Kapitel 12

Schatten der Vergangenheit

Xander


Er erzählt. Erzählt zum ersten Mal überhaupt jemandem davon. Er weiß nicht, was in ihn gefahren ist, aber er kann nicht stoppen, als die ersten Worte erst einmal heraus sind.

„Ich bin in New Jersey, besser gesagt in Cape May geboren und aufgewachsen. Das ist ein Kaff an der Ostküste. Im Sommer haben sie da mehr Touristen als Einwohner.“

Er schluckt, würgt den Kloß im Hals herunter und fährt sich über die vermutlich geröteten Augen, um die aufkommenden Tränen zurück zu kämpfen. Soweit, so gut. Das kann man ja eigentlich ohne Probleme erzählen. Jesse nickt, als wolle er ihm bestätigen, dass er verstanden hat und dass er zuhört und merkwürdigerweise hilft das Xander dabei, fortzufahren.

„Meine Eltern wollten kein Kind. Noch nicht. Aber es ist eben so gelaufen. Meine Mum war 23, mein Vater 26. Sie arbeitete als Krankenschwester, mein Vater war gerade bei der Polizei befördert worden. Es hätte deutlich schlechter laufen können. Lief es auch. Aber erst als ich drei Jahre alt war. Bis dahin funktionierte ihre Ehe eigentlich ganz gut. Glaube ich zumindest.“

Xander weiß nicht so genau, wieso er das alles erzählt. Aber Jesse hat gesagt, er soll am Anfang beginnen. Und das ist der Anfang. Außerdem ist es leichter über andere Personen zu sprechen, als über sich selbst. Das ist weniger verfänglich. Dennoch muss er abermals den Kloß herunterschlucken, der sich zusehends in seinem Hals gebildet hat. Verflucht! Reg dich ab, mahnt er sich innerlich selbst. Fahrig fährt er sich durch sein dunkles Haar, versucht das Zittern seiner Hand unter Kontrolle zu bringen. Es gelingt ihm nicht und er fühlt sich absolut bescheuert. Dennoch fährt er fort.

„Am Anfang haben sie nur gestritten. Lautstark. Ich weiß noch, dass sie fürchterlich laut waren, weil ich mich deutlich daran erinnern kann, wie viel Angst sie mir damit gemacht haben. Ich kannte das so nicht. Sie waren sonst eigentlich sehr ruhig. Heute weiß ich …, dass mein Vater zu dieser Zeit zu Trinken angefangen haben muss. Ziemlich exzessiv. Mit dem Trinken hat auch das Schlagen begonnen. Mir gegenüber ist er damals nie handgreiflich geworden. Aber meine Mutter hat er das ein oder andere Mal ziemlich übel verprügelt. Sie ist dann damals oft zu später Stunde in mein Zimmer gekommen. Ich erinnere mich daran, wie sie geweint hat. Manchmal die ganze Nacht. Und obwohl ich das weiß, obwohl ich mir sicher bin mich ganz genau an den Klang ihrer Stimme erinnern zu können – was verrückt ist, weil ich gerade mal drei Jahre alt war -, sind die nächsten Erinnerungen merkwürdig verschwommen.“

Und plötzlich kann er das Schluchzen nicht mehr seine Kehle herunter drängen. Vielleicht, weil er weiß, was noch kommt und es bisher gar nicht so schlimm klingt, wenn man‘s hört. Gott, Jesse muss doch denken er ist bescheuert. Wer würde das nicht denken? Er tut es ja selbst. Aber zu diesem Zeitpunkt war alles im Großen und Ganzen noch okay. Für seine Eltern vielleicht nicht, aber für ihn. Und vielleicht spielt das keine Rolle, ob es für ihn in Ordnung war oder nicht, weil es das für seine Eltern seit seiner Geburt vermutlich nie gewesen ist, aber er wünscht sich manchmal, er könnte ab diesen Punkt auf die Stopp-Taste drücken und die ganze Geschichte auf Replay laufen lassen. Das wäre weniger schmerzvoll. Unweigerlich muss er daran denken, dass er diese Stopp-Taste im Leben längst gefunden hat. Heroin. Mit H ist dir alles egal. Egal welcher Film in deinem Leben dann abläuft, du scherst dich nicht drum. Es ist als würde alles um dich herum tatsächlich auf ‚Stopp‘ stehen. Er hasst sich noch im gleichen Augenblick für diesen Gedanken, kann ihn aber einfach nicht bei Seite schieben.

Er merkt, dass Jesse ihn wieder fester in eine Umarmung ziehen möchte, aber plötzlich stürmen all die alten Erinnerungen auf ihn ein und mit einem Mal macht ihm der Gedanke, jemandem körperlich so nah zu sein, unheimlich Angst. Automatisch rückt er ein Stück weg, bringt Abstand zwischen sie. Jesse lässt die Hände beschwichtigend sinken. Formt mit den Lippen lautlos ein: „Ist okay“.  Für Xander ist gar nichts okay. Ihm ist bewusst, dass Jesse das nicht so gemeint hat. Dennoch klingt es für ihn unweigerlich danach. Er schlingt im Affekt die Arme um seinen Oberkörper und zieht die Knie so nah an, wie er nur kann. Er weiß, dass es nichts ändert, dass die Erinnerungen dadurch nicht weniger schmerzhaft sind. Dass er dadurch nicht weniger angreifbar ist. Aber es ist die einzige Form von Schutz, von Sicherheit, die er kennt. Er will gar nicht heulen. Nicht schon wieder vor Jesse in Tränen ausbrechen. Er erinnert sich an ihr erstes, nein, es war ihr zweites Treffen, bei dem er auch schon angefangen hat zu weinen. Und das nur, weil der Ältere ihn angefasst hat. Dabei war er zu diesem Zeitpunkt sogar drauf, hätte ihn eigentlich nicht interessieren dürfen. Es war einfach die Art, wie er ihm am Handgelenk gepackt hat, die ihm immer wieder einen Schauer durch den gesamten Körper jagt. Und erneut schieben sich die Drogen in seine Gedanken. Er kann es einfach nicht verhindern und das macht ihm eine Heiden Angst. Er weiß nicht, wie er jemals wirklich clean bleiben soll, wenn er jetzt schon wieder scheinbar nichts anderes im Kopf hat.

