Kapitel 1

Jagd nach Liebe ist Hohe Jagd. Wer ihr dient, wird verwandelt. Unaufhaltsam geht sie durch die Zeiten, als wären diese ein dünner Schleier nur, und sie wird niemals zu Ende sein - denn Jagd nach Liebe ist hohe Jagd ...
(Gerda Zschocke: Zeitreisen)

Das Hotelzimmer maß nicht mehr als zehn Badehandtücher, hintereinander ausgebreitet. Unten beim Playa la Malagueta drückte man sie jeden Morgen den Urlaubern in die Hände; schick mit einem protzigen Hotellogo verziert und in Plastikfolie eingeschweißt. Damit stürmten sie dann hinunter an den Strand, hinein in den Duft von würzigem Tang, salzigem Seewasser und sonnengecremter Frauenhaut.
Handtücher gab es auch in diesem Zimmer. Ausgefranst und zu oft gewaschen, hingen sie in der winzigen Duschecke. Ihr Desinfektionsmittelgestank verlor gegen Geruch von erwartungsfeuchten Männerhänden, die zusammengeknüllte Euroscheine zwischen die Brüste ihrer Stundendame gesteckt hatten und dem süßlichen Gestank von schlechtem Koks, der wie alter Fliegendreck aus jedem Riss in der dunkelroten Blumentapete dünstete.
Ein Mann mit Schultern, die breit genug waren, das Licht der Sonne auszusperren, stand am Fenster. Sein gebräuntes Gesicht erinnerte an einen Falken; eine hohe, leicht nach hinten geneigte Stirn, die Nase mit einem kleinen Höcker in der Mitte nach unten gebogen, scharf konturierte Wangenknochen und schmale Lippen über einem fast viereckigen Kinn mit einer Kirk-Douglas-Gedächtnisgrube. Auf seiner im Gegensatz zum Gesicht alabasterweißen, vor Schweiß glänzenden Haut trug er nichts weiter als eine knappe rotseidene Badehose, handbestickt mit einer winzigen schwarzen Narzisse.
Er hieß Borg. Nur Borg. Sein Vater hatte ihm auch einen Vornamen gegeben, doch den mochte Borg nicht. Er mochte gar nichts, was ihn an den Mann erinnerte, der montags bis freitags bei Blohm & Voss im Hamburger Hafen gebuckelt, samstags bei der Übertragung der Fußball-Bundesliga seine Biere getrunken und nach dem Abpfiff seine Frau bestiegen oder seinen Sohn grün und blau geschlagen hatte - je nachdem, ob der HSV gewonnen oder verloren hatte. Sonntags war er dann in die Kirche gegangen und hatte Gott um die Vergebung seiner Samstagssünden angebettelt. Borg ging nie in die Kirche.
Sein Handy meldete sich. Er nahm es vom Fensterbrett und sagte: „Ja?“
„Das Leben als Freiberufler kann ziemlich frustrierend sein.“
Es gibt Stimmen und es gibt Stimmen. Diese war Letztere. Mit einem Fünf-Pfund-Hammer und einem Wolframcarbidmeißel hätte man vielleicht einen Namen hineinkratzen können: „Commander Wenger“. Aber nur vielleicht. Borg zog die Augenbrauen zusammen. Er machte einen schnellen Schritt zur Seite, weg vom Fenster und in Griffweite seines Doppelachselholsters mit den beiden SIG-Sauer P 228 über dem Stuhl. Dann sagte er: „Ich höre.“
„Botanischer Garten. Um drei. Natürlich nur, wenn Sie interessiert sind.“
Borg ließ das Telefon sinken und umfasste die Kinnspitze mit seiner Handfläche. Durch den halboffenen Mund atmend, begann er, mit den kurzgeschnittenen Nägeln zweier Finger gegen seine Zähne zu trommeln. Die Uhr auf dem wackligen Holzbord über dem Bett zeigte kurz vor elf am Vormittag. Ihm blieben noch gut vier Stunden.
Er antwortete: „Ja.“

Zwischen Malaga und Marbella erstreckt sich entlang der Costa del Sol das kleine andalusische Dorf Fuengirola. Einige Kilometer landeinwärts erhebt sich der Mijas mehr als tausend Meter über den Spiegel des Mittelmeers und an seinem Fuß herrscht Sommer wie Winter ein angenehmes Klima. Ein Platz, wie geschaffen für ein Winterdomizil derer, die sich die horrenden Bodenpreise hier leisten können.
Einer von ihnen war der Investmentbanker Wilbur Johnson. Sein Grundstück schmiegte sich im Norden an die steil aufstrebenden Felsen des Mijas, an allen anderen Seiten grenzte es an weitläufige Avocado- und Olivenplantagen. Die einzige Zufahrt führte über einen sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelnden Weg und endete an einem Schlagbaum, den zwei Posten Tag und Nacht bewachten. Ihre Sturmgewehre und ein mehr als drei Meter hoher zweireihiger Maschendrahtzaun mit Multispektral-Überwachungskameras rund um das riesige Grundstück verrieten, was Wilbur Johnson von unangemeldeten Gästen hielt.
