Kapitel 12

Kapitel 12

 

Meleficent tauchte ihre Handflächen ins Wasser. Es schauderte ihr wegen der Kälte den ganzen Rücken hinunter, als sie ihr Gesicht benetzte. Eigentlich zog Meleficent immer Quellwasser vor, wenn sie sich mit dem Wasser vor der Müdigkeit befreite, doch sie hatte gelernt, dass sie während einer Reise auch mit Teichwasser zufrieden sein musste. Geekelt wischte sie einen Algenfaden von der Stirn und während sie das tat, bemerkte sie nicht, wie sich eine Gestalt nährte. „Huh!“, zwei Hände landeten auf ihrer Schulter. Meleficent schreckte zusammen, doch sie erkannte die Stimme und im nächsten Herzschlag sass Aragon neben ihr auf dem Felsen, der zum Teich führte.  „Na, wie lange hast du überhaupt geschlafen?“ Er blinzelte ihr im Sonnenlicht entgegen. „Nicht lange“, grummelte sie zurück. „Und welche Laus ist dir denn heute über die Leber gelaufen? Sind deine Haare etwa fettig geworden?“, fragte er mit einem frechen Unterton in der Stimme. Meleficent verengte die Augen und nahm ihre Haare auf eine Schulterseite. „Lass meine Haare aus dem Spiel. Waldelfen müssen nie ihre Haare waschen, genau wie Schatteelfen!“ Aragon begann zu grinsen und Meleficent wusste, dass er es lustig fand, wenn sie die Arrogante spielte. Meleficent verdrehte die Augen und starrte ihrem Spielbild auf der Wasseroberfläche entgegen. Aragons Spielbild tauchte schliesslich neben ihr auf und er schaute sie an. „Sag einfach, was mit dir los ist, dann bin ich zufrieden“, murmelte er. Wut krampfte sich in ihrem Magen zusammen und sie packte sein Handgelenk. „Kannst du mir erklären, warum du mir verschwiegen hast, dass du dieses Zeichen auch auf deiner Handfläche hast?“, fauchte sie. Aragon schloss die Augen und seufzte: „Tut mir leid, ich hätte es dir sagen sollen, aber ich dachte, er wäre vielleicht zu viel für dich gewesen und du hättest dir nur einen Kopf gemacht.“ Meleficent stand auf, wirbelte herum und stakste in Richtung Nachtlager davon. „So klein bin ich nun auch wieder nicht, um das zu verstehen!“, schrie sie über die Schulter. Aragon rappelte sich auf die Füsse und eilte ihr nach. „Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt!“ Aragon hechte über einen Baumstamm, denn Meleficent eben überquert hatte und schlug die Zweig einer Fechte aus dem Weg. Meleficent kickte einen Stein aus dem Weg, blieb bei einem Baumstrunk stehen und schmollte. „Könntest du mir vielleicht in Zukunft einfach deine Geheimnisse anvertrauen, dann wäre mein Leben um einiges leichter!“ „Wollte ich ja!“, er blieb neben ihr stehen, so dass sie beide im Sonnenlicht standen, welches durch das Blätterdach der wenigen Bäumen sickerte. Einen Herzschlag war sein Blick nur auf ihre feuerroten Haare gerichtet, die in der Sonne prachtvoll glänzten, dann wechselte er seinen Blick auf ihr Gesicht. „Also…ähm...ich glaube jedenfalls, dass dieses gemeinsame Zeichen kein Zufall ist.“ Meleficent schaute ihm in die Augen. „Sondern?“ „Es bedeutet, dass es UNS gemeinsam vor dunkeln Mächten schützen wird und es wird kein Zufall sein, dass wir beide das gleiche Zeichen auf der Handfläche haben. Wir beide werden es schaffen die Hexe zu besiegen“, er zeigte zuerst auf sich, danach deutet er mit dem Finger auf Meleficent. „Warum nur IHR beide?“ Fay tauchte hinter der Fechte auf. Ihre blonden Haare waren aufgeweicht und verrieten, dass sie beim Teich gewesen war, um sich die Haare zu waschen. Sie musterte ihre Freunde von Kopf bis Fuss und wartete auf eine Antwort. „Ich meine WIR alle müssen gemeinsam die Hexe Yjades besiegen“, verlegen warf Aragon einen Blick auf seine Schuhe und fummelte in seinen Haaren herum. „Na, das sind ja Neuigkeiten“, bemerkte Fay. Dann wandte sie sich an Meleficent. „Kannst du mir einen Zopf machen?“ Meleficent nickte: „Na klar.“ „Ich sehe dann mal nach Gideon. Er ist ja losgelaufen um sich Pferde zu besorgen. Wir wollen schliesslich noch heute bei mir Zuhause im Wald der Finsternis ankommen“, meldete sich Aragon aus dem Hinterhalt, als Meleficent Fays Harre von der Weste hob und sie zu flechten begann.

