Kapitel 1

Was die Pest nicht schaffte, erledigte der Krieg.

Nur wenige Schritte auf der ausgestorbenen Straße hatte es gebraucht, um zu erkennen, dass dieses Dorf dem Erdboden gleich gemacht worden war. Der Gestank nach verbranntem Fleisch und schwelender Asche hatte ihn vorgewarnt, seit Stunden schon war er ihm entgegengeweht.

Die Hufe seines Pferdes knirschten im halbgefrorenen Schlamm, als er es zwischen den Ruinen hindurchlenkte. Verkohlte Balken ragten wie mahnende, gichtverformte Finger in den Himmel, genau dort, wo ihn vor nicht allzu langer Zeit noch adrette Fachwerkfassaden gegrüßt hatten. Achtlos zurückgelassene Karkassen geschlachteter Tiere säumten seinen Weg. Ebenso wie etliche Leichen.

Statt der Kinder, die Adán hier noch vor wenigen Monaten in den Weg gelaufen waren, geleiteten ihn nun Hunderte von Krähen durch das Dorf. Gestört bei ihrem Festmahl stoben sie auf, krächzend und zeternd umflatterten sie ihn, nur um sich ein Stück weit entfernt wieder niederzulassen und ihre Klauen und Schnäbel in die gesichts- und namenlosen Toten zu schlagen. Schon seit Tagen mussten die geschundenen Körper hier liegen. Nur der eisige Ostwind hatte sie davor bewahrt, bereits in faulende Haufen toten Fleisches überzugehen.

 

Die Marodeure hatten ganze Arbeit geleistet und nichts als Tod und verbrannte Erde hinterlassen. Zu wem sie gehört hatten, war nicht mehr festzustellen. Es war gleich. Habsburger, Schweden, für diese Leute hier machte das keinen Unterschied mehr. Und alles nur, weil irgendwelche alten, hasserfüllten Männer glaubten, dass ihre Art, die Bibel zu lesen, die einzig richtige war. Er schnaubte verächtlich. Wie naiv die Menschen waren, ihr ganzes Leben nach diesem Buch auszurichten. Und nicht nur das. Sie starben sogar dafür.

Aber Adáns Gefühl der Überlegenheit währte nur kurz, denn es schmeckte bitter und schal. Er wusste, dass er sich gerade selbst betrog. Verachtung fühlte sich weitaus besser an als der Neid, den er über ihre Unwissenheit empfand. Wie viel leichter wäre es doch gewesen, nichts von dem zu wissen, was ihn so sehr quälte. Jeden Tag. Jede Stunde. Jeden verdammten Atemzug.

Er verwarf den Gedanken, als sich sein Magen beleidigt zusammenkrampfte. Seine Hoffnung, hier eine Mahlzeit und Quartier für die Nacht zu finden, war gerade mit einem Schlag zunichte gemacht worden, und wenn es eines gab, das schlimmer war als die Schweden, dann war es, bei lebendigem Leib zu verhungern.

Trotzdem schlug Adán den Weg zum Gasthaus ein, an den er sich vage erinnerte. Einen Versuch war es wert. Vielleicht hatten die Marodeure ja etwas übersehen, womit er seinen Magen füllen konnte. Und wenn es nur ein Kanten verschimmelten Brotes war.

Auch das ehemals stolze Gebäude, das einzige mit mehr als zwei Stockwerken hier am Ort, war nur noch ein rauchender Schatten seiner selbst. Der Dachstuhl war vollkommen ausgebrannt und praktisch nicht mehr vorhanden. Aus den Fenstern des ersten und teilweise eingestürzten zweiten Stockwerks waren die Flammen geschlagen und hatten bizarre Muster auf die einst weiß getünchte Fassade gezeichnet. Einzig zu ebener Erde schien das Haus noch einigermaßen intakt.

Adán ließ sich vom Pferd gleiten, das sich sogleich davonmachen wollte, doch ein Ruck am Zügel hielt es zurück. Er konnte es ihm nicht verübeln. Auch das Tier war erschöpft, verdreckt und ausgehungert. Doch darum würde er sich später kümmern.

