Kapitel 1 - Halluzinationen?

Die braunen, ledernen Zügel lagen ihr locker in der Hand, als das junge Mädchen mit ihrer Stute Epona den Pfad entlanggaloppierte, den sie mittlerweile schon auswendig kannte. Die Grüntöne der Bäume um sie herum verschwammen zu einem Ganzen, und sie schwebte förmlich über dem Boden, so schnell ritten die beiden. Der dabei entstehende Wind strich ihr die Haare aus dem Gesicht und hinterließ eine wohltuende Kühle auf der Haut. Der Pfad führte zu ihrem Lieblingsplatz, dem großen See. Epona sprang gerade über ein mitten im Weg liegenden, wahrscheinlich vom Sturm letzte Nacht umgefallenen Baum, als sie die Lichtung, die zum See führte, erreichten. Die Sonne schien hell vom Zenit auf die beiden herab und eine leichte Sommerbrise ließ des Mädchens rabenschwarze Haare sachte im Wind umherwehen. Sie genoss die wärmenden Strahlen und schloss für einen Moment die Augen. Die Luft roch nach den Gänseblümchen, die diese Lichtung so hell und freundlich wirken ließen und das leise Krächzen von Raben und das Zwitschern von Spatzen war zu hören. Das leise Rascheln der Blätter ließ eine entspannte und befreiende Atmosphäre entstehen, sodass sie sich, wie jedes Mal, wenn sie ausritt, frei fühlte, so als würde ihr der Wald und die friedliche Stille die Sorgen um ihr Herz und die Last auf ihren Schultern abnehmen.


Epona galoppierte auf den See zu, der sich wie ein blaues, glitzerndes Band am Rande der Lichtung durch die Reihen der Eichen und Buchen schlängelte. Mit einem "Brrrrrr, Epona" hielt sie ihre braune Stute dazu an, stehenzubleiben. Langsam rutschte das Mädchen von dem schwarzen Sattel und ließ ihr Pferd in der Lichtung umhertraben und grasen, während sie sich an den ruhigen See setzte und verträumt in das schon fast unbewegte Wasser starrte. Mit den Händen fuhr sie durch das weiche Gras und seufzte.

Sie brauchte diesen Abstand jetzt dringend, es war wieder einmal Zeit. Ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, benahmen sich seit ihrem 17. Geburtstag so merkwürdig, sie hatte es Zuhause einfach nicht mehr ausgehalten. Nicht nur, dass man ihr den Umgang mit ihrer besten Freundin Leslie verbieten wollte, ihre Mutter wollte sie auch noch im Anwesen einsperren. Leslie und Fae waren schon seit der Grundschule befreundet und auch wenn der Gedanke an die Bibliothek nicht mal so unschön war, sie las sehr gerne, so wollte sie dort nicht ständig sein. Sie schüttelte den Kopf, so als würde sie so den schrecklichen Gedanken, auf ewig in dem riesigen Anwesen eingesperrt zu sein, loswerden. Allerdings half das nicht. Warum nur war ihre Mutter so? Was hatte sie denn getan, dass sie so bestraft wurde? Und vor allem: Was hatte Leslie getan? Sie war doch immer zu den abgesprochenen Zeiten Zuhause gewesen, hatte sich nicht in den Bars an der Nähe des Peers rumgetrieben und war auch von dem verlassenen Gelände im Morwick High East End weg geblieben. Und auch mit Jungs hatte sie sich immer zurückgehalten. Bis auf Lucien. Er war der erste und gleichzeitig auch letzte, mit dem sie mal etwas hatte. Was es war, wusste sie noch immer nicht und ihre Mutter war so gar nicht erfreut gewesen. Dabei war sie mit ihm so glücklich gewesen und vor allem hatte sie sich lebendig gefühlt. Und dann hatte Sarah es herausgefunden. Sie hatte sie fassungslos angeschaut, hatte mit ihrem Finger vor ihrem Gesicht rumgewedelt und ihr irgendeine Predigt gehalten. Aber Fae hatte schon nicht mehr zugehört. Sie war geschockt, dass ihre Mutter ihr fast alles nahm, was sie glücklich machte und was ihr lieb war. Es glich einem Wunder, dass sie Epona noch hatte. Wie aufs Stichwort schnaubte das Pferd und trabte auf sie zu. Sie verstand nicht wie ihre Mutter so sein konnte. Hatte sie Stress mit Faes Vater? Oder war es die Arbeit? Sarah arbeitete nämlich bei der Filmproduktion von Fantasyfilmen, „Underworld Movie Production“, denen sie teils auch als Schauspielerin diente. Aber das hielt die energische und starke Frau nicht davon ab, genug Zeit für Fae übrigzuhaben.

