Kapitel 1 (Teil 3)

Tighan und Ira blickten dem davoneilenden Leeom Hamsay lächelnd nach, bis er in der Menge verschwunden war. Unabhängig voneinander hofften sie beide, dass der Knabe es später einmal besser treffen würde, statt auf ewig in Stantons verlotterter Küche zu arbeiten. Er war ein schlaues Kerlchen und hatte es nicht verdient, im Dunstkreis von Essensgerüchen, Abfallgestank und einer lauten Schar grobschlächtiger Männer zu versauern. Nicht einmal dann, wenn sie bis an ihr Lebensende verwürztes, halb angebranntes Rührei würden essen müssen.

Tröstlich blieb, dass es den Fiagi der übrigen Häuser in dieser Hinsicht kaum anders erging. In allen Speisesälen gab es mehr als reichlich Auswahl, um einen knurrenden Magen zu besänftigen, deren Qualität ließ allerdings in den meisten Fällen arg zu wünschen übrig.

»Leighs wollte also unbedingt uns für den Auftrag?«, griff O’Brannick die abgebrochene Unterredung wieder auf. »Nachdem du drei Wochen ausgefallen bist und erst seit einer Woche wieder auf den Übungsplatz gehst? Willst du meine ehrliche Meinung dazu hören?«

»Nein«, brummte Ira, beugte sich tiefer über seinen Teller und gab vor, schwer beschäftigt zu sein.

»Mir gefällt das nicht«, fuhr Tighan unbeirrt fort, seinerseits skeptischen Blickes in den Eiern herumstochernd. Er spießte eine Portion auf die Gabel, roch vorsichtig daran und verzog das Gesicht. »Wir haben mehr als genug erfahrene Jägerlogen, die so einen Auftrag ausführen können. Crails und seine fünf Jungs zum Beispiel. Die machen neuerdings fast nur noch solche Jagden. Oder Casper, Darren, Harver und die zwei Bryans. Kaum Wachdienst und Patrouillen, aber dafür eine Jagd nach der anderen. Im Gegensatz zu dir, der drei Wochen in der Heilstätte verbracht hat. Und zu mir, der vier Wochen lang nichts anderes gemacht hat, als bei irgendeiner drittklassigen königlichen Wachmannschaft auszuhelfen und mit den Pfeifen auf einem verdammten Feld am Stadtrand rumzustehen. Mir sind in dieser Zeit ganze fünf Scáth vor den Bogen gekommen, vor das Schwert kein einziger. Und jetzt sollen wir zwei unbedingt heute noch einen Kategorie Fünf erledigen? Nachdem dir neulich ein Kategorie Vier fast die Schulter zertrümmert hätte? Das kann doch nicht sein Ernst sein!«

»Die Schulter ist wieder in Ordnung«, murrte O’Mally zwischen zwei Happen Ei und einem Bissen Brot. »Sonst hätte Hortis, der verfluchte Quacksalber, mich niemals vor die Tür geschickt. Geschweige denn, dass ich auf den Platz gedurft hätte. Du weißt, wie streng der Übungswart die Wiederzulassungslisten der Verletzten kontrolliert.«

»Mag schon sein, aber was ist mit der Praxis?«, blieb Tighan beharrlich. »Du kannst ein noch so guter Jäger sein, wenn du nicht dauernd in Übung bist, grenzt ein Auftrag wie der hier an Selbstmord. Vor allem nach drei Wochen Zwangspause.«

»Sorg lieber dafür, dass deine Eierpampe nicht kalt wird«, erwiderte Ira ungerührt. »Solange das Zeug warm ist, ist es noch einigermaßen erträglich. Außerdem jagt es sich schlecht auf leeren Magen.«

»Du hast wirklich vor, das durchzuziehen, ja?«

»Kommt ganz drauf an, wie viele Nächte du noch bei verbotenen Faustkämpfen deinen Jägerstand und deinen Hals riskieren willst.« O’Mally zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ist ja nicht so, dass du bei den letzten Schlägereien sonderlich erfolgreich warst und ein paar zusätzliche Rogen in unsere Kasse gebracht hättest, anstatt welche zu verlieren.«

Unwillkürlich berührte Tighan den Bereich über seinem linken Wangenknochen, der zwei Nächte zuvor eine mächtige Prellung davongetragen hatte. Dabei konnte er froh sein, dass er von blauen Flecken oder gar Blutergüssen stets verschont blieb (was dummerweise nicht auf den mit derlei Blessuren einhergehenden Schmerz zutraf). Jedenfalls fiel so seine derzeitige nächtliche Beschäftigung nur denjenigen Jägern auf, die ebenfalls bei den Kämpfen zugegen gewesen waren - und untereinander bewahrte man über diese Sache selbstredend Stillschweigen.