Sein Kopfschütteln ist nicht mehr als ein kläglicher Versuch, diese Gedanken hinter sich zu lassen. So richtig will es nicht funktionieren, obschon es Xander zumindest gelingt, sie ein wenig in den Hintergrund zu drängen. Fürs Erste muss das reichen. Dann hebt er den Kopf, dreht sich ein wenig zur Seite und sieht Jesse direkt in die Augen, die ihm selbst im Dunkeln mit einem klaren Funkeln entgegen blicken. Ihm ist nie bewusst gewesen, wie viel Menschen mit einem einzelnen Blick sagen können, aber die Ruhe und Kraft die Jesse unverwandt damit ausstrahlt gehen fast augenblicklich auf ihn über. Er hat keineswegs den Eindruck, dass sein benehmen plötzlich weniger lächerlich ist, wohl aber das Gefühl, dass es nicht schlimm ist weiterzusprechen und das tut er dann auch. Nach dem er einmal lautstark die Nase hochgezogen und sich mit dem Handrücken notdürftig die Tränen aus dem Gesicht gewischt hat.

„Na ja…“, beginnt er unsicher, fährt dann aber fort „ jedenfalls haben sie sich dann getrennt, als ich vier Jahre alt war. Was heißt getrennt? War mehr so eine Nacht und Nebel Aktion. Ich erinnere mich auch eigentlich gar nicht mehr so genau, wie es die Tagen und Wochen davor gewesen ist, aber ich weiß noch genau, dass sie in dieser Nacht, in der meine Mutter gegangen ist, wieder furchtbar gestritten haben. Es war laut, es hat gescheppert, sie haben geschrien und dann wurde es ganz unvermittelt still. Da war plötzlich  nichts mehr, weißt du? Und das hat mir als Kind noch viel mehr Angst gemacht, weil es ihnen gar nicht ähnlich sah, plötzlich wieder ruhig zu werden. Nicht nur ruhig, sondern völlig still. Es war so, als ob jemand den Ton abgestellt hätte und dann, am nächsten Morgen, war sie einfach fort. Ich konnte das erst gar nicht begreifen. Wenn ich meinen Vater nach ihr fragte und er einfach nur sagte, sie sei fort, dann konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Was sollte das schon heißen? Fort? Ich war völlig vor den Kopf gestoßen und ich habe einfach ständig nach ihr gefragt. Aber die Antwort blieb immer dieselbe. Und auch wenn ich es nicht wirklich verstehen konnte, ich habe noch eine halbe Ewigkeit weiter danach gefragt, wann sie endlich wieder nach Hause kommt, ist es mir irgendwann ganz gleichgültig geworden. Ich hab‘ dann auch irgendwann damit aufgehört und mein Vater hat nie mehr über sie gesprochen. Damit war das Thema dann erledigt. Wie blieben dann eine Weile nur zu zweit und er hat auch erst mal weniger getrunken. Eigentlich fast gar nicht mehr, soweit ich das beurteilen kann. Kurz nach meiner Einschulung in der Grundschule ist er dann wieder befördert worden. Vom Warden zum Undersheriff. Meine Großmutter war damals deshalb schrecklich stolz auf ihn. Sie starb dann ein paar Monate später. Weil ihre Beerdigung an einem Vormittag in der Woche stattfinden sollte, musste mein Vater, wegen der Schulbefreiung, wohl oder übel zum ersten Mal seit meiner Einschulung mit meiner Klassenlehrerin sprechen. Muss ´n ziemlich gutes Gespräch gewesen sein, denn nicht mal einundeinhalb Jahre später zog sie bei uns ein, weil sie von meinem Vater schwanger war. 1998, … 1998 ist dann meine Halbschwester zur Welt gekommen. Nikki May, benannt nach meiner Großmutter und ihrer Mutter. Zu diesem Zeitpunkt waren wir eigentlich wieder eine ziemlich glückliche Familie. Zumindest irgendwie. Auch wenn wir streng genommen keine richtige Familie waren, weil mein Vater und Mary nie geheiratet haben. Wir lebten aber wie eine zusammen. Und es war…, ich glaube, es war schön.“

Jesses Miene lässt nur schwer eine Deutung zu und verunsichert Xander zunächst ein wenig, doch dann zeigt der Ältere den Hauch eines Lächelns und unwillkürlich fühlt er sich besser. Sie schauen sich noch einen Augenblick in die Augen, bevor Jesse die Decke nimmt, die am Fußende des Eichenbettes zusammengerollt liegt und sie über Xanders Schultern ausbreitet. Er nimmt das Gewicht auf seinen Schultern nur kaum war. Was er hingegen sehr deutlich wahrnimmt ist das Jesse ganz unvermittelt aufsteht. Er muss ein so komisches Gesicht machen, dass Jesse leise schmunzelt.