Die schwarzhaarige wusste einfach nicht, woran es lag, es gab keine logische Erklärung.
Epona rieb ihre kalte und feuchte Nase an ihrer Schulter und Fae dreht sich lächelnd um, schlang ihre Arme um den Hals des Pferdes und lehnte sich an sie. Sie war ihr einziger Halt, den sie jetzt noch hatte.

Vielleicht sollte sie nicht so streng mit ihrer Mutter sein. Sie war es, die sie aufgenommen hatte, als sie auf der Straße ausgesetzt wurde. Es hatte geregnet und sie hatte vor ihrer Tür gelegen. Sarah meinte, sie hätte auch geschrien, wodurch sie erst aufmerksam geworden war und das kleine Kind entdeckt hatte. Sie hatte es ins Haus geholt und in die Familie aufgenommen, die aus ihr, ihrem Mann und dem Hund bestand, den sie letztes Jahr einschläfern lassen mussten, weil er zu krank war, als dass es fair gewesen wäre, ihn so leiden zu lassen. Bei dem Gedanken an Pelli bildete sich ein Kloß in ihrem Hals und sie musste sich anstrengen, um nicht anzufangen zu weinen. Es war das richtige gewesen, das wusste sie. Trotzdem vermisste sie ihn von Zeit zu Zeit noch sehr.

„Na, meine Hübsche… Wollen wir wieder zurück?“, wandte sich Fae nun an ihr Pferd. Sie hatte diese kurze Auszeit gebraucht, aber sie wusste, würde sie lange wegbleiben, würde Sarah wieder sauer werden. Und ganz gleich, was ihre Mutter gerade durchmachte – Fae hatte sie trotzdem noch lieb. Als Antwort wedelte Epona nur mit ihrem Schweif und wieherte leise. Das hieß allerdings nicht, dass sie sich auch alles gefallen lassen musste.

Fae grinste. „Ist ja schon gut, wie gehen ja schon!“, sagte sie dann lachend, als sie sich aufraffte. Noch während sie auf ihr Pferd stieg, war sie sich sicher, dass diese Phase, die ihre Mutter durchmachte, schon bald zuende sein würde. Sie hoffte es zumindest.

Sie gab ihrem Pferd die Sporen und schon galoppierte es den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren. Das Gras unter ihren Hufen flog mitsamt Erde zu allen Seiten weg, als darüber her preschten. Sie beugte sich nach vorne, als der Baumstamm immer näher kam und brachte sich in eine Sprunghaltung. Über den Stamm hinüberfliegend lachte das Mädchen fröhlich und ausgelassen. Es war, als würden sie nie den Boden berühren, als würden sie fliegen. Genauso fühlte es sich an – wie fliegen. Ihre Haare wehten ihr ins Gesicht und sie versuchte erst gar nicht, diese Strähnen wieder hinter ihr Ohr zu streichen, es würde eh nichts bringen, das musste sie schon lernen. Als sie aus dem Wald hinaus ins offene Dorf ritt, hielten die Dorfbewohner mit dem, was sie gerade taten inne und sahen ihr hinter her. Unter den Bewohnern war sie allen als „Blacklady“ bekannt, denn wenn sie an ihnen vorbeiritt, war nur noch eine dunkle schemenhafte Gestalt zu erkennen.

Zuhause angekommen, wartete auch schon Sarah im Stall, auf den Heuballen sitzend, auf sie, mit zusammengekniffenen Lippen und vorwurfsvollem Blick.

Fae seufzte. Sie stieg von Eponas Rücken und führte sie in ihre Box. Sie wusste, was jetzt kommen würde – die Predigt.

„Wo warst du nur, Fae? Ich hatte dir doch gesagt, du sollst hierbleiben und nicht mehr hinausgehen!“ Sie verschränkte anklagend ihre Arme vor der Brust und redete einfach weiter, ohne sich dafür zu interessieren, ob ihre Tochter überhaupt zuhörte.

