Kapitel 10

Vom Fliegen und Fallen

Xander

Xander atmet schwer und er zittert. Sein Körper bebt bei jeder Bewegung und doch bleibt er nicht stehen. Er darf nicht stehen bleiben. Es ist viel zu kalt, um stehen zu bleiben. Bestenfalls schaut er manchmal nach links und rechts. Versucht Ginger irgendwo zu erspähen. Aber der Kater ist seit seinem Krankenhausaufenthalt verschwunden. Das letzte Mal hat er ihn gesehen, als er bei Angels Wohnblock angelangt war. Vom Kater fehlt aber, trotz aller suchenden Blicke, weiter jede Spur und eigentlich hat Xander die Suche schon aufgegeben.
Er versucht, seine Gedanken zu sortieren.  Er weiß einfach nicht, wo er heute Nacht schlafen soll. Vielleicht in einem besetzten Haus oder auf einer Baustelle? Irgendwo muss er jedenfalls unterkommen, wenn er nicht morgen in irgendwelchen Zeitungen stehen  will.  Hungrig ist er auch, aber es gibt schlimmeres. Die Bullen zum Beispiel. Die können ganz schön gefährlich werden, wenn’s ums Geschäft geht.  Die können einen ja nicht gehen und nicht stehen sehen. Was Xander und auch einige seiner Bekannten da als „Job“ bezeichnen, ist schließlich in den Augen der amerikanischen Regierung eine Straftat. Zum Glück ist es den Bullen bei dem Wetter auch nicht geheuer draußen rumzulaufen.  Zu kalt. Zu nass. Zu anstrengend vermutlich. Xander beschwert sich ganz sicher nicht darüber. Besser so, als wenn sie ihn dafür dran kriegen. Darüber kann er überhaupt froh sein. In drei Jahren auf der Straße, ist er erst zweimal von der Polizei in Gewahrsam genommen worden. Beide Male in New York. Beim ersten Mal, als er und Angel in ‘nem besetzten Haus  gepennt haben. Da sind sie und einige andere Jugendliche nachts doch tatsächlich von einigen Beamten aufgegriffen worden. Gott sei Dank, war‘s den Beamten eigentlich scheiß egal, wen sie da aufgegriffen hatten. Deshalb hat’s nicht einmal eine Personenkontrolle gegeben, nur ein paar Stunden Zelle für alle. Beim zweiten Mal  gab es eine Razzia am Bahnhof und Xander konnte sich nur davor retten, weil einer der Polizisten seine Dienste damals gerne mal in Anspruch nahm – so noch am gleichen Abend.

Zu Xanders Glück, muss man sagen. Er weiß ja bis heute nicht, welche Schritte sein Vater in die Wege geleitet hat, um ihn zu finden. Das Problem ist, solange er nicht volljährig ist, wird die Polizei immer eine Gefahr für ihn darstellen, ganz egal, ob er illegale Dinge dreht oder nicht und da gehen schon die ein oder anderen Sachen auf sein Konto: Taschendiebstahl, Drogenkonsum natürlich und nicht zuletzt eben Prostitution. Alles strafbar. Aber selbst, wenn er sich anders über Wasser halten könnte, letztendlich würde die Polizei ihn doch verhaften. Sollte sein Vater ihn wirklich als vermisst gemeldet haben - was er bezweifelt, wie er seinen Alten kennt, würde der sich die Blöße sicher nicht geben seinen missraten Sohn auch noch von Kollegen suchen zu lassen, nicht noch ein weiteres Kind zur Fahndung ausgeschrieben, nein - könnten sie ihn gar identifizieren und dann würde er wieder in Cape May landen. Bei seinem Vater. Zurück in der Hölle. Selbst wenn er Glück hätte, würde das Sozialamt auf ihn warten. Eine schauderhafte Vorstellung, nach allem was Xander gehört hat. Wahrscheinlicher wäre aber eben doch noch, dass er im Knast landen würde. Sowohl auf Drogenbesitz, sowie Konsum als auch auf Prostitution stehen Gefängnisstrafen. Besonders ersteres wäre ihm ja, unbestreitbar, nachzuweisen.

So eine Scheiße, stellt er mal wieder fest. Ganz egal, wie Xander es dreht und wendet, er ist echt am Arsch.  Und schon sind seine Gedanken wieder bei  Jesse. Jesse, der ihm so, mir nichts, dir nichts, einfach seine Hilfe anbietet. Jesse, der ihn eigentlich gar nicht kennt. Jesse, der seine letzte Chance sein könnte. Xander macht sich nichts vor. Das macht er schon lange nicht mehr. Das letzte Mal, als er über seine Optionen nachgedacht hat, ist er zu dem Schluss gekommen, dass ihm nur ein Entzug oder der Goldene Schuss bleiben. Letzteres hat er echt versaut. Und der Entzug war für ihn eigentlich schon gar keine Möglichkeit mehr. Aber vielleicht? Allerdings fragt Xander sich, wo Jesse bitte die Lösung für sein Problem hernehmen will. Er weiß es nicht. Doch, wenn Jesse keine findet, dann, dann… weiß er auch nicht mehr weiter. Eigentlich, wenn er ehrlich ist, weiß er jetzt schon nicht mehr weiter. Es gibt kein ‚weiter‘ mehr. Er hat sein Leben so dermaßen verkorkst.

