Kapitel 10

Der Abend ging in die Nacht über und der Saal hatte sich, als Konsequenz der vielen tanzenden Menschen, unangenehm aufgeheizt. Graf Viktor fächelte sich mit einer Serviette Luft zu und zupfte am Kragen seines Jabots.

»Es ist sehr heiß«, bemerkte auch Lord Hiram, der sich seit der Vorstellung bei Viktor nicht mehr aus dem Sessel wegbewegt hatte, außer um seinen Kelch neu aufzufüllen.

»Ich werde die Dienerschaft anweisen, die Fenster zu öffnen. Ich möchte ja nicht, dass sich jemand unwohl fühlt.« Mit diesen Worten erhob sich der blonde Engländer und verschwand. Graf Viktor lehnte sich an den Sessel an und schloss die Augen. Er hatte unheimlich gut gegessen, die Speisen waren herausragend. Aber das und der Genuss von mehreren Gläsern Wein hatte dazu geführt, dass er nun schwer im Kopf und schläfrig war.

»Mein Herr?«

»Ja?«

»Wollt Ihr vielleicht aufbrechen? Es ist bereits mitten in der Nacht und Ihr macht den Eindruck, dass Ihr gleich einschlaft.«

Viktor richtete sich wieder auf und rieb sich über das Gesicht. Er war in der Tat hundemüde und auch wenn ihn der Ball amüsierte, obwohl er nicht einen Tanzschritt gemacht hatte und nicht ein Wort mit jemandem seiner alten Bekannten gewechselt, aber dafür ausgiebig mit dem Gastgeber parliert hatte, sehnte er sich noch mehr nach seinem Bett. Er nickte matt.

»Vielleicht sollten wir uns auf den Weg machen. Lord Sandringham ist sicher nicht auf weitere Übernachtungsgäste eingestellt und es wäre auch lächerlich, wo unser Zuhause nur wenige Kilometer entfernt ist. Hilf' mir, bitte. Ich komme nicht hoch.«

Viktor war so in den Sessel hinein gesunken und durch Essen, Wein und Müdigkeit so matt, dass er keine Kraft mehr hatte. Sebastian ergriff die Hand des jungen Mannes und zog ihn sanft in die Höhe. Aufrecht stehend begann Viktor sofort, leicht zu wanken. Der Butler schmunzelte.

»Ja, Master Ari«, murmelte er leise, damit niemand diese vertraute Anrede hörte, »Ihr gehört eindeutig ins Bett.«

»Rede nicht mit mir, als wäre ich ein Kind.«

»Nein, mein Herr. Kommt, Ihr solltet Euch verabschieden.«

»Aber nicht von allen hier, oder?« Viktors Stimme war etwas undeutlich. Wann immer Müdigkeit und Alkohol bei dem jungen Grafen einen gemeinsamen Punkt erreicht hatten, konnte er sich nicht mehr klar artikulieren und fing an, zu nuscheln.

»Nein. Ich denke, es genügt, dem Gastgeber eine gute Nacht zu wünschen. Kommt, ich helfe Euch.«

»Shhht...«, zischte Viktor und weigerte sich, eine helfende Hand anzunehmen. Er war weder ein Kleinkind noch ein Greis. Nur müde, übersättigt und sicherlich auch ziemlich betrunken. Die Wärme im Saal machte es nicht besser.

Ein kühler Hauch fuhr über sein Gesicht, das einen feinen Schweißfilm zeigte, als sie in die Eingangshalle traten. Auch wenn es dort nicht kalt war, war es deutlich kühler als in dem vollen Rittersaal, in dem sich an die 60 Menschen zum Takt der Musik bewegten und alles mit ihrer Körperwärme und ihrem Atem aufheizten.

»Graf Draganesti, Ihr wollt doch nicht etwa schon aufbrechen?« Lord Sandringham tauchte aus einem Seitengang auf, der in den Küchentrakt führte, und bewegte sich auf den jungen Mann und seinen Butler zu.

Der Angesprochene lehnte sich diskret an Sebastian, da ihm der Kopf zu schwirren begann. Er nickte und lächelte leicht.

»Es war ein sehr amüsanter Abend, Lord Sandringham. Doch mein Körper macht sehr deutlich, dass es ihm für heute reicht. Ich habe sehr offensichtlich zu viel des Weins genossen. Sebastian, gehst du die Kutsche vorbereiten? Nicht dass Sergei irgendwo bei den Dienstboten eingeschlafen ist!«

Der Butler nickte und machte sich auf den Weg nach draußen, wo für die Kutscher im beheizten Kutschenhaus ebenfalls ein Essen stattgefunden hatte.