Er band den Rappen an einen Pfosten und näherte sich der offenstehenden Tür. Nur einen kurzen Blick gönnte er dem aufgedunsenen Toten, der direkt davor lag, bevor er angewidert einen großen Schritt über ihn machte.

Der Gestank, der Adán im Inneren entgegenschlug, war noch um ein Vielfaches ekelerregender als draußen auf der Straße. Der Grund dafür waren nicht nur der Brandgeruch oder die Hinterlassenschaften der Söldner, die sich hier verewigt hatten, sondern auch die etlichen, übereinanderliegenden Leichen, die, im Haus einigermaßen vor Frost geschützt, bereits in Verwesung übergegangen waren. Doch Adáns Hunger feierte einen Siegeszug über den Ekel, und so trat er weiter ins Zwielicht des einstigen Schankraums hinein.

 

Er brauchte die Trümmerhaufen der verwüsteten Einrichtung nicht lange zu durchsuchen, um festzustellen, dass seine schlimmste Befürchtung eingetreten war. Was immer es in diesem Haus an Ess- oder Trinkbarem gegeben hatte, war dem Feind in die Hände gefallen und fort. Was die Männer nicht hatten mitnehmen wollen oder können, hatten sie in die Feuerstelle geworfen und verbrannt oder mit Fäkalien verunreinigt. So stark konnte kein Hungergefühl sein, als dass man irgendetwas davon noch hätte anrühren mögen.

Doch ein letzter Rest Hoffnung keimte ihn ihm auf, als er die Falltür in einer Ecke des Raumes bemerkte. Rasch durchwühlte Adán die Trümmer erneut, und dieses Mal fand er, was er gesucht hatte: Eine Talglichtschale, ein wenig beschädigt, aber brauchbar.

Einige Funkenschläge seines Feuersteins schenkten dem Docht eine blakende Flamme. Eilig zog er die Tür an dem schweren, eingelassenen Eisenring nach oben und stieg die Leiter hinab. Typischer Kellergeruch umfing ihn, etwas dumpf, wenn auch nicht unbedingt modrig. Die Kellerräume eines Gasthauses dienten als Lager, man konnte es sich nicht leisten, kostbare Waren in schimmeliger Feuchte aufzubewahren.

Aber schon als seine Füße den gestampften Boden berührten und er sich mit zusammengekniffenen Augen im flackernden Lichtschein umsah, wurde Adán klar, dass es hier keine kostbaren Waren mehr gab. Auch dieser Raum war von den Söldnern entdeckt und bis auf den letzten Krümel geplündert worden. Immerhin hatten sie sich hier nicht erleichtert. Aber das nutzte ihm reichlich wenig. Bittere Galle stieg in ihm auf und reizte seinen ohnehin schon rebellierenden Magen so sehr, dass es schmerzte. Wut und Enttäuschung ließen ihn aufstöhnen, frustriert trat er mehrmals und mit aller Gewalt gegen eines der leergeräumten Regale, so dass es schwankte und mit ohrenbetäubendem Getöse in sich zusammenfiel.

Er wandte sich schon wieder der Leiter zu, als er aus dem Augenwinkel etwas auffing, das ihn sich wieder umwenden ließ. Er hatte sich nicht getäuscht. Die zuckenden Schatten der Talgflamme huschten über eine auffällige, dunklere Stelle in der Wand, die das Regal zuvor verborgen hatte. Er trat näher und sein Herz machte einen Sprung, denn was er hier vor sich hatte, war nichts anderes als eine kleine, hüfthohe Pforte, verschlossen mit einer Tür aus schweren schwarzen Eichenbohlen. Schloss und Riegel waren offen. Sollte er auch hier zu spät gekommen sein? Mit klopfendem Herzen ging er zu Boden und kroch durch die niedrige Öffnung, bei seiner Körpergröße kein leichtes Unterfangen. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, wobei er den Kopf einziehen musste, schloss er für einen Moment die Augen, um sich gegen eine weitere Niederlage zu wappnen. Und atmete erleichtert auf, als er sie wieder öffnete. Der Raum barg eine Unmenge von Fässern, ordentlich gestapelten Kisten und vollen Säcken. Er hätte es wissen müssen! Der Wirt dieses Hauses wäre kein guter Geschäftsmann gewesen, wenn er nicht wenigstens einen Teil seiner Schätze vor Marodeuren oder auch den Pressreitern der eigenen Truppen zu schützen gewusst hätte.