„Ich frag mich, wie sein Zuhause nur sein mag“, murmelte Fay, während Meleficent die Flechtarbeit mit einer Haarklammer beendete. Meleficent zuckte mit den Schultern: „Also der Grünwald wird dir bestimmt besser gefallen. Nach allem, was ich gehört habe, leben die Schattenelfen gerne in ewiger Finsternis.“ „Mag sein, trotzdem bin ich sehr neugierig seine Familie kennenzulernen. Darf ich dir auch einen Zopf machen?“, fuhr ihre Freundin fort. „Von mir aus“, Meleficent musste sich bücken, weil Fay, zwar für einen Tokklin ziemlich gross, kleiner war als sie. Fay flocht die Haare geschickt zu einem wunderschönen Zopf zusammen und brauchte für ihre Haarlänge ziemlich wenig Zeit. Zusätzlich flocht sie sogar noch Regenbogenblüten, Zyperkelche und Melitisblüten in ihre Haare.

„Wo bleiben denn die beiden so lange?“, Gideon lehnte sich gegen sein geschecktes Pferd. Die drei Pferde hatte der Tokklin einem Bauer für wenig Geld abgekauft, der in der Nähe von ihrem Lagerplatz vorbeigekommen war. Aragon, der sein braunes Pferd streichelte, seufzte: „Haare flechten dauert eben lange.“ „Hey, wir sind ja schon unterwegs!“, Fay und Meleficent kamen gemeinsam über die Wiese gestürmt. Aragon fielen beinahe seine Augen aus dem Kopf. Die Zöpfe der Mädchen wehten im Wind und der Blumenschmuck in ihren Haaren, schien Aragon zu gefallen. Meleficent schnappte sich das Halfter des Schimmelpferdes und schwang sich auf den Sattel. „Kannst…du reiten?“, stotterte Aragon. „Ja klar, ich reite immer auf Roxy in der Luft, wenn du dich noch an den Flug mit ihm erinnern kannst“, zwinkerte Meleficent ihm zu. Aragon riss den Kopf in den Nacken und bestieg sein Pferd. „Oh ja, ich erinnere mich daran und dieses Entführung werde ich dir niemals Verzeihen!“ „Können wir?“, fragte Gideon, der zusammen mit seiner Schwester das gefleckte Pferd teilte. „Ich kann‘s kaum erwarten wieder Zuhause zu sein!“, Aragon gab seinem Pferd einen Klaps und galoppierte den Hügel hinunter.

Sie ritten den ganzen Vormittag  durch einen Laubwald, dann öffnete sich der Wald zu einer Hügellandschaft mit Flüssen und Hügelkäme. Gideon konnte am besten reiten und übernahm deswegen die Führung durch das Hügelflusstal. „Und wie hast du reiten gelernt, Aragon?“, wollte Meleficent wissen, als ihre Pferde nebeneinander trabten. „Na ja, ich habe dir versprochen, die Wahrheit zu sagen. Also bei uns im Wald der Finsternis gibt es Garduner…“, Meleficent unterbrach Aragon. „Garduner?“ „Das sind schwarze Raubkatzen mit weissen Flecken“, erklärte Aragon. Meleficent hob die Brauen. „Und auf diesen Raubtieren hast du reiten gelernt?“ Aragon musste niesen. „Verzeihung, Pferdehaare vertrag ich nicht so gut. Jedenfalls, ja, ich bin kein Sonnenschein und bin früher oft im Wald alleine rumgestreut und dabei habe ich mich auf den Rücken eines Garduner gewagt.“ Meleficent lenkte ihr Pferd den Pfad hinunter und drehte den Kopf wieder zu Aragon hinüber. „Hast du deine Eltern überhaupt gefragt, ob du der Hexe alleine nachjagen darfst?“ Aragon schwieg einen Moment und starrte dann Meleficent an. „Denkst du etwa, Schattenelfen dürfen einfach mal für ein paar Monde den Wald der Finsternis verlassen?“ Meleficent legte eine Hand auf die Stirn, die allerdings etwas verschwitz war und schloss die Augen. „Du bist durchgebrannt, nicht wahr?“ „Jawohl, ohne Erlaubnis des Königs hätte ich sowieso nie alleine losziehen dürfen. Aber wie gesagt, ich bin kein Sonnenschein.“

