Kapitel 12

In meinen Gedanken versunken saß ich am langen Tisch und sah zu wie Damon mein Geschirr in die gigantische Spülmaschine packte.

„Erzähl mir von den Mondgaben. Wie funktioniert das und was für Gaben gibt es?" erkundigte ich mich.

„Das ist eine lange Geschichte," brummte er während er die Klappe des Geschirrspülers schloss.

„Ich habe Zeit," stellte ich Achselzuckend fest.

„Das habe ich geahnt," murmelte Damon und gesellte sich zu mir an den Tisch. Seufzend fuhr er sich mit einer Hand durch seine dichten schwarzen Haare. „Nun ja: Vor vielen tausend Jahren hat Hekate den ersten Menschen als Wächter berufen. Sie schenkte ihm die Gabe sich in einen Wolf zu verwandeln. Er bekam die Aufgabe die Menschen vor den Dunklen Wesen zu beschützen und die Gabe zu verbreiten, sprich Nachfolger zu zeugen. Zeitgleich beauftragte Gaia ihre vier Töchter jeweils einem Menschen ihrer Wahl die Gabe des Elementenbändigends zu schenken mit der gleichen Aufgabe: Unschuldige Menschen zu beschützen und die Gabe zu verbreiten. Hekate war außer sich vor Zorn. Sie beschuldigte Gaia ihr ihre Idee gestohlen zu haben. Ein Streit entbrannte. Seitdem sind Gaias Kinder nicht gut auf Hekate zu sprechen. Doch Hekate liebt all Menschen gleich. Darum beschenkte sie ihre Kinder mit jeweils einer besonderen Gabe die uns helfen soll unsere Aufgabe zu erfüllen: der Mondgabe. Auf diese hat Gaia keinen Einfluss," beendete er seine Erzählung.

„Was sind das für Gaben? Wie sollen sie uns helfen? Ich meine, Empathie? Wie soll sie dir helfen? Sprichst du mit deinen Gegnern über ihre Gefühle? Heulen sie sich dann an deiner Schulter die Augen aus?" stichelte ich.

Damon's Augen verdunkelten sich bedrohlich.

„Tut mir leid, Damon. Ich wollte dich nicht verärgern. Aber es klingt etwas seltsam, das musst du zugeben," stellte ich kleinlaut fest.

Seine Mundwinkel zuckten belustigt. „Unterschätze niemals die Macht der Gefühle, Skyler. Sie sind stärker als du denkst. Gefühle können dich zerstören, dir all deinen Lebensmut nehmen oder dich sogar Wahnsinnig machen. Das beste Beispiel ist doch gerade Riley. Die Liebe zu dir macht ihn Wahnsinnig. Ich als sein Gegner kann diese Gefühle entdecken und gegen ihn verwenden," erklärte er mir kalt.

Geschockt klappte mein Mund auf und wieder zu.

„Ich kann innerhalb von Sekunden in einem Raum voller Menschen lesen wer wem nahesteht oder wem hasst. Die Gefühle meiner Gegner sind meine wertvollste Waffe," erklärte er weiter ohne auf mein geschocktes Gesicht einzugehen.

„Das hört sich bestialisch an. Niemandes Gefühle sind vor dir verborgen," murmelte ich ergriffen.

Damon nickte. „Exakt."

Ich räusperte mich um mein Unbehagen zu überspielen. „Und welche Gaben gibt es sonst noch?"

„Nun ja, wie du vielleicht weißt gibt es sechs verschiedene Mondphasen: Neumond, Vollmond, Halbmond, Dunkelmond, Blau Mond und Blutmond. Dazu kommt dann noch die Sonnenfinsternis, aber dazu kommen wir später. Vollmond geborene haben wie schon gesagt die Gabe der Empathie. Neumondgeborene wie Riley sind Mediums. Sie sehen die Seelen die nicht in das Reich der Toten weitergegangen sind," zählte Damon auf.

„Riley sieht Geister?" stieß ich erschrocken hervor.

Damon verdrehte genervt die Augen. „Das sind Seelen, Skyler. Keine Geister. Aber ja, Riley sieht Tote. Ist nicht besonders lustig, weißt du, wenn du von deinem besten Kumpel Bescheid gesagt bekommst das ein Schwuler Geist dich unter der Dusche beobachtet," knurrte er verärgert.

Ich unterdrückte ein lachen. „Das ist nicht sehr angenehm. Du kannst es dem Geist nicht mal heimzahlen."

„Ich würde zu gern wissen wer dieser Mistkerl ist," brummte Damon nachdenklich.

Ruhig sah ich zu wie Damon nachdachte. Nach einer Weile beschloss ich, dass es Zeit wurde ihn aus seiner Grübelei zu holen und ich räusperte mich vorsichtig.

Damon sah auf.

„Was für eine Gabe haben die anderen?" fragte ich vorsichtig.

„Achja. Wo war ich?"

„Bei den Neumondgeborenen." Erinnerte ich ihn.

„Genau. Neumondgeborene sind Mediums. Halbmondgeborene sind dagegen Seher. Ronan unser Rudelführer ist einer davon."

„Ronan kann in die Zukunft sehen?" platzte es aus mir heraus.

„Nicht nur. Manchmal sieht er auch in die Vergangenheit. Aber immer nur Bruchstücke. Es ist schwer diese Visionen zu lesen," gestand er.

„Was ist mit den anderen drei?" wollte ich wissen.

„In einer Blaumondnacht geborene haben die Gabe der Hypnose. Sie können mit ihrer Stimme Menschen zu Taten zwingen," erklärte er weiter. „