Xander kommt zitternd zum Stillstand. Er ist müde und irgendwie tun ihm alle Knochen weh.  Im Luther Gulick Playground lässt er sich auf eine alte Holzbank sinken, die er zuvor mit klammen Händen vom Schnee befreit hat. Ihm ist so kalt und elend, dass er für einen Moment mit dem Gedanken spielt, sich einfach hier hinzulegen und nie wieder aufzustehen. Wem macht er denn auch etwas vor?  Das alles hier hat so wenig Sinn. Er will nicht an Jesse zweifeln, aber er tut es trotzdem. Wahrscheinlich kann der ihm sowieso nicht helfen. Vermutlich ist es das einzige Ergebnis, zu dem sie kommen werden, wenn sie sich morgen Abend wiedertreffen. Wenn sie sich denn treffen. Falls Jesse überhaupt auftaucht. Falls er nicht zu dem Entschluss gekommen ist, dass Xander eben doch ein hoffnungsloser Fall ist und er doch nur seine Zeit verschwendet.  Xander lässt sich einfach erschöpft zur Seite fallen. Liegt irgendwie zusammengekauert auf dieser alten Parkbank. Die Kälte ist stechend. Brennend. Seine Arme und Hände, sein Gesicht, alles schmerzt. Jede noch so kleine Bewegung in den Gelenken tut weh und die Kälte übernimmt seinen Körper immer mehr. Kriecht in ihm hoch.

Xander schließt die Augen, versucht Schmerz und Kälte auszublenden. Stattdessen bemüht er sich darum,  sich etwas Angenehmes vorzustellen. Ausnahmsweise einmal nicht den nächsten Schuss. Er ist gerade nicht besonders schussgeil. Er hat vor gut drei Stunden einen Freier gemacht und deshalb auch nicht wirklich Bedarf an Stoff, denn die Kohle hat er natürlich gleich umgesetzt. In seinem Kopf hat gerade etwas anderes Platz.  Er versucht sich auszumalen, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn seine Mum ihn nicht mit seinem Dad alleine gelassen hätte. Er fragt sich, wie es wohl verlaufen wäre, wenn es den Zwischenfall im Frühjahr 2003 nicht gegeben hätte. Die Wahrheit drängt sich jedoch immer wieder auf. Sein Leben ist so verlaufen, wie es eben nun  verlaufen ist. An der Vergangenheit kann er nichts mehr ändern. Also versucht er sich vorzustellen, wie es sein könnte, fände Jesse doch irgendeine Möglichkeit, ihm zu helfen.  Wirklich gelingen will ihm das aber auch nicht. Er kommt nicht viel weiter, als die nächsten vier Tage. Dass er das überhaupt weiß, wundert ihn schon. Er ist sich nicht sicher, wann  er das letzte Mal so viel Zeitgefühl bewiesen hat, doch jetzt funktioniert es ziemlich genau. In vier Tagen ist der 31. Dezember. Silvester. Der Jahresübergang zu 2009. Aber der 31. Dezember 2008 ist eben noch mehr. Es ist Xanders achtzehnter Geburtstag.  Einen Augenblick lang fragt er sich, ob er ihn überhaupt erleben wird. Ob er das überhaupt will.

Doch im Grunde genommen kennt er die Antwort.  Ja, das will er. Er will seinen achtzehnten Geburtstag erleben. Er will überhaupt leben. Vor allen Dingen will er normal leben. Ohne ständig auf der Flucht zu sein. Ohne diese Sucht, die im Grunde genommen jeden seiner Schritte bestimmt.  Wenn er in ein paar Tagen achtzehn ist, dann wäre zumindest sein Vater kein Problem mehr.  Niemand könnte ihn dann mehr in die Hölle zurück schicken. Und wenn er dann noch von diesem scheiß Zeug los käme, dann könnte er es womöglich schaffen. Zum ersten Mal ein normales Leben führen. Aber dieses Wunschdenken scheint so weit entfernt. Xanders Körper wird geradezu von den Schmerzen übermannt. Er spürt nichts mehr, außer der Kälte, die wie tausend Nadeln sticht und er weiß, wenn er jetzt nicht aufsteht, dann wird er es nie mehr tun. Deshalb nimmt er all seine Kraft zusammen, zumindest das, was davon noch übrig ist. Es tut fast unmenschlich weh, als das Blut wieder beginnt, in seinem Körper zu zirkulieren.  Das Aufrichten fällt ihm unheimlich schwer. Seine Arme können das Gewicht seines Körpers fast nicht tragen. Einen Moment lang  drohen sie unter ihm nachzugeben. Dann geht es wieder. Zumindest halbwegs. Er sitzt immerhin wieder aufrecht. Ihm ist irgendwie schwindelig. In seinem Kopf breitet sich ein pochender Schmerz aus, der nur noch vom Brennen der kalten Luft in seinen Atemwegen überboten wird.

Es geht völlig nach hinten los, als Xander versucht aufzustehen. Er steht noch gar nicht wieder richtig auf seinen eigenen zwei Beinen, ist noch keine zwei Schritte gegangen, da geben sie bereits unter ihm nach.  Er geht in die Knie und fällt dabei nach hinten. Sein Rücken prallt hart gegen die Sitzfläche der alten Bank. Der Aufschlag presst die Luft aus seinen Lungen. Davon muss er husten und das tut nur noch mehr weh. Scheiße! Das krampfhafte Husten ebbt ab. Er atmet einmal tief durch, die Luft brennt erneut in seinen Lungen, aber zumindest kommt sie dort wieder hinein. Es ist irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Es braucht dennoch noch einen Augenblick, bis Xander abermals versucht, auf die Beine zu kommen. Dieses Mal mit weitaus mehr Erfolg. Wobei weniger auch nicht möglich gewesen wäre.  Zwar steht er noch einen Moment etwas wackelig auf den Beinen, aber er fühlt sich zunehmend sicherer, was sein Gleichgewicht angeht. Ihm tut alles weh, aber gleichzeitig ist er froh darüber, überhaupt etwas zu spüren. Auch, wenn es gerade ziemlich miserable Gefühle sind. Okay, stopp.  Er muss wirklich aufhören sich in ewigen Monologen zu bemitleiden. Das hält ja keiner aus. Er selbst schon gar nicht. „Reiß dich zusammen“, murmelt Xander leise vor sich hin. Dabei zittert seine Stimme unweigerlich, ebenso wie der Rest seines Körpers.