Im Galopp ging es weiter. Aragon wählte den Weg an einer Klippe entlang und trieb sein Pferd so schnell wie nur möglich voran. Er hatte es eilig, denn er hielt ständig Ausschau, ob sich die Umrisse der Bäume vom Wald der Finsternis am Horizont blicken liessen. „Wer zuerst den Wald sieht, der hat gewonnen und bekommt eine Fussmassage!“, fordert er seine Freunde auf. „Die Wette gilt“, rief Fay über ihre Schulter, die nun ihr eigenes Pferd hatte, da Meleficent und Fay am Mittag Reitplätze getauscht hatten. Als sie aber den Kopf wieder in die entgegengesetzte Richtung reckte und mit Volldampf über die Wiese galoppierte, stockte ihr der Atem. Etwas schwarzes, Eingehülltes kam ihr entgegen geflogen und bevor sie den Kopf ducken konnte, riss das Etwas Fay vom Pferd und sie landete im Sumpfgras, während ihr Pferd weiter. „Hoh!“, kreischte Meleficent, zog an den Zügeln und klammerte sich an Gideons Umhang fest. Ihr Pferd scheute und Meleficent und Aragon purzelten vom Pferd. Und wären sie nicht vom Pferd gefallen, so hätte das Ding, das sie ebenfalls angreifen wollte, sie vermutlich mit seiner Schwertklinge zerfleischt. Meleficent kämpfte sich unter Gideons Umhang frei und hauchte: „Das ist der Kapuzenreiter!“ „Es ist nicht einer, es sind mehrere!“, kreischte Gideon und umklammerte mit schweissnassen Händen sein Schwert, als weitere Kapuzenmänner auf sie zu geschwebt kamen. „Das sind Kapuzendämonen!“, warnte Aragon, der von seinem Pferd geklettert kam. „Seht niemals in ihre Augen, ansonsten können sie eure Seele aussaugen!“ Aragon, Gideon und Meleficent drängten sich zusammen und schlugen mit ihren Waffen um sich. Die Runen, dachte Meleficent und reckte dem Dämon, der auf sie zu flog, ihre Handfläche. Aber nichts geschah. Erst, als der Dämon Meleficent mit einem Schlag von den Füssen warf, begriff sie, dass die Rune nichts nütze, wie bei in der Seestadt. Meleficent angelte nach ihrem Pfeilbogen, doch der Dämon baute sich dazwischen auf und umklammerte mit seiner Knochenhand ihren Hals. Er drückte fest zu und ihr wurde die Luft abgeschnitten. Da beugte der Dämon seinen Kopf über ihr Gesicht, damit Meleficent seine Augen unter seiner Kapuze sehen konnte und ein eiskalter Hauch liess ihren Körper erstarren, als sie in seine Augen blickte. Es war der Hauch des Todes. Ehe Meleficent aber richtig lange in seine Augen sah, stürzte Aragon herbei und rammte dem Seelenaussauger das Schwert in den Rücken. Doch dem Dämon schien ein Schwert nichts auszumachen. Im Gegenteil wurde nur noch wütender und mit einem einzigen Tritt in den Bauch, stiess er Aragon ebenfalls aus dem Gleichgewicht. Es blieb nur noch Gideon mit seinem Schwert übrig. Einer der Dämonen griff ihn aus dem Hinterhalt an, aber Gideon entdeckte seinen Schatten und erstach ihn. Der Erstochene reagierte bei seinem Schwert anders. Er klappe zusammen und löste sich im Wind in schwarze Fetzten auf. „Gideon, dein Schwert ist das einzige, das sie töten kann! Es stammt aus der Unterwelt!“, schrie Aragon, der sich mit Fäusten und Tritten zu verteidigen versuchte und dabei nicht in seine Augen sah. „Ich komme!“ Gideon stürmte zu ihm und stemmte dem Kapuzendämon das Schwert in den Rücken. Im Wirbelwind wurde der Dämon aufgelöst und Meleficent und Aragon kamen wacklig auf die Beine. „Wir müssen Fay helfen!“, bemerkte sie aufgebracht, als sie sah, dass ein Dämon versuchte ihre Seele auszusaugen. Gideon wollte zu seiner Schwester eilen, aber ein anderer Dämon verwickelte ihn einen Kampf. „Wir halten ihn mit Fäusten davon ab!“, Aragon nahm Meleficents Hand, erblickte dabei die Rune und ihm kam einen Idee in den Sinn. „Es funktioniert nicht mit diesen Runen“, murmelte Meleficent, als ob sie Aragons Gedanken lesen konnte. „Na schön, dann eben mit Fäusten!“ Er stürzte los und zog Meleficent hinter sich her. „Hey, Knochengesicht!“, rief Aragon. Der Dämon liess Fay frei, wirbelte um die eigene Achse und wollte sich auf die beiden Elfen werfen. Jedoch hielt ihn eine Macht zurück, als er die beiden Elfen sah, wie sie Hand in Hand auf ihn zu rannten. Ein Licht schoss aus ihren Handflächen und traf dem Dämon ins Gesicht. Er gab ein Heulen von sich, sank in die Knie und löste sich in Luft auf. „Hast du….das eben gesehen?