Kapitel 1

Kapitel 1

Im Bürogebäude wimmelte nur so vor Menschen.
Menschen, die hineingingen, um zu arbeiten. Menschen, die hinausgingen, weil sie Büroschluss hatten. Menschen die Besorgungen erledigten. Menschen, die etwas verkaufen wollten.
Sarah-Ella gehörte zu den Menschen, die das Gebäude verließen, weil sie Feierabend hatten.
Es würde noch eine Weile dauern, bevor die Sonne hinter den Hochhäusern verschwand und die Wärme lag prall und aufdringlich auf den Straßen und Gehwegen. Man ahnte schon, dass dieser Sommer zu den kaum erträglichen zählen würde, heiß, feucht und schwer. Sarah-Ella zog die Luft tief ein, als sie vor dem Bürogebäude stand, verzog das Gesicht jedoch gleich darauf angeekelt. Sie hatte das Gefühl, das der Smog der Stadt und die Hitze der Luft sich zu einem schweren Brei vermischten, der es einem unmöglich machte tief durchzuatmen. Doch was sollte das schon? Bereits morgen Abend würde sie ihren langersehnten Abenteuerurlaub antreten und sich salzige Meeresluft um die Nase wehen lassen. Ihre gebeutelte Lunge würde Kapriolen der Freude schlagen.
Lächelnd und völlig versunken ging sie den Gehweg hinauf in Richtung des Parkhauses, in dem sich ihr Auto befand.
Sie bemerkte den Mann nicht, der sie mit Blicken fixierte; Sarah war mit ihren Gedanken bereits am Strand und flirtete mit den braungebrannten Jungs.
Erst als ein großer Schatten auf sie fiel und eine dunkle, rauchige, aber fast schon sanfte Stimme sagte: »Zyprin«, stieß sie einen erschrockenen Schrei aus und ihr Herz pochte bis zum Hals.
»Meine Güte!« Keuchte sie und fasste sich die Brust, um ihren Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. Sarah sah nach oben, blickte den Mann an, der ihr im Weg stand, und schaute in die faszinierendsten Augen, die sie je gesehen hatte. Hellgrau mit einem schwarzen Rand um die Iris. Normalerweise hätte sie längst reflexartig nach ihrem Pfefferspray gegriffen, das sie stets in der Handtasche trug, doch etwas ließ sie zögern.
»Endlich habe ich dich gefunden.«
Sarah stutzte. »Bitte? Mich gefunden? Wer sind Sie?«
Er streckte die Hand nach ihr aus. »Komm. Lass uns deine Fragen auf dem Weg besprechen.«
Sarah wich misstrauisch zurück und griff vorsichtig in ihre Tasche, um nach dem Spray zu tasten.
»Hören Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie von mir wollen. Aber wir sind hier auf einer sehr belebten Straße, wenn Sie mich nicht augenblicklich in Ruhe lassen, werde ich um Hilfe schreien!«
»Deine Mutter liegt im Sterben«, flüsterte der Fremde eindringlich.
Sarah spürte, wie ihr alle Farbe aus dem Gesicht wich und ihre Knie weich wurden. »Was? Ich habe heute Morgen mit ihr telefoniert, da war noch alles gut! Was zur Hölle ist passiert?!«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich meine nicht deine Stiefmutter, ich meine deine leibliche Mutter.«
»Was?! Was soll dieser Scheiß? Das ist ein wirklich böser und überhaupt nicht witziger Scherz.« Sarahs Stimme zitterte vor Wut. Was erlaubte dieser Mistkerl sich? Ob jemand aus dem Büro diesen Hünen als Vorurlaubsscherz angagiert hatte? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen, keiner aus ihrer Abteilung war so boshaft.
»Sie wusste, dass du mir nicht glauben würdest, deshalb gab sie mir die.« Er hob seine Faust und zwischen seinen Fingern funkelte etwas. Es war eine Kette … ihre Kette! Sie fasste sich schnell an den Hals. Nein, ihre war genau da, wo sie hingehörte. Argwöhnisch hob sie die Hand. »Darf ich sie sehen?«
Er hielt sie höher, ein Stück vor ihr Gesicht, aber er ließ sie nicht los. Erst da sah sie den Unterschied. Der filigran gearbeitete Anhänger der Kette war ein in sich verschlungener Knoten, der ein wunderschönes Muster ergab. Doch ihre Eigene war aus Gold, die Kette, die er hielt, war aus Rotgold oder einem ähnlichen Material.
