchen wir uns durch die Regale. Ich entscheide mich, wie soll es auch anders sein, für ein Fertiggericht. Und Peter? Der entscheidet sich für die Verkäuferin in der engen Jeans. Ich muss lachen, als ich es sehe, Er kann es einfach nicht lassen. Ich kenne ihn einfach zu gut und weiß wie er seine Spielzüge ausführt. Es ist immer wieder überraschend, wie viele Frauen darauf reinfallen. Eine Weile beobachte ich noch die Reaktion der Verkäuferin und mache mich mit einem Nicken dass an Peter gerichtet ist, auf zur Kasse. Wir kennen uns mittlerweile schon so gut, dass wir eine eigene Zeichensprache entwickelt haben.
Als ich an der Kasse ankomme und mich in die, viel zu lange Schlange einreihe, entdecke ich Jemanden, bei dem meine Mundwinkel automatisch den tiefsten Punkt erreichen. Jaimie. Mit ihrem perfekten blonden Haaren und der noch perfekteren Figur. Wie immer trägt sie viel zu viel Schminke im Gesicht. Das versuche ich mir einzureden, obwohl ich weiß, dass sie auch ohne Schminke hübsch aussieht und genau dass lässt mich innerlich noch mehr verzweifeln. Es dauert keine Sekunde, da hat sie mich schon entdeckt.
Jedes mal wenn ich sie sehe, muss ich an diese Sache denken und sehe das Bild immer wieder vor mir. Sie und Steve. Arm in Arm. Ich könnte würgen bei diesem Bild in meinem Kopf. Eigentlich sollte ich darüber hinweg sein, aber mein Stolz ist noch immer verletzt. Doch es ist ja auch etwas Gutes in jedem Schlechten. Denn ich weiß jetzt, wer meine richtigen Freunde sind.
Sie mustert mich von oben bis unten. Ich habe es gehasst, wen sie das früher mit anderen Leuten gemacht hat. Und jetzt noch mehr, da sie es bei mir macht. Schnell wende ich meinen Blick ab um ihrem Blick auszuweichen, jedoch erkenne ich im Augenwinkel, dass das Getratsche schon losgeht, als sie ihrer Freundin etwas ins Ohr flüstert und die beiden mich dann wieder anstarren, als wäre ich eine Attraktion. Es ärgert mich noch mehr, dass sie immer noch solch eine Wirkung auf mich hat. Jedes mal wenn ich ihr begegne, fühle ich mich wie ein kleines Kind und ich hasse dieses Gefühl. Gerade als ich kurz davor bin, mich umzudrehen und zu gehen, hält Peter mir einen kleinen Zettel mit einer Nummer vor mein Gesicht.
„Anna, darf ich vorstellen. Meine Neue.“
Peter steht grinsend vor mir und ich kann nicht anders, als mich mit ihm zu freuen. Dass er sich noch immer über eine Telefonnummer freut, ist zu bewundern. Vor allem, da er sehr oft Telefonnummern von weiblichen Bekanntschaften zugesteckt bekommt. Sein Grinsen verschwindet, als er meinem Blick folgt und Jaimie entdeckt. Er kennt sie, denn sie war ja mit Steve danach ein paar Wochen zusammen und musste ihn natürlich öfters in der Arbeit besuchen. Das war das Schlimmste für mich an der ganzen Sache. Nicht nur, dass sie miteinander geschlafen haben. Nein sie waren danach auch noch zusammen. Die Wut wird jetzt noch größer, wenn ich daran zurückdenke. Doch Peter legt seinen Arm um meine Schulter und drückt mich fest an sich.
„Anna, mach einfach mit und lächle.“
Er flüstert mir ins Ohr und ich verstehe jetzt erst, was er vor hat. Er will sie eifersüchtig machen. Denn auch er hat eine Vor-Geschichte mit Jaimie. Sie hat Steve wegen Peter verlassen. Für Peter war es jedoch eine einmalige Sache mit ihr. Er und Jaimie waren auf einer Party und Peter, der laut seiner Aussage „stockbesoffen“ war, ist mit Jaimie im Bett gelandet. Für Peter war es ein One-Night-Stand. Jedoch nicht für Jaimie. Ich würde lügen, wenn ich nicht ein bisschen schadenfroh darüber bin. Ich kann nicht anders als zu lächeln. Er ist einfach mein bester Freund und ich bin so froh, dass ich ihn habe. Als ich ihren entsetzten Blick entdecke, verschwindet diese Verletzlichkeit.
Zu meiner Freude ist der restliche Arbeitstag schnell vorüber. Doch irgendwie bin ich auch ein klein wenig enttäuscht. Ein kleiner Teil von mir, hätte sich gewünscht, dass dieser Unbekannte nochmals hier auftaucht. Ich weiß ich bin eine kleine Träumerin. Aber ich hätte es mir trotzdem gewünscht. Vielleicht sehe ich ihn nie wieder? „Mann Anna. Beruhige dich. Es war nur ein Kunde, der zufällig auch noch gut ausgesehen hat.“ Um meinem Verstand ein klein wenig zu widersprechen. Er hat nicht gut ausgesehen. Er war verdammt nochmal wirklich heiß. Er hatte einfach irgendetwas Spezielles. Irgendetwas, dass mich ihn nicht vergessen lässt. Es ist, als hätten meine Augen ein Bild von ihm gemacht und in meinen Gedanken eingemeißelt.