“, stotterte Meleficent und liess seine Hand los. „Ja…, ich glaube, nun verstehe ich es. Die Macht der Runen hat dieses Mal nur funktioniert, weil wir uns die Hand gegeben haben“, dachte Aragon laut nach. „Ah, jetzt verstehe ich, warum du auch eine Rune auf der Handfläche hast“, sagte Meleficent. Fay stöhnte hinter ihrem Rücken auf und ihr Körper bekam Zuckungen. „Aragon, du hilfst Gideon und ich kümmere mich um sie“, fuhr Meleficent fort und eilte zu Fay hinüber. „Fay?“, sie nahm ihren Kopf in die Hand. Mühsam öffnete Fay ihre Augenlider. Ein Blutrinnsal lief ihr die Stirn hinunter und tropfte auf ihr violettes Kleid. „Bist du schwer verletzt?“, Meleficent tupfte mit ihrem Kleid ihre Wunde ab. „Weiss nicht“, jammerte Fay und versuchte ihre Glieder zu strecken. „Was waren das?“, Fay hockte sich aufrecht hin und zitterte immer noch vor Schreck. „Ein Kapuzendämonen. Ich wette, sie gehören zur blauen Hexe.“, erklärte Meleficent. „Du meine Güte, was macht denn Aragon?!“, Fay wechselte das Thema. Aragon stand am Rande der Klippe. Ein Dämon baute sich vor ihm auf, so dass sein Umhang im Wind ihm fast ins Gesicht wehte. Er hatte kein Schwert, mit dem er sich verteidigen konnte und sein Angreifer trieb ihn immer mehr zum Klippenrand. „Meine Pfeilgiftflasche!“ Meleficent öffnete die Flasche mit der schwarzen Flüssigkeit, benetzte einer ihrer Pfeilspitzen und stürmte los. Im Lauf spannte sie den Pfeil in den Bogen und schoss ihn ab. Der Pfeil traf den Dämon in den Rücken und das  Gift begann sofort zu wirken. Das Gift wirkt also auch bei Dämonen! , dachte Meleficent triumphierend.                                                                                                        Der Anhänger der Hexe machte einige wilde Bewegungen, weil das Gift durch seine schwarzen Adern floss. Während er umher torkelte, stiess er Aragon mit seinem Körper über die Klippe. „Nein, nicht!“, kreischte Meleficent. Aber es war zu spät, Aragon war verschwunden und mit ihm der Dämon. „Meleficent?“, wimmerte eine Stimme, als sie sich an der Absturzstelle trauend niederkniete. Aragon klammerte sich mit letzter Kraft an einem Vorsprung fest. „Nimm meine Hand!“, Meleficent reckte ihren Körper. Aragon angelte nach ihrer Hand und wusste, wenn er eine falsche Bewegung machte, würde er abstürzen. Es gelang ihm ihre Hand zu packen und mit vereinten Kräften zog Meleficent ihn wieder über den Rand in Sicherheit. Sie lag einige Sekunden schnaufend vor Angst am Boden und wagten nicht darüber nachzudecke, was passiert wäre, wenn Meleficent keine Kraft mehr gehabt hätte ihn raufzuziehen. „Danke“, keuchte Aragon. „Ich glaube, du hast einem arroganten Kotzbrocken gerade das Leben gerettet.“ Meleficent lächelte und beugte sich näher zu seinen Lippen, da türmte sich wieder eine Unterweltgestalt vor ihnen auf und ehe die Elfen auch nur ihre Fingern regen konnten, kamen dreizehn bewaffnete Schattenelfen auf Garduner den Hügel hochritten. „Wer sind die denn?“, flüsterte Meleficent, als sie den Kampf mit den Dämonen aufnahmen. Sie erstachen alle Anhänger der Hexe mit wenigen Schwerthieben und stiessen dabei ein Kriegsgeschrei, als sie alle umgebracht hatten. „Meine Familie. Sie kämpfen mit Dämonenschlitzer“, murmelte Aragon und schluckt zugleich einen Kloss hinunter. Einer der Schattenelfen, ein kräftiger Kerl, ganz in Schwarz gekleidet, stieg von seinem Gurdauner und stampfte auf die beiden zu. Sein Gesicht bebte vor Zorn und seine Narbe am Nasenrücken schien sich zu wölben. „Wo hast du nur so lange gesteckt Aragon?“, knurrte er und ballte seine Fäuste. „Hexenjagd…“, begann Meleficent, doch der Schattenelf kannte keine Gnade, packte Meleficent in den Schwitzkasten und schleifte sie über den Boden. „So, so, Hexenjagd und warum schleppst du eine Waldelfe an die Grenzen unseres Gebietes?“ „Ich…“, fing Aragon an, aber der Schattenelf, der Kampfanführer mit dem Namen Maronar war, denn Aragon im Schwertkampf ausgebildet hatte, schickte ihn mit einer Faust ins Land der Träume.