„Ich geh‘ nur schnell in die Küche und hol etwas zu Trinken. Ich habe das Gefühl, wir haben noch eine lange Nacht vor uns. Bin gleich wieder da.“

Xander hat unwillkürlich das Bedürfnis ihm hinterher zu gehen. Irgendwie ist ihm hier im Dunkeln plötzlich ziemlich komisch zumute. Auch den Gedanke hier alleine zu sitzen, der ihm noch vor einer halben Stunde nichts ausgemacht hat, findet er auf einmal beängstigend. War das vor einer halben Stunde, als er Jesse zum Arbeiten im Wohnzimmer zurückgelassen hat, weil er sich plötzlich wieder miserabel gefühlt hat und lieber alleine sein wollte? Er kann das auf einmal nicht mehr beurteilen. Vermag nicht mehr einzuschätzen, wie viel Zeit vergangen ist. Ihm wird mit einem Mal bewusst, dass er nicht einmal mehr weiß, welchen Tag sie eigentlich haben. Die Zeit vergeht ohne dass sie Xander noch ein Begriff ist.

Dann kommt Jesse wieder, in den Händen hält er zwei dampfende Tassen. Als er sich vorsichtig wieder auf das Bett setzt, drückt er ihm eine davon in die Hand. Das dampfende Gebräu darin stellt sich als heiße Schokolade heraus und Jesse weiß es vielleicht nicht, aber er rennt damit offene Türen bei Xander ein. Trotzdem sagt er:

„Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass man vor dem Schlafen gehen keinen heißen Kakao mehr trinke soll. Das gibt Bauchschmerzen und Albträume.“

„Ja?“. Jesse zieht belustigt eine Augenbraue in die Höhe, als er erwidert: „Na, wie gut das wir ja noch gar nicht schlafen wollen.“

Xander nickt und nippt vorsichtig an seinem Getränk. Er weiß gar nicht, wann er das letzte Mal Kakao getrunken hat. Er hat schon fast vergessen, wie der schmeckt. Für einen Moment schließt er genießerisch die Augen. Wow, das klingt albern, aber es tut echt gut einfach mal so etwas Alltägliches zu genießen.

Aber lange hält seine Freude darüber nicht an. Er weiß, die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt und Jesse weiß es auch. Und jetzt hat er angefangen, wenn er nicht weiter macht, wird er das nie tun. Es ist ein unbestimmter Gedanke, einer den man nicht wirklich zu fassen bekommt. Er steht im Raum, schwebt irgendwie über allen Dingen und wird vermutlich niemals laut ausgesprochen. Vielleicht weil Xander sich dem nur vage bewusst ist.

Er sieht Jesse nicht noch einmal an, als er wieder zu sprechen beginnt: „Der Sommer, der auf Nikkis dritten Geburtstag folgte, brachte eine neue Katastrophe mit sich. Drei scheint eine magische Zahl zu sein.“

Kurz hält er Inne. Er lebt jetzt auch beinahe drei Jahre auf der Straße. Tatsächlich scheint ihm diese Zahl einfach nicht los lassen zu wollen. Aber er gedenkt nicht, das für Jesse näher auszuführen. Deshalb fährt er unberührt fort: „Nikkis Mum erkrankte 2001 an Krebs. Es ging ihr ziemlich schnell, ziemlich schlecht. Trotz der Behandlungen. An manchen Tagen konnte sie kaum aufstehen. Mein Vater war erneut befördert worden. Er war der jüngste Sheriff des Countys mit 38 Jahren und ich glaube er hat sich wahnsinnig viel darauf eingebildet. Jedenfalls war sein Posten ihm das Wichtigste, also hatte er natürlich keine Zeit für seine Familie. Ich war also Zuhause für alles verantwortlich, wenn er arbeitete. Es war meine Aufgabe mich um den Haushalt zu kümmern. Mich um Nikki zu kümmern. Ich war ja auch schon Zehn. Es ging auch. Es war nicht immer so einfach und manchmal hat es mich genervt, wenn ich Nik irgendwo mit hinnehmen sollte, oder stundenlang ihre Bilderbücher mit ihr lesen musste, aber sie war meine kleine Schwester und ich … ich hätte alles für sie getan. Dann kam das Frühjahr 2002. Es war kurz nach Nikkis Geburtstag und plötzlich …“.

Und hier kommt er ins Stocken. Weiß nicht mehr, wie er fortfahren soll. Die Schuldgefühle überrollen ihn nahezu. Wie eine Welle kommen sie über ihn. Da sind wieder diese Stimme und dieser eine Satz, die einfach nie verschwinden wollen. Du bist Schuld. Und Xander weiß sich nicht anders zu helfen. Er will diese Stimme einfach nicht mehr hören und so presst er beiden Hände fest auf seine Ohren. Es nützt nichts. Die Stimme wird nicht leiser. Aber da ist noch eine andere Stimme, die zu ihm durchdringt. Jesses.