Schnell stellte Adán das Licht auf eine Kiste und machte sich händereibend daran, seine Beute zu inspizieren. Das erste Fass, das er öffnete, enthielt gesalzenen Fisch. Das war besser als nichts, doch beschloss er weiterzusuchen, ob sich nicht doch noch etwas Schmackhafteres fand. Er versuchte es mit einer der Kisten und das Wasser lief ihm im Mund zusammen als er feststellte, dass sie einen großen, sorgfältig in Sägemehl gebetteten, geräucherten Schinken enthielt. Das war schon eher nach seinem Geschmack! Während er seinen Dolch zückte und sich eine große Scheibe von der Keule abschnitt, musste er unwillkürlich an Alia denken. Er sah förmlich ihr entsetztes Gesicht vor sich. Flüche und Tiraden hätte sie ihm an den Kopf geworfen, wenn sie hätte sehen können, dass er gerade im Begriff war, seine Zähne in ein Stück Schweinefleisch zu schlagen.

Doch Alia war ebensowenig seine Mutter gewesen, wie er ein Morisco war. Also war es gleich. Alles war gleich.

Er schlang die bittere Erinnerung zusammen mit einem halb gekauten Bissen des salzigen Schinkens herunter und durchforstete weiter die Vorräte, auf der Suche nach dem bewährten Mittel, das ihm dabei helfen würde, zu vergessen. Es half immer, wenn man nur genug davon zu sich nahm.

Es dauerte nicht lange, und er wurde fündig. Mit dem Dolchgriff schlug er das Spundloch eines Fässchens ein und stellte erfreut fest, dass die Flüssigkeit darin nicht etwa Essig, sondern genau das war, wonach ihm jetzt der Sinn stand. Einen Krug gab es hier unten nicht, wohl aber einen Zapfhahn und nachdem er diesen in das Spundloch geschlagen hatte, legte er das Fässchen auf die Seite, drehte den Hahn auf und hielt einfach den geöffneten Mund darunter.

Der Wein war schwer und herb, fast bitter rann er über seine Zunge, doch er erfüllte seinen Zweck. Adán trank in großen Schlucken und freute sich schon auf den Moment, in dem der Weingeist langsam seinen Verstand einhüllen würde, ein äußerst willkommenes Gefühl. Doch er durfte sich noch nicht vollends betrinken. Erst musste das Pferd versorgt und versteckt werden. Gute Pferde waren rar und begehrt in diesen Zeiten, und er konnte es sich nicht leisten, dass ihm der Gaul einging oder abhanden kam.

Dennoch beschloss er, sich ein paar Augenblicke lang auszuruhen. also nahm er sich noch ein großes Stück von dem Schinken, schob ein paar Kisten zusammen und streckte sich genüsslich darauf aus. Ein Moment der Ruhe würde helfen, seine nächsten Schritte abzuwägen. Dieser Fund kam ihm sehr zupass. Mit all den Vorräten würde es sich hier einige Zeitlang aushalten lassen. Und wenn er weiterzog, konnte er einen Gutteil der Waren gewinnträchtig verkaufen. Doch mit dem Weiterziehen hatte er es nicht eilig. Er war restlos erschöpft. Die Einheit kaiserlicher Schützen, der er sich angeschlossen hatte, war fast komplett aufgerieben worden. Nicht nur die Schweden hatten ihnen zugesetzt, sondern auch diese verdammte Krankheit. Irgendwo auf ihrem Weg hatten sie sich die Rote Ruhr eingehandelt. Die Männer waren gestorben wie die Fliegen, und der klägliche Rest war in ein Scharmützel geraten. Er selbst war ziemlich übel zugerichtet worden, doch mittlerweile hatte er sich davon erholt, auch wenn ihm die Schulterwunde immer noch zu schaffen machte. Vermutlich steckte noch eine Musketenkugel darin.