„Was ist nur los mit dir? Ich kenne dich so gar nicht. Erst brennst du mit diesem Jungen durch und dann verschwindest du einfach und widersetzt dich mir wiederholt. Hast du irgendwelche Probleme? Musst du mir was erzählen? Sprich doch mit mir, Fae!“ Sie seufzte theatralisch, etwas, das sie besonders gut konnte und das Fae meist dazu brachte, klein beizugeben. Heute allerdings würde sie dies diesmal nicht tun. Also sattelte sie Epona ab, ohne darauf zu reagieren. Auch wenn sie es schon ein wenig anmaßend fand, dass Sarah dachte, sie würde Drogen konsumieren oder sonst irgendwelche Probleme haben. Sie war nicht so ein Mädchen, das mit irgendwelchen gefährlichen Jungs aus ihrer Nachbarschaft abhing und sich auf Alkohol, Drogen und Partys einließ. Sie verdrehte die Augen, doch ihre Mutter schien das gar nicht mitzubekommen. Anscheinend hatte sie sich jetzt in Rage geredet und konnte nicht mehr aufhören. Fae hatte Epona gerade abgesattelt und strich ihr zärtlich über den Rücken.

„Wir kriegen das alles wieder hin, Fae. Falls du mir endlich sagst, was los ist. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was dein Problem ist. Du musst mit mir reden. Wenn es der Alkohol ist – das bekommen wir wieder hin, auch Drogen kann man regeln.“ Sarah kam auf sie zu, während sie das Wasser wechseln wollte und stellte sich ihr in den Weg. Fae blieb genervt stehen und sah ihre Mutter mit erhobener Braue an.

„Sieh‘ mich nicht so an, Fae. Du weißt ganz genau, dass ich mir nur Sorgen um dich mache.“ Nicht wissend, was sie machen sollte, stand ihre Mutter nun von einem Fuß auf den anderen tretend vor ihr.

„Mum, es ist nicht so, dass du dir keine Sorgen machen darfst. Aber seit meinem Geburtstag tust du so, als sei ich in größter Gefahr und wäre kurz davor, mich umzubringen. Ich weiß nicht, was du gegen Lucien oder Leslie hast oder hattest, aber das war echt uncool. Und mir dann zu sagen, dass du mich hier festhalten willst, als sei ich psychisch gestört und eine Gefahr für alle, geht echt zu weit. Ich meine, was hat Leslie getan? Nichts! Was hat Lucien getan? Auch nichts! Und du verbietest mir den Umgang mit ihnen und jetzt willst du mich auch noch komplett von der Außenwelt abschneiden? Was ist los, verdammt? Ich habe echt vollstes Verständnis dafür, wenn du Stress mit Papa oder auf der Arbeit hast, aber bitte lass mich da raus. Und vor allem: Häng mir keinen Drogen- oder Alkoholmissbrauch an!“ Fae hatte die Nase voll. Auch wenn sie vorhin noch gedacht hatte, dass es an ihrem Stress lag, so war sie sich jetzt nicht mehr sicher. Kein Stress der Welt konnte jemanden zu solch absurden Behauptungen führen. Sie stellte den halbvollen Behälter mit dem Wasser von heute Morgen mit voller Wucht wieder in die vorgesehene Halterung und stürmte aus dem Stall.

„Fae! Fae, jetzt warte doch mal!“, rief ihre Mutter ihr hinterher, doch Fae wollte nicht mehr reden. Sie wollte nicht mehr diese haltlosen Unterstellungen hören. Aufgebracht rannte sie ins Haus, stürmte hinauf in den zweiten Stock und blieb vor der Doppeltür zur Bibliothek des Anwesens stehen. Die mit gusseisernen Ornamenten verzierte Flügeltür faszinierte sie immer wieder. Sie strahlte etwas Magisches und Nichtirdisches, etwas Altes und sehr machtvolles aus.