Das wussten auch Borg und Commander Wenger. Sie hatten die Nacht abgewartet und arbeiteten sich jetzt die Rückseite einer Bodenerhebung hinauf. Gedeckt von Avocadobäumen, glitten sie mit einer Lautlosigkeit, wie sie nur jahrelanges hartes Training verleiht, knapp fünfhundert Meter entfernt von den Posten durch das Gras. Weit genug oben, um freie Sicht zu bekommen, ohne selbst gesehen zu werden, richteten sie ihre Feldstecher auf Johnsons Grundstück.
Nach einer Weile flüsterte Borg: „Kennen Sie den Unterschied zwischen einem professionellen Killer und einem Helden?“
Ohne das Fernglas mit dem Restlichtverstärker von den Augen zu nehmen, brummte Wenger: „Helden sind dumm.“
Obwohl er seine Stimme gesenkt hatte, dröhnte sein Bass immer noch weit durch die Nacht und Borg verzog das Gesicht. „Auch. Profis kümmern sich um einen Fluchtweg. Aus dem Haus haben sie freies Schussfeld und wir nichtmal einen Grashalm als Deckung. Wenn wir da hinein wollen, brauchen wir einen großen Hammer; ich würde vier Hellfire-Raketen und einem Helikopter nehmen“
„Für die Brechstange war ich in den letzten zehn Jahren zuständig, Borg. Dafür hätte ich Sie nicht engagieren müssen.“
„Und wofür dann?“
„Johnson dürfte die besten elektronischen Sicherheitssysteme haben, die es für Geld zu kaufen gibt.“
„War nicht meine Frage. Ich bin Freelancer, was bedeutet, dass Sie mir eine Banane vor die Nase halten müssen, wenn Sie wollen, dass ich Ihnen wie früher den Rücken freihalte. Und wenn ich mir die Festung da drüben anschaue, sollte sie schon ziemlich groß sein.“
Commander Wenger nahm den Feldstecher herunter, fixierte Borg aus halb zusammengekniffenen Augen, dann rutschte er die Anhöhe hinab. Unten angekommen, klopfte er sich die Kleidung ab und ging zu seinem Jeep.
Borg folgte dem Commander und knurrte: „Irgendwie habe ich Ihre Antwort nicht gehört.“
Wenger musterte Borg, als sähe er ihn zum ersten Mal. Schließlich, als Borg schon auffahren wollte, sagte er ruhig: „In einem Monat wird auf dieser Finca eine Weihnachtsfeier stattfinden mit allen Top-Managern Johnsons und deren Familien. Und es wird ein Special Guest erscheinen - Ruud Ängström.“
Borg sog scharf die Luft durch die Zähne und Wenger nickte. „Er traut sich aus seinem Bau. Johnson wird das Geschäft übernehmen. Die Daten, die Ängström dazu in das Inselnetzwerk auf der Finca einspeisen muss, sind in den richtigen Händen Milliarden wert.“
Mit der Hand kratzte Borg sich den Nacken und dachte nach. Schließlich nickte er. „Wie kommen wir hinein?“
„Ich gehe allein. Die Posten werden mich identifizieren und es per Funk an die Zentrale melden. Dort müssen sie Ängström fragen. Er wird mich festnehmen lassen oder er wird befehlen, mich sofort zu erschießen. Ebenfalls über Funk. Doch dieser Befehl wird nie ankommen, weil Sie den Kanal blockieren werden.“
„Und dann?“
„Die Finca hat ein Lenovo-Netzwerk, dessen Verbindungen über das interne Stromnetz laufen. Ich platziere einen Sender in einer beliebigen Steckdose im Haus und er sendet die Daten zu Ihnen.“
„Wäre nur noch die Frage, wie lange Sie im Haus am Leben bleiben. Nicht einmal Sie werden auf die Dauer mit zwanzig schlechtgelaunten Profis fertig. Und was Sie dort eigentlich wollen.“
Mehr als eine Minute schaute der Commander zur Finca hinüber, obwohl sie der Hügel, auf dem sie eben gelegen hatten, vor seinem Blick verbarg. Schließlich lächelte er und sagte: „Zu Frage eins - lange genug, um von Ängström ein paar Antworten zu bekommen. Zu Frage zwei - ihn töten.“
Dann sprang er in seinen Jeep und fuhr zurück nach Malaga. Die Staubwolke, die seine Reifen aufgewirbelt hatten, legte sich bereits wieder, da blickte Borg ihm noch immer nach. Er hatte den Commander noch nie lächeln sehen.

Die Auswahl der Leute, die er für das Team brauchte, machte Borg die größten Sorgen. Sie mussten gut genug sein, ihm und dem Commander den Rücken freizuhalten, falls es zu einer Schießerei kam und dumm genug, auch noch bei der Stange zu bleiben, wenn sie erfuhren, gegen wen es ging. Ganze zwei Wochen benötigte er, bis er fünf Männer gefunden hatte, die seine Bedingungen erfüllten.