„Einhornsdreck, lasst mich los!“, Meleficents Stimme weckte Aragon aus der Bewusstlosigkeit. Meleficent hing kopfüber, an Handschellen gekettet und wurde von einem Schattenelfen geführt. „Hallo Aragon, schön, dass du auch endlich wach bist“, grunzte Meleficent. „Wieso hängst du kopfüber?“, fragte Aragon. „Vielleicht weil du kopfüber auf einer Schulter baumelst“, Meleficent versuchte auszubüxen, doch ihr Bewacher zerrte sie zurück. Aragon begann zu strampeln und im nächsten Augenblick landete er vor Meleficents Füssen. „Los aufstehen, elender Verräter!“, Maronar packte seinen Umhang und zerrte ihn auf die Beine. „Gut geschlafen?“, grummelte Gideon, der zusammen mit Fay ebenfalls Handschellen trugen. Maronar legte Aragon ebenfalls Handschellen an und drückte den Eisenring extra eng zu. „Meriamix, ist sehr zornig, weil du verschwunden bist und dein Vater Millien, ist der einzige Schattenelf, der dich jetzt nicht dafür bestrafen würde!“ „Ich werde Meriamix alles erklären. Er wird mich bestimmt verstehen“, knirschte Aragon vor Schmerz hinter den Zähnen hervor. „Nur weil du mit dem König verwandt bist, heisst das noch lange nicht, dass er dich bevorzugen wird!“, warnte er und zog ihn an der Handschellenkette weiter. Erst jetzt bemerkte Aragon, dass er schon so gut wie Zuhause war. Eigentlich hatte er sich ja auf den Wald der Finsternis und auf das Schattenelfenschloss gefreut, doch bei der Begrüssung seiner Artgenossen, war ihm die Vorfreude vergangen. „Ganz schön finster dieser Wald“, flüsterte Fay und hielt nach einem Loch im Blätterdach Ausschau, aber sie entdeckte keines. Meleficent, die hinter Aragon her trotte, füllte sich gar nicht wohl. Die Schattenelfen wirkten düster und verschlossen, vermutlich weil sie so lange in ewiger Finsternis lebten und jetzt bemerkte Meleficent, dass Aragon für einen Schattenelf noch einen angemessenen Charakter hatte. Auch mochte sie die Vegetation in diesem Wald nicht. Die Steinpfade waren schmal. Das Unkraut und die Dornen verankerten sich schon in den Ritzen des Steines und die Bäume schienen so, als wären sie von einer Krankheit befallen. Sie hatten eine knorrige Rinde und liessen die Blätter hangen und im dicksten Unterholz konnte Meleficent die Schreie der Tiere hören, die sich in diesem Wald rumtrieben. „Waldelfenbraut, ist das dein Pfeilbogen?“, einer der Wächter hielt ihr den Pfeilbogen unter die Nase. Meleficent schnaubte: „Ja, er gehört mir und wehe dir, wenn er einen Kratzer bekommt!“ Der Schattenelf grinste. „Da sehe ich wieder, wie eitel und eingebildet Waldelfen sind.“ Meleficent platze es den Kragen. Sie trat ihrem Bewacher auf den Fuss und warf sich auf den Schattenelfen. Sie steckte ihn mit einer Kampftechnik nieder und funkelte ihm ins Gesicht. „Und ihr Schattenelfen seid die arrogantesten und egoistischen Wesen, die ich je kennengelernt habe. Ihr versteckt euch in ewiger Finsternis und denkt nur an euch selbst. Was hinter euren Grenzen geschieht, ist euch egal!“ Der weiter Schattenelfen stürmten herbei und brachte Meleficent zur Vernunft, indem er ihre Arme auf den Rücken drückte, damit sie nicht auf weiter dumme Gedanken kamen. „Da hast du dir aber eine temperamentvolle Reisebegleitung ausgesucht“, bemerkte Maronar. Die anderen beiden Reisegefährten, die zwei Tokklins, führten sich überhaupt nicht aufmüpfig auf. Sie brachten vor Furcht nicht einmal ein Wort über die Lippen.