Xander registriert völlig verwirrt, dass es wieder begonnen hat zu schneien. Er streckt die Hand aus, ins Nichts und beobachtet, wie die weißen Flocken langsam darauf nieder gehen. Die Erinnerung holt ihn ein, bevor er sie zurückdrängen kann.  

„Xander, Xander wach auf! Es schneit, es schneit, es schneit!“

„Oh Gott, runter von mir, Monster!“

Xander versucht das Gewicht auf seinem Bauch mit einer unkoordinierten Handbewegung zu verscheuchen. Es gelingt ihm nicht.

„Komm schon, aufstehen, großer Bruder“.

„Nikki, wenn du nicht gleich von mir runtergehst, sag ich dem Monster unter deinem Bett, dass es heute Abend rauskommen kann, weil ich nicht auf dich aufpassen werde. Und ich mach‘ das Licht im Flur aus.“

Er macht das Licht im Flur nie aus. Wenn Dad und Mary ins Bett gegangen sind, macht er es an. Weil Nikki sich dann sicherer fühlt. Morgens kriegt er dafür dann immer von Dad Ärger, - das verdammte Licht soll aus bleiben-, aber er schaltet es trotzdem an. Nikki soll vor nichts Angst haben.
Die Drohung wirkt jedenfalls. Die Vierjährige springt mit einem Satz von seinem Bett.

„Nein, nein, das darfst du nicht!“, wimmert sie und das bringt Xander schließlich doch dazu, aufzustehen.

„Nikki…“, murmelt der Zehnjährige verhalten.
In den großen, braunen Kinderaugen stehen Tränen.
„Hey“, sagt er leise und geht auf sein Schwesterchen zu. „Hey, so war das nicht gemeint. Ich sag dem Monster so was doch nicht. Mach ich nicht, ehrlich.“

Nikki sieht nicht besonders überzeugt aus und Xander ergibt sich seinem Schicksal.

„Willst du raus, Nik? In den Schnee? Ich ziehe dich mit dem Schlitten, aber dann musst du dich anziehen gehen…“

„Ja!“, sie jauchzt und scheint mit einem Mal allen Kummer vergessen zu haben. So machen Vierjährige das wohl. Sie läuft direkt ins Schlafzimmer, um ihrer Mama zu sagen, dass sie Sachen zum Anziehen braucht. Nikki kommt nicht ans Regal mit ihrer Kleidung und außerdem zieht sie immer Sachen an, die man gar nicht zusammen tragen kann. Xander hat  nicht daran gedacht, dass Nikki ihre Mama fragen wird, ob sie ihr Anziehsachen geben kann. Verdammt. Einen Blick auf den Funkwecker, der in roten Lettern 8 Uhr anzeigt, sagt ihm, dass sein Dad sauer sein wird. Mary, Nikkis Mum, soll viel im Bett bleiben und sich ausruhen, weil es ihr nicht gut geht. Sie ist krank. Das wissen aber nur Dad, Mary und er. Nikki ist noch zu klein. Deshalb waren sie letztens im Krankenhaus und Dad hat ihm gesagt, er muss jetzt mehr Verantwortung übernehmen. Vor allem für seine kleine Schwester. Besonders dann, wenn sein Dad auf der Arbeit ist, so wie an diesem Freitagmorgen der Weihnachtsferien – er ist jetzt s auf der Wache – ist Xander  für Nikki verantwortlich. Damit Mary sich ausruhen kann. Keiner sagt ihm, was wirklich los ist. Aber er vermag es zu ahnen.

Leise wandert Xander  ins Schlafzimmer. „Tut mir Leid, wir wollten dich nicht wecken“, sagt er kleinlaut zu seiner Stiefmutter.  Die lächelt nur und schüttelt den Kopf. Sie ist wirklich blass, schießt es dem Zehnjährigen durch den Kopf.
„Schon gut, Alexander. Wir sagen Dad nichts, ja? Kein Grund sich Sorgen zu machen.“
Dann wendet sie sich ihrer Tochter zu. „Ich komm gleich in dein Zimmer Prinzessin und gebe dir etwas Warmes zum Anziehen, dein Bruder hilft dir dann beim Ankleiden.“
Sofort läuft seine kleine Schwester los, ihr Zimmer liegt den Flur runter.

„Ich kann das auch machen, also Nikki etwas zum Anziehen raussuchen.“, sagt Xander schnell. Er sieht die Haare auf Marys Kopfkissen liegen. Sie verliert viele Haare. Das ist ihm schon aufgefallen und es ist ein Zeichen dafür, dass es ihr nicht gut geht. Er sieht, dass sie lieber noch ein wenig ruhen würde. Vielleicht geht es ihr dann später auch wieder besser?“

Sie nickt nur, schenkt ihm aber wieder ein Lächeln. Xander versucht sich zu erinnern, ob seine Mum ihn je so angesehen hat. Er kann es nicht. Keine Erinnerungen. Er nickt auch, lächelt aber nicht zurück. Er ist schon auf den Flur, als er Mary rufen hört: „Aber pass auf sie auf, Alexander!“.

Xander passt natürlich auf Nikki auf. Er zieht sie ganz warm an und achtet draußen darauf, dass sie  nicht stürzt oder sich anders verletzt. Sie gehen auch nicht an den Strand, obwohl das Xanders Lieblingsplatz ist, besonders im Winter, weil sich da die ganzen Touristen endlich wieder verzogen haben, denn das ist zu gefährlich alleine. Außerdem macht er fast alles, was Nikki will. Obwohl er es langweilig findet, Schneehasen zu bauen. Dann zieht er seine Schwester auf dem Schlitten quer durch den ganzen Ort. Eine Weile stehen die beiden Geschwister einfach nur da. Es hat wieder angefangen zu schneien und sammeln die Schneeflocken in ihren Händen. Und irgendwie macht das doch Spaß, obwohl er Nikki abends im Bett erzählt, dass es blöd war und dass er so was nächstes Jahr nicht mehr mit ihr machen wird, weil er dann schon zu alt dafür ist.