Viktor blieb, milde schwankend, in der Eingangshalle zurück und ihm wurde klar, dass er nicht einmal wusste, wohin Sebastian seinen Mantel gebracht hatte. Er konnte nur dort stehen bleiben wie ein Idiot und warten.

»Geht es Euch wirklich gut, Graf?« Hiram leistete ihm Gesellschaft und blickte mit einer Spur Besorgnis auf sein Gegenüber.

»Hmhm... Tanzen kann ich sicher nicht mehr«, kicherte Viktor, bemerkte, wie albern sich das anhörte, und errötete heftig. »Herr Gott, ich sollte keinen Wein mehr trinken. Nie wieder.«

Der Engländer musste lachen. Es geschah aus einer plötzlichen Euphorie heraus, aus der Gewissheit, dass all das Warten tatsächlich ein Ende hatte. Denn es passte alles perfekt. Er hatte seinen Gefährten gefunden, da war er sich sicher. Unter keinen Umständen würde er diesen kostbaren jungen Grafen mehr ziehen lassen. Er würde sein werden und es bleiben, für immer.

»Ja, lacht mich ruhig aus, Lord. Ich habe es verdient. Ich weiß, dass ich nicht so viel trinken darf, doch ich tue es immer wieder.« Beschämt blickte Viktor zur Seite.

»Ich lache Euch nicht aus. Ganz im Gegenteil. Jeder hat sein Laster und wenn der Wein Euch lachen lässt, anstatt dass Ihr traurig seid, dann trinkt.«

Der Graf dachte einen Moment darüber nach, bis ihm ein Gedanke kam.

»Danke.«

»Wofür?«

»Ihr wart der Einzige, der mir nicht sein Mitleid zum Tod meiner Frau und meines Sohnes ausgesprochen hat, obwohl ich sicher bin, dass Ihr darüber Bescheid wisst.«

Hiram nickte. »Ja, ich weiß es. Und ich wollte es erst. Doch mir fiel auf, dass jede weitere Beileidsbekundung Euch mehr gequält hat. Also nahm ich mir vor, Euch eher abzulenken als zu belasten. Verzeiht, wenn das übergriffig von mir war.«

»Nein, nein. Ganz im Gegenteil.« Der junge Graf lächelte schief und es passte ihm überhaupt nicht, dass sich ein warmes Gefühl in seiner Brust ausbreitete, das er geschworen hatte, nie wieder zuzulassen.

»Ah, ich werde mal sehen, wo Euer Butler Eure Garderobe hingetan hat. Es kann nur der Raum da drüben sein. Es war ein schwarzer Kaninchenfellmantel, richtig?«

Viktor nickte nur. Er war so schrecklich müde und sonderbar unglücklich, er wollte nur noch in die Kutsche und dann ins Bett. Hiram öffnete die Tür zu einem kleinen begehbaren Kleiderschrank und der junge Graf bewegte sich langsam auch darauf zu. Die Kleiderstangen darin waren vollgehängt mit aufgeplusterten, puffigen und überparfümierten Mänteln. Viktor musste sich abwenden, da der starke Geruch ihm Übelkeit brachte.

»Das hier ist Eurer, richtig?«

Der Angesprochene wandte den Blick um. »Ja. Vielen Dank.«

Er betrachtete den hübschen blonden Engländer stumm, während dieser mit dem vielen Stoff in der Kammer zu kämpfen hatte, um diese wieder verlassen zu können.

Wie einfach es wäre, einfach mit hineinzugehen, die Tür zu schließen und...

Viktor schüttelte den Kopf und schluckte. Als er die Hände zu Fäusten ballte, drückten sich seine Nägel in das Fleisch seiner Handballen, was ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte.

Seine Gedanken waren falsch! Es war Sünde. Sie wurden ihm vom Teufel aufgezwungen und er durfte dieser Versuchung nicht nachgeben. Er hatte schon genug Strafe von Gott erfahren für diese Verderbtheit.

»Graf?« Die Stimme von Lord Hiram durchbrach sein Grübeln und er schreckte förmlich zusammen.

»Ja? Entschuldigt, ich war in Gedanken.«

»Offenbar. Ihr habt ganz rote Wangen.«

»Das macht der Wein und die Wärme«, stotterte Viktor und hatte das unangenehme Gefühl, bei etwas Unanständigem erwischt worden zu sein. Was völlig absurd war. Dass er ein verderbter Sünder war, wusste nun, nach dem Tod seiner iubita, nur noch Sebastian und der würde eher sterben, als ihn zu verraten. Immerhin wusste Viktor auch etwas über ihn, was im Grunde unverzeihlich war. Sie waren beide Sünder. Deswegen verstanden sie sich so gut.

