Kapitel 1

Die Party war grausam. Warum war sie überhaupt hier? In ihren Gedanken fragte sie sich, warum sie sich von ihr immer wieder breitschlagen ließ. Eigentlich wollte sie gar nicht hier sein. Ein ruhiger Abend Zuhause, erholen von dem ganzen Schulstress, das war ihr Plan für heute. Und nicht von ihrer Freundin auf irgend eine Party geschleppt werden auf der sie keinen einzigen Menschen kennt. Immer kommt Nele mit, bitte, bitte ich hab Angst da allein hinzugehen, ich kenn' da doch keinen. Dann auf der Party angekommen hat ihre Freundin sofort Anschluss gefunden und sie selbst kauert sich irgendwo hin um bloß nicht von irgendwelchen gut angeheiterten Typen angemacht zu werden und wartet darauf das Nele fertig war mit feiern. Doch heute fehlte ihr irgendwie die Geduld das ganze Spektakel bis zum Ende auszuhalten. Sie ließ sich schon gegen ihren Willen hier her schleppen und sie schuldete Nele nichts das sie jetzt gezwungen war hier auszuharren. Zu guter Letzt wollte sie hier weg wegen diesem Jungen. Schon das dritte mal das er auf der selben Party war. Er war ihr unheimlich. Immer wieder hatte er sich versucht an sie ran zumachen, aber er war bekannt dafür das er nur auf One-Night-Stands aus war. Nicht zuletzt wusste sie es durch Nele die auch schon auf ihn reingefallen war. Aber was eine echte Party-Scenekennerin ist steckt so eine Enttäuschung schnell weg.


Sie bahnte sich einen Weg durch all die tanzenden Massen die sich in der kleinen Bude versammelt hatten, um ihre Freundin Nele zu suchen. Schließlich fand sie sie in einer Gruppe von jungen Männern in einer angeregten Unterhaltung vertieft. Ungeduldig fiel sie Nele einfach in den Satz, "Komm Nell ich will nach Hause!" Alle die sich dort versammelten Männer fingen leicht an zu lachen und einer sprach, "Nell? Ohhh wie niedlich." Nele stand auf und zog sie ein wenig weg von ihnen. "Doch noch nicht jetzt, wir sind doch kaum hier." "Keine Diskussionen! Wenn du dich erinnern kannst hatte ich von Anfang an keine Lust mitzukommen." " Du bist ne echte Spaßkillerin Lia! … Na schön … aber lass mich wenigstens noch von den Leuten verabschieden." "Ich warte an der Haustür" sprach sie im ernsten Tonfall und drehte Nele den Rücken zu.


Während Lia auf dem Sofa neben der Tür gelangweilt den Kopf auf ihre Hand stützte und jetzt schon bereits 10 Minuten auf Nele wartete, saß wie aus dem nicht der unheimliche Typ neben ihr. "Hey, ich bin Tobi!" in einem total übellaunigen Ton und ohne ihn überhaupt anzusehen sprach Lia "Tschüss Tobi!" "Oh man, du scheinst ja schlecht drauf zu sein. Was ist denn los?" Keine Antwort von Lia. "Pass auf, ich hol dir erst mal n Drink und dann erzählst du mir alles." Er stand auf, aber da antwortete Lia auch schon in einer sehr abfälligen Weise "Gib dir keine Mühe, Nele ist meine Freundin, du bist mir nicht unbekannt und hast keine Chance. Du kannst aufhören dich zu verstellen." Tobi sah sie an und man konnte es in seinem Gesicht lesen das er ertappt war, er aber schon nach einem Ausweichplan nachdachte. "Ich merk' schon wer hier vor mir sitzt. Du bist keines dieser blonden Dummchen die hier rumlaufen. Ich respektiere so kluge Frauen wie dich." Ein abfälliges "tz" zischte zwischen Lias Zähnen hervor. "Nein, wirklich! Weißt du, es ist gar nicht so einfach auf solchen Partys jemand so kluges und dann auch noch schönes wie dich kennen zu lernen." Sie verdrehte die Augen. Lia hatte nicht im geringsten Lust diese Unterhaltung weiter zu führen. Sie stand auf um Nele Feuer unterm Arsch zu machen, sie wollte keine Sekunde länger hier bleiben. "Hey, wohin des Weges" Tobi stellte sich vor ihr in den Weg. Weder wollte sie mit ihm reden, noch ihn berühren müssen, sprich wegschieben, also versuchte sie sich rechts an ein paar anderen Leuten vorbei zudrücken. Da wurde sie am Arm gepackt, zurückgezogen und gegen die Wand gedrückt.