Das Ausspähen der Finca, des Sicherheitssystems und der Lebensläufe der Angestellten bis hin zum ständigen Sicherheitspersonal nahm eine weitere Woche in Anspruch. Die noch verbleibenden sieben Tage arbeitete er mit Roland Winter, einem Netzwerkspezialisten, der fast so gut war wie Borg selbst, an dem Hack des Sicherheitsnetzwerks der Finca. Sie mussten nicht nur unbemerkt hineinkommen, sondern auch den Weg durch mehrere Router finden und mit Sicherheit wenigstens eine Firewall überwinden, wahrscheinlich sogar Kaskadierende. Im entscheidenden Moment würde alles sehr schnell gehen müssen und dann wollte er auf fertige Programme zurückgreifen können.
Kurz vor zwölf in der Nacht des geplanten Angriffs stellte er seinen Transporter in einem Olivenhain ab, knapp sechs Kilometer von Johnsons Grundstück entfernt. Die fünf Männer des Teams lagen oder saßen scheinbar gelangweilt auf dem Boden und hielten die Waffen versteckt, aber in Griffweite.
Von ihrer Ruhe ließ er sich nicht täuschen, Spannung lag in der Luft und die Blicke, die sie auf ihn abschossen, straften ihre scheinbare Teilnahmslosigkeit Lügen. Er suchte sich einen stämmigen Olivenbaum, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und sagte: „Ihr habt also Schiss.“
Viktor Kornubajew schaute sich in der Runde um. Er nahm Blickkontakt zu jedem der vier anderen auf, dann fixierte er wieder Borg. Schließlich stemmte sich der vierschrötige Russe von seinem Platz hoch, reckte sich einmal, dass die Gelenke knackten, und meinte: „Eigentlich wollen wir nur wissen, wer heute Morgen in der schwer gepanzerten Limousine mit den Jeeps davor und dahinter gekommen ist. Meine Nase sagt mir, dass du weißt, wer in dem Scheißpanzer gesessen hat.“
„Hast du schon einmal an eine Nasenoperation gedacht?“
Jemand lachte und auf Viktors Stirn bildeten sich zwei dicke Wülste. „Was?“
Borg verschränkte die Arme vor der Brust. „Deine Nase wird dich noch in echte Schwierigkeiten bringen. In dem Wagen saß Ruud Ängström.“
Niemand lachte mehr. Die beiden Männer, die bis eben noch gelegen hatten, setzten sich auf und starrten wie die anderen auch Borg an.
Viktor knurrte: „Ihr wollt Ängström umlegen? Seine Leute werden uns jagen, bis sie jeden von uns kaltgemacht haben.“
„Also doch Schiss, Viktor?“, fragte Borg scheinbar ruhig.
Viktor schnaubte: „Lieber das, als bei so einem Kamikaze-Unternehmen nur wegen einem abgehalfterten Commander draufzugehen! Wo steckt Superman eigentlich? Er sollte doch schon längst hier sein!“
Borg warf einen Blick auf die Leuchtzeiger seiner Armbanduhr. Sie zeigte nullzwohundert. „Sei froh, dass er das nicht gehört hat.“
„Darauf würde ich mich nicht verlassen!“
Ein Mann trat aus dem Schatten der Bäume auf die kleine Lichtung. Borgs Männer griffen nach ihren Waffen.
„Ganz ruhig! Das ist Commander Wenger.“ Borg hatte ebenfalls nach seinem Sturmgewehr gegriffen, hielt es im Gegensatz zu allen anderen jedoch nur mit der Linken am Handschutz.
Der Commander machte noch ein paar Schritte und blieb schließlich in der Nähe von Viktor stehen. „Kennen alle ihre Aufgabe?“ Er warf einen Blick in die Runde.
Viktor knurrte: „Einen Scheiß kennen wir!“
Der Commander drehte sich ihm. „Haben Sie ein Problem, Soldat?“
Ein Schritt nach vorn brachte Viktor bis auf einen halben Meter an den Commander heran. „Wir sind hier nicht mehr beim Militär, Wenger.“
Er musterte das helle Sakko, die Jeans und die braunen Wildlederboots an den Füßen des Commanders und verzog die Lippen. „Netter Kampfanzug, den sie da anhaben. Irgendwie hat Borg vergessen zu erwähnen, was für ein Lackaffe Sie sind.“
Unter halbgesenkten Lidern beobachtete Borg die Gesichter der übrigen Männer. Unauffällig legte er die rechte Hand um das Griffstück seines Sturmgewehrs und hob den Lauf mit der Linken, bis er dorthin zeigte, wo sie standen. Er zischte: „Benutz ausnahmsweise mal dein Gehirn, Viktor. Ich will nicht schon vor dem Einsatz einen Mann verlieren.“
Der Russe lachte rau. „Der sagt mir, dass auf den Lackaffen hier vor mir ein Preisgeld von zwei Millionen Euro ausgesetzt ist. Von Ängström. Vielleicht sollten wir einmal darüber reden. So von Mann zu Lackaf...“
Der brutale Hieb des Commanders riss Viktor den Kopf nach hinten, er stolperte und krachte auf den Rücken. Einen Sekundenbruchteil später kniete der Commander auf Viktor; packte dessen Kinn und Hinterkopf; spannte die Armmuskeln und das trockene Knacken, mit dem die Nackenwirbel des Russen brachen, hallte wie ein Schuss durch den Olivenhain.