Nach einem Marsch blieben die Schattenelfen und dessen Gefangenen bei zwei Eichen, die bereits die Wurzeln in den Felsen hinter ihnen geschlagen hatten, stehen. Maronar trat vor die Eichen, während vier seiner Wachen Meleficent, Aragon, Fay und Gideon umkreisten und sie bewachten. „Umrian ma Madelifa!“, sprach er. „Das bedeutet auf Schattenelfisch: öffnet das Tor!“, übersetzte Aragon seine Worte. Die Eichen neigten sich nach seinem Befehl auf die Seite und zogen ihre Wurzeln vom Felsen und gaben ein Eisentor frei. „Das ist aber ein gutes Versteck“, musste Gideon zu geben. „Was machen sie jetzt eigentlich mit uns?“, flüsterte Fay. „Lasst das meine Sorge sein“, beruhigte sie Aragon. „Sie sind schliesslich alle meine Verwandten.“

Die Schattenelfen trieben die Gefangenen ins Innere ihrer Felsenfestung. Sobald Meleficent einen Schritt über die Torschwelle gemacht hatte, wollte sie eigentlich gleich wieder umkehren. Im Schattenelfenschloss herrschte Finsternis und nur ein paar Fackeln an den Felsenwänden spendeten schwaches Licht. Brücken verbanden die vielen verschiedenen Felsvorsprünge, auf denen Häuser, Kammern und Schmieden errichtet worden waren. Maronar und seine Patrouille gingen über die Hauptbrücke, die zum Königshaus neben einem Wasserfall im Felsinneren führte. Auf dem Weg kamen ihnen viele andere Schattenelfen entgegen. Einige begannen zu tuscheln, als sie Aragon erkannten. Ein jüngerer Schattenelf mit schwarzen Haaren, ungefähr in Aragons Alter, der Schwerter an einem Steinrad schärfte, erkannte Aragon und wollten auf ihn zu gehen, aber die Wächter hielten ihn von ihm fern. „Aragon, was machst du hier? Wo bist du so lange gewesen?“, fragte er. „Ich bin auf eine Mission aufgebrochen. Verzeih mir Elanor, dass ich dir nichts gesagt habe“, antwortete er seinem alten Freund, ehe er von den Wachen um die nächste Ecke gezerrt wurde. Elanor schaut ihn verstört mit seinen eisblauen Augen nach, dann liess er seine Schultern enttäuscht fallen und schlurfte zu seiner Arbeit zurück.

