Kapitel 1 - Sehnsucht

Vor dem Fenster wirbelten dicke Flocken und legten sich in einer dichten, weißen Decke auf das weitläufige Gelände des Gestüts.

Luca Summerson sah von seinem Laptop auf und beobachtete das Schneetreiben hinter der Scheibe. Der Dezember hatte gerade erst begonnen und es schneite seit Tagen ununterbrochen. Im Ganzen hatte es den Anschein, dass dieser Winter für England extrem hart werden könnte. Gedanklich völlig abwesend saß der junge Mann da, bis schließlich ein Ruck durch seinen Körper ging und er sich von seinem Schreibtischstuhl erhob. Er schritt hinüber zur Balkontür des Büros und öffnete diese. Die kalte Luft einatmend, trat er hinaus und ließ den Blick über den Hof gleiten.

Der junge Mann hob den Blick und seufzte leise. Wie es wohl jetzt in Transsylvanien aussah? Dort lagen wahrscheinlich immer noch Unmengen an Schnee, wie schon seit Monaten.

Ein weiteres Mal seufzte er und schloss die Augen, während dicke Flocken auf seinem Gesicht landeten, schmolzen und als Wasser über seine Wangen liefen.

Er war ja selbst schuld … warum war er in England geblieben? Warum war er nicht mitgefahren? Welcher Teufel hatte ihn geritten, hier zu bleiben?

Braune Augen schlichen sich in Lucas Gedanken und sein Magen krampfte sich zusammen. Oh Gott, er vermisste Viktor so sehr.


Als Luca den gutaussehenden Mann mit den langen, dunkelbraunen Haaren im Sommer auf dieser Gartenparty kennengelernt hatte, war der Blonde so fasziniert von ihm gewesen, dass er sich auf einen One Night Stand mit ihm eingelassen hatte. Aber es war mehr dahinter gewesen als die Befriedigung sexueller Gelüste. Zumindest für Luca, denn der hatte von der ersten Sekunde an gewusst, dass es nicht nur eine kleine Affäre sein konnte. Und so hatte er Viktor, Graf Viktor Draganesti, den Mann mit den wunderschönen braunen Augen nicht mehr vergessen können.

Sie waren sich nach dieser Feier und ihrer gemeinsamen Nacht immer wieder durch mehr oder weniger große Zufälle über den Weg gelaufen. So hatten sie sich schließlich lieben gelernt und den Sommer und Herbst zusammen verbracht. Als dann der Winter immer näher rückte, hatte Viktor ihn gefragt, ob er, Luca, mit ihm nach Hause kommen wollte.

Dieses Zuhause war ein Schloss in Rumänien, inmitten der Karpaten, wo der Adlige zusammen mit seinem Butler und engstem Vertrauten Sebastian Romanescu lebte, wenn er sich nicht gerade irgendwo anders auf der Welt die Zeit vertrieb.


Luca hatte tagelang überlegt, was er tun sollte und war schließlich zu dem Schluss gekommen, erst seine Ausbildung fertig zu machen. Das bereute er jetzt zutiefst.

Seine Lehre als Grafik-Designer, die er bei seinem Vater begonnen hatte, hatte er vor drei Tagen geschmissen, da er mit seinem Erzeuger immer aneinander geraten war … wegen jeder Kleinigkeit. Sein Dad hatte ihn für alles, was schief lief, versucht verantwortlich zu machen. Irgendwann war Luca die Geduld gerissen und er hatte wutschnaubend das Büro verlassen. Nicht ohne seinem Vater vorher ein »Mach deinen Mist doch allein. Mich siehst du hier nicht mehr wieder.« an den Kopf zu werfen. Der junge Mann hatte ein paar Sachen aus seiner WG in Notting Hill geholt und war anschließend hinaus nach Reading zum Gestüt seines Onkels Alan gefahren.

Von dort aus hatte er seine Mitbewohnerin und beste Freundin Willow angerufen, sie über die Situation aufgeklärt und sie gleichzeitig gebeten, ihm ein paar Tage ganz für sich alleine zu lassen, bis er sich wieder melden würde. Willow, die wusste wie sehr Luca unter der Trennung von Viktor litt, hatte eingewilligt.

Auch Alan Summerson ließ seinen Neffen erst einmal ganz in Ruhe, nachdem dieser ihm mit wenigen Worten die Situation geschildert hatte. Er hatte Luca sogar angeboten, wieder in seinem alten Job auf dem Gestüt zu arbeiten, wenn er denn wollte. Und der Neunzehnjährige hatte ihm versprochen, es sich zu überlegen.

Nun stand Luca auf dem Balkon des Büros und starrte hinaus in die Dunkelheit, beobachtete die Flocken, die zu Boden schwebten und all diese Gedanken gingen durch seinen Kopf.

»Scheiße, verdammte«, entfuhr es ihm und er merkte, wie seine Kehle sich zuschnürte. »Du wirst jetzt nicht hier rumheulen«, knurrte er sich selbst an, aber er musste sich sehr zusammenreißen, um genau das nicht zu tun.

Eine Weile stand er noch da und sah dem Tanz der immer dichter fallenden Schneeflocken zu, bevor es ihm zu kalt wurde und er ins Haus zurückkehrte.

Er hatte einen Entschluss gefasst: Gleich morgen früh würde er seinen alten Job als Bereiter wieder aufnehmen.

Er musste sich beschäftigen, ablenken und sein Onkel würde sich freuen.