Die Männer zuckten zusammen und leise sagte der Commander in die plötzliche Stille auf der Lichtung: „Ich mag keine Maulhelden. Trotzdem hatte Viktor Recht. Wir sind keine Soldaten mehr. Wir morden für Geld. Ich bin gut darin, Viktor war es nicht. Behalten Sie das Letzte im Hinterkopf. Ganz sicher.“
Er musterte die Männer der Reihe nach. So lange, bis jeder den Kopf senkte. Nur Borg hielt seine Augen starr auf den Commander gerichtet. Mit der linken Hand umkrampfte er den Lauf des M-16 und seine Kiefern mahlten, doch er sagte kein Wort.
Der Commander schloss Viktor die Augenlieder, dann nickte er Borg zu. „Lassen Sie dem Mann eine anständige Beerdigung zukommen. Dort wo er es gewollt hätte und wenn Sie es nicht wissen, dann dort, wo er geboren wurde.“
Er erhob sich. „Um nulldreihundert ist auf dem Flughafen in Malaga die Landung des letzten Helikopters mit den Partygästen von der Finca angemeldet. Ab diesem Moment werden Sie bis exakt nullvierhundert jedes Fahrzeug, das den Weg zur Finca benutzt, aufhalten, und wenn es sein muss, vernichten. Sollte ein Helikopter die Finca anfliegen, werden Sie ihn vom Himmel holen. Das ist alles. Und jetzt beziehen Sie Ihre Positionen!“

„Die Relaisstation steht, alle Empfänger und Kameras sind justiert. Wir können uns zurückziehen, Chef!“
Roland Winter hatte vor einer Stunde unter den letzten Bäumen, dreihundert Meter vor dem Schlagbaum mit den zwei Posten, eine getarnte Relaisstation mit zwei Hochleistungskameras, Netzwerkrepeatern und Funkverstärkern aufgebaut. Jetzt hatte er einen letzten Funktionscheck durchgeführt und zwängte sich nun durch den schmalen Spalt zwischen dem Geräteraum und der Fahrerkabine. Der kleine, immer zu Späßen aufgelegte Mann hatte ein Grinsen im Gesicht, doch Borg war nicht nach Lachen zu Mute. Ihm ging der Tod Viktor Kornubajews nicht aus dem Kopf. Es hätte andere Möglichkeiten gegeben, als dem Russen das Genick zu brechen und früher hätte der Commander einen wertvollen Kämpfer nicht so einfach von seiner Liste gestrichen. Viktor war bereits außer Gefecht gesetzt gewesen, zu Boden gestreckt von einem so brutalen Hieb, wie Borg ihn noch nie gesehen hatte.
„Chef?“ Winter tippte Borg auf die Schulter.
„Ja!“, knurrte Borg. „Rückzug in fünf Minuten!“ Dann stieg er aus und ging zum Jeep des Commanders hinüber.
Commander Wenger zog sich um. Achtlos warf er das helle Leinensakko auf die Rückbank und in gleicher Weise folgten die Boots und die Jeans, bis er nur noch in einer Badehose dastand.
Borg bog um das Heck des Jeeps, blieb wie angewurzelt stehen und zog die Augenbrauen in die Höhe. Nie hatte er den Commander anders als voll bekleidet gesehen. Selbst damals in Togo, als die Stahlplatten der Panzer so heiß gewesen waren, dass sie darauf zum Frühstück ihre Eier gebraten hatten. Sie waren im Camp in Badehosen herumgelaufen; nur Commander Wenger hatte immer eine vollständige, den ganzen Körper bedeckende Kampfuniform getragen, und wenn er duschen gegangen war, immer darauf geachtet, dass er allein gewesen war.
Jetzt sah Borg auch, warum. Commander Wenger war ein Mann um die vierzig, knapp ein Meter neunzig groß, mit silbergrauem Bürstenhaarschnitt über einem kantigen Gesicht und einer auf den ersten Blick zwar kräftigen, aber nicht überproportionierten Figur. Jetzt, auf den zweiten Blick und ohne Kleidung, sah Borg die Muskelstränge auf den Oberschenkeln, am Bauch, über der Brust, im Nacken und auf den Armen des Commanders. Sein ganzer Körper schien nur daraus zu bestehen und sie hatten mehr Ähnlichkeit mit gedrehten Stahltrossen als mit Muskeln. Trotz der lauen andalusischen Nacht fröstelte Borg plötzlich.
„Viktor hatte nie eine Chance“, sagte er.