»Woher …«, flüsterte sie verwirrt.
»Ich werde dir nichts tun. Das verspreche ich dir. Ich habe einen Auftrag und der lautet dich zu finden, und zurückzubringen.«
»Zurück? Wohin? Wären Sie so freundlich mir endlich zu sagen, wer sie sind?!« Sarah-Ella überlegte bereits nach ihrem Smartphone zu greifen, anstatt nach dem Spray, um die Polizei zu rufen.
Der Fremde atmete ungeduldig durch. »Mein Name ist Riley Scott und ich bin gerne bereit, dir alle deine Fragen zu beantworten, aber du musst jetzt wirklich mit mir mitkommen.«
Sie schüttelte nervös den Kopf »Den Teufel werde ich!«, und wich einen weiteren Schritt vor ihm zurück.
Er rollte gereizt mit den Augen. »Ich habe es ihr gesagt, dass du mir nicht glauben wirst. Wenn du auch nur ansatzweise nach ihr kommst, wirst du mir höchstens deinen Stiefel in meinem Arsch anvertrauen.«
Es war deutlich, dass er mit sich selber sprach. Sarah verstand diesen Menschen nicht und was er von ihr wollte. Aber sie war auch genau so verwundert über sich selber. Warum war sie nicht längst auf dem Absatz umgekehrt und hatte den Fremden stehen lassen? Ein klitzekleiner Funke war da in ihr, der sie stocken ließ. Wenn es stimmte, was er sagte, eröffnete er ihr die Möglichkeit, zu erfahren, woher sie kam. Wenn sie ihm glaubte und wenn er die Wahrheit sagte, bot sich ihr jetzt die Chance, ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Doch noch war sie hin und her gerissen. Polizei oder mitgehen? Quatsch, Polizei natürlich! Ihre Stirn legte sich in tiefe Falten und sie holte ihr Telefon hervor.
»Wenn ich nicht auf der Stelle eine zufriedenstellende Antwort bekomme, rufe ich die Polizei!«, sagte sie mit Nachdruck.
Verlegen sah er zu Boden. »Deine Mutter erzählte mir, dass du ein Muttermal hast, das wie ein Dreieck aussieht.«
Sarahs Augen wurden groß, aber sie wurden noch größer, als er weiter sprach.
»Und es befindet sich auf der Innenseite deines rechten Oberschenkels, ganz nah an … also weiter oben an deiner …«, er räusperte sich beschämt.
Wild gestikulierend unterbrach sie ihn. »Schon gut, schon gut. Ich habe verstanden.« Niemand kannte dieses Muttermal. Sie war sich nicht mal sicher, ob ihre Stiefeltern es je gesehen hatten und einen Mann hatte sie bisher noch nicht so nahe an sich ran gelassen.
Riley sprach weiter. »Vor … ich vermute, 15 Jahre müssen hier vergangen sein, hat deine Mutter dich hier zurücklassen, du warst gerade 4 Jahre alt. Das war weder ihr Wunsch, noch ihre Entscheidung, aber es war der einzige Weg dein Leben zu retten, damit dein Vater dich nicht findet.«
»Mein Vater? Leben retten? Das alles klingt mehr als verrückt.« Sie versuchte nicht zu nervös zu klingen, aber das gelang ihr nicht besonders gut. Er löste etwas in ihr aus, das immer dringender an die Oberfläche wollte. Ein verschüttetes Erlebnis, ein vergangener Gedanke, ein verblasstes Bild. Zyprin hatte er sie am Anfang genannt. Sie kannte diesen Namen, er klang irgendwie vertraut in ihren Ohren. Ihre Barriere bröckelte langsam und sie begann wirklich zu hören, was er sagte. Sie war 4 Jahre alt gewesen, als ihre Adoptiveltern sie zu sich geholt hatten. An die Zeit zuvor hatte sie keine Erinnerung. Man hatte ihr erzählt, dass sie völlig verwahrlost auf einer Müllkippe aufgegriffen worden war, verzweifelt auf der Suche nach Nahrung und Schutz. Warum sie dort war, wie sie dahin kam und warum sie keiner vermisste, war nie geklärt worden. Anfangs hatte sie nur einige fremdländische Worte gestammelt und sich dann strickt geweigert zu sprechen.
