Kapitel 11

Automatisch machte ich einen Schritt auf ihn zu. Erschrocken weiteten sich seine Augen und er stolperte rückwärts. Entgeistert blieb ich stehen.

„Es... es ist besser ich gehe jetzt bevor... ich kann das nicht, Skyler... ich kann es nicht," stammelte er niedergeschlagen und wandte mir ruckartig den Rücken zu. „Ich werde bald wiederkommen. Aber verstehe, wenn ich jetzt erst mal Zeit brauche das alles zu verstehen."

Mein Herz setzte aus. Wie lange werde ich ihn nicht sehen?

„Ich verstehe," hauchte ich niedergeschlagen. „Wiedersehen Riley."

Traurig drehte ich mich wieder zur Tür der Küche als mich seine Stimme herumfahren lies.

„Denk daran was ich zu dir gesagt habe, Skyler: Gaia's Macht endet bei Sonnenuntergang. Dann stehen wir Kinder des Mondes unter Hekate's Schutz," erinnerte er mich während er langsam auf die Tür am Ende des Flures zu ging. An der Tür angekommen öffnete er sie einen Spalt und drehte sich dann wieder zu mir. Ein letztes Mal trafen seine Augen auf meine. Sein Mund verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln und er zwinkerte mir zu. „Vergiss das nicht Skyler."

Mit diesen Worten trat er aus der Tür.

Vor er die Tür schloss, drehte er sich noch einmal um und sah mir sorgenvoll in die Augen.

„Ach und Skyler?" verdutzt hob ich den Kopf. „Es war schön dich zu sehen."

„Es war auch schön dich zu sehen," hauchte ich.

Ein bitteres Lächeln erschien auf seinem Gesicht bevor er sich abwandte und mit eilenden Schritten ging. Nachdenklich starrte ich auf die Tür die hinter ihm ins Schloss fiel. Immer wieder ging ich seine Worte im Kopf durch. Die Wächter waren also Kinder von Hekate, der dunklen Mondgöttin. Von weitem hörte ich wie ein Motorrad gestartet wurde und wegfuhr. Mein Herz machte einen Sprung. Schwermut überfiel mich. Hinter mir öffnete sich die Tür und Damons Kopf erschien darin. Verdutzt suchte er den Flur ab bis seine Augen auf mich trafen.

„Oh, hey Skyler. War das gerade ein Motorrad? ... Oh nein! Sag mir nicht das..." Damon schloss die Augen als er fortfuhr: „Du hast ihn also gesehen? Und er ist wieder abgehauen nehme ich an?" flüsterte er an mich gewandt.

„Ja," flüsterte ich. Er öffnete wieder die Augen und drehte sich um als würde er sich vergewissern das ja niemand in der Nähe sei.

„Komm rein. Ronan und Tiara sind weg. Sie suchen nach Duncan."

Er öffnete die Tür ganz und ich schlüpfte schnell neben ihm vorbei in die Küche. Während er leise die Tür hinter uns schloss nutzte ich die Zeit um mich umzusehen: Die Küche war riesengroß. Auf der ganzen linken Seite erstreckte sich an der Wand eine lange Küchenzeile mit vielen Schubladen, Schränken, einem doppelten Waschbecken, einem großen Backrohr und einer großen Spülmaschine. Die Front der ganzen Küchenzeile war weiß. Davor erstreckte sich noch eine lange Kochlandschaft mit Induktionsherdplatte und – wie ich verblüfft feststellte – einem Gasherd. Auf der langen marmornen Arbeitsplatte standen massenweise Fläschchen und Gläser die gefüllt waren mit bunten Gewürzen. Daneben standen in Töpfen jede Menge frischer Kräuter wie Basilikum, Salbei, Origano, Rosmarin, Schnittlauch und Petersilie. Ein Traum für jeden Koch war diese Küche, stellte ich beeindruckt fest. Auf der linken Seite des rechteckigen Raumes stand ein zwei Meter langer massiver Holztisch. Auf den langen Seiten standen jeweils fünf Holzstühle, sowie jeweils einer an den Enden mit weißen Polstern. Auf dem Tisch stand noch ein Teller mit Besteck und einem Glas. Davor stand ein Wasserkrug mit einer bleichen Flüssigkeit darin. Auf dem Herd standen noch zwei Pfannen.