„Natürlich hatte er die.“ Der Commander streifte sich ein helles T-Shirt über. „Er hätte nur nicht die falschen Fragen stellen dürfen.“
Er ließ noch eng sitzende Shorts in der gleichen Farbe und ein paar Jesuslatschen folgen, schob sich drei winzige, hautfarbene Sprechgarnituren für Kurzstreckenkommunikation nach militärischen Standards unter das T-Shirt und sagte: „Ich bin so weit. Status?“
Borg glaubte nicht, was er sah. Das widersprach jeder Gefechtstaktik. Mit den hellen Farben würde der Commander schon von Weitem zu sehen sein und mit Jesuslatschen kämpfen? Wollte er wie ein Hippie aus den Sechzigern in den Kampf gehen?
„Borg?“ Der Commander hob eine Augenbraue.
„Was soll der Aufzug, Commander? Sie wollen doch nicht so am Tor auftauchen?“
Wenger kniff die Augen halb zusammen. „Was hatte ich gerade über Viktor und die falschen Fragen gesagt, Nummer Zwei?“
Borg zischte: „Zum Ersten: Die Kommunikationsverbindung zwischen Relaisstation und Alpha 1 steht auf allen Kanälen. Wir sind kampfbereit. Was ich von Ihnen nicht sagen kann. Zum Zweiten: Ich zumindest verstehe meinen Job und hätte schon lange die Nummer eins sein können, wenn ich in den letzten Jahren nicht damit beschäftigt gewesen wäre, Ihnen den Rücken freizuhalten. Aber hier kann ich es nicht mehr!“
Borg zeigte dorthin, wo hinter dem Hain die Finca begann und fauchte: „Was, verdammt nochmal, ist seit unserer Entlassung vor einem Jahr mit Ihnen geschehen? Besessen waren Sie schon immer, aber mit eiskaltem Verstand. Ist Ihnen der verlorengegangen?“
Wenger zog die Augenbrauen zusammen, ballte die Fäuste und für einen Moment sah es so aus, als wollte er sich auf Borg stürzen. Doch dann drehte er sich abrupt um und stieg in den Jeep. Er schaute durch die Frontscheibe dahin, wo ein paar Kilometer vor ihm, verborgen in der Dunkelheit und von den Bäumen, Ruud Ängström jetzt das, was von seinem Perverdrin-Kartell noch übriggeblieben war, an Wilbur Johnson übergab.
Er krampfte die Finger um das Plastik des Lenkrads, dass die Sehnen auf den Handrücken hervortraten. Leise sagte er: „Wussten Sie, dass ich einmal verheiratet war? Sie hieß Johanna und hatte die grünsten Augen der Welt. Ich habe sie erwürgt, genau wie meinen Vater.Jahr für Jahr habe ich mich mehr verändert und am Ende ist das Monster herausgekommen, dass sie eben gesehen haben.“
Er kuppelte ein, drehte seinen Kopf aber noch einmal zu Borg. „Was macht wirklich einen Profi aus?“
Borg schluckte. „Sagen Sie es mir.“
„Ein Profi tut, was getan werden muss. Und niemals lässt er jemanden so dicht an sich heran, dass er glaubt, ihm etwas schuldig zu sein. Schon gar nicht eine Erklärung. Ganz sicher!“
Nach diesen Worten fuhr er davon und wie bereits vor einem Monat, sah Borg ihm lange hinterher. Dann ging Borg zum Transporter und sagte, tief in Gedanken versunken, zu Winter: „Fahren Sie los!“
Nur wenige Minuten später parkte Roland Winter das Fahrzeug drei Kilometer entfernt vom Zaun um die Finca hinter einer Wegbiegung und Borg aktivierte die Verbindung zur Relaisstation. Rechtzeitig genug, um in der Kameraübertragung zu sehen, dass auch der Jeep des Commanders gerade unter den Bäumen auf den Weg zum Tor einbog.
Der Commander stoppte zehn Meter vor dem Schlagbaum und stieg aus. Er blickte nach links und rechts, schaute dann zu den Posten und setzte sich in ihre Richtung in Bewegung. Sie grinsten sich an, und als er bis auf fünf Meter herangekommen war, sagte der eine der beiden in schlechtem Spanisch: „Privatgelände. Kein Platz für Touristen. Sie sind hier falsch.“
Der Commander antwortete in Englisch: „Ich denke nicht. Commander Wenger, Special Perverdrin Forces, für Ruud Ängström!“
Die Posten schauten sich an, dann griff einer zu seinem Funkgerät und fragte: „Zentrale? Habt ihr das mitbekommen?“
Die Antwort kam sofort: „Ja. Warten Sie, bis Sie weitere Anweisungen erhalten!“
Borg setzte den Störsender in Betrieb und legte auch die Bild- und Tonübertragung vom Tor an die Zentrale lahm. Bis hierhin funktionierte alles nach Plan, trotzdem ärgerte er sich. Der Commander wusste genau, wo die Relaisstation mit den Kameras stand. Trotzdem hatte er seinen Jeep so geparkt, dass das Fahrzeug ihn und die Posten verdeckte. Das war unprofessionell und Borg hasste so etwas.