»Deine Mutter konnte all die Jahre keinen Kontakt aufnehmen, weil sie dich schützen wollte, Zyprin.«
»Mein Name ist nicht …«, sie vollendete den Satz nicht, denn sie wusste, dass es eine Lüge gewesen wäre. Sie stockte und sah ihn fast schon hilflos an. Ein einziger Augenblick reichte aus, um ihr bisheriges Leben auf den Kopf zustellen.
Er hielt ihr seine Hand hin. »Ich weiß, du hast keinen Grund, mir zu vertrauen, aber wir müssen los. Die Zeit drängt.«
Völlig verwirrt steckte sie das Handy zurück in ihre Tasche und reichte ihm ihre Hand.
»Ich habe keine Ahnung, wer du bist und was du mir zu sagen versuchst, aber weiß der Teufel warum … irgendetwas in mir will dir glauben. Aber ich muss jemandem Bescheid sagen, wo ich bin.«
Er schüttelte den Kopf »Das geht nicht, uns fehlt die Zeit. Halt dich einfach an mir fest. Ich werde dich nicht loslassen, hab keine Angst.«
Zyprin hatte für den Moment einfach aufgehört Fragen zu stellen. Sie hatte begriffen, dass hier etwas passierte, das ihren Horizont überstieg. Sie tat, was Riley ihr sagte und umfasste seinen Arm. Er zog sie nah an sich und drückte ihren Körper fest an seinen.
Sein Duft war benebelnd männlich, wild, und rauchig. Zitternd griff sie nach dem Anhänger ihrer Halskette, wie sie es immer tat, wenn sie nervös wurde.
Was wohl die Leute denken? Wir stehen wie ein Liebespaar eng umschlungen da. Wie verrückt … es ist alles so verrückt. Was hat er vor? Kommt jetzt ein Seil aus einem Hubschrauber gefallen, an dem wir hinaufklettern müssen? Ich muss wahnsinnig sein, einfach nur komplett wahnsinnig. Warum habe ich blöde Kuh mich bequatschen lassen? Ich hätte die Polizei rufen sollen. Wenn sie meine Leiche irgendwo halb verscharrt im Wald finden, werde ich wahrscheinlich mit letzter Kraft in den Dreck kratzen ›Ich hätte mal besser die Polizei gerufen‹, dachte sie sarkastisch.
Den nächsten Gedanken bekam sie schon nicht mehr zu fassen. Ein starker Druck baute sich auf ihrem Brustkorb aus und presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie wollte schreien, weil sich alles um sie herum in einer unglaublichen Geschwindigkeit zu drehen begann, aber ihr fehlte der Atem. Dann wurde alles still und dunkel.

******

Zyprin erwachte vom tröstlichen Knistern brennender Holzscheite und einem Geruch, der sie an den heimischen Kamin erinnerte, stieg ihr in die Nase. Sie fühlte sich noch immer unwohl und ließ ihre Augen so lange geschlossen, bis ihr Magen ihr signalisierte, dass er seinen Inhalt behalten würde, wenn sie sich bewegte. Zunächst konnte sie nur die Helligkeit des Feuers erkennen, das sie blendete, woraufhin sie ihre Lider gleich wieder wegen der Schmerzempfindlichkeit schlossen. Sie öffnete sie erneut einen Spaltbreit, um ihren Augen die Möglichkeit zu geben, sich an das Licht zu gewöhnen. Sie sah Riley, wie er seitlich von ihr saß und gedankenverloren mit einem langen Holzstock im Feuer stocherte. Erst jetzt begriff sie, dass es dunkel war. Leicht wankend setzte sie sich auf und versuchte zu sprechen, aber es kam nur ein verzerrtes Krächzten dabei heraus.