Natürlich gab sie sich unnahbar und stark, das musste sie auch um auf solchen Partys in Ruhe gelassen zu werden. Aber die Wahrheit sah anders aus. In Wirklichkeit war sie sogar naiver und schüchterner als irgendjemand oder sie selbst glaubte. Im Moment hatte sie eine so enorme Angst das sie vergaß wie sie sich wehren könnte. Obwohl ihr Puls anfing zu rasen stockte ihr Atem fast. Sie sah Tobi direkt in die Augen, der mit einem dreckigen Grinsen ihrem Gesicht immer näher kam. Ihr Körper war stocksteif vor Angst und in ihrem Kopf herrschte vollkommene Leere. Dann, wie aus einem Instinkt heraus, spukte sie ihm ins Gesicht. Sofort ließ er sie los und sie drängelte sich so schnell wie möglich durch die Massen in Richtung Nele. Währen dessen hörte sie ihn hinter sich schreien und zetern "BAH, bist du ekelig! Was bist du denn für ein verrücktes Miststück!" Aber wenigstens kam er ihr nicht nach, alles andere war ihr egal.


Nele saß immer noch bei den Leuten von vorhin und sah nicht gerade aus als ob sie irgendwo hin wollte. "Nele!" schrie Lia entrüstet. Doch jetzt machte sich Nele nicht mal die Mühe aufzustehen um alles unter vier Augen zu bereden. "Ich verabschiede mich noch." gab sie nur leicht amüsiert zurück. "Du hattest genug Zeit, jetzt komm. Ich will hier weg." "Man was hast du es nur so eilig? Auf dich wartet doch eh keiner Zuhause, also schnapp' dir 'n Drink und entspann dich mal." Jetzt hörte für Lia der Spaß endgültig auf. Beleidigen lassen musste sie sich nicht dafür das sie heute so freundlich war und Nele begleitete, obwohl sie gar nicht aus dem Haus wollte. "Sag mal geht's noch? Ich bin doch nur wegen dir hier. Weil du deinen ängstlichen Arsch hier alleine nicht herschleifen kannst!" die glimmende Wut entfachte sich zu brennendem Zorn "Bitte? Wegen mir? Vielleicht schlepp' ich ja nur deinen ängstlichen Arsch ständig mit mir umher damit du auch mal 'n bisschen Spaß abbekommst den du wirklich DRINGEND gebrauchen könntest!", schrie Nele zurück. "Ach und deswegen lässt du mich dann irgendwo versauern und siehst zu das du auf jeden Fall deinen Anteil an Spaß abbekommst. Du bist mir ja 'ne schöne Freundin! Ich merk schon, du hast nur mein bestes im Sinn." "Weiß du was …" sagte Nele resignierend " … Scheiß drauf! Du willst nach Hause? Dann geh doch! Wir sind beide achtzehn und kennen den Weg nach Hause. Ich brauch dich nicht." Entgeistert und traurig über diese Worte sah Lia ihre Freundin an. Ihr fehlten die Worte. Doch Nele sprach zynisch und mit einem leichten Lächeln im Gesicht "Du bist noch da? Wolltest du nicht gehen?" Um sie herum brach ein leichtes Gelächter aus. Lia war klar das es jetzt mit der Schar von Fürsprecher um Nele herum keinen Sinn machte weiter zu diskutieren.


Wutentbrannt drehte sie sich um und ging schnellen Schrittes gen Tür. Dort hatte sich schon wieder Tobi aufgebaut der mit einem Drink in der Hand auf die heran preschende Lia wartete. Der Junge konnte echt hartnäckig sein, dachte Lia bei sich. Doch dafür hatte sie jetzt nicht im geringsten Nerven. Sie schlug ihm den Drink aus der Hand der ein paar daneben stehende junge Frauen nass spritzte. Und während Tobi dabei war sich bei seiner potenziellen "Beute" zu entschuldigen nutze Lia die Gelegenheit um aus der Wohnung zu flüchten.


Endlich im Freien! Energisch schritt sie entlang des Scheins der Straßenlaternen und grummelte zornig in sich hinein. "Soll sie sich doch 'ne neue Freundin suchen die es mit ihr aushält. Ach nein, sie braucht ja niemanden. Wahrscheinlich ist sie sich selbst sowieso ihre beste Freundin. Die blöde Zicke meint immer alles besser zu wissen, dabei bekommt sie noch nicht mal mit was um sie herum passiert. Die blöde, hässliche, hirnlose … " Ihr Schritt verlangsamte sich und jetzt rannen ihr einigen Tränen über die Wangen. Wahrscheinlich würde Nele morgen bei Lia wieder reumütig angedackelt kommen und sich entschuldigen und alles auf den Alkohol schieben, aber diesmal wollte sich Lia nicht damit beschwichtigen lassen. Dafür ist es jetzt einfach zu oft passiert. "Einmal zu oft Nele, das war einmal zu viel." Sagte sie leise vor sich her. Langsam beruhigte sie sich wieder, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und blickte auf. Erst jetzt merkte sie das sie einfach nur Kopflos durch die Straßen gewandelt war. Es brauchte einige Blicke bevor sie überhaupt wusste in welcher Straße genau sie stand. Im Dunkeln sah alles so anders aus.