Er startete die nächste Routine auf seinem Laptop. Es dauerte eine Weile, bis sie die Verschlüsselung des Funkkanals der Security im Haus brach und dann machte er aus der Finca ein funktechnisches schwarzes Loch. Nichts ging mehr raus, nichts ging mehr rein. Das dauerte mehr als eine Minute, und als er wieder hochschaute, traute er seinen Augen nicht. Der Commander ging zu seinem Jeep, setzte sich auf den Fahrersitz und beide Posten stiegen hinten ein, als seien alle drei beste Freunde. Dann fuhren sie los und Borg verstand gar nichts mehr.

Nach einer rauschenden Party hob der letzte Helikopter hinter dem Haupthaus der Finca ab. Nur Ruud Ängström blieb und nahm eine der luxuriösen Gästesuiten in Anspruch. Der alte Mann flog nicht gerne und wenn, dann nur in vollbesetzten Maschinen, deren unschuldige Passagiere seine Feinde davon abhielt, sie einfach vom Himmel zu schießen.
Seine Frau schlief längst, nur er saß noch vor dem großen Kamin und genoss den alten Scotch aus einem venezianischen Kristallglas. Es war das erste Mal, dass er sein Penthouse in Hongkong seit seinem Rückzug aus der Geschäftswelt verlassen hatte.
Die altmodische Pendeluhr auf dem Kaminsims schlug gerade Drei, da wurde die Tür geöffnet und Wilbur Johnson trat ein. Noch immer trug er sein Dinnerjacket, wenn er es auch geöffnet hatte und die Fliege nur noch ein leger um seinen Hals hängendes schwarzes Band war. Er strich sich über die Glatze und sagte: „Stell dir vor, mitten in der Nacht taucht ein Commander Wenger am Tor auf und sagt, er will dich sprechen.“
Mit einem harten Knall stellte Ängström das Whiskyglas auf den Tisch. Johnson lachte. „Kein Grund zur Beunruhigung. Er macht gerade einen Schwatz mit meinen Leuten am Tor.“
Der alte Banker stemmte sich aus dem Sessel hoch. „Du musst unter allen Umständen verhindern, dass er hierherkommt. Lass ihn erschießen.“
Johnson beäugte Ängström mit schräggelegtem Kopf. „Was soll dass? Wir sind hier nicht im Wilden Westen.“
Ängström ballte die Fäuste. „Mach, was ich dir gesagt habe!“
„Erst, wenn ich weiß, warum.“ Johnson kreuzte die Arme vor der Brust. „Ich habe einundzwanzig Sicherheitsleute hier, deine Bodyguards noch nicht einmal mitgerechnet und die über fünfzig Angestellte, die zu meinem Personal gehören. Die werden mit so ziemlich allem fertig, was ein einzelner Mann auch vorhaben mag.“
„Willst du sterben, Wilbur?“
Johnson erbleichte. Etwas war in Ängströms Stimme gewesen, das ihn nach dem Com greifen ließ. Aber nach wenigen Sekunden legte er es wieder hin und sagte verblüfft: „Ich bekomme keine Verbindung.“
Er ging zur Tür, doch sie öffnete sich nicht. Fahrig wischte er mit den Händen vor der Lichtschranke hin und her, bis er begriff, dass sie nicht mehr funktionierte. Jemand hatte die Elektronik der Tür lahmgelegt.
Ängström lachte humorlos: „Ich wette, die Telefonleitungen sind auch tot und alle Funkverbindungen einschließlich Mobilfunk werden gestört. Deine schöne Festung hat sich soeben in ein Gefängnis verwandelt.“
Der alte Banker griff nach seinem Glas und füllte es halbvoll mit Scotch. Er stürzte die bernsteingelbe Flüssigkeit hinunter, ohne abzusetzen, wischte sich mit einer blauadrigen Hand über den Mund und sagte: „Also hat er sich auch Borg geholt.“
Johnson starrte ihn an. Er schluckte mehrmals und ließ seine Blicke von den beiden Panaromafenstern zur Tür und wieder zurückwandern. Doch er wusste, dass Ängström Recht hatte. Die sieben Zentimeter dicken Panzerglasscheiben hatten ein Vermögen gekostet und die beiden Türen besaßen einen Chrom-Silizium-Stahlkern, durch den man nur mit einer Feuerlanze oder einem Thermitbrenner hindurchkam. Und das würde Zeit brauchen, sehr viel Zeit.