Die Worte, die er sagt, kommen zwar nicht wirklich bei ihm an. Aber seine Stimme dringt deutlich durch das Gewühl seiner Emotionen und Gedanken. Langsam nimmt er die Hände wieder von den Ohren und die Stimme in seinem Kopf verstummt. Jesse wirkt wieder einmal völlig unbeeindruckt und flüchtig denkt Xander darüber nach, was es wohl braucht, um den jungen Mann aus der Ruhe zu bringen. Der sich offensichtlich nur schwer beeindrucken lässt, in jeder Situation besonnen zu reagieren scheint und vielleicht einen siebten Sinn besitzt, denn er hat Xander die Tasse mit dem mittlerweile abgekühlten Getränk  längst aus den Händen genommen, bevor er sich verzweifelt die Ohren zugehalten hat. Ansonsten wäre die Tasse  samt Inhalt wohl klirrend zu Boden gegangen.

„Erzähl weiter, sobald du wieder kannst …“, Jesses Stimme ist ihm mittlerweile so vertraut und hilft ihm, sich auf etwas anderes, als die Vorwürfe und Selbstzweifel zu konzentrieren, die ihn zu verschlingen drohen. Und vielleicht hat es für Jesse keine große Bedeutung, aber für Xander ist es signifikant, dass er ‚sobald‘ und nicht ‚falls‘ oder ‚wenn‘ gesagt hat. Es klingt albern, aber es lässt Xander glauben, dass Jesse an ihn glaubt. Und das ist ein gutes Gefühl. Das für den Moment sogar die dunklen Gedanken ein wenig bei Seite schiebt. Soweit, dass er glaubt, weiter erzählen zu können. Nicht nur weiter, sondern dieses Mal endlich zu Ende.

„Sie war weg. Einfach weg. Ich hätte Nikki vom Kindergarten abholen sollen. So wie immer eigentlich. Mittwochs, donnerstags und freitags.  Der Kindergarten lag nur zwei Straßen von der Schule entfernt und nach den letzten Stunden hab ich sie dann immer mitgenommen. Und dann sind wir zusammen nach Hause. Aber an diesem Donnerstag …. Wir hatten die letzten beiden Stunden Sport und ich hab mir den scheiß Knöchel angebrochen, weil ich Trottel an einem Barren hängen geblieben bin. Jedenfalls konnte ich nicht mehr auftreten und wurde in dieses bescheuerte Krankenzimmer verfrachtet. Sie wollten mich nicht alleine gehen lassen und ich konnte ja auch nicht wirklich gehen. Zuhause war niemand zu erreichen. Ich weiß nicht mehr, ob Mary geschlafen hat oder ob sie einen Arzttermin hatte, sie war zumindest nicht Zuhause. Sie haben meinen Vater erst eine halbe Stunde nach Schulschluss erreicht, weil er mit seinem Team auf einen Außeneinsatz gewesen ist. Er war stocksauer damals. Man konnte ihn mehr als deutlich durchs Telefon brüllen hören, die Sekretärin hat den Hörer vorsichtshalber ein ganzes Stück von sich weg gehalten. Ich konnte jedes Wort verstehen, das er gesagt hat. Deshalb wusste ich auch, dass er zunächst meine kleine Schwester vom Kindergarten abholen würde, bevor er mich abholen wollte. Ich wartete eine weitere halbe Stunden. Doch er kam nicht. Niemand kam. Die Sekretärin schickte mich bald darauf dann doch nach Hause, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich schon irgendwie heil dort ankommen würde. Soweit war es ja auch nicht. Ich merkte schon als ich auf der Straße war, dass etwas nicht stimmte. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein und dann traf ich auf einen Kollegen meines Vaters. James. James Raynolds. Nicht nur ein Kollege, auch der beste Freund meines Vaters und unser Nachbar. Er brachte mich dann nach Hause und er war es auch, der mir mitteilte, dass Nikki verschwunden war. Einfach weg. Als mein Vater sie am Kindergarten abholen wollte, war sie einfach nicht mehr da. Zur Abholzeit waren die Kinder immer draußen auf dem Außengelände und die Erzieherinnen konnten im Nachhinein wohl auch nicht mehr sagen, ab wann Nikki nicht mehr dabei war. Sie dachten, ich hätte sie mitgenommen und einfach nicht Bescheid gesagt. Ihre Sachen waren auch weg. Die nächsten Stunden waren der absolute Horror.“