Xander schluckt hat. Er zittert am ganzen Leib. Nicht vor Kälte. Nicht dieses Mal. Was hätte er zu Nikki gesagt, wenn er gewusst hätte, dass es ihr letzter gemeinsamer Winter sein würde? Er schüttelt vehement mit dem Kopf, als könnte er damit die Erinnerung abschütteln. Er wünschte, er könnte es.  Aber am Ende steht doch noch immer die Gewissheit, dass er es nicht kann.  Es nie können wird. Xander stapft langsam weiter durch den Schnee. Verlässt den Park wieder. Am Ausgang verliert er kurz die Orientierung. Links, oder rechts? Spielt das überhaupt eine Rolle? Er hat ja doch kein klares Ziel. Er entschließt sich für links. Entgegengesetzte Richtung zur Delancey Street. Er läuft eine ganze Weile in unbestimmte Richtung. Das hält zumindest etwas warm. Einfach in Bewegung. Solange, bis ihm die Füße wehtun.

Der Schmerz beginnt in den Fußsohlen, kriecht die Beine hoch und lässt seinen ganzen Körper schwer werden. Aus dem zügigen Gang wird ein langsamer Trott. Xander merkt, wie seine Kräfte langsam schwinden. Er schaut sich um. Es ist ruhig auf New Yorks Straßen. Er geht den Bordstein alleine entlang. Er war auch in der letzten Stunde die meiste Zeit alleine. Selten ist ihm jemand begegnet und wenn, dann meistens zwielichtige Gestalten, die ebenso wenig ein Ziel zu haben schienen, wie Xander selbst. Selten auch ein paar Betrunkene auf dem Heimweg. Das hier ist eben kein angesagtes Viertel. Keine Clubs und deshalb kehrt selbst in New Yorks Straßen eben manchmal die Stille ein. Der Schnee knirscht unter Xanders Füßen. Der Weg, der vor ihm liegt, ist noch unberührt und glitzert im Licht der schummrigen Straßenlaternen. Xander überquert die Straße und folgt einem Pfad, der am FDR Drive vorbei führt und ihn schlussendlich ans Ufer des East Rivers bringt. Hier ist es ziemlich dunkel und im Schutz der Dunkelheit fühlt sich Xander merkwürdig geborgen. Er bleibt stehen und sieht sich für einen Moment um. Flussabwärts meint er die Williamsburg Bridge zu erkennen, die Manhattan mit Brooklyn verbindet.

Er ist verflucht weit gelaufen, muss er unweigerlich feststellen. Bei Tag ist die East River Promenade sicherlich ein herrliches Ziel für allerlei Menschen, doch um diese Uhrzeit verirrt sich wohl niemand, nimmt Xander sich selbst einmal davon aus, hierher.  Auch er beschließt, wieder in Richtung Straße zu gehen. Auf der East Houston Street wird die Stadt wieder belebter. Streng genommen, ist diese Straße besonders bei Nacht belebt. Ab einer gewissen Uhrzeit, findet sich hier der Autostrich ein. Xander hat nicht geplant herzukommen, zumindest nicht bewusst, aber jetzt ist er hier. Und er kann nicht abstreiten, dass ihn ein paar Minuten in einem warmen Auto guttun würden, nur weiß er nicht ganz sicher, ob er sich gerade dazu überwinden kann. Diese Entscheidung wird ihm wenig später allerdings, mehr oder weniger, abgenommen. Er ist nicht einmal stehen geblieben und doch wird ein dunkler Wagen auf seiner Höhe langsamer, bis er fast im Gangtempo neben Xander herfährt. Der Schwarzhaarige bleibt stehen. Eine Autoscheibe wird herunter gekurbelt. Xanders Miene wird ausdruckslos, als er den Mann mit dem hellen Haar, in den Mittdreißigern betrachtet. Unweigerlich stellt er sich die Frage, wieso eigentlich alle Freier so völlig dämlich Grinsen, wenn sie einen ansehen. Das macht sie weder sympathischer noch ändert es etwas an ihrer Visage.  Im Gegenteil, Xander findet es furchtbar abstoßend, aber wer ist er schon, sich ein Urteil darüber zu erlauben.

Es kommt, wie Xander es erwartet hat und dennoch noch vor einer halben Stunde bestritten hätte. Es ist eine simple Rechnung, die an Tage wie diesen aufgeht. Man macht eine Menge Dinge für eine Mahlzeit, eventuell eine Dusche und eine warme, trockene Unterkunft in den nächsten zwei oder drei Stunden.  Trotzdem muss er sich überwinden in den Wagen zu steigen. Er zögert. Letztendlich tut er es aber. Sie reden nicht miteinander, die Fronten sind ja geklärt. Vielleicht sollte Xander Angst haben. Der etwas stämmige Typ ist nicht nur gut zwanzig Jahre älter, sondern auch fast zwei Köpfe größer, wenn Xander schätzen müsste.  Natürlich besteht immer ein Risiko, wenn man zu einem Freier in Auto steigt. Besonders bei einem, der einen mit in seine Wohnung nimmt. Aber Xander weiß längst, dass er daran keinen Gedanken verschwenden darf. Die Fahrt dauert zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Minuten. Sie parken in einem Parkhaus, das zu einem riesigen Gebäudekomplex gehört. Ein Hochhaus, mindestens dreißig Stockwerke hoch.  Xander hasst Hochhäuser.  Vielleicht ist das Gebäude, auf das er gerade nur einen kurzen Blick erhascht hat, sogar  bereits ein Wolkenkratzer.