„Setz dich, Skyler," holte mich Damon aus meiner Starre und schob mich zum Tisch. „Oh warte: Du hast bestimmt Hunger. Ich kann dir die ganze Sache auch erzählen während du isst. Willst du Wasser oder Limonade? Ich würde dir raten, die Limonade zu probieren. Tiara stellt sie selbst her. Sie ist eine Offenbarung."

Lachte er während ich mich auf den Stuhl setzte, er den Teller nahm und ihn am Herd recht großzügig mit Nudeln füllte.

„Danke, ich probiere die Limonade." Antwortete ich und schenkte mir selbst ein. Durstig hob ich das Glas und setzte es an meine Lippen. Als das bittersüße Getränk meine Lippen berührte wusste ich was er meinte: Das Getränk war wahrlich eine Offenbarung. Gierig trank ich das Glas leer und füllte es sofort wieder mit der blassweißen Flüssigkeit. Damon trat breit grinsend mit dem gefüllten Teller an den Tisch als ich das zweite Glas schon geleert hatte.

„Na, habe ich zu viel versprochen?" fragte er mich belustigt als er den Teller vor mich hinstellte und mir gegenüber Platz nahm.

„Nein, mein werter Herr. Was würde ich nur ohne sie machen?" neckte ich ihm und klimperte unschuldig mit den Wimpern bevor ich die Gabel hob und auf den Teller vor mir hinuntersah. Bei uns im Restaurant würde auf der Karte stehen ‚Heutiges Tagesgericht: Farfalle mit Thunfisch an frischem Rucola, Mozzarella Bällchen und frischen Cocktailtomaten garniert mit frischem Basilikum'. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Mein Magen knurrte wie aufs Stichwort laut.

„Mahlzeit." hörte ich die belustigte Stimme von Damon aus weiter Ferne.

„Danke." Erwiderte ich und stach mit meiner Gabel in die ersten Nudeln. Wie ich schon ahnte waren auch die Nudeln köstlich.

„Jetzt wo das Monster zu futtern hat," spöttelte Damon, was ich mit einem Augenrollen quittierte und ungerührt weiter aß. „Kann ich ja beginnen zu erklären was es mit Rileys Benehmen auf sich hat," er räusperte sich und kratzte sich am Hinterkopf. „Ich weiß nicht wieviel dir Duncan von uns erzählt hat, darum beginn ich am besten von vorne." Mit verschränkten Armen stützte er sich mit den Ellenbogen am Tisch ab und lehnte sich zu mir über den Tisch. „Lichtewesen werden in zwei Kategorien unterteilt: Den Sonnenkindern und den Mondkindern. Sonnenkinder sind von der Sonnengöttin Gaia beschenkte Wesen. Elementenbändiger gehören zu diesen Wesen, den sie stammen direkt von Gaia ab. Ihre vier Kinder Enya, Tara, Aria und Ava waren die ersten Elementenbändiger. Die andere Gruppe, die Mondkinder hingegen, stammen direkt von der Mondgöttin Hekate ab. Dazu gehören wir Wächter und Mondheiler wie Tiara."

„Ich bin also ein Kind von Sonne und Mond," stellte ich nachdenklich fest während ich weiter Nudeln auf meine Gabel schöpfte und in meinen gierigen Mund schaufelte.

„Exakt. Es gibt deswegen gewisse Unstimmigkeiten zwischen den beiden Göttinnen, die sich übrigens nicht ausstehen können." Damon zog verärgert die Augenbrauen zusammen. „Aber das ist eine lange Geschichte die dir jemand anderes Erzählen soll. Was ich dir erzählen kann ist das Gaia dir die Macht über das Feuer gegeben hat. Doch auch Hekate vergibt gewisse Kräfte: Die Macht dich in einen Wolf zu verwandeln zum Beispiel, und dann gibt es noch die sogenannten Mondmächte. Mondmächte sind Kräfte die Hekate ihren Mondkindern zu bestimmten Mondphasen übergibt. Dabei hängt die Art der Macht davon ab zu welcher Mondphase du geboren bist. Ich zum Beispiel bin ein Vollmondkind. Das bedeutet das ich die Macht der Empathie besitze."

„Das bedeutet du... du kannst Gefühle von anderen Menschen spüren?" fragte ich stotternd. Die Gabel in meiner Hand zitterte unkontrolliert.

Damons Augen weiteten sich besorgt. „Ja, aber du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dich nie bloß stellen. Das steht mir nicht zu."