Xander erinnert sich an diese Stunden nur noch in Bruchstücken. Es ist alles verschwommen, wie von einem Schleier eingehüllt. Mary erlitt einen Nervenzusammenbruch als sie vom Verschwinden ihrer Tochter erfuhr. Sein Vater kam bis spät in die Nacht nicht nach Hause und als er dann kam war er außer sich vor Wut, Zorn und vermutlich auch vor Sorge. Die Hundestaffel hatte die Spur seiner kleinen Schwester bis zur kleinen Bucht am Strand zurückverfolgen können. Sein Vater wusste, dass es Xanders Lieblingsplatz war und er und Mary hatten ihm mehrfach ausdrücklich gesagt, dass Nikki dort nichts zu suchen hatte. Das es viel zu gefährlich dort war. Und meistens hatte Xander diese Warnung ernst genommen. Meistens. Ab und zu war er im letzten Winter mit ihr da gewesen, auf ihren gemeinsamen Streifzügen durch die Stadt, doch er hatte immer gut auf sie aufgepasst und ihr eingebläut, dass sie alleine nichts an diesem Ort zu verloren hatte. Nikki hatte ihm darauf unvermittelt mitgeteilt, alleine wäre es sowieso zu langweilig hier her zu kommen. Deshalb traf ihn die Nachricht seines Vaters wie ein Schlag ins Gesicht. Konnte das sein? Er konnte es sich nicht vorstellen, überhaupt die Tatsache, dass sie ganz alleine den Kindergarten verließ, aber gleichzeitig sprachen alle gefundenen Hinweise dafür. An diesem Abend hat er zum ersten Mal erfahren, wie sich Schuldgefühle wirklich anfühlen und es war ein grauenvoller, brennend heißer Schmerz. Sein Vater tat sein Bestes, um die Schuldgefühle auch noch zu schüren. Immer wieder rastete er aus und dann hielt er Xander vor, dass es seine Aufgabe gewesen wäre, die Kleine vom Kindergarten abzuholen. Dass es seine Aufgabe gewesen war, auf sie aufzupassen und dass er gegen seine strikten Regeln verstoßen habe, denn wer, wenn nicht er, habe Nikki diesen Platz am Strand gezeigt. Und in seiner Rage und seinem Jähzorn kannte er kein Maß. Noch in derselben Nacht begann er wieder haltlos zu Trinken und es war auch das erste Mal, dass er Xander schlug. Richtig schlug. Zwar hatte er vorher schon mal die ein oder andere zu „Erziehungszwecken“ kassiert. Aber wie sein Vater in dieser Nacht auf ihn ein prügelte, da konnte er zum ersten Mal verstehen, dass seine Mutter gegangen war. Obschon er nicht umhin kam zu glauben, die Schläge zumindest bis zu einem gewissen Grad verdient zu haben. Außerdem hatte der gerade Elfjährige seinem Vater nicht besonders viel entgegenzusetzen.

Mary starb noch vor Winteranbruch. Es war ein neuerlicher Tiefpunkt im Leben seines Vaters. Xander hingegen hat ihren Tod nicht mehr wirklich vor Augen. Kann sich nicht einmal mehr des Gefühls entsinnen, dass er gespürt hat, als sie gegangen ist. Ihr Verhältnis war in den letzten Wochen auch deutlich angespannter gewesen, als früher. Sie hat es nie gesagt, aber in ihren Augen hat immer dieser unausgesprochene Vorwurf gelegen, der Xander klar machte, dass auch sie glaubte, er sei schuld an Nikkis verschwinden. Danach war die Abwärtsspirale jedenfalls nicht mehr zu bremsen.

Was die nächsten drei Jahre passiert ist, bis zum Januar 2006 in dem er Cape May endgültig den Rücken gekehrt und nach Jersey City gegangen ist, erzählt Xander mehr oder weniger im Schnelldurchlauf. Eher weniger, denn selbst ohne allzu viele Details braucht er dafür eine ganze Weile. Vor allem, weil er dabei nichts beschönigt, weder was ihn betrifft, noch seinen Vater. Er versucht bei seinen Erzählungen möglichst teilnahmslos zu klingen, doch das ist schwer, denn mit dem erzählen kommt das erinnern und das tut ganz schön weh. Er versucht nicht, seine Fehler zu verbergen. Gibt zu, dass er seinen Vater das ein oder andere Mal sicher mit Absicht zur Weißglut gebracht hat. In dem er Nacht für Nacht eine andere Wand mit Graffitis besprayt hat, mit Vorliebe, wenn sein Vater Nachtschicht hatte. Nicht immer haben sie ihn gekriegt, sogar eher selten, aber natürlich wusste sein Vater dennoch, wer für den Vandalismus in der Stadt zuständig war. Dafür kannte er aber auch wirklich die richtigen Leute. Leute die er später seine Freunde nannte. Gesocks und Gesindel, hatte sein Vater sie immer genannt. Nun ja, Kleinkriminelle traf es vermutlich ganz gut. John, fast vier Jahre älter als er und ein Kiffer vorm Herrn, wie Pater Samuel ihn immer betitelte, war es, der ihn seinen neuen Freundeskreis vorgestellt hatte und er war es auch, der Xander ziemlich unprofessionell ein Tattoo stach. Mit einer Nadel und schwarzer Pelikan Tusche. Damals war er Dreizehn gewesen und es hatte höllisch weh getan, was wohl daran lag, dass das Schlüsselbein eine denkbar ungünstige Stelle fürs erste Tattoo war. Aber John hat seine Sache damals wirklich gut gemacht, wie Xander findet, denn die geflügelte Viertelnote, die er seither auf der Haut trägt, gefällt ihm heute noch. Ist vermutlich auch besser so.