Er kann es  nicht genau sagen. Im Fahrstuhl wird jedenfalls seine Vermutung bestätigt, was die Anzahl der Stockwerke angeht. Achtunddreißig. Verflucht. Sie fahren in den 32. Stock. Xander ist bereits schlecht, als sie aus dem Fahrstuhl in den Hausflur treten.  Dass er sich übergeben muss, wird ihm klar, als der Typ ihn durch den Flur seiner Wohnung ins Wohnzimmer schiebt.  Er könnte sich darüber Gedanken machen, wie viel Kohle man im Monat verdienen muss, um sich eine Wohnung mit einem solchen Ausblick auf die Skyline New Yorks leisten zu können, aber er ist zu beschäftigt damit, seinen Mageninhalt davon abzuhalten, sich nach außen zu kehren. Er zittert wie Espenlaub.  Das ist zu hoch. Das ist einfach viel zu hoch. Er wendet den Blick sofort ab, um das Schlimmste zu vermeiden.  Der Kerl, in dessen Wohnung sie sich befinden, schickt ihn ins Bad. Er soll duschen. Schon klar. Er sieht gerade echt nicht ansehnlich aus.

Alsbald die Badtür hinter ihm klackend ins Schloss fällt, hängt Xander bereits über der Kloschüssel  und erbricht sich. Er würgt den kläglichen Rest seines Mageninhaltes hoch, bis nichts mehr außer Galle übrig ist. Der saure Geschmack, der sich in seinem Mund festgesetzt hat, lässt ihn ein letztes Mal würgen. Dann ist der Moment vorüber. Für wenige Sekunden hält er inne. Er weiß, was die nächsten Stunden auf ihn zukommt. Er hat sich selbst dafür entschieden.  Trotzdem fühlt er sich beschissen. Und ihm ist klar, dass er besser schleunigst in die Dusche steigt.  Sein Freier wird sicher nicht länger als nötig warten.  Also macht er, was sowieso unausweichlich ist. Es ist zwar ziemlich sinnfrei nach dem Duschen in dieselbe, dreckige Kleidung zu steigen, nur hat er sicher nicht das Bedürfnis hier ohne herumzulaufen.  Was die nächste Stunde passiert, verdrängt Xander augenblicklich. Versucht, es gar nicht erst an sich herankommen zu lassen.

Lautes Stöhnen. Keuchen. Gedämpfte Schmerzenslaute. Der Geruch von Schweiß, der den Raum erfüllt und Hände, die erbarmungslos die Position halten. Bis zum Schluss.

Xander kommt nicht umhin,  die Intelligenz des Freiers in Frage zu stellen. Nicht, dass er ihn für besonders intelligent halten kann, denn wer bezahlt schon für etwas, das man mit Sicherheit auch kostenlos bekommen kann? Besonders, wenn man  das nötige Kleingeld  in der Tasche  hat. Es ist nur vielmehr der Leichtsinn des Mannes in den Mittdreißigern, der Xander den Kopf schütteln lässt. Jetzt hier einzuschlafen, während Xander noch in der Wohnung ist, ist völlig behindert. Er hat sich bestimmt schon hundertmal gefragt, was an diesem Akt so großartig ist, dass den Leuten danach  fast alles egal zu sein scheint. Für ihn ist es jedes Mal ein Abstieg in die Hölle. Es ist mit Schmerzen und Erniedrigung verbunden, also wie kann das jemals beide Parteien zufrieden stellen? Nur, das es keine Rolle spielt. Er verwirft den Gedanken schnell wieder. Er wirft einen Blick in die Richtung  des Freiers und ihm wird klar, dass er keine Sekunde länger in dieser Wohnung bleiben kann.  Binnen Sekunden hat er seine Sachen zusammengesucht und ist aus der Wohnung  verschwunden. Lässt die Erinnerungen an das Geschehene, in dem Bett mit den zerwühlten Laken zurück. Das Einzige, was an diese Nacht erinnert, sind die blauen Flecken, die seinen Körper bedecken.  Doch sie werden verschwinden und dann kann man sich einbilden, dass es die letzten Stunden nie gegeben hat.

Allerdings sind sie auch einige Stunden später noch da, die zunächst rötlichen Hämatome sind mittlerweile wirklich blau und in ein paar Tagen werden sie sich lila und dann grün verfärben – das weiß er aus langjähriger Erfahrung. Xander sieht sie nicht an, aber er spürt sie.  Vielleicht konzentriert er sich gerade aber auch einfach nur auf den Schmerz, um sich zumindest auf irgendetwas zu konzentrieren. Es macht das Warten erträglicher. Seine Augen brennen von der Kälte und er ist müde, aber im Großen und Ganzen geht es eigentlich. Xander zwingt sich dazu, daran zu glauben, dass Jesse kommen wird. Leicht fällt es ihm nicht.  Und mit jeder Minute, die verstreicht, wird es schwieriger.  Umso mehr Zeit verstreicht, desto stärker wird Xander sich des Feuerzeugs,  der Spritze und dem Tütchen Heroin bewusst, die er noch in der Hosentasche hat.  Es macht ihn nervös zu wissen, dass der Stoff da ist, aber es hat sich ihm auch nicht die Frage gestellt, darauf zu verzichten. Nur für den Fall, dass Jesse nicht auftauchen sollte und er hier Stunden umsonst vergeudet. Er sorgt nur vor.  Doch er kommt nicht dazu, noch länger darüber nachzudenken, denn ein rotblonder Haarschopf schiebt sich in sein Sichtfeld. Wenn er auch noch einige Meter entfernt ist.