Vor einer Tür, die mit Edelsteinen besetzt war, hielt Maronar an und rief seine Wachen zu sich. „Werft die beiden Tokklins und die Waldelfe in den Kerker und Aragon kommt mit mir!“ Die Wachen gehorchten und führten die drei Genannten zu einer anderen Tür. Es war eine Eisengittertür, vor der einige andere Schattenelfen mit Schildern und Lanzen das Tor bewachten. „Lass uns auch mit dem König sprechen!“, Meleficent sträubte sich, als sie von den Schattenelfen mitgeschleift wurde. Doch das Kratzen und Beissen nütze nichts. Die Schattenelfen waren zu stark. „Lass es gut sein. Es hat keinen Sinn“, meinte Fay an Meleficent gewandt. Sie behielt recht, trotzdem wurde jeder Tokklin gehorsamer, wenn Schattenelfen das Sagen hatten, wie Meleficent es schob bei Aragon festgestellt hatte.   

Die Treppe zum Verlies erinnerte Meleficent wie an ein Weg zur Hölle. Die Luft war stickig und die Fackeln spendeten fast kein Licht. Von der Decke hingen Spinnweben und in den Ecken konnte sie das Quieken der Ratten hören. Im Verlies öffnete einer der Wächter eine Zelle, stiess Fay und Gideon hinein und verschloss die Gittertür. Dann führte er Meleficent weiter in eine benachbarte Zelle, löste ihr die Handschellen, gab ihren einen Tritt und verriegelte die Tür. „Und was ist mit unseren Handschellen?“, protestierte Fay. „Lemuel, ich mach das“, eine Schattenelfe schritt den Gang entlang. Ihre goldbraunen Augen stachen aus der Dunkelheit heraus, genau wie ihre hellbraunen Haare, die sie in einer Hochsteckfrisur trug. „In Ordnung Arva. Du bist schliesslich die Anführerin der Wachen des Gefängnisses“, sagte Lemuel, übergab ihr den Schüsselbund und bezog mit einem Freund den Wachposten. Arva ging zuerst zu den Tokklins und forderte sie auf die Hände aus dem Gitter zu strecken, damit sie die Handschellen aufschliessen konnte. Während sie das tat, rutschte Fay einer ihrer Dolche aus der Westentasche. Er fiel scheppernd auf den Boden und Arva kniff die Augen zusammen. „Lass mal sehen, was du sonst noch alles in deinen Taschen hast!“ Fay wehrte sich nicht und liess die Schattenelfen gewähren. Und wie sie ihr ganzes Kleid durchsuchte, entdeckte sie noch fünf weitere Dolche. Arva entwendete anschliessend auch Meleficents Dolche und legte sie zum Waffenhaufen, wo Meleficents Pfeilbogen lag. „Wollt ihr mich nicht durchsuchen?“, fragte Gideon und starrte ihr mit einem verschmitzten Lächeln ins Gesicht. „Ihr wollt bestimmt wissen, was ich alles in der Hose habe.“ Arva kräuselte ihre Lippen. „Erstens möchte ich nicht wissen, was ihr alles in der Hose habt und zweitens habt ihr wahrscheinlich gar nichts in der Hose!“ Arva schüttelte den Kopf und stakste davon, während Gideon ihr nachschaute. „Was wollte der Tokklin von dir?“, wollte Lemuel wissen. „Nichts“, entgegnete Arva. Meleficent, die alleine in ihrer Zelle am Boden sass und sich über die Pilze und Knochen ekelte, vergrub die Hände im Gesicht vergrub, fragte sich, wie sich wohl Aragon mit dem König durchschlug. Aber sie war sich sicher, dass sie nicht in den Zellen verrotten mussten, dafür würde Aragon schon sogar. Doch sie kannte den König  der Schattenelfen nicht.

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