Jedenfalls gab es für diese und andere Aktionen natürlich Zuhause gerne mal Prügel. Spielte eigentlich aber auch keine Rolle, was er tat und was nicht, denn die Schläge gab es am Ende ja doch immer. Mochte sicher auch daran liegen, dass sein Vater keinen einzigen Tag mehr nüchtern war. Meistens hatte er morgens, wenn Xander zur Schule ging – wenn er denn hin ging, auch da wurde er ziemlich nachlässig – schon gut an Alkohol intus. Im Nachhinein fragt Xander sich, wie er in diesem Zustand seinen Job überhaupt behalten konnte. Spielt aber auch alles keine Rolle mehr. Er weiß zumindest, dass er nicht ganz unschuldig gewesen ist, an der Situation Zuhause. Zugegeben, er hat es drauf angelegt, aber sein Vater registrierte ihn ja auch nur noch, wenn der auf ihn einprügelte oder wenn er mal wieder etwas angestellt hatte. Ansonsten war er Luft. Und später hat schon die kleinste Kleinigkeit gereicht, um seinen Vater die Beherrschung verlieren zu lassen. Ein herumliegendes Geschirrtuch auf der Arbeitsplatte in der Küche, ein Schulbuch auf dem Küchentisch oder ganz banale Dinge, wie der nicht funktionierende Fernseher. Alles war ein guter Grund um die Fäuste, oder den Gürtel oder einmal gar das Bügeleisen zu erheben. Vielleicht glaubte sein Vater wirklich, er könne ihm damit Manieren und Disziplin beibringen, zumindest war es das, wovon er sprach, wenn Xander erneut eine seiner Sanktionen über sich ergehen lassen musste. Und manchmal war es wirklich nicht mehr, als ein über sich ergehen lassen. Er erinnert sich an eine Nacht, in der er mit John und den anderen unterwegs gewesen ist. Erst ziemlich früh am Morgen ist er nach Hause gekommen. Als er durch sein Fenster wieder ins Haus geklettert ist, saß sein Vater schon in seinem Zimmer. Er hatte er auf ihn gewartet und Xander wäre vor Schreck fast Rückwärts zum Fenster hinaus gefallen. Insbesondere, als sein Vater einen Schritt auf ihn zumachte. Ist er aber nicht. Er ist heil auf dem Zimmerboden angekommen. Ob ein Sturz aus dem Fenster allerdings weniger schmerzhaft gewesen wäre, als der darauffolgende Wutausbruch seines Vaters, scheint ihm heute fraglich. Er hat noch zugetreten und geschlagen, als Xander längst zu Boden gegangen war und nicht einmal mehr auf die Idee gekommen wäre, auch nur einen Finger zu krümmen. Und trotzdem, er ist nicht der Grund, warum Xander letztendlich gegangen ist. Zumindest nicht der Einzige. Und über den anderen kann Xander nicht reden. Auch mit Jesse nicht.

Raynolds sollte ihm Disziplin, Gehorsam und Demut beibringen. Nach Aussage seines Vaters jedenfalls. Er sollte Xander zur Räson bringen. Schaffen, was sein Vater offenkundig nicht schaffte. Ja. Ja, James Raynolds hatte in der Tat seine ganz eigenen Methoden, um Xander zu disziplinieren. Er hatte wirklich mit der Zeit angefangen zu betteln, wenn sein Vater ihn vor der Arbeit ins Zimmer einschloss – und die Fenster ebenso zusperrte - und ihm eröffnete, James würde gleich herüberkommen, weil er frei habe. Wie so häufig in den vergangenen Jahren. Auf Knien hatte er irgendwann gefleht. Er hatte längst damit aufgehört, seinen Vater absichtlich zu provozieren, aber es schien ihm mittlerweile ganz egal, ob Xander Strafe verdient hatte oder nicht.


„Bitte, Dad!“, die Stimme zittert schon merklich. Er ist darum bemüht die Beherrschung nicht zu verlieren, während er unablässig mit den Fäusten gegen die Zimmertür trommelt.

„Damit ich dich heute Nacht wieder mit deinen sogenannten Freunden an irgendeiner Wand beim Sprayen erwische. Oder ihr irgendwo einsteigt? Vergiss es, Junge. Du bleibst hier. Und James wird schon darauf Acht geben, dass du bleibst, wo du bist. Alles andere könnte dir so passen. Aber nicht mit mir.“ Ein höhnisches Lachen dringt an Xanders Ohren. Die polternde Stimme wird von einem leichten lallen begleitet.

„Nein! Ich versprech’s Dad. Ich… ich bleib hier. Ich geh  nirgendwo hin. Nur, schick James nicht rüber. Bitte!“, falls Xanders Stimme irgendwie noch flehender klingen kann, tut sie es jetzt. Die Tränen brennen bereits in seinen Augen. Er hat Angst. Wirklich Angst.

„Du versprichst? Du versprichst! Wie du versprochen hast, auf deine Schwester aufzupassen? Nein, mein Freund. Du trägst die Konsequenzen für dein Handeln und jetzt hör endlich auf zu heulen. So hab‘ ich dich nicht erzogen.“ Die dröhnende Stimme seines Vaters entfernt sich bereits wieder. Er hat vermutlich nicht einmal eine Sekunde darüber nachgedacht, die Zimmertür aufzuschließen.

In seiner Wut, seiner Panik und seiner Angst schreit Xander ihm nur noch hinterher: „Du verfluchtes Arschloch. Ich hasse dich!“

Die Stimme ist schon ziemlich weit entfernt, vermutlich an der Haustür, als es zurückschallt.
„Na, warte nur, bis ich nach Hause komme, du Gott verdammter Bastard!“

Kurz darauf fällt dir Haustür ins Schloss und nicht einmal eine Viertelstunde später, hört er jemanden die Treppe hochkommen. In ihm kommt erneut Panik auf, sein Puls rast. Als er mit einem Satz auf die Beine kommt, scheinen die sein Gewicht kaum tragen zu können. Als er hört, wie sich der Zimmerschlüssel im Schloss herumdreht, sitzt er bereits zitternd eng in die Ecke des Zimmers gedrückt, als wollte er mit der Wand verschmelzen.