Fae konnte sich dieses Gefühl nicht erklären, dass sie jedes Mal überkam. Es war, als würde der riesige Saal sie willkommen heißen. Sie öffnete mit einem Schulterzucken die Tür und ging zielstrebig zu der letzten Bücherreihe, die in dem hell erleuchteten Raum direkt zu erreichen war. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und noch leicht außer Atem blieb sie vor den langen Regalen stehen. Es gab noch ein Buch, dass sie nicht gelesen hatte und das sie interessierte. Und sie musste jetzt lesen, in eine andere Welt abtauchen und alles um sich herum vergessen. Es stand ganz oben im Regal, sodass sie sich den Sessel aus der Ecke holte und drauf stieg. Es war zwar wackelig und ein wenig Angst hatte sie schon, aber sie hielt sich am mittleren Regalboden fest, also konnte ihr ja nichts passieren. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und griff sich das Buch, als es leise klickte. Fae hatte es kaum gehört und sich nichts dabei gedacht, wahrscheinlich knarrte der Stuhl einfach nur aufgrund ihres Gewichtes. Vorsichtig und darauf bedacht, nicht herunter zu fallen und das Gleichgewicht zu verlieren, stieg sie wieder auf den Boden hinab und legte das Buch auf den Sessel, den sie wieder an Ort und Stelle schob. Ein stetiges, immer lauter werdendes Rumpeln ließ sie herumfahren, doch sie sah nichts, die Regale vor ihr versperrten ihr die Sicht. Das Buch nahm sie mit, vielleicht war ja nichts, vielleicht hatte sie sich einfach getäuscht und sie konnte gleich in Ruhe lesen.

Langsam ging sie um das Regal herum, darauf bedacht leise zu sein und nicht aufzufallen. Wer auch immer sich an den Büchern zu schaffen machte, würde gleich etwas erleben können. Niemand vergriff sich an den wertvollen Schätzen, die sich in all den verstaubten und vollgestopften Regalen befanden. Sie versuchte, so leise wie nur möglich zu sein, um nicht aufzufallen. Niemand machte sich unbestraft daran zu schaffen. Im Schutz des nächsten Regales schlich sie sich weiter nach vorne und linste mit rasendem Herzen an der Regalwand vorbei in den Raum, allerdings war niemand zu sehen und auch das Rumpeln hatte jetzt aufgehört. Sich jetzt wieder etwas sicherer fühlend, wagte sie es, den Rest ungeschützt entlang zu ihrer Lieblingsstelle zu gehen. Doch ihr Herz klopfte noch immer aufgeregt. Auf dem Weg dorthin hielt sie sich das Buch vor die Nase und blies die dicke Staubschicht, die seit Jahren nicht entfernt wurde, weg und hustete kurz, als sie selber den alten Staub einatmete. Sie wischte die Überreste der Staubknäuel schnell weg und las dann den Titel, denn sie jetzt richtig sehen konnte: „Von Magie und anderen Welten“. Leider konnte sie keinen Autorennamen finden, der ihr Aufschluss darüber geben könnte, ob das Buch lesenswert war oder nicht. Sie kannte viele Autoren und wusste, dass Überschriften oft täuschen konnten. Manchmal versteckte sich dahinter etwas ganz anderes, als erwartet. Sie kam an der Stelle vorbei, wo das Regal stand von dem sie das Buch hatte und blieb verwirrt stehen. Vorhin war da diese Wand noch nicht gewesen, die sich jetzt an der Stelle des Regales befand. Das Buch noch immer in den Händen ging sie neugierig und dennoch zögerlich darauf zu. Was war nur passiert? Kam daher das unheimliche Rumoren vorhin? Die Ornamente auf der Wand waren merkwürdig vertraut und dennoch fremd für Fae, sie konnte das Gefühl, das sie hatte, als sie diese Muster betrachtete, nicht beschreiben. Wer hatte das Regal bei Seite geschoben? Ängstlich sah sie sich um, doch sie konnte nichts entdecken.

Schlussendlich doch neugierig fuhr sie zögerlich mit dem Finger über die Linien und hielt in der Mitte verwundert inne, als sie einen kleinen Edelstein in Dreiecksform fand. Fasziniert berührte sie den rot glänzenden Stein, als dieser dabei plötzlich hell aufleuchtete und die Wand durchsichtig wurde und ein flimmernder Durchgangsichtbar wurde. Erschrocken wich sie zurück, konnte aber den Blick nicht abwenden. Was war da grade passiert? War das alles nur ein Traum? Das konnte doch nicht real sein! Sie zwickte sich selbst in den Arm, nur um festzustellen, dass sie nicht träumte, sondern hellwach war. Der weitläufige Raum hinter dem Durchgang war nur schwach erkennbar und Fae beugte sich mit gerunzelter Stirn nach vorne. Was war das für ein Raum? Oder war das vielleicht gar kein Raum? Hatte sie schon Halluzinationen? Wollte ihr Unterbewusstsein sie nur verarschen? Nicht sicher, ob sie sich wagen sollte, dadurch zu gehen, holte sie wieder den Sessel und stellte das Buch zurück, in der Hoffnung, dass der Durchgang dadurch wieder verschwand, passte aber auf, ja nicht an das flimmernde Etwas zu kommen. Kaum hatte das Buch wieder an seiner ursprünglichen Stelle gestanden, wurde der Durchgang wieder zur Wand und das Regal schob sich davor. Woher sie wusste, dass sie das Buch nur wieder zurückstellen musste, wusste sie nicht. Erschrocken sprang sie vom alten Sessel, den das Mädchen stehen ließ, wo er war und aus der Bibliothek flüchtete.