Ohne Soldvertrag hatte er keinen Herren und war niemandem verpflichtet, der ihn nicht unmittelbar bezahlte. Er konnte gehen, wohin es ihm beliebte, ja, er hätte seine Dienste sogar den Schweden anbieten können. Aber da er diesen schon so viele, bittere Verluste beigebracht hatte, wollten die ihn vermutlich lieber tot sehen. Und sterben wollte er nicht. Noch nicht. Nicht bevor er einen der Anderen gefunden hatte, irgendjemanden, der ihm sagen konnte, wie man wieder zurück gelangte. Denn er musste zurück, um es ein für alle Mal zu beenden. Auch wenn er nicht die geringste Ahnung hatte, wie er das bewerkstelligen sollte.

 

Der Gedanke machte ihn unzufrieden und er erhob sich. Er sehnte sich danach, sich volllaufen zu lassen, aber das Pferd wartete. Er war schon auf halbem Weg zur Leiter, als ihn ein Geräusch zusammenfahren ließ. Seine Hand fuhr unwillkürlich zum Griff des Rapiers, während er ansonsten keinen Muskel im Leib rührte und angestrengt lauschte. Eine ganze Weile lang war nichts mehr zu hören, er glaubte schon, dass ihn der Wein bereits mehr benebelt hatte als gedacht. Doch, da! Wieder ertönte das Geräusch, diesmal lauter und länger. Ein klägliches Wimmern klang aus der Dunkelheit, jenseits eines Kistenstapels in der gegenüberliegenden Ecke.

Adán zog jetzt sein Rapier und sprang entschlossen vor. Ganz gleich, wer oder was sich dort verbarg, er würde ihm keine Gelegenheit geben, ihn zu …

Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn fast zurückprallen. Das Licht erreichte diese Ecke nur schwach, aber die junge Frau, die sich flach und stoßweise atmend an die Wand hinter ihr presste, und das wimmernde, halbnackte Bündel in ihrem Arm ließen keinen Zweifel daran aufkommen, was hier geschehen war.

Adán steckte das Rapier zurück, holte eilig das Talglicht von der Kiste und kauerte sich damit neben Mutter und Kind, die beide mehr tot als lebendig schienen. Irgendjemand musste die Hochschwangere hier vor den Söldnern versteckt haben. Nur hatten diese Dummköpfe nicht bedacht, dass das Regal, was die Tür vor den Marodeuren verborgen hatte, das Mädchen auch daran gehindert haben musste, den Raum wieder zu verlassen. Nun waren sie tot und hatten die junge Mutter, die ihr Kind hier unten ganz allein entbunden haben musste, dem grausamen Schicksal überlassen, lebendig eingemauert zu sein.

Doch auch jetzt, da er hier war, war die Frau vermutlich nicht mehr zu retten. Sie glühte vor Fieber, und die riesige Lache kaum getrockneten Blutes, in der sie lag, ließ nichts Gutes erahnen.

Sie blinzelte ihn nun aus glasigen Augen an und merkwürdigerweise wich der entsetzte Ausdruck auf ihrem Gesicht langsam einem glücklichen Lächeln.