Den Fiagi jer Scáth war es streng untersagt, sich bei den in stickigen Hinterzimmern diverser zwielichtiger Pubs ausgetragenen Faustkämpfen blicken zu lassen; sei es nun als Teilnehmer oder um bei den Wetten mitzumischen. Auf einen Verstoß gegen dieses Verbot folgte der sofortige, unehrenhafte Ausschluss aus der Gemeinschaft der Fiagi. Hierfür musste man aber erst einmal von den Wachleuten des Königs, dem die gesamte Jägerschaft der Stadt unterstellt war, auf frischer Tat ertappt werden. Der Sonne Gnade sei Dank ließ sich das jedoch mit ein wenig Umsicht leicht vermeiden.

Nicht vermeiden ließ sich wiederum das Pech, von dem O’Brannick jüngst eindeutig zu oft heimgesucht worden war. Seine zurückliegenden vier Kämpfe waren reichlich danebengegangen und hatten ein gähnendes Loch in seinen Geldbeutel gerissen. Denn die Teilnahme erforderte von jedem der beiden Kontrahenten eine happige Gebühr, die am Ende zusammengerechnet und im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel zwischen dem Pubbesitzer sowie dem Sieger des entsprechenden Kampfes aufgeteilt wurde. Da er und Ira ihren jeweiligen Verdienst als gemeinsame Logenkasse behandelten, war von selbiger demzufolge nicht mehr allzu viel übrig. Genau genommen hatte sie ihr erbärmlich schmeckendes Frühstück den Rest ihrer verbliebenen Ersparnisse gekostet.

»Und?«, hakte Ira nach.

»Ich bleib dabei. Mir gefällt das nicht.«

»Tja, wenn wir uns lange genug sträuben, wird Leighs sich sicher ‘ne andere Loge suchen. Ich frag mich bloß, ob auch nur einer von uns beiden danach jemals wieder einen anständigen Auftrag abbekommt.«

Leise seufzend vertilgte Tighan ein paar Happen seiner Mahlzeit. Das Rührei machte das Rumoren in seiner Magengegend keinen Deut besser, obwohl er sofort mit etwas Brot und Tee nachspülte. Er schüttelte sich innerlich. Einerseits ob des Essens, vor allem aber wegen der vor ihnen liegenden Aufgabe, die zugleich Iras ersten Arbeitstag seit seiner Verletzung darstellte. Ein Scáth von der Kategorie Fünf war eine Mordsbestie, die normalerweise von einer mindestens vier bis fünf Mann starken Jägerloge erlegt wurde. Leighs konnte für sie jedoch zu einem weitaus größeren Problem werden, sollten sie sich ernsthaft weigern, seinen explizit an ihre Loge gerichteten Auftrag durchzuführen. Außerdem waren sie blank, und wenn er ehrlich sein wollte, hatte er die Nase gestrichen voll davon, sich als Aushilfswache und Teilzeitschläger zu verdingen. Welche andere Wahl konnte ein Mann da also noch haben?

»Wir brauchen einen guten Köder«, sagte er schließlich.

»Hast du an Leighs’ Auflistung der Absude jetzt tatsächlich auch noch was zu meckern?«

»Blödsinn.« O’Brannick schüttelte energisch den Kopf. »Die Liste für den Hausalchemisten ist vollkommen in Ordnung. Was das angeht, macht unser Herr Stadtoberalchemist keine Fehler. Allerdings neigt er manchmal dazu, bei der Wahl seiner Logen sehr, sehr tief in die Jauche zu greifen.«

»Du kannst damit einfach nicht aufhören, oder?«, schnaufte Ira gequält, woraufhin Tighan ihm grinsend beipflichtete.

Dann winkte er ab und wurde wieder ernst.

»Wie gesagt, auf den Köder kommt es an«, sagte er. »Und damit meine ich nicht das Zeug, mit dem wir das Vieh anlocken. Wir brauchen noch was anderes. Irgendwas, das interessant genug ist, um den Schatten abzulenken.«

Für einen Moment herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern, und die sie umgebende Geräuschkulisse verschaffte sich stärkeres Gehör. Es wurde gefaselt und diskutiert. Teller, Besteck und Becher klirrten. Aus irgendeiner Ecke drang lautes Fluchen hervor - dem Wortlaut nach war wohl jemand mit seiner Leistung bei einer frühmorgendlichen Partie Siebenschläfer gewaltig unzufrieden. Ein anderer schimpfte auf Stanton, wovon die mit ihm am Tisch sitzenden Fiagi kaum Notiz nahmen. Während des Essens über den alten Koch herzuziehen, gehörte im Th’Each Dhá schon seit Jahren zum guten Ton und bedurfte keiner zusätzlichen Kommentierung mehr.