Dann fiel ihm etwas ein. Er ging zu Ängström hinüber, goss sich ebenfalls einen Scotch ein und schlug die Beine übereinander. „Ich glaube, du machst dir umsonst Sorgen. Wir kommen zwar nicht hinaus, aber hier auch niemand hinein. Schließlich habe ich das Haus genau aus diesem Grund so bauen lassen; in Malaga wird man sehr schnell merken, dass hier etwas nicht stimmt und das bedeutet, dass in spätestens dreißig Minuten hier einige Helikopter mit jeder Menge Feuerkraft auftauchen werden.“
Ängström lachte ihn aus. „Du bist ein Idiot. Glaubst du wirklich, dass jemand, der eine Tür verriegelt, sie nicht auch wieder öffnen kann?“
Johnson starrte ihn an, Entsetzen in den Augen. Ängström lehnte sich zurück und drehte das Glas in seinen Händen. „Vor zwanzig Jahren zwang ich in einem Provinznest in Deutschland einen gewissen Sven Oldenburg mit Hilfe einer chemischen Substanz, seine Frau und seinen Vater zu erwürgen. Ich hielt ihn anschließend für tot, doch vor zehn Jahren ist er wieder aufgetaucht, und wie sich zeigte, hatte das Zeug, das ich ihm hatte verabreichen lassen, einen absolut tödlichen Killer aus ihm gemacht. Ich hatte, ohne es zu wollen, zumindest damals, den perfekten Krieger erschaffen. Irgendwie traf er auf das Computergenie Ragnar Borg und seitdem haben sie mich gejagt. Er brachte Borg bei, was er wusste, Borg zeigte ihm, wie man in feindliche Netze eindringt und zusammen waren sie unschlagbar, egal, wie viel Leute ich ihnen auf den Hals gehetzt habe. Borg war das Gehirn und Oldenburg, jetzt Commander Wenger, die Faust.
Vor einem Jahr habe ich meinen letzten Zug gemacht und erreicht, dass ihre Einheiten offiziell aufgelöst wurden. Damit glaubte ich, dem immer so fürchterlich gesetzestreuen Commander jede Handlungsgrundlage entzogen zu haben. Wie es aussieht, habe ich mich getäuscht.“
Dumpf klang ein Schusswechsel durch die Tür, Johnson zuckte zusammen und Ängström meinte: „Es wird nicht mehr lange dauern.“
„Warum hast du das damals getan?“
Der alte Finanzhai hob den großen Aktenkoffer neben dem Sessel auf seine Knie und strich mit der Hand über das schwarze Leder. „Das wird Sven Oldenburg auch wissen wollen. Nur wird ihm die Antwort nichts mehr nutzen.“

Nach sechs Minuten funkte der Sender die Daten und Borg und Winter arbeiteten wie besessen. Sie gruben sich durch die Router, bis sie die IP-Adresse des Datenservers hatten und eine Liste der Ports, die sie mit ihren Programmen angreifen konnten. Dann gab Borg die Ziele vor. 52 MBit/s waren nicht wirklich viel, wenn man einen Fileserver ausräumen wollte und da er nicht wusste, wie viel Zeit ihnen bleiben würde, konzentrierten sie sich auf kleine Dateien. Er hoffte, dass darunter die Kontenauflistungen und Personaldaten waren.
Im Unterbewusstsein registrierte er, wie die Mikrophone der Relaisstation den Klang vereinzelter Schüsse übertrugen und etwas in ihm wunderte sich. Ein Feuergefecht klang anders.
Dann war er mit der Verzeichnisauflistung und der Markierung der Dateien, die Winter herunterladen sollte, durch. Ab hier konnte der Deutsche alleine weitermachen und er hatte Zeit, nachzudenken. Warum hatte der Commander den Jeep so dämlich vor dem Schlagbaum geparkt, und warum waren die Posten mit ihm eingestiegen, als wären sie die besten Freunde?
Er setzte die Videoaufzeichnung auf Anfang und startete sie erneut, aber mit halber Geschwindigkeit. Bereits nach zehn Sekunden keuchte er auf, schaltete auf Standbild und vergrößerte es. Es war der Moment, in dem der Commander ausgestiegen und auf die Posten zugegangen war. Zwar hatte er die Arme locker an den Seiten herabhängen lassen, doch die Finger der Hände waren eng aneinandergepresst und verbargen in jeder von ihnen einen bleistiftdünnen Kupferzylinder.
„Was ist denn das?“ Winter schaute auf Borgs Monitor.
Borg ignorierte ihn und ließ das Video weiterlaufen, doch der Jeep verdeckte den Moment, in dem der Commander die Treibladung ausgelöst und auf die Posten abgefeuert haben musste. Als die Posten dann in den Jeep einstiegen, trugen sie Sprechgeschirre an Ohr und Mund. Die gleichen, die der Commander vor wenigen Minuten bei sich ins T-Shirt gesteckt hatte.
Mit einem Tastendruck beendete Borg die Aufzeichnung. Er überlegte einen Moment, dann schaltete er die Kameras und Mikrophone der Relaisstation ab und löschte jedes Bit, das sie bis jetzt aufgezeichnet hatten.