Weit war sie von ihrem Startpunkt nicht entfernt. Weil sie instinktiv den Straßenlaternen gefolgt war, ist sie mehr oder weniger im Kreis gelaufen. Die nächste U-Bahn Station war zum Glück nicht allzu weit entfernt. Noch hatte sie keinen Führerschein und musste auf öffentliche Verkehrsmittel zurück greifen. Das hieß Bus und Bahn, da es aber schon sehr spät war und kein Bus mehr fuhr musste sie wohl oder übel mit der Straßenbahn fahren und danach noch ein ganz schönes Stück laufen. Sie seufzte als sie daran dachte.

Hergekommen war sie in Neles Auto, woher sollte sie denn wissen das sie nicht wie immer auch so wieder zurück kam.


In ihrem Kopf flauten die Gedanken ab und es wurde ruhig. Jetzt wurde sie auch der Stille der Nacht bewusst. Ihre Schuhe klackten auf dem Kopfsteinpflaster. Klick, klack … Ein melodischer Rhythmus der sie endgültig beruhigte. Doch was war das? Da war noch ein gleichmäßiges Geräusch. Ein zweites Paar Schuhe. Sofort dachte Lia das es wohl Nele sein musste die hinter ihr hergelaufen war um sich zu entschuldigen. Sie verlangsamte ihren Schritt damit Nele die Chance hatte sie einzuholen. So hörte sie die Schritte immer näher kommen. Irgendwas störte sie an dem Geräusch, doch ihr war nicht gleich klar was. Da kam ihr ein Gedanke. Was ist wenn es dieser aufdringliche Typ war, dieser Tobi. Jetzt war ihr klar was sie an den Schritten störte. Sie waren nicht laut genug. Wenn man Schuhe mit Absätzen trug dann war das klacken auf dem Stein sehr viel lauter, ungefähr so wie bei Lias Schuhen. Doch diese Schritte waren viel leiser, auch wenn sie näher kamen wurde das Geräusch nicht wirklich intensiver. Lia überlegte was sie tun könnte. Sie merkte wie ihr Kopf wieder so leer wurde wie vorhin als Tobi sie an die Wand drückte. Vielleicht sollte sie sich einfach umdrehen und ihn anschreien das er verschwinden soll.


Während sie versuchte einen vernünftigen unter all den flüchtenden Gedanken zu packen, hatten die Schritte sie schon fast eingeholt. Noch immer langsamen Schrittes ging sie weiter, vorbei an einer langen Mauer. Lia hatte nun zu viel Angst sich umzudrehen, versuchte aber über ihre Schulter zu schielen ohne jedoch den Kopf zu bewegen. Das einzige was sie sehen konnte war ihr Schatten der von den Straßenlaternen an die Mauer zu ihrer linken Seite geworfen wurde. Sie ging vorbei an einer Straßenlaterne. Ihr Schatten zog sich von hinten über die Mauer an ihr vorbei. Langsam nur, denn noch immer war sie nicht auf die Idee gekommen schneller zu gehen oder gar zu rennen.

Und plötzlich zog sich ein anderer Schatten an der Wand entlang. Er war riesig und breit. Sie konnte sehen wie der Schatten die Hand nach ihr ausstreckte. Dann merkte sie nur noch wie diese Hand fest ihre Schulter packte und sie herumdrehte. Sie sah ihm direkt in die Augen, doch es war weder Nele noch Tobi.

Diese Mann der vor ihr stand war schon älter, so Mitte 40. Er war einen Kopf größer als sie. Der Kragen seines hellbraunen Mantels war hochgestellt und die dicken, leicht golden schimmernden Knöpfe waren alle samt zugeknöpft. Doch die reichten nur bis zum Hals so das sein komplettes Gesicht frei sichtbar war.