Xander bemerkt zähneknirschend, was für eine Ausstrahlung Jesse hat.  Der hochgewachsene junge Mann mit dem leichtfüßigen Gang und der Brille, die scheint als würde sie jeden Moment von seiner Nase rutschen, sticht mit Leichtigkeit aus der Masse heraus.  Und es ist ohne Zweifel seine Präsenz, die dafür sorgt. Keine Frage, Jesse mag gut einen Meter achtzig groß sein, eventuell mehr, aber das hat er mit einer Masse an New Yorkern gemein. Der graue Wollmantel, den er trägt, zieht auch nicht unbedingt Blicke auf sich. Aber sein Gang, die Art wie er den Kopf hoch erhoben hält und vor nichts zurückzuweichen scheint, das lässt ihn auffallen. Zumindest Xander kann ihn nicht ignorieren. Er könnte es nicht einmal dann mehr, wenn er das noch wollte.

Er steht auf, kurz bevor Jesse bei ihm ankommt. Er hat das ungute Gefühl ständig irgendwo herumzusitzen, wenn er Jesse begegnet. So unauffällig wie möglich versucht er sich den Straßendreck von der klammen Jeans zu klopfen. Die ganze Kleidung ist noch feucht, von seinem nächtlichen Bedürfnis, sich auf einer Bank niederzulassen. Und bei dem Wetter wird sie auch nicht wirklich trocken.  Weitere Gedanken dazu bleiben ihm allerdings erspart. Jesse kommt auf ihn zu.
„Da bist du ja …“.
Wo auch sonst? Und trotzdem muss Xander eingestehen, dass er sich an den Klang der dunklen, fast ein wenig melancholischen, Stimme gewöhnen könnte. Dass er es vielleicht schon hat. Er fragt sich, ob Jesse wohl genauso überrascht ist, ihn zu sehen, wie er. Denn er kann sich nicht helfen, aber er hat gezweifelt. Ihm erschließt sich noch immer nicht ganz der Grund dafür, warum Jesse ihm hilft.

„…-der, hörst du mich?“
„Was?“
„Das nehme ich als ‚nein‘.“
Jesse lacht leise, dann dreht er sich um. Mit einer fahrigen Hand Bewegung winkt er ihm. Als er bemerkt, dass Xander ihm nicht folgt, bleibt er stehen, dreht sich leicht zu ihm.

„Komm schon. Ich beiße nicht. Zumindest nicht donnerstags.“

Der Siebzehnjährige blinzelt einige Male. Kann nicht verhindern, den Mund vor verdutzen ein kleines Stück geöffnet zu haben. Dann schüttelt er den Kopf und beschließt Jesse einfach zu folgen. Das hat beim letzten Mal ja schließlich auch funktioniert. Na gut, funktioniert ist vielleicht weit hergeholt, aber es war zumindest keine Katastrophe. Sie kommen eine Querstraße weiter vor einem kleinen grünen Smart zum Stehen.

„Warte… “, Xander ist mehr als nur mulmig zumute „ … was hast du vor?“

„Steig in den Wagen und ich erkläre es dir.“

„Du erwartest allen Ernstes, dass ich jetzt einfach so zu dir ins Auto steige?“

„Na ja, also da ich noch nicht im Auto sitze, steigst du nicht wirklich zu mir-…“.

„Nochmal für Begriffsstutzige, das war ein ‚Nein‘.“

„Nochmal für Begriffsstutzige, das war weder eine Bitte noch eine Frage.“

„Vergiss es!“

Er tritt demonstrativ einige Schritte zurück. Der Kerl hat ja nicht mehr alle Tassen im Schrank. Er wird ganz sicher nicht einfach so zu ihm ins Auto steigen. Wer weiß, wo er ihn hinbringt, oder was er vorhat. Dass er noch nicht direkt die Flucht ergreift, ist da auch schon das höchste aller Gefühle.
Jesse seufzt und scheint sich doch nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
„Hör mal. Mach es uns beiden nicht so schwer, okay? Setz dich einfach in den Wagen, alles andere erkläre ich dir dann.“
„Warum sollte ich?“, harkt er direkt nach.
„Weil ich dir bisher noch keinen Grund gegeben habe, mir nicht zu vertrauen. Und weil wir bei den Temperaturen noch immer Gefahr laufen, tiefgekühlt zu werden. Also, steigst du jetzt ein?“

Xander beißt sich nervös auf die Lippe und zögert. Scheiße. Jesse hat Recht. Nicht das er viel Zeit gehabt hätte, sein nicht vorhandenes Vertrauen zu missbrauchen, aber bisher hat er tatsächlich noch nichts getan, was Xander zweifeln lassen könnte. Im Gegenteil. Er seufzt ergeben und steigt in den grünen Smart. Nur langsam lässt er sich auf den grauen  Beifahrersitz gleiten. Jesse steigt keine Sekunde später ein. Als er die Tür zuzieht, startet er den Wagen. Lässt den Motor allerdings einfach im Stand laufen. Einen Moment lang ist es still zwischen ihnen. „Also, hör zu. Hier ist der Plan.“

Gut eine halbe Stunde später sind sie dabei, New Yorks Stadtverkehr hinter sich zu lassen.  Xander kann immer noch nicht glauben, dass er das tut. Sie sind wirklich auf dem Weg nach Wisconsin. Das ist absolut verrückt. Noch weniger kann er glauben, dass er sich von Jesse wirklich dazu überreden lassen hat. Sein erster Reflex war, direkt wieder aus den Wagen zu springen. Als er feststellen musste, dass Jesse doch tatsächlich so eine völlig behinderte Kindersicherung im Auto hat, war er kurz davor rot zu sehen.  Er weiß nicht genau, was ihn doch noch dazu gebracht hat, ihm zuzuhören. Seine Stimme, die sich niemals aus der Ruhe zu bringen lassen scheint? Die Tatsache, dass er so oder so nicht aus dem Wagen herausgekommen wäre? Ein surrealer Moment war es jedenfalls, als er ihm seinen Plan unterbreitet hat. Aber was immer Xander auch gesagt hat, Jesse hat immer ein schlagendes Gegenargument auf Lager gehabt. Und letztendlich hat Xander die Debatte aufgegeben, oder zumindest vertagt. Vielleicht weil sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes davon abhängt. Jetzt sitzt er also mit einer – fast – wildfremden Person in einem Auto, auf dem Weg etwa  1000 Meilen nach Norden.  Sie werden mehr als fünfzehn Stunden auf diesen beengten Raum verbringen und Xander bekommt alleine bei diesem Gedanken Panik. Unweigerlich fragt er sich, ob Jesse weiß, worauf er sich da eingelassen hat.