Zu Hause angekommen, spiele ich dasselbe Spiel wie jeden Abend. Kochen. Hausfrau spielen. Es hassen. Es aber trotzdem machen und so tun, als würde ich es gerne machen.
Müde und verschwitzt, mache ich mich auf den Weg unter die Dusche und genieße das heiße Wasser, dass auf meine Haut prasselt. Dieses Mal hat Mik nicht dass ganze Warmwasser verbraucht.
Trotzdem hülle ich mich in meinen dicken Pulli und meine lange Hose ein um noch ein wenig die frische Luft zu genießen.
Also schnappe ich mir ein Buch, öffne das Fenster und klettere mit der Decke in der Hand, nach draußen. Hier bin ich echt. Hier bin ich dem Himmel näher. Der Dachvorsprung vor meinem Fenster ist mit Abstand das Beste an dieser kleinen Wohnung. Das ist mein „Zuhause-Entspannungs-Platz“. Hier kann ich meine Gedanken schweifen lassen und den Abend genießen. Das Gezwitscher der Vögel. Wie sich die Blätter im Wind bewegen. Hier habe ich das Gefühl meiner Mutter näher zu sein. Manchmal rede ich mit ihr. Erzähle ihr, wie mein Tag war oder was ich erlebt habe. Manche würden mich für verrückt halten, aber ich glaube daran. Daran dass sie mich hören kann. Irgendwie spüre ich es, auch wenn es sich verrückt anhört. Würde ich es nicht spüren, dann wäre ich bereits in meiner Traurigkeit erstickt. Dies ist für mich mein Anker. Zu wissen, dass ich nicht ohne sie bin. Auch wenn ich sie nicht mehr sehen und hören kann.
Um mich warm einzupacken, ziehe ich die Decke dicht um mich und mache es mir bequem.
Erst durch das Bellen des Nachbarhundes werde ich beim achten Kapitel zurück in die Realität gerissen und um zu sehen, ob er aus einem Grund bellt, lasse ich meinen Blick durch die Umgebung schweifen. Es ist fast schon zu Dunkel um etwas zu erkennen, jedoch richtet sich mein Blick auf die Straßenkreuzung, an der ich denke, etwas zu erkennen. Meine Augen versuchen sich an die Dunkelheit zu gewöhnen und es dauert einige Sekunden, bis ich etwas genaueres erkennen kann. Es sieht aus, als würde Jemand an der Straßenkreuzung stehen. Er oder auch eine Sie, muss vollkommen in Schwarz gekleidet sein, da man die Person kaum sehen kann. Sekunden vergehen in der ich diese Gestalt einfach nur anstarre und sie sich nicht zu bewegen scheint.
Ohne das ich darauf vorbereitet bin, dreht sich plötzlich der Kopf in meine Richtung und ich kann die groben Konturen von einem Gesicht wahrnehmen.
Es fühlt sich an, als wäre ich in einem verdammten Horrorfilm und der Mörder sucht sich sein nächstes Opfer. Die Atemwolke vor mir wird immer größer und mein Herzschlag immer schneller. Mein ganzer Körper überzieht sich mit einer Gänsehaut und die kleinen Härchen in meinem Nacken stellen sich auf.
Langsam aber sicher, versuche ich leise und so unauffällig wie möglich, wieder zurück ins Zimmer zu klettern. Innen angekommen schließe ich so schnell als möglich das Fenster hinter mir. Mit einem mulmigen Gefühl wage ich nochmals einen Blick zu der Straßenkreuzung. Doch jetzt kann ich nichts mehr sehen. Keine Gestalt. Keine gruselige Person mehr. Trotz allem hat es mir eine Scheiß-Angst eingejagt. Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, laufe ich nach unten und kontrolliere alle Fenster und Türen. Auch Mikaela's Zimmer bleibt davon nicht verschont. Sie sieht mich nur an, als wäre ich eine Außerirdische und komplett verrückt geworden. Aber der Blick ist es mir wert einen guten Schlaf zu bekommen und nicht daran denken zu müssen, dass dieser Freak hier rein kommt.
Wieder in meinem Zimmer angekommen, habe ich mich etwas beruhigt und lege mich in mein Bett. Es oder besser gesagt diese Person. Dieser Verrückte. "Anna. Es war doch nur jemand an der Straßenkreuzung." Spukt trotz allem in meinem Kopf herum. Irgendwie. Auch wenn ich nicht weiß wie, schaffe ich es nach einiger Zeit, doch einzuschlafen.

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beta
Fairy Dust

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