Riley sah hoch, als hätte sie ihn aus einem Tagtraum gerissen. »Endlich wach? Versuch nicht zu reden, dein Hals ist zu trocken. Das ist normal am Anfang, du gewöhnst dich schon noch daran.« Er griff hinter sich und fasste nach einem kleinen, ledernen Beutel, der mit einer Art Korken verschlossen war, und reichte ihn ihr. »Trink langsam, sonst bleibt es nicht drin.«
Verdammt, ja, und wie durstig sie war, aber sie befolgte seinen Rat und nippte nur an dem kühlen Nass. Als das Wasser ihre Kehle hinunter lief, hatte sie das Gefühl im Himmel zu sein, sie hätte nie für möglich gehalten, das Wasser so gut schmecken konnte. Der Hustenreiz traf sie unvorbereitet, hart und plötzlich. Das Wasser spritzte aus ihrem Mund und die Tröpfchen zischten im Feuer.
Riley zuckte mit den Schultern, sah sie mit einem schiefen Lächeln an. »Hab es dir gesagt … hab es dir gesagt.«
Wütende starrte Zyprin ihn an und unterdrückte den Reiz so gut es ging, doch das hinderte sie daran, ihm eine gepfefferte Antwort entgegen zu schmettern. Als sich ihre Lunge endlich beruhigte, sah sie sich verwirrt um.
»Wo zur Hölle sind wir und wie sind wir hier hergekommen und warum zum Geier ist es bereits dunkel?«
Aber er ging gar nicht weiter auf die Frage ein. »Hast du Hunger? Ich hab noch etwas Trockenfleisch, ist sehr zäh, aber füllt den Magen.«
Zyprin überlegte einen Augenblick, ob er sie gehört hatte oder ob er einfach nur aus Unhöflichkeit nicht antwortete. »Riley? Mond an Erde. Antwort wird erbeten.«
Riley hörte auf, in dem Feuer zu stochern und sah sie einen Moment schweigend an. »Weder Mond noch Erde.«
»Was meinst du damit, weder Mond noch Erde?«, fragte sie zögernd und ungläubig.
»Ich meine damit, dass wir uns nicht mehr auf der Erde befinden. Es kompliziert das zu erklären, aber einfach gesagt haben wir die Dimension gewechselt und befinden uns nun nicht mehr in deiner Welt, in deiner Realität.«
Zyprin starrte ihn mit offenem Mund an. »Du meinst das wirklich ernst, nicht wahr? Das ist kein Scherz.« Zyprin hob den Kopf und schaute sich um. Sie waren in einem Wald, die Bäume sahen nicht wirklich anders aus, als sie es aus einheimischen Wäldern kannte. Nichts deutete daraufhin, das sie sich auf einem anderen Planeten befanden, geschweige denn, in einer anderen Dimension.
Riley nickte. »Ich weiß, was du denkst, diese Welt unterscheidet sich nur wenig von deiner, die Vegetation ist etwas anders aber nicht viel, und auch die Tiere ähneln denen auf deiner Welt. Aber so etwas wie Industrie, Elektrizität, Wolkenkratzer wirst du hier nicht finden, ähnlich wie im frühen Mittelalter. Die Bewohner hier unterscheiden sich schon etwas mehr, zumindest einige Rassen, andere wiederum sehen genau so aus wie du und ich.«
Zyprins Gedanken weigerten sich, ihm diese Geschichte ab zunehmen. Es stellte alles, woran sie glaubte, oder eben auch nicht glaubte, infrage. Ihr ganzes Weltbild geriet ins Wanken.
»Oh man, ich glaube, mir wird schlecht. Das ist doch Schwachsinn. Du hast mich wahrscheinlich unter Drogen gesetzt oder so etwas und mich dann in irgendeinen Wald in meiner Nähe geschleppt, du kranker Irrer!«, schrie sie aufgebracht und stand wütend auf, was sie sogleich bereute, denn der Schwindel, der sie erfasste, lies sie genau so schnell wieder zu Boden sinken.
Riley stöhnte genervt auf. »Du bist wirklich die Tochter deiner Mutter. Du willst noch weitere Beweise? Bitte schön.« Er nahm zwei Finger seiner rechten Hand in den Mund und stieß einen lauten Pfiff aus. Zyprin hörte, wie das donnernde Trampeln von Hufen durch das Dickicht brach und ein Wiehern folgte dem stetig näher kommenden Geräusch. Da stand es plötzlich, groß, majestätisch, strahlend weiß und … mit einem in sich gedrehten weißen Horn auf der Stirn!? Zyprin traute ihren Augen nicht, schloss sie kurz und sah noch mal hin. Sie stammelte und versuchte dieses Mal etwas behutsamer aufzustehen.