Winter blickte hoch. „Was machen Sie da?“
„Mein Leben retten. Der Commander hat Perverdrin eingesetzt.“
„Perverdrin?“
Borg bekam kaum die Zähne auseinander. „Kontaktgift, macht aus Menschen steuerbare Roboter. Um zweihundert Prozent gesteigerte Reaktionsgeschwindigkeit, Körperkraft plus einhundertfünfzig Prozent. Nach zwei Stunden zerreißt es sie. Wenger hat das Zeug auf die Posten losgelassen; jetzt bringen sie ihre eigenen Leute um.“
Winter lachte. „Ist ja cool.“
„Nein. Viktor hatte Recht. Sie werden uns jagen bis ans Ende der Welt, nur weil wir dabei waren. Und wenn sie auch nur einen Einzigen von uns erwischen, werden sie ihn so lange foltern, bis er alle anderen verrät. Der Commander hat uns allen eine Schlinge um den Hals gelegt.“
Winter sperrte den Mund auf, wollte antworten, da brach Licht durch die Scheiben des Transporters. Beide ruckten die Köpfe hoch. Eine dunkelviolette Flammensäule raste dort, wo sich hinter den Bäumen die Finca befand, in den Himmel.
Borg brüllte: „Runter!“, und ließ sich auf den Boden des Transporters fallen. Eine gigantische Faust traf ihn und rüttelte ihn durch; die Olivenbäume ringsum bogen sich wie in einem Orkan, dann war es schon vorbei.
Winter lachte nicht mehr. Er hatte sich die Stirn an der Frontscheibe aufgeschlagen und ein blutiger Strom rann ihm die linke Wange hinunter. Er stöhnte: „Was für ein Monster-Daisy-Cutter!“
Borg rappelte sich auf und schüttelte den Kopf. „Keine Unterdruckbombe.“ Seine Gedanken rasten und er fragte sich, wie viel Zeit ihm noch blieb.
„Was dann?“ Winter wischte sich das Blut aus dem Gesicht.
Mit seinem Kampfmesser öffnete Borg die Rückseite ihres Hauptrechners und erklärte dabei im Telegrammstil: „Erinnerst du dich an den Meteoriten, der vor zwei Jahren eine russische Kleinstadt auf Kamtschatka ausgelöscht hat? War keiner. Waren Wenger und ich, die Ängströms Perverdrinlabor vernichtet hatten. Protonenkompressionssprengsatz, russische postnukleare Waffentechnologie. Passt in eine große Aktentasche. Da, wo eben noch das Haupthaus der Finca war, dürfte jetzt nur noch ein Haufen Protoplasma vor sich hin wabern. Mit ungefähr der zehnfachen Dichte von Blei und jedem Atom, dass es im Umkreis von einem Kilometer und bis drei Metern über der Erde gegeben hat.“
Er zog mit der linken Hand die Festplatte heraus, ließ die Rechte zur Hüfte sinken und sagte zu Winter: „Mit all dem, was du jetzt weißt, solltest du eigentlich in einem Grab schlafen.“
Winter konnte schon wieder lachen. „Sehr witzig.“
„Nein, gar nicht.“ Borgs Bewegung war nicht viel langsamer als der Hieb des Commanders, der Viktor gefällt hatte. Er riss das Kampfmesser hoch und jagte dem Deutschen die Klinge durch die weiche Stelle unter dem Kinn bis ins Gehirn.
Dann verpackte er die Festplatte mit den Daten von Ängström, aktivierte die Thermitladung und sprang aus dem Transporter. Nach zwanzig Schritten blieb er stehen, atmete mehrmals tief durch und zündete. Der Transporter ging sofort in Flammen auf und Borg wartete, bis der Wagen so weit heruntergebrannt war, dass niemand mehr verwertbare Spuren finden würde.
Er ging mit sich ins Gericht. In den letzten Minuten hatte er keine Fehler gemacht und schnell, entschlossen und präzise gehandelt. Doch davor hatte er gepfuscht. Aus einem undefinierbaren Pflichtgefühl heraus hatte er sich auf ein Unternehmen eingelassen, von dem er nicht den ganzen Plan gekannt hatte und das, obwohl der Commander ihn durch die Blume gewarnt hatte.
„Ein Profi tut, was immer er tun muss und er lässt niemals jemanden so dicht an sich heran, dass er glaubt, ihm etwas schuldig zu sein. Ganz sicher!“
Er dachte an dessen Worte und daran, dass er wohl soeben eine letzte Lektion erhalten hatte. Auf der Finca mussten über einhundert Menschen gewesen sein und einer solchen Waffe, wie sie der Commander eingesetzt hatte, entkam niemand. Ihr Tod war kein Kollateralschaden mehr, sondern präzise geplanter und eiskalt ausgeführter Mord. Und das nur, um zwei Männer von der Erde zu tilgen, von denen der Commander geglaubt hatte, dass sie da nichts mehr zu suchen hatten: Ruud Ängström und Commander Wenger. Warum auch immer.
Borg riss sich aus seinen Gedanken. Wenn er überleben wollte, musste er sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Niemand durfte ihn mit dieser Sache in Verbindung bringen können und so machte er sich auf den Weg zur Position der anderen Leute seines Teams.
Nach den ersten Schritten nahm er das Sturmgewehr vom Rücken, überprüfte, dass es einsatzbereit war, und hängte es sich dann entsichert vor die Brust.

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