„Ihr seid es“, flüsterte sie atemlos. „Bei Gott, heilige Jungfrau Maria, ich danke dir! Du hast mich erhört! Er ist es! Oh, Geliebter! Ihr seid zu mir zurückgekehrt!“

Adáns Nackenhärchen richteten sich auf. Was redete sie da? Geliebter? Er war sich sicher, die Frau nicht zu kennen. Wahrscheinlich fantasierte sie, oder verwechselte ihn mit jemandem. In diesen Zeiten sahen die Söldner alle gleich aus. Alle trugen sie die gleichen Waffen, die gleichen, blutbefleckten Wämser, alle waren sie gleich verdreckt, ausgezehrt, bärtig und abgekämpft.

Er beschloss, dass es gleichgültig war. Sie würde sterben. Also widersprach er ihr nicht. Zustimmen wollte er aber auch nicht, so sagte er nur: „Du hast Fieber, Frau.“

„Ja.“ Sie nickte schwach. „Ich weiß.“ Der Schrecken kehrte in ihr Gesicht zurück und sie griff schnell nach seinem Arm. „Aber das ist nicht ansteckend! Ihr dürft nicht gehen. Bitte, verlasst mich nicht!“

„Schon gut“, erwiderte er matt. „Hab keine Angst, ich werde nicht weggehen.“

„Ich weiß, dass ich sterben werde“, wisperte die junge Frau. „Es hat mich zerrissen, ich spüre es. Mein Kind, mein Alles … Ich liebe es so sehr …“ Sie hustete, das Sprechen schien ihr immer schwerer zu fallen, und doch wurde ihre Stimme so eindringlich, dass sie Adán einen Schauer über den Rücken jagte. „Ihr müsst es nehmen. Es ist Euer! Versprecht mir, dass Ihr Euch darum kümmern werdet!“

Adán schluckte. „Ja“, überwand er sich zu sagen. „Ich verspreche es dir.“ Es würde nicht nötig werden, dieses Versprechen zu halten, das Kind, das an ihrer Brust schlief, wirkte schwach. Es würde seine Mutter nicht lange überleben, dessen war er sich gewiss. Doch er brachte es nicht übers Herz, ihr das zu sagen. Erschöpft schloss sie die Augen. „Gut“, flüsterte sie selig. „Das ist gut.“

 

Nur wenig später verströmte sie ihren letzten Atemzug.

Adán wartete eine Weile, bis er ganz sicher war, dass sie nicht wieder zu sich kommen würde. Schließlich löste er ihre Arme von dem Säugling, den sie immer noch umschlungen hielt. Das Kind schlief, aber es regte sich ein wenig und machte leise glucksende Geräusche dabei. Vorsichtig drehte er es mit einer Hand auf den Rücken, während seine andere zum Heft seines Dolches wanderte. Dort blieb sie unschlüssig liegen.

Es wäre besser so, ein Akt der Gnade. Ohne seine Mutter würde das Kind einen qualvollen und langsamen Tod sterben. Und er konnte nicht für den Säugling sorgen, selbst wenn er es gewollt hätte. Vermutlich hatte die junge Frau dies selbst gewusst, als sie ihm das Versprechen abrang. Doch wer hätte ihr verübeln können, dass sie es wenigstens versucht hatte. Der Dolch glitt aus der Scheide, fast lautlos, und doch war es Adán, als dröhnte das Geräusch hier in der Stille dieses Kellers wie der Marschtritt einer Hundertschaft. Er legte die Hand auf den kleinen Kopf, um die Kehle etwas zu strecken und erlaubte sich nicht, den weichen Haarflaum wahrzunehmen, der seine schwielige Hand streifte.

In diesem Moment öffnete das Kind die Augen.

Adán zog so scharf die Luft ein, dass er sich fast verschluckt hätte. Es war ihm, als hätte jemand einen Hammer auf seinen Schädel herunterkrachen lassen. In seinen Ohren begann es zu rauschen und vor seinen Augen tanzten helle Flecken. Nach Atem ringend, sprang er auf, wich zurück, taumelte. Er schüttelte den Kopf, um sich von der Übelkeit zu befreien, die seine Eingeweide abzuschnüren drohte.