»Das ist doch nicht echt«, stotterte sie mehr zu sich selber. Vorsichtig, mit ausgestreckter Hand, ging sie um das Lagerfeuer herum und auf das Tier zu. Es schnaubte wild und riss den Kopf misstrauisch hoch.
»Ganz ruhig, Stöckchen, sie tut dir nichts«, beruhigte Riley das Tier. Dann berührte ihre Hand auch schon die Nüstern dieses unglaublich schönen Wesens, fühlte die zarte Haut und das weiche Fell dieser einzigartigen Kreatur. Ganz sanft und sorgsam tastete sie sich die Stirn hinauf und zu dem Horn, das in der Mitte prangte. Es war echt, weder aufgeklebt noch aufgesetzt, sondern fest mit dem Tier verwachsen.
Zyprin atmete aufgeregt. »Ich glaub das nicht, da steht ein Einhorn vor mir, ein echtes und wahrhaftiges Einhorn.«
Es klang fast wie eine Frage, Riley lachte laut und dunkel auf. »Ich glaube, sie findet dich toll, Stöckchen.«
»Stöckchen? Im Ernst? Wie kann man so ein unglaubliches Tier nur Stöckchen nennen?«
Rileys Lachen verstummte und sein Gesicht wurde wieder so steinern wie zuvor. »Meine Tochter gab ihr den Namen.«
Zyprin biss sich verlegen auf die Zunge, da Riley nicht weiter über das Mädchen sprach, hatte sie eine schlimme Vermutung, was seine Tochter anging. Er war anscheinend nicht gewillt auch nur ein weiteres Wort über sie zu verlieren, also schwieg sie beschämt.
»In dieser Welt sind Einhörner nichts Besonderes. Sie sind das, was man bei euch einen Hirsch nennen würde. Und bevor du fragst, nein, in den Hörnern steckt keine Magie und sie haben auch sonst nichts Magisches an sich. Sie sie nur treu, sehr intelligent und hübsch anzusehen. Die weiblichen Tiere tragen Hörner, die männlichen Tiere haben nur einen kleinen Hornansatz. Vielleicht glaubst du mir nun, dass wir nicht mehr auf der Erde sind.«
»Aber wenn das so ist, woher weißt du so viel über die Erde? Und wie nennt sich dieser Ort? Und wenn es eine Verbindung zwischen den Welten gibt, wie kommt diese zustande? Und wer oder was bist du eigentlich?«
Riley winkte besänftigend ab. »Jede Antwort meinerseits wird eine Gegenfrage von dir zur Folge haben. Wir werden Zeit dafür haben. Ich werde dir Bücher zu lesen geben und ich werde dir Lehrer zur Seite stellen. Ich kann dir nicht alle Fragen beantworten, du würdest dir die Hälfte gar nicht merken können. Das Beste wäre, wenn du dich jetzt hinlegst, um etwas Schlaf zu finden. Sobald die Sonne aufgegangen ist, werden wir uns auf den Weg zu deiner Mutter machen.«
Zyprin hörte auf das schöne Tier zu streicheln, das die Aufmerksamkeit sehr zu genießen schien, und sah Riley stirnrunzelnd an. »Ich dachte, wir hätten keine Zeit? Warum bleibt jetzt plötzlich die Zeit um ein Nickerchen zu machen?«
»Hast du dich mal umgesehen? Was meinst du, wie weit ich mit dir kommen würde, ohne das du dir sämtliche Knochen brichst in der Finsternis? Eine Fackel brennt nicht hell genug und Taschenlampen gibt es hier nicht. Ich hatte gehofft, dass ich dich früher finde, noch dazu warst du eine Weile ohnmächtig und so sind wir gezwungen, die Nacht hier zu verbringen. Schlaf jetzt und ich werde Wache halten, denn nicht alle Kreaturen des Waldes sind so freundlich wie Stöckchen, besonders nicht die Nachtaktiven.«
Zyprin atmete hörbar ein und wieder aus. Sie fühlte diese diffuse Angst in sich aufsteigen. Und wieder drängten sich ihr die Fragen auf, die wie auf die Eröffnung eines Geschäftes im Sommerschlussverkauf in ihr warteten. Wie zur Hölle war sie auf die Idee gekommen, dass es eine gute Idee war, einem Fremden zu vertrauen?! Nun war Zyprin ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ironisch dachte sie an den letzten Gedanken, den sie gehabt hatte, bevor sie ohnmächtig geworden war. Im Wald verscharrt ... Sie schluckte hart. Was zur Hölle hatte sie geritten?! Instinktiv griff sie nach ihrer Tasche und wühlte darin nach ihrem Handy. Kein Empfang - was für ein Wunder, dachte sie spöttisch und stopfte es das kleine Gerät zurück ins Chaos ihrer Handtasche.