»Vielleicht Flint?«, meldete sich Ira unvermittelt zu Wort. »Ich glaube, der kann selbst einen Kategorie Fünf genügend aus der Fassung bringen, dass wir dem Viech so lange egal sind, bis wir den ersten Schlag führen. Und wenn der richtig sitzt, dann haben wir den schlimmsten Teil schon hinter uns.«

Zuerst wollte O’Brannick aus tiefster Seele widersprechen. Als er jedoch etwas genauer darüber nachdachte, erschien ihm der Einfall seines Freundes gar nicht mal so verkehrt. Normalerweise ließen sie den Burschen im Zeugkeller bei Buck Bouwler oder einem seiner Gehilfen, wenn sie ihren Aufträgen nachgingen. Langsam aber sicher war es allerdings an der Zeit, dass Flint seinen Anteil zum Fortbestehen ihrer Jägerloge beitrug. Immerhin hatten Ira und er ihn seinerzeit nicht nur zum Spaß aus der Gosse gezogen und bei sich aufgenommen.

»Aye, warum eigentlich nicht«, befand Tighan. Dann schob er den mittlerweile geleerten Teller von sich und ließ einen satten Rülpser ertönen, ehe er mit dem restlichen Tee und der Milch dem aufwallenden Sodbrennen Einhalt gebot. »Am besten gehe ich ihn holen.« Er lachte leise. »Vielleicht ahnt der Gute schon, was ihm blüht, und zögert den Moment der Wahrheit absichtlich hinaus.«

»Oder er ist dumm genug, dass er es vor Freude kaum abwarten kann.«

Sprachs und deutete auf die just in diesem Augenblick auffliegende Küchentür. Hindurch sprang nicht etwa einer der Jungen, sondern ein wahrer Riese von einem Hund. Im strammen Trab - was in diesem Fall beinahe gestrecktem Galopp gleichkam - zwängten sich in raues, mittellanges sowie graurot gestromtes Fell gehüllte einhundertdreißig Pfund zwischen Bänken und Jägern hindurch und hielten schnurstracks auf Ira und Tighan zu.

Je näher das zwei Jahre alte, eine Schulterhöhe von knapp drei Fuß innehabende Tier den beiden kam, umso eindringlicher wurden sein aufgeregtes Fiepen und das Wedeln der kräftigen Rute. Kurz vor seinen Ziel mäßigte der Hund seine Geschwindigkeit zu verhaltenem Schritt, senkte Lefzen leckend den Kopf und klappte die kleinen Schlappohren unterwürfig nach hinten, worauf O’Brannick wie immer als Erster begrüßt wurde. Behutsam drückte Flint seinen mächtigen Schädel in die Hände des Fiagi, verstummte, schloss die hellbraunen Augen und genoss es, sich von ihm Wangen und Hals kraulen zu lassen.

»Na, du alter Stinkfisch?«, schmunzelte Tighan, dem eine deftige Fahne aus warmem Hundeatem, altem Fleisch und weichgekautem Knochen entgegenschlug. »Hast dich wieder gut an Stantons Abfällen bedient, hm?«

Zur Antwort schnaubte Flint gedämpft und wich ein wenig zurück. Anschließend schnupperte er in der über den Tabletts stehenden Luft herum, rümpfte die Nase, schüttelte sich und bedachte Tighan mit eindeutigem Blick.

›Klar, na und? Was ihr da gefressen habt, kann unmöglich frischer gewesen sein.‹

Lachend tätschelte O’Brannick dem Hund den Kopf, woraufhin dieser ihm mehrmals über die Finger leckte, sich abwandte und die gesamte Begrüßungsprozedur bei Ira wiederholte. Dessen Miene nach zu urteilen, konnte auch er Flints Maulgeruch nicht das Geringste abgewinnen. Aber weil hierzu bereits alles gesagt war, begnügte er sich damit, ihm eine Portion Streicheleinheiten zu gönnen und währenddessen in eine andere Richtung zu atmen.

Erstaunlicherweise besserte sich der Gestank merklich, nachdem Flint die tote Rote Weberin verschlungen hatte.

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