Was da passiert war, konnte sie sich nicht erklären, so etwas war doch unmöglich. Das war nicht echt, es musste eine Einbildung gewesen sein, ein Streich ihrer überlasteten Nerven. Sie brauchte einfach frische Luft und heute Abend nach dem Essen sollte es wieder gehen. Zufrieden mit sich selbst, ging Fae in die Küche zu Luisa, der Köchin, mit der sie immer reden konnte, oder der sie einfach beim Kochen half, wenn sie etwas Zeit brauchte. Luisa begrüßte sie mit einer herzlichen Umarmung und mit der Erklärung, ihr gleich zu helfen, ging Fae kurz auf die Terrasse.

Genießerisch schloss sie die Augen und nahm die natürliche Stille in sich auf. Das geschäftige Geklapper Luisas ab und an störte sie nicht. Sie legte sich in das warme Gras und ließ sich treiben, von dem Wind der ihr um die Knöchel strich, der sie bei ihren Gedankengängen begleitete und ihr neuen Aufschwung gab. Als sie in den Himmel sah und die wenigen Wolken betrachtete, fiel ihr eine ganz besonders auf. Verwundert kniff sie die Augen zusammen und hielt sich die linke Hand vor Augen, um sich vor der Sonne abzuschirmen, die ihr ins Gesicht schien. Diese eine Wolke hatte die Form eines Drachen. Eines fallenden Drachens, um genau zu sein. Als sie erstaunt blinzelte und wieder dorthin sah, war dort nur eine unförmige weiße Wolke zu sehen, die nichts mit einem Drachen ähnlich hatte. Enttäuscht aber erleichtert musste sie lachen. Natürlich konnte das kein Drache sein, sie hatte einfach zu viele Märchen- und Fantasy-Bücher gelesen und eine blühende Fantasie. Sie sank gerade wieder ins Gras zurück, welches ihr leicht in den Nacken pikste, da sie ungünstig lag, als sie von Luisa reingerufen wurde.

„Fae? Zeit zum Essen, Liebes!“ Luisa war Mitte 50 und eine liebe Frau, eine teilweise bessere Mutter in letzter Zeit, als es ihre richtige Mutter war. Sie hatte hier angefangen, kurz nach dem Fae in die Schule kam. Sie war für das Mädchen nicht nur eine Köchin, sondern auch eine Freundin, eine Mutter, ein Teil der Familie.

„Ich komme, Lu!“, rief sie träge. Sie wollte ihrer Mutter noch nicht wieder entgegentreten, sie war noch nicht bereit für ein weiteres anstrengendes Gespräch. Aber ihr knurrender Magen hatte da andere Pläne, als sie an das leckere Essen dachte, das Luisa immer fabrizierte.

Die Stimmung im Esszimmer war drückend. Der Raum war zwar hell erleuchtet, dadurch, dass die schweren Samtvorhänge zur Seite geschoben wurden und doch trug das warme Licht der abendlichen Sonne nichts dazu bei, dass die Atmosphäre besser wurde.

„Ich habe gehört, du bist heute ausgeritten?“, fragte sie ihr Vater. Sie sah ihn selten und es war sonst immer schön gewesen, doch jetzt konnte sie sich nicht einmal über seine frühzeitige Rückkehr freuen. Geplant war, dass er erst nächste Woche kam. Vorwurfsvoll sah sie zu ihrer Mutter, ihr Blick sprach Bände: Warum hast du mir nichts davon erzählt, dass Papa so früh wiederkommt? Sie zuckte nur mit den Schultern und aß leise weiter. Ihr Vater, Bernhard, sah sie neugierig und abwartend an. Sie seufzte und legte die Gabel auf die Seite. Bevor sie etwas sagen konnte, unterbrach er sie auch schon, schluckte gerade den Bissen herunter, den er sich genommen hatte und hustete kurz.
„Iss ruhig weiter, Kind“, sprach er zu ihr, nickte auf den Teller und lächelte sie an.