~

Zur gleichen Zeit stand Graf Viktor Draganesti am Fenster seiner Bibliothek und sein Blick schweifte gedankenverloren über die weiße Pracht auf dem Gelände des Schlosses.

Es hatte die letzten beiden Tage fast ununterbrochen geschneit und Sebastian, sein treuer Butler, war zur Genüge damit beschäftigt gewesen, den Schnee auf den Wegen zu entfernen.

Viktor seufzte leise. Das hier war seine Heimat, der Ort an dem er seit Ewigkeiten lebte und eigentlich fühlte er sich wohl hier. Doch irgendetwas, beziehungsweise irgendjemand , fehlte. Und das hatte nichts mit seiner gerade im Winter aufkommenden, melancholischen Stimmung zu tun … das hier war anders.

Ein leises Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.

»Herein«, murmelte der Graf ohne sich umzudrehen.

Die Tür öffnete sich und sein Butler betrat den Raum. »Verzeiht die Störung, Herr. Ich habe vor einer halben Stunde eine Nachricht aus England bekommen, die wollte ich Euch nicht vorenthalten.«

Erstaunt drehte Viktor sich um und sah Sebastian an: »Von Willow, nehme ich an?! Ist etwas passiert?«

»Lest selbst«, der Butler stellte den Laptop seines Herrn auf den kleinen Tisch neben dem Sessel und klappte ihn auf. Der Graf setzte sich und wartete, bis Sebastian damit fertig war, den Computer hochzufahren und besagte E-Mail zu öffnen.


Sebastian, wir haben hier ein kleines Problem. Luca hat seine Lehre hingeschmissen, weil er mit seinem Vater nicht zurechtkam. Jetzt hat er sich komplett von allem und jedem abgekapselt und auch ich komme nicht mehr an ihn ran. Er ist zu seinem Onkel aufs Gestüt gezogen, wenn auch nur für eine Weile. Kannst du eventuell mit Graf Viktor reden, ob er ihn mal kontaktieren würde? Ich glaube, Luca leidet mehr unter dieser Trennung als er zugibt und ich mache mir ernsthafte Sorgen.

In Liebe, Willow


Es waren nur wenige Sätze, aber diese bestätigten die Unruhe, die der Graf seit ein paar Wochen verspürte.

Er hob den Blick, sah seinen Butler an und seufzte.

»Ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmt. Die ganze Zeit über habe ich schon so ein komisches Gefühl gehabt. Und mein Gefühl trügt mich selten, wie du weißt«, sagte Viktor leise und starrte an Sebastian vorbei in die Flammen des Kaminfeuers.


Nach ein paar Minuten stand der Graf schließlich auf und trat wieder ans Fenster. Während er hinaus in die Dunkelheit sah, sagte er: »Würdest du dich bitte morgen einmal erkundigen, wo ich hier ein Privatflugzeug inklusive Pilot chartern kann. Wir sollten nach London fliegen … so schnell wie möglich. Ich habe sonst keine Ruhe.«

Sebastian nickte, klappte den Laptop zu und erwiderte: »Das kann ich mit etwas Glück sogar heute noch herausfinden.«

»Das wäre natürlich von Vorteil. Das Wetter wird immer schlimmer und je früher wir abfliegen können, umso besser. Vielleicht mache ich mir auch unnötige Sorgen, aber …«, Viktor brach mitten im Satz ab und drehte sich zu seinem Butler um, »auf jeden Fall könnten wir schon mal ein paar Sachen packen. Zum Glück hab ich den Mietvertrag für die Villa nicht gekündigt, sonst müssten wir erst mal nach einer Unterkunft suchen.«

Sebastian verneigte sich leicht: »Ich werde mich um alles kümmern, Herr.« Damit verließ er das Zimmer und der Graf wandte sich wieder dem erneuten Schneetreiben vor dem Fenster zu.

Er wusste wie schwer es Luca gefallen war, in London zu bleiben, während er selbst zurück nach Rumänien geflogen war und ihm war eigentlich klar gewesen, dass diese Trennung nicht lange gut gehen würde. Dennoch hatte er die Entscheidung des Jungen akzeptiert und ihn, schweren Herzens, in England zurückgelassen. Auch ihm war die momentane Situation nicht angenehm und er hätte Luca lieber bei sich gehabt, aber in diesem Fall war es ihm als das Richtige erschienen. Ein Fehler, wie ihm jetzt bewusst geworden war ...







Comments

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    Tolle Geschichte und ein gelungener Beitrag zur Winter-Challenge 2017/18 ^^ Freue mich schon auf die nächsten Kapitel :D

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    Hallo! Das Ende fand ich schade. War gerade so spannend. Aber bei dem Titel wäre eine glückliche Fügung wohl nicht passend zum Titel gewesen. Gibt es eine Fortsetzung? LG Hikari D Tenshi

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    Hach, wie konnten die zwei auch nur ansatzweise denken, dass sie die räumliche Trennung schaffen würden. *seufz* Los, Viktor! Beeile dich! Luca braucht dich

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    Oh ja, bei mir auf der Alb liegt auch einiges an Schnee. Wenn nur die Schipperei nicht wäre. Wieder sehr schön geschrieben. :-) Dann haben sich die beiden bald wieder.

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    Sehr schön

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    Schön, dass es on ist :)

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    Ich freue mich, dass die Geschichte weiter geht! Ein schönes Paar! Und ja, solche Trennungen sind manchmal schwer zu verkraften...

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