»Wirst du mir etwas tun?«, fragte sie frei heraus und ärgerte sich über den fahlen Geschmack in ihrem Mund, der sie an Angst erinnerte.
Riley hörte auf zu stochern und blickte sie entgeistert an. »Ist die Frage dein Ernst? Du warst über 3 Stunden ohnmächtig. Glaubst du nicht, ich hätte dir in dieser Zeit alles antun können, was man sich nur vorstellen kann?«
Zyprin schwieg und sah beschämt zu Boden. Er hatte recht. Er hätte Gott weiß was mit ihr anstellen können, aber hatte es nicht getan. Sie war müde und erschöpft, aber dennoch erleichtert. Riley würde sie nicht anfassen, das glaubte sie ihm. Ihre Gedanken stoben trotzdem wild durch ihren Schädel. Was für ein wirrer Tag, was für eine irre Geschichte. Sie fühlte, wie die Müdigkeit an ihren Lidern zog. Es war heute einfach alles zu viel für sie gewesen. Doch die Felle, auf denen sie aufgewacht war, sahen alles andere als einladend und ungezieferfrei aus. Ein unbehagliches Gefühl überkam sie, der Wunsch sich überall zu kratzen, wurde stark. Dennoch kauerte sie sich auf dem Fell zusammen und sah Stöckchen gedankenvoll an.
»Ich habe Angst«, sprach Zyprin leise, wie zu sich selbst. »Ich habe das Gefühl in etwas Unwirklichem festzustecken, wie in einer Art verrücktem Traum, ohne die Möglichkeit aufzuwachen. Ich spüre, wie sich meine Eingeweide umdrehen, gefüllt mit glühenden Kieselsteinen. Wenn das hier alles wirklich passiert und ich nicht in meinem eigenen Wahnsinn verloren bin, ist das alles unglaublich angsteinflößend. Ich verstehe nicht mal annähernd, was mit mir passiert ist. Ich fühle mich sehr verloren und allein«, dann lachte sie kurz und humorlos auf. »Ich wollte einen Abenteuerurlaub, etwas erleben, eine unvergessliche Erinnerung schaffen, aber das hier schlägt alles, was ich mir je hätte vorstellen können.«
Riley lächelte schief. »Ich weiß, was du meinst«, und in seinen Gesichtszügen blitzte ein tiefer Schmerz auf. Zyprin wollte noch so viel wissen, aber sie war überwältigt von den zurückliegenden Ereignissen. Ihr fehlte die Energie noch mehr Dinge zu verarbeiten, also legte sie sich doch auf die Felle und schaute in den nachtschwarzen Himmel. Die Dunkelheit war so allumfassend, das es nicht schwierig war sich vorzustellen, wie das Schwarz einen verschluckte. Keine Sterne, kein Mond, nichts, was die Nacht weniger befremdlich erscheinen ließ. Sie schloss die Augen, weil sie das Gefühl hatte, sonst nicht mehr aus der Finsternis zurückzufinden und war eingeschlafen, bevor sich der nächste Gedanke manifestieren konnte.

******

Riley zog seinen Hut tiefer ins Gesicht und lehnte sich an den Baum hinter ihm. Er war besorgt, weil ihnen die Zeit davonlief, aber die Nacht war gefährlicher, als er Zyprin jetzt anvertrauen wollte. Sie tat ihm leid und er wusste, wie sich das anfühlte, wenn man in einer unbekannten Welt feststeckte. Wenn man nichts und niemanden kannte und alles so anders und merkwürdig wirkte.