Nach fast vierzig Minuten Autofahrt wird Xander langweilig. Mehr als langweilig.  Sie haben seit dem sie losgefahren sind nicht mehr miteinander geredet. Xander wüsste auch nicht, was er sagen sollte.  Vermutlich ging es Jesse ähnlich. Nachdem der Ältere ihn  mitgeteilt hatte, dass sie nach Wisconsins fahren werden , weil seine Eltern da wohl irgend so ein Ferienhaus haben,  um dort einen kalten Entzug durchzuziehen, war eine fast bedrückende Stille in dem kleinen Auto aufgekommen. Es war zu keinem Zeitpunkt dieses angenehme, zufriedene schweigen. Es ist viel mehr diese beklemmende Stille, dieses nervöse Schweigen, das sich ausbreitet, wenn man einander nichts zu sagen hat.

Weil Xander diese beklemmende Stille einfach nicht länger aushält,  versucht er sich irgendwie abzulenken.  In dem Moment fallen ihm die Musik CDs im Seitenfach der Beifahrertür auf, Er nimmt die erste zur Hand und muss schnauben.

„Britney Spears?“

„Die CDs … gehören einer Freundin …“.

„Klar, deshalb liegen sie auch in deinem Auto.“

„Ja, ein Problem damit? Ich nehme sie immer mit zur Uni. Sie muss sie ja nicht jedes Mal mitbringen.“

„Okay, Sherlock. Und wo sind dann deine CDs in deinem Auto?“

„Klappe, Watson.“

Stille. Dann prustendes Lachen. Jesses Lachen ist ansteckend. Tief,  mitreißend wie ein Bariton und es tut unglaublich gut einfach mal zu lachen. Er weiß nicht, wann er das letzte Mal so befreit gelacht hat. Er kann sich nicht daran erinnern. Aber es ist ein schönes Gefühl.  Xander sieht den älteren von der Seite aus an. Dieser grinst leicht, als er den Blinker setzt und sie die Straße wechseln.

„Hast du es gelesen?“, fragt er.

„Was?“

„Na, Sherlock Holmes. Du hast mich schon bei unserer letzten Begegnung Sherlock genannt.“

„Hmm, ist ‘ne Ewigkeit her.  Ich mag Sir Arthur Conan Doyles Art zu erzählen…“, murmelt der schwarzhaarige zurückhaltend, ein unsicheres Beben in der Stimme.

Jesse nickt.

„Nicht ganz mein Geschmack, aber ich glaube ich kann’s nachvollziehen. Ich mag einfach nur keine Krimis.“

„Was ist denn dein Geschmack?“. Die Frage kommt schneller über seine Lippen als ihm lieb ist.  Xander hat eigentlich vorgehabt so wenig wie möglich mit dem Medizinstudenten zu sprechen, aber er kann nicht verhindern, dass er irgendwie neugierig ist. Jesse macht ihn neugierig. Er fragt sich, wie er wirklich ist.

„Schwer zu sagen, glaube ich. In letzter Zeit habe ich fast nur Fachliteratur gelesen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr, welches Buch ich zuletzt gelesen habe. Ist wohl schon eine Weile her. Aber ich mochte die Harry Potter Romane gerne. Wahrscheinlich war der Abschlussband vom letzten Jahr auch das letzte Buch, was ich gelesen hab‘. Ansonsten… ich mochte als Kind immer, oder vielmehr als Jugendlicher als ich das Buch endlich richtig begriff,  den kleinen Prinzen sehr gerne.“

„Den kleinen Prinzen?“. Die Verwirrung ist wohl deutlich zuhören. Darunter kann Xander sich nun so gar nichts vorstellen. Klingt auch ziemlich albern, muss er gestehen.

Jesse lacht wieder. Gott, verdammt. Wieso muss das so ansteckend klingen?

„Es ist ein Kinderbuch. Lange Geschichte. Also nicht das Buch. Ach, vergiss es. Nicht so wichtig.“

Xander schüttelt den Kopf. Auch egal.
Es entwickelt sich in den nächsten Stunden ein überraschend lebhaftes Gespräch.  Über Gott und die Welt. Es ist nicht einmal übertrieben oberflächlich und wird doch nicht anstrengend und zermürbend. Mit jedem Wort mehr, das sie austauschen, hat Xander irgendwie das Gefühl, den acht Jahre älteren kennenzulernen. Irgendwann sind sie über Umwege wieder auf das Thema Musik zurückgekommen und Xander versucht – bisher erfolglos, aber das würde er nie zugeben – Jesse davon zu überzeugen, dass Punk eine geniale Musikrichtung ist. Leider scheint Jesse das nicht zu erreichen. Trotzdem fragt sich Xander unweigerlich, wie sich jemand der nach eigener Aussage Wiener Klassik hört, dazu durchringen kann, Britney Spears zu hören. Das bleibt ihm schleierhaft. Er würde auch nicht auf Green Day verzichten, nur weil sein Mitfahrer lieber eine Symphonie von Mozart hören möchte. Ist doch schließlich sein Auto. Aber gut, vielleicht ist Jesse auch das, was man einen Gentleman nennt. Xander ist sich da noch nicht sicher. Nur das Jesse wohl wirklich kein Britney Spears Fan ist, das kauft er ihm ab. Gut, was soll er von der Musik auch schon haben? Keine herausragende Komposition und die Sängerin sieht man im Auto ja auch nicht. Da kann sie noch so gut aussehen.