Plötzlich kam mir der Zwischenfall im ‚Ghost Town' wieder in den Sinn. Sein seltsames Benehmen als meine Augen auf Riley trafen. „Du hast es damals gespürt. Im Club als sich unsere Blicke trafen. Du hast alles mitgefühlt." bemerkte ich gedankenverloren.

Damon biss sich auf die Unterlippe und nickte zaghaft. Ich nagte ungeduldig auf der Unterlippe. Eine Sache beschäftigte mich seit Riley's Abschiedsworten.

„Eine Sache ist seltsam: Riley und Leon sagten, dass bei Sonnenuntergang Gaia's Macht schwinden würde. Aber der Vorfall im Club spricht doch dagegen," kam ich kurzdarauf zur Erkenntnis. Neugierig blickte ich zu Damon der nickte.

„Sie haben zum Teil recht," vermerkte Damon und legte nachdenklich seine Hand an sein Kinn. „Du musst wissen, Skyler, Gaia und Hekate sind Schwestern. Zum Teil haben sie sogar dieselben Kräfte. Beide gelten als Muttergöttinen, beide beherrschen das Wachstum der Erde und beide gelten als Sonnen- und Mondgöttinnen. Man könnte meinen es wäre dieselbe Person, doch weitgefehlt: Die beiden hassen sich. Deswegen haben sie sich nach Jahrhunderte langem Gestreite darauf geeinigt das die Eine bei Tag walltet und die andere bei Nacht. Doch wie gesagt sie haben nicht ganz dieselben Kräfte: Hekate gilt auch als große Herrin der Wegkreuzungen somit herrscht sie auch über Bereiche wie den Tages – und Nachtwechsel. Aber Gaia ist immer noch die Machtvollere der beiden und das passt Hekate überhaupt nicht in den Kram. Der Vorfall von dir und Riley hat mich auch irritiert. Vielleicht möchte Hekate ihrer Schwester zeigen das sie nicht ohne Grund als Göttin gehuldigt wird."

„Du glaubst das Hekate ihre Finger bei Rileys Prägung im Spiel hatte?" spielte ich auf seine wage Erklärung an. Auf Damons Gesicht erschien ein stolzes Lächeln. „Gut kombiniert, Prinzessin," lobte er mich und lehnte sich zurück. „Ja ich glaube das Hekate bei euch Turteltauben die Finger im Spiel hatte. Du Fragst dich jetzt bestimmt wie ich auf diese seltsame Vermutung komme."

„Was sagt dir das Gaia sich nicht nur mit mir und Riley einen dummen Scherz erlaubt hat?" stellte ich sofort eine Gegenfrage. Damon hob seinen Zeigefinger und zeigte damit auf mich.

„Das, meine Liebe," begann er. „Das, habe ich mich nach dieser Nacht auch ständig gefragt. Ich begann Riley zu beobachten. Habe Bücher gewälzt, habe im Internet geforscht. Doch die Beobachtung dieser Nacht hat am Ende am meisten Beweise gebracht: Er fühlt sich untertage von dir angezogen, das ist normal. Er hier herum, war nervös und launisch. Riley versuchte dieser Anziehung zu entgehen indem er sich untertags im Wald verschwand. Eine normale Reaktion. Doch was normalerweise bei Sonnenuntergang beendet war, wurde bei Riley schlimmer. Es war so schlimm das er nach der ersten Nacht mit dir in einem Haus, in den alten Wohnwagen in der Mitte des Waldes zog. Dort lebt er nun. Du siehst seltsam, dass was Riley erlebt ist echt schlimm."

„Also ist Gaia's Macht mit Sonnenuntergang wirklich gebrochen?" fragte ich neugierig.

„Nicht gebrochen, aber geschwächt. Sie gilt, wie gesagt, auch als Mondgöttin. Aber Hekate hat Macht über unsere Träume," Erklärte Damon.

„Also bin ich schuld," stellte ich bedrückt fest. „Ich quäle ihn so, dass er das Haus verlassen musste." Auf Damons Gesicht erschien ein anzügliches Grinsen.

„Du kannst es ganz einfach beenden: Du musst nur mit ihm ins Bett hüpfen und die Sache ist geritzt," spöttelte er und kassierte prompt von mir ein Augenrollen. Doch der Gedanke Riley mit meiner bloßen Anwesenheit in den Wahnsinn zu treiben bedrückte mich.


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