Er beobachtete das junge Mädchen und dachte darüber nach, was noch alles auf sie zukommen würde. Nicht zum ersten Mal meldete sich sein Gewissen und bohrte ihn mit der Frage, ob es nicht sicherer gewesen wäre, wenn er sie einfach in der anderen Welt gelassen hätte. Er hätte so tun können, als wäre sie ihm nie über den Weg gelaufen, um mit leeren Händen zurückkehren. Er schüttelte den Kopf, Bellfehy wusste, wenn er log, sie las in seinem Gesicht, wie in einem offenen Buch. Zyprins Mutter war eine Frau mit vielen Talenten. Er hätte auch auf ihren Tod warten können, aber er war ein Mann mit Prinzipien, der zu seinem Wort stand. Er verfluchte sich im Stillen, wie war er nur in dieses Schlamassel geraten?
Sein Blick viel auf Stöckchen, die es sich ebenfalls, vor sich hindösend, gemütlich gemacht hatte. Seine Gedanken schweiften unweigerlich ab zu seiner Frau und seiner Tochter. Viele Jahre war er nun auf der Suche nach den beiden.
Der letzte Auftrag der Königin hatte ihn auf eine Wanderschaft geschickt, um nach einem eidbrüchigen Wanderer zu suchen. Diese Mission war auch in seinem Sinne gewesen. Riley hatte sich Informationen von dem Verbrecher zum Verbleib seiner Familie erhofft. Bellfehy hatte ihm bei der Suche geholfen und war dabei so schwer verletzt worden, dass sie die kommenden Tage vermutlich nicht mehr erleben würde. Sein Gewissen zerriss ihn deswegen fast und auch nur deswegen hatte er ihr das Versprechen gegeben, nach ihrer Tochter zu suchen.
Zyprin lag ganz ruhig in ihre Felle gekuschelt, nur ihr Brustkorb hob und senkte sich sanft in ihrem Atemrhythmus. Sie sah so unglaublich jung aus, fast noch ein Mädchen, ihr Gesicht, umrahmt von fast schwarzem, glatten Haaren, leuchtete hell wie Porzellan im Feuerschein und sie wirkte furchtbar zerbrechlich. Er betete zu allen Göttern, die er kannte, dass sie ihm beistanden, diese junge Frau zu beschützen. Denn wenn Bellfehy recht hatte, würde sie die Wende bringen, das Machtregime zu Fall bringen, und den Bewohnern dieser Welt endlich etwas Ruhe schenken.
Und … wer weiß, vielleicht könnte sie ihm auch helfen, seine Frau Miranie und seine Tochter Ruven wohlbehalten zurückzubekommen. Er dachte an den braunen Lockenkopf seines kleinen Wirbelwindes und die großen braunen Augen, die denen ihrer Mutter glichen. Es erinnerte sich an den Tag, an dem Ruven und Stöckchen sich zum ersten Mal begegnet waren.
Sie lebten damals am großen Weidenwald und Ruven spielte oft dicht bei den Bäumen.
Eines Tages war sie wild kreischend zu ihm gelaufen, und sprang ihm in die Arme, als er gerade die Holzscheite für den kommenden Winter auftürmte.
»Papa, Papa, Papa, da ist ein Tier mit einem Stöckchen auf dem Kopf aus dem Wald gekommen und es hat meine Blumen aufgefressen!«, schluchzte sie empört. Riley hatte ein Lächeln unterdrücken müssen, und wischte mit seinem Handrücken über das Gesicht der damals Dreijährigen.
»Na da wollen wir doch mal schauen, was das für ein Ungetüm ist, nicht wahr?«
Ruven nickte tapfer und schob trotzig ihre Unterlippe vor, hielt sich aber zur Vorsicht an Papas starker Schulter fest und verstecke ihren Kopf in seiner Halsbeuge, als er Richtung Wald schritt. Das Einhorn stand ganz ruhig da, völlig angstfrei und fraß die Blumen eines zerstreutliegenden Straußes.