Hiram schmunzelte und blickte in den schummrigen Schrank zurück.

»Ach wisst ihr, so eine gemütliche Kleiderkammer bringt auch mich hin und wieder auf Ideen...«

Er überreichte Viktor den Mantel und dieser hatte das Gefühl, dass der Engländer ihm zuzwinkern würde. Aber das bildete er sich in seiner verwirrten und übererregten Verfassung sicher nur ein. Es ging ihn ja auch nichts an. Er wollte es gut sein lassen, als er seine Stimme bereits erneut reden hörte.

»Wie meint Ihr das?«

Hiram ging ein paar Schritte vor dem jungen Grafen auf und ab.

»Erinnert Ihr Euch, ich sagte, ich wäre der Schandfleck meiner Familie?«

Viktor nickte.

»Denkt mal darüber nach. Ich glaube, wir haben etwas gemeinsam.« Diesmal zwinkerte er wirklich, doch bevor der junge Graf nochmals nachfragen konnte, ging das Portal auf und Sebastian trat, mit Schnee auf Haaren und Schultern, wieder in die Eingangshalle.

»Mein Herr, die Kutsche ist bereit. Sergei wartet auf Euch.«

»Äh... ja. Danke, Sebastian. Hilf' mir in den vermaledeiten Mantel.« Unzufriedenheit stieg in ihm hoch. Warum musste dieser Tropf ausgerechnet in dieser Sekunde in die Halle kommen? Hätte er sich nicht noch 5 Minuten Zeit lassen können?

Viktor und Hiram tauschten noch einen Blick, der mehr Fragen als Antworten enthielt. Das schiefe Lächeln des Engländers wirkte, als wolle es sagen 'Ja, es ist genau so, wie du denkst'. Doch das konnte nicht sein, oder? Lord Sandringham konnte nicht ebenso andersartig und verdorben sein, wie er es war.

Warum strafte Gott jemanden mit dieser Sünde, warum oblag ausgerechnet ihm dieser Fluch, der ihn unreiner werden ließ mit jedem Gedanken? Der ihn der Hölle näherbrachte, wenn er sich der einen Sache ergeben würde, die ihn glücklich machte, die ihm das Gefühl gab, ganz und vollständig zu sein, die so schön war, dass man weinen wollte.

Wie konnte das Sünde sein? War dies die List des Teufels darin? Und lag darin seine Verdorbenheit? Dass er, geblendet von der Listigkeit des Satan, die Freude nicht als die eigentliche Sünde erkannte?

Er seufzte und merkte nicht, dass er dies laut getan hatte. Erst als er den verwunderten Blick von Sebastian auffing, der gerade seinen Mantel zuknöpfte, realisierte er es und bekam rote Wangen.

Hiram schmunzelte und begleitete Viktor nach draußen. Sebastian klappte die Trittleiter herunter und entzündete die kleine Lampe in der Kabine, während Sergei, der Kutscher, die Lampen an der Kutsche selbst ansteckte. Der Mond stand hell und durch den Schnee war der Weg sehr gut zu erkennen.

»Vielen Dank für die Einladung. Es war ein schönes Fest. Ich wünsche Euch frohe Weihnachten, Lord Sandringham.« Viktors Stimme zitterte leicht. Die Kälte, die draußen herrschte, war doch etwas zu viel für ihn, egal wie warm ihm zuvor gewesen war.

»Ich wünsche Euch eine sichere Heimfahrt, Graf Viktor«, sprach Hiram und ergriff die behandschuhten Finger des jungen Mannes. »Ich hoffe, bald einmal mit einer Einladung auf Euer Schloss rechnen zu dürfen.«

Viktor schluckte und nickte dann. »Ihr seid jederzeit willkommen.«

Das unangenehme Gefühl des Ertappt seins, die Notwendigkeit zur Wachsamkeit und die unbändige Sehnsucht, dem sündigen Verlangen nachzugeben, wurden nahezu unerträglich für ihn und als er einen Schritt in Richtung der Kutsche machte, bemerkte er erst, dass Lord Sandringham seine Hand viel länger gehalten hatte, als es für eine normale Verabschiedung zulässig gewesen wäre. Wie, als hätte ihn etwas gestochen, zog Viktor seine Hand zurück.

»G-Gute Nacht.« Er wandte sich ab und stieg ohne einen letzten Blick in die Kutsche.

Sebastian verneigte sich zum Abschied höflich vor Hiram, gab dem Fahrer Bescheid und stieg selbst in die Kabine.
»Geht es Euch gut, Herr? Ist Euch schlecht?«

»Mein Herz tut weh«, war alles, was der Butler zur Antwort bekam.

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