Sie starrte ihm direkt in die Augen, denn sie schien dort etwas bekanntes zu erkennen. Bei sich dachte sich Lia, vielleicht sehe ich ja dort die Augen eines herzensguten Menschen was mir so bekannt vorkommt. Doch als ihr Blick dann auf sein gruseliges Grinsen fiel revidierte sie ihre Meinung sehr schnell und blanke Panik stieg in ihr hoch. Ihr Kopf blieb weiterhin leer, aber es schien als würde ihr Körper einen Notalarm geben. Das Blut konnte sie in ihren Ohren rauschen hören. Ihre Finger fingen an zu zittern und mit einer Bewegung stützte sich ihr Körper auf ein Bein, drehte sich und legte einen Sprintstart hin. Doch es nützte nichts. Mit katzenartigen Reflexen hatte der Mann ihre Schulter wieder im festen Griff.


Lia wusste gar nicht was hier mit ihr passierte. Ihr Geist war starr vor Angst, doch ihr Körper bemühte sich mit jeder Faser ihm zu entfliehen. Er zog und zerrte, er wand sich, doch es half alles nichts. Dieser Mann war viel zu kräftig und irgendwann hatte er sie fest umschlungen und schleppte sie langsam mit sich. Lia selbst konnte der ganzen so morbiden Situation nur wie eine Danebenstehende beobachten. Denn das war sie gerade, total neben sich.


Er ging nicht weit mit ihr. Gerade mal um die Ecke in eine Sackgasse. Dort stand ein blaues Auto. Es war sehr klein und musste auch schon sehr alt sein. Ihr zierlicher Körper lag jetzt total entkräftet und zitternd in seinem Arm. Die panische Angst schien sämtliche Kräfte ihres Körpers im Nu zu fressen. Mit seinem anderen Arm öffnete er die Tür zum Rücksitz und legte sie nicht gerade sanft hinein. Er schlug die Tür zu und ging um den Wagen. Aber statt einzusteigen steckte er sich eine Zigarette an. Das war eine einmalige Chance jetzt wo er so halbwegs abgelenkt war. Jeder kleine Rest an Energie den sie noch hatte wurde mobilisiert. Erst als sie saß bemerkte sie das hinter den Vordersitzen eine riesigen Plexiglaswand montiert war.


Erst robbte sie langsam zur Tür links von ihr und versuchte sie zu öffnen. Leise damit er nichts mitbekam. Sie war verschlossen. Also bewegte sie sich langsam und mit vorsichtigen Bewegungen zur anderen Tür. Aber so sehr sie auch betete, sie war verschlossen. Nun verlor sie ihre Beherrschung. Sie rüttelte heftig am Griff doch die Tür regte sich kein Stück. Ein Hebel um das Fenster zu öffnen war gar nicht vorhanden. Sie schlug wild auf die Tür ein doch all ihr Gezeter und ihr Gerüttel brachte wirklich nichts anderes als das der Mann kurz in den Wagen schielte um sich dann wieder seiner Zigarette zu widmen.

Sie sah sich im Wagen um. Da lag etwas metallisches auf dem Boden, eine Thermosflasche. Sofort griff sie danach und schlug damit auf das Fenster ein. Aber das einzige was dabei kaputt ging war die Thermosflasche und der ganze Inhalt ergoss sich auf sie. Es stank schrecklich nach Kräuter- oder Gewürztee.


Vollkommen verausgabt sackt sie in sich zusammen und hatte nicht mal mehr genug Kraft um zu weinen. Wieder schritt der Mann um den Wagen. Auf der anderen Seite angekommen trat er als erstes die Zigarette auf dem Boden aus. Dann öffnete er die Beifahrertür und kramte irgendwas aus dem Handschuhfach. Danach öffnete er die Tür zu Lia und sagte was in einem Ton der sie schaudern ließ.

"Da du kein braves Mädchen warst und deinen Tee lieber verschüttest als zu trinken müssen wir dich wohl mit einer anderen Methode ruhig stellen."

Sie versuchte sich den Sitz entlang zu ziehen um von ihm weg zu kommen, aber es hatte keinen Sinn mehr. Sie war einfach zu kraftlos und wo sollte sie auch hin flüchten. Er packte sie am Bein und zog sie zurück so das sie schlapp auf dem Rücken zum liegen kam und sich nicht mehr regte. Sie versuchte was zu sagen aber es kamen nur leises Gequietsche und Gejammer aus ihrem Mund, nichts was halbwegs verständlich war. "Ich weiß du bist schon sehr müde, gleich kannst du schlafen." Sagte er während sich wieder das gruselige Grinsen auf sein Gesicht legte.


Sie konnte noch sehen wie er auf die Spitze der Spritze sah die er in der Hand hielt und er sich über sie beugte. Das letzte was sie dann noch vernahm war ein Stechen in die Seite ihres Bauches, dann fiel sie in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

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beta
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