Das Licht, dachte er, das Licht spielt mir einen üblen Streich. Doch er wusste, dass dem nicht so war. Selbst die hellste Flamme hätte nichts ändern können an den Augen, die ihn nun direkt ansahen. Augen in einer Farbe, wie sie kein Mensch auf Erden hatte. Unwirklich glänzten sie ihm entgegen, irisierend in allen Farben dieser Welt, grün, blau, gelb, rot, violett, und mit jedem Atemzug des Kindes änderten sie sich, in fortwährend schimmerndem Farbenspiel.

Es waren Augen, die den Menschen Angst machten. Los Ojos del Diablo hatten die Spanier sie genannt. Die Augen des Teufels.

Seine Augen.

Nein. Nein das ist nicht möglich, rief er sich verzweifelt zur Vernunft, als er sich langsam wieder auf die Knie sinken ließ. Vielleicht war das Kind ja von einem der Anderen? Aber, selbst wenn, wie konnte das sein? Er beugte sich über die Tote und versuchte ihren Geruch aufzunehmen. Da war nichts. Sie war keine Kompatible! Er hätte es riechen müssen, unweigerlich, doch er nahm nicht das Geringste wahr. Der unmissverständliche Duft entging ihm niemals. Oder etwa doch?

Als die Erkenntnis zu ihm durchdrang, hätte er sich schlagen können.

Der Wein! Es war ihm schon so lange gleichgültig, dass er fast ganz vergessen hatte, was Sie ihnen immer und immer wieder eingebläut hatten. Keinen Alkohol. Nur wenig davon, und ihre Sinne setzten für Stunden aus. Abgesehen von der Amnesie, die größere Mengen davon bei vielen von ihnen verursachen konnte.

Doch er erinnerte sich. Er brauchte nicht ein weiteres Mal in die erschlafften Gesichtszüge der toten Frau zu sehen, um sich die Nacht vor gut neun Monaten ins Gedächtnis zu rufen. Zwanzig Tage hatte er im Sattel zugebracht, und dieses Gasthaus war ihm wie das Paradies erschienen, an das er nicht mehr glaubte. Er erinnerte sich an das heiße Bad, an die Unmengen von schwerem, süßen Wein, an die warme, weiche Schankmagd in seinem Bett, deren Lippen noch tausendmal süßer gewesen waren.

Ihr seid zu mir zurückgekommen, Geliebter.

Nein, dies war nicht der Spross eines der Anderen. Durch seine Adern floss sein Blut, und der Fluch der auf ihm lastete, gleich mit ihm.

Vorsichtig nahm er das kleine Bündel in die Arme und hielt es näher ans Licht. Behutsam strich er mit dem Finger über die Flanke des Säuglings. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Was sollte er nur tun? Würde die Tatsache, dass es sein Kind war, überhaupt etwas ändern? Wäre es nicht immer noch besser, wenn es starb?

Das Neugeborene strampelte und quengelte und die Lumpen, die seine Mutter ihm als notdürftige Windel umgelegt hatte, verrutschten dabei. Adán versuchte unbeholfen, sie wieder an ihren Platz zu bringen, doch da lösten sie sich vollends und entblößten den kleinen Körper zur Gänze.

Sein erschrockenes Aufstöhnen hallte von den kalten Wänden zurück, als wollte es ihn verhöhnen.

Wenn er geglaubt hatte, der Schock, den er vor wenigen Augenblicken erlebt hatte, hätte nicht schlimmer sein können, wurde er jetzt eines besseren belehrt.

Das Kind war ein Mädchen.

Ein Mädchen!

Das war ganz und gar unmöglich! Seinesgleichen konnte keine Mädchen zeugen. Niemals! Adáns Herz begann wie wild gegen sein Brustbein zu hämmern. Was hier in seinen Armen lag, war mehr als nur ein Kind. Es war ein Wunder, und doch noch mehr als das.

Es war der Tod.

Langsam hob er den Dolch.

Comments

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    Vielen Dank! :)

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    Mag ich jetzt schon! Der erste Schnipsel auf FB hat sich schon Mega angehört! ;)

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