Sie sind sicher schon sechs Stunden unterwegs, als Xander merkt, dass er langsam auf Turkey kommt. Er ist angespannt, nervös und der Stoff in seiner Hosentasche macht die Situation nicht gerade besser. Verflucht. Eine weitere Viertelstunde später  weiß er, dass er es nicht mehr aushält. Er bittet Jesse, auf einem Rasthof eine kurze Pause einzulegen. Er behauptet er müsste aufs Klo. Jesse schaut zwar überaus misstrauisch, fährt aber bei der nächsten Ausfahrt runter. Als Xander aus dem Wagen steigt, kann er das Misstrauen in Jesses Augen deutlich sehen. Er steuert schleunigst die öffentliche Toilette des Rastplatzes an, wird dabei Gott sei Dank nicht aufgehalten. Er nimmt die nächstbeste Kabine. Verschwendet keine Zeit. Erst als er sich auf de, dreckigen Fliesenboden niederlässt, kommt er etwas zur Ruhe. Er holt die leicht verdreckte Spritze aus der Hosentasche, dazu Feuerzug und  das Tütchen mit dem weißen Pulver. Er hat weder Ascorbinsäure, noch etwas zum Abbinden. Aber es wird schon irgendwie gehen. Den Löffel zieht er aus der anderen Hosentasche. Die Spritze säubert er mit dem Wasser aus der Toilette. Das macht er nicht das erste Mal. Ist keine Ideallösung. Aber am Waschbecken geht das schlecht. Wenn das jemand sähe. Das Aufkochen geht schnell. Das Zeug ist gut und löst sich auch so, bald ist es braun.  Xander atmet noch einmal tief durch, dann tastet er seinen Arm nach einer Vene ab. Teilweise sind die schon verknorpelt, aber es geht noch. Er ballt die Hand einmal, zweimal zur Faust und tastet dabei die Armbeuge ab. Dann setzt er die Spritze an. Der erste Einstich ist schmerzhaft. Er trifft die Vene nicht. Als er zieht kommt kein Blut. Er wird noch unruhiger und seine Hand beginnt stark zu zittern. Er zieht die Spritze wieder raus. Gleiche Prozedur noch einmal. Er beschließt den Arm mit dem Schnürsenkel seines völlig abgenutzten Chucks abzubinden. Dieses Mal trifft er. Es kommt Blut beim Anziehen und er drückt das Zeug in seine Venen. Augenblicklich wird er ruhig. Kein besonderer Kick, aber alles ist gut. Danach geht alles ganz mechanisch. Mit dem Toilettenpapier wischt er ein bisschen das Blut vom Boden, das auf die Fliesen getropft ist. Das leere Tütchen entsorgt er im Mülleimer direkt neben der Toilette.

Xander ist noch nicht ganz aus der weiß lackierten Metalltür getreten, da kommt Jesse bereits auf ihn zu. Unter normalen Umständen hätte ihn das  panisch oder wütend gemacht – auf sich oder auf ihn, schwer zu sagen-, doch gerade in diesem Moment ist es ihm ziemlich gleichgültig. Er wird direkt wieder, er taumelt regelrecht, rückwärts zurück in das Gebäude geschoben und auch das hätte er sich sonst sicher nicht gefallen lassen.  Das erste Mal das sich wirklich wieder etwas in ihm regt ist, als Jesse ihn ohne Zögern in eine der Kabinen drückt, ausgerechnet die, in der er sich seinen Schuss gesetzt hat und ihn bestimmt gegen die Kabinenwand drückt.
Sein Gesichtsausdruck spricht Bände. Seine Worte sind im Vergleich dazu merkwürdig ruhig. Kühl und distanziert.

„Okay. Gibst du mir die Spritze so, oder willst du vorher noch irgendetwas abstreiten?“
Jesses grüne Augen weiten sich doch überrascht, muss Xander feststellen, als er ihm die Spritze gibt. Er kann selber nicht sagen, warum er keinen Aufstand macht. Vielleicht, weil er gerade breit ist? Weil er sowieso keinen Stoff mehr hat? Oder, weil er eigentlich wirklich entziehen will? Jedenfalls rückt er die Spritze ohne zu Zögern raus. Jesses Gesichtsausdruck ist nicht zu deuten als er die Spritze aus seiner Hand nimmt. Er schüttelt nur kurz den Kopf und murmelt „Nicht gerade fachgerecht entsorgt …“, als er die Spritze in den Mülleimer neben der Toilette wirft. Er fragt ihn, ob er ihm noch irgendwas geben will, Xander schüttelt den Kopf. Jesse Fragt ihn nach Löffel und Feuerzeug und nimmt ihm auch diese ab.  Allerdings ist das auch keine große Sache. Xander gibt sie ihm widerstandslos.

Sie gehen schweigend zum Auto. Irgendwo, tief in seinem Unterbewusstsein, fragt Xander sich, wie Jesse sich sowas freiwillig antun kann und warum er nicht spätestens jetzt das Handtuch wirft. Aber der Gedanke ist durchsichtig wie Nebel, kaum greifbar und als sie im warmen Auto sitzen, ist er schon wieder vergessen.
Jesse startet ohne ein weiteres Wort den Wagen. Xander fühlt sich absolut mies und hat das Bedürfnis einfach zu verschwinden, obgleich es ihm merkwürdig egal ist, was als nächstes passiert.  Ihm kommt zwar der Gedanke, dass er nicht weiß was Jesse als nächstes tun wird und das er, wo er sein Vertrauen so schamlos ausgenutzt hat, jetzt das Gleiche tun könnte, aber auch dieser verschwindet wieder hinter der dichten Nebelwand. Kaum einen Augenblick später sackt sein Kopf schwer gegen die Fensterscheibe des kleinen grünen Smart. Er schläft ein.


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