Ruven weinte zum Steinerweichen. »Die sind für Mama und das komische Tier ist aus dem Wald gerannt und hat mir die Blumen mit dem Maul aus der Hand gezogen. Ich hab so lang gebraucht um die schönsten Blumen auszusuchen, das hat bestimmt 117 Tage gedauert die zu suuuu …«, ein weinendes Jaulen beendete den Satz. Riley wiegte sie sachte in seinen Armen und tröstete das kleine aufgelöste Mädchen so gut er konnte.
»Schatz, das ist doch nur ein Einhorn, das auf der Suche nach Fressen war. Es hat sicher noch nie eine bessere Mahlzeit gehabt als die unglaublich leckeren Blumen, die du so zeitaufwendig gepflückt hast. Vermutlich hat sie geglaubt, du hast die Blumen für sie gepflückt und darüber hat sie sich so gefreut, dass sie gar nicht daran dachte, dass der Strauß für jemand anderen war. Schau doch mal, wie froh du sie gemacht hast, Liebes.«
Die Tränen hatten Spuren in ihrem hübschen, staubigen Gesicht hinterlassen. Ruven schluchzte noch mal, aber überwand sich dann dennoch das Einhorn anzusehen, das mittlerweile fertig mit seiner blumigen Mahlzeit war. Das Tier kam langsam näher und ihre Nüstern nahmen zaghaft den Geruch der beiden Menschen auf. Ruven streckte ihre Hand dem Einhorn entgegen und das Tier kam auch sofort noch einen Schritt näher, um seinen Kopf vorsichtig gegen die Hand des Mädchens zu drücken.
»Siehst du, Ruven? Das ist ihre Art dir zu danken, du hast jetzt eine Freundin fürs Leben.«
Ruven atmete einige Mal tief ein, um den Weinreflex zu unterdrücken. »Aber … was soll ich denn Mama nun schenken?«
Riley zwinkerte sie verschwörerisch an. »Na schau doch hin, ein schöneres Geschenk wird Mama wohl noch nie bekommen haben.«
Ruvens Augen wurden riesengroß. »Meinst du echt, wir können Stöckchen mitnehmen?«
Riley schmunzelte. »Stöckchen ist doch mal ein passender Name. Na ich denke wir werden sehen, ob sie bei uns bleiben will. Lass uns noch einige Blumen mehr pflücken und sie so zu uns locken.«
Seine Tochter biss sich hoffnungsvoll auf die Lippen und nickte eifrig.
Gemeinsam pflückten sie einen weiteren Blumenstrauß und Ruven nahm immer ein Blümchen heraus um das Tier damit zu ihrem Grundstück zu lenken, seit dem gehörte Stöckchen zu ihnen.

Diese Erinnerung tat Riley weh, auch wenn er sich gern an diesen Moment erinnerte, aber zu wissen, dass seine Tochter unauffindbar war, fraß ihn innerlich auf. Er vermisste selbst seine Frau, mit der er sich in den letzten Jahren immer weniger verstanden hatte. Er wollte sie wieder haben, sie in seine Arme schließen und sie darum bitten jeden Streit zu vergessen und einfach wieder von vorne zu beginnen. Er war so müde, so erschöpft und innerlich einfach leer.
Wieder sah er zu Zyprin hinüber und konnte kaum fassen, dass der Vater eines so arglosen Wesens Schuld an dem Verschwinden seiner Familie sein konnte. Was würde in ihr vorgehen, wenn sie alles erfuhr?
Er wusste, dass Zyprin ihn eines Tages dafür hassen würde, dass er sie zurück in diese verfluchte Welt nehmen musste und wieder fraßen ihn die Gewissensbisse auf. Dennoch war sie die einzige Chance, seine Familie wiederzubekommen.
Die Nacht erwachte und mit ihr die dazugehörigen Waldlebewesen. Es knackte, raschelte und flüsterte um ihn herum. Riley stieß zwischen seinen Zähnen hervor: »Lasst sie in Ruhe! Sie gehört zu mir!«
Die Geräusche in der unmittelbaren Umgebung verstummten oder entfernten sich rasch. Auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass sie den Rest der Nacht ungestört bleiben würden, schlief er nicht, er wachte über das kostbare Leben, das in unschuldigem Schlummer ruhte.

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beta
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