Nun gut, dachte sie sich, pikste ein Stück Kartoffel auf und fing an zu erzählen.
„Naja, ich war tatsächlich mit Epona aus, allerdings nur um einen klaren Kopf zu bekommen, Mum will, dass ich erst mal hier bleibe, ich darf nicht raus!“ Theatralisch beugte sie sich nach vorne und sah ihrem Vater eindringlich in die Augen.

„Ich darf nicht raus!“, wiederholte sie energisch. Ihr Vater jedoch aß entspannt weiter und zeigte keinerlei Anzeichen von Entrüstung oder Empörung. Er hatte es gewusst, schoss es ihr durch den Kopf. Er musste es gewusst haben, sonst würde er nicht so seelenruhig weiteressen.

Fae ließ sich nach hinten fallen. Fassungslos starrte sie ihre Eltern an. Das beide der Annahme waren, sie hier festhalten zu müssen, konnte sie nicht nachvollziehen.

„Ist das euer verdammter Ernst? Du auch Papa? Ich dachte, dass wenigstens du mich verstehst und auf meiner Seite stehst!“ Wütend knallte sie das Besteck auf den noch halbvollen Teller und die Soße spritze auf. Sarah und Bernhard hielten während dem Kauen inne und sahen sie geschockt an. Noch nie hatte sie ihnen beiden gegenüber so verhalten. Aber jetzt war das Fass am Überlaufen. Sie hatte immer alles gemacht, was sie wollten – kommentarlos. Und dafür sollte sie eingesperrt werden? Das konnte ja nicht deren ernst sein!

„Ich lasse das garantiert nicht mit mir machen, darauf könnt ihr wetten!“ Damit stürmte sie aufgebracht aus dem Raum und ließ ihre sprachlosen Eltern zurück. Im geräumigen und mit allerhand Möbeln vollgestellten Flur blieb sie stehen und lauschte dem Gespräch ihrer Eltern, das sie nur noch leise vernahm.

„Du musst es ihr sagen, Sar. Ihr Temperament geht schon mit ihr durch, es dauert nicht lange, bis sie es selbst herausfindet“, sprach ihr Vater eindringlich auf ihre Mutter ein. Sie antwortete etwas, aber so leise, dass es für Fae unmöglich war, zu verstehen, was es war.
„Natürlich ist sie bereit, Schatz. Du bist es nicht, aber du musst es ihr sagen.“

Schon wieder. Was sollten sie ihr denn sagen? Worum ging es da? Und was meinte er mit Temperament? Dass sie sauer war, war doch wohl klar, bei dem was die beiden mit ihr vorhatten.

„Wir können sie nicht schützen, wenn sie ahnungslos ist“, erklärte Bernhard. Wovor beschützen? Vor dem Leben? Vor Freunden? Oder vor der Liebe? Aber warum davor beschützen? Vor allem wusste sie doch darüber Bescheid, also was war deren Problem?

Wütend stapfte sie die Treppen zur Bibliothek hinauf und ließ sich in dem abgedunkelten Raum nieder. Sie dachte an das Buch kurz vor dem Essen, das sie hatte lesen wollen. Vielleicht half das jetzt, sie ein wenig zu beruhigen. Den Vorfall mit der Wand hatte sie schon wieder vergessen und verdrängt. Als stand sie ungelenk wieder von dem kalten Boden auf und ging auf den Sessel zu, den sie vorhin ja da stehen gelassen hatte, um das Buch zu holen. Kaum hatte sie es herausgezogen, fuhr das Regal langsam zur Seite und gab wieder den Blick auf die steinerne, graue Wand frei. Erschrocken taumelte sie auf der unebenen Sitzfläche und fiel gegen die Wand, die Hand unbewusst auf den Edelstein gepresst. Sie versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden, als der Stein unter ihren Fingern plötzlich nachgab und sie in eine völlige Schwärze fiel.


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    Ich liebe Räume gar Gebäude, am liebsten jedoch Burgen und Schlösser die sich mit Geheimnissen umwogen. Hier hättest Du gern etwas mehr Gefühl einfliessen lassen dürfen. Hat es auf der Haut gekribbelt? Stiegen ihr die feinen Härchen auf den Armen? Ein zucken der Augenlieder? ... Hach Du weisst was ich meine :)

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