Es nützt alles nichts. Als James ins Zimmer kommt, braucht es nur einen Blick und ein süffisantes Grinsen und schon hat er Xander ausgemacht und kommt schweren Schrittes auf ihn zu.

„Bleib bloß weg!“, es soll abwehrend klingen, doch die Stimme ist dünn von der Angst des Vierzehnjährigen.

„Sonst was?“, James dunkle Augen funkeln Angriffslustig. Er weiß genau, dass es sich hier um ein Katz und Maus Spiel handelt und Xander ist die Maus. Mit einem weiteren Schritt ist er bei ihm und zieht Xander am Arm unsanft auf die Beine.

„Fass mich nicht an!“, es klingt nicht mehr ängstlich, sondern fast hysterisch. Der Jüngere reißt sich los und ehe James sich versieht, hat er seine Faust im Gesicht. Für einen Augenblick sieht der fast hünenhafte Mann in den Vierzigern verwirrt aus, doch dann kehrt das Funkeln in die Augen zurück. Dieses Mal aus Zorn. Der Schlag trifft Xander nicht so unvorbereitet, wie sein Schlag James getroffen hat und dennoch geht er von der Wucht des Treffers zu Boden. Sofort ist der Ältere über ihn, drückt Xander mit seinem gesamten Gewicht zu Boden und vergräbt eine Hand krampfhaft in dem schwarzen Haar, nachdem er ihm gleich den nächsten Schlag verpasst hat. Mit einem Ruck zieht er Xanders Kopf nach oben. Er keucht schmerzerfüllt auf und Raynolds grinst.

„Du lernst es einfach nicht, oder? Du verstehst einfach nicht, wann man zu tun hat, was von einem verlangt wird. Dein Vater hat mir vorhin erzählt, wie du ihn wieder beschimpft hast. Dir fehlt wohl immer noch der nötige Respekt, nicht?“

James Grinsen erstirbt. Stattdessen wandert sein Blick Xanders Körper entlang, den er fast mühelos zu Boden zu drücken scheint. Einen Moment lang treffen sich ihre Blicke.

„Aber, wer nicht hören will, muss fühlen. Nicht wahr, Alexander?“

Mit diesen Worten schiebt sich eine der Pranken unter sein T-Shirt. Xander schließt gequält die Augen.

Die Erinnerung steht dem ihm noch vor Augen, als er registriert, dass er in Jesses Armen liegt, eine warme Decke über sich und ihm unablässig über den Rücken gestrichen wird.

Jesse lächelt leicht, als er fragt:
„Geht’s wieder?“
„Was?“
„Du hast erzählt, dass du es dann irgendwann nicht mehr ausgehalten hast. Und das du bei diesem Pater Samuel warst. Und als du das Gefühl hattest, dass es nur noch schlimmer wird, bist du Anfang Januar nach Jersey City abgehauen.“
„Und dann?“
„Das frage ich ja dich! Du hast aufgehört zu erzählen, schienst einen Moment in Gedanken versunken und hast plötzlich wieder geweint und dich dann gar nicht mehr eingekriegt. Gott, bist du sicher, dass es dir gut geht? Gibt es da noch etwas, dass dich bedrückt?“

Jesse weiß, dass er ihm nicht die ganze Geschichte erzählt hat, irgendetwas ausgelassen hat, der Blick den er ihm aus grünen Augen schenkt, sagt das ganz deutlich. Dennoch schüttelt Xander den Kopf. Sagt ihm nur noch, dass er letztes Jahr dann von Jersey City nach New York gekommen ist. Nennt keinen Grund. Er will nicht von Romeo erzählen. Von seiner Zeit in Jersey City. Obwohl sie deutlich besser war, als die bisher in New York. Und schon gar nicht will er von dem Grund erzählen, warum er gegangen ist.

„Okay“, flüstert Jesse nur.
Er rückt wieder ein Stück von dem Älteren weg. In seinen Armen zu liegen ist ihm immer noch unangenehm. Einen Moment liegen sie still da. Nichts weiter, als der Wind der draußen ums Haus heult, ist zu hören, als Jesse die Stille bricht: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich hab‘ keine Ahnung, wie ich mit der Situation umgegangen wäre, hätte ich in deiner Haut gesteckt, ich kann dir nur eines sagen. Egal was du denkst. Du.Bist.Nicht.Schuld. Ehrlich, Xander. Ich weiß es klingt bescheuert und es bringt dir rein gar nichts, wenn ich das jetzt sage. Aber du bist es nicht. Was da passiert ist… mit deiner kleinen Schwester, das ist schrecklich, aber… dich trifft keine Schuld.“

Xander würde Jesse gerne fragen, warum sie dann fort ist. Warum es keine Spur von ihr gibt. Warum der letzte Anhaltspunkt die Bucht am Strand ist. Aber er weiß, dass er darauf keine Antworten bekommen wir, also lässt er es sein.

Stattdessen murmelt er heiser:
„Okay.“

Er ist mit einem Mal müde und ausgelaugt. Kann nichts mehr fragen und sagen, obwohl er das gerne möchte. Da sind eine Menge Dinge, die er jetzt, wo Jesse praktisch fast alles über ihn weiß, gerne von dem Medizinstudenten wissen wollen würde. Nur will ihm einfach keine einzige Frage über die Lippen kommen.

„Darf ich noch eine Frage stellen?“
„Hmm?“
„Wie alt bist du jetzt eigentlich wirklich, Xander? Ich meine, ich könnte rechnen, schließlich hast du gesagt, deine Schwester wurde 1998 geboren und du musst da, wie alt gewesen sein, 7 oder 8? Aber ich bin mir nicht sicher und außerdem würde ich das gerne von dir hören.“

Xander stellt fast reflexartig eine Gegenfrage.
„Welches Datum haben wir heute eigentlich?“
„Weichst du gerade meiner Frage aus?“
„Nein, ich versuche nur, sie möglichst korrekt zu beantworten. Also, welches Datum haben wir heute?“
Jesse dreht sich auf die Seite, schaltet die kleine Nachttischlampe mit dem gelben Lampenschirm an und schaut auf seine Uhr.

„Da es mittlerweile halb Vier in der Früh ist: Wir haben heute den 01.Januar 2009.“

„Dann habe ich dich - zumindest jetzt nicht mehr – angelogen. Ich bin achtzehn. Ich bin am 31.Dezember 1990 geboren.“

„Du hast an Silvester Geburtstag?“

„Scheint so.“

„Dann haben wir deinen Geburtstag verpasst.“
Wäre Xander nicht so unbeschreiblich müde fände er es vermutlich sogar irgendwie amüsant, wie geschockt Jesse von dieser Nachricht ist. Abgesehen davon, dass er ihm erst mal nachträglich zum Geburtstag gratuliert. Xander ist sich nicht sicher, wann er das letzte Mal zum Geburtstag gratuliert worden ist, aber er findet es wirklich witzig, wie wichtig Jesse das scheinbar findet. Er beschwichtigt ihn dann erst einmal und sagt ihm, dass es keine große Rolle spielt. Jesse ist anderer Meinung und vielleicht wäre dieses Thema in einer Diskussion ausgeartet, würden die Augen den beiden nicht in regelmäßigen Abständen zufallen.

Jesse sagt dann, dass er jetzt rüber gehen wird, um Xander schlafen zu lassen, weil sie morgen oder besser gesagt heute noch eine Menge zu besprechen haben und steht auf. Mit einem Mal ist das große Bett ziemlich leer und irgendwie fühlt Xander sich schon ein wenig unbehaglich, aber er wird sich hüten, dass Jesse merken zu lassen. An der Tür wünscht er Xander noch eine gute Nacht, dann ist er verschwunden und Xander mit seinen Gedanken allein.

Er dreht sich hin und her. Versucht Schlaf zu finden. Doch die Müdigkeit, die vorhin noch gedroht hat, ihn zu übermannen, scheint auf einmal fort. Es ist grauenvoll. Er hatte nie Angst in der Dunkelheit, doch auf einmal sind die dunkeln Schatten die überall lauern ihm ein Gräuel. Alles wirkt viel schwärzer als sonst. Fast schon verzweifelt dreht der Schwarzhaarige sich auf den Bauch und drückt den Kopf fest ins Kissen, doch es nützt nicht viel. Er kann trotzdem nicht einschlafen und die Dunkelheit bleibt beängstigend.

Dann steht er auf. Es ist ihm unheimlich peinlich. Aber er kann einfach nicht anders. Zaghaft klopft er an Jesses Schlafzimmer Tür. Aus dem Zimmer dringt nur ein gedämpftes Gemurmel, dass er kaum verstehen kann. Er wertet es einfach mal als eine Bitte einzutreten. Jesse hebt schlaftrunken den Kopf mit dem zerzausten rotblonden Haar, als Xander über die Türschwelle tritt. Er blinzelt einmal, zweimal, dann scheint er wieder vollkommen wach.

„Hey, alles okay?“
„Hmm, du, Jesse?“
„Ja?“
„Kann ich …,  kann ich vielleicht…, also, nur heute Nacht…“. Es will einfach nicht über Xanders Lippen kommen, doch Jesse hebt wissend die Bettdecke ein Stück an.
„Klar, komm her.“.
Er sagt es, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt und plötzlich ist es gar nicht mehr so peinlich.
„Danke“, flüstert Xander in die Stille hinein.

Jesse rückt ein gutes Stück und macht ihm so ordentlich Platz. Unter der Decke ist es angenehm warm und sofort fühlt Xander sich besser. Jesse gähnt einmal herzhaft und dreht sich dann um. Liegt mit dem Rücken zu ihm. Xander tut es ihm gleich. Einschlafen kann er aber immer noch nicht. Nach einer Weile hört er das Bett erneut leicht quietschen und er spürt das Jesse sich wieder gedreht hat. Dabei ist er ihm deutlich näher gekommen. Er kann den warmen Atem in seinem Nacken spüren und automatisch dreht auch er sich wieder herum.  Nun liegen sie dicht an dicht. Xanders Gesicht ist auf Höhe von Jesses Brust. Diese Nähe ist ihm irgendwie unangenehm und doch macht sie ihm keine Angst. Es ist nur irgendwie komisch. Und dann, ganz unversehens, vergräbt er seinen Kopf an Jesses Brust. Keinen Augenblick später legt sich fest ein Arm um ihn und drückt ihn noch ein wenig fester an sich. Eigentlich will Xander tun, was er immer tut, nämlich wieder Abstand suchen. Aber Jesses Körperwärme ist so angenehm und die Haltung so bequem, das er einfach liegen bleibt und ehe er etwas dagegen tun könnte, fallen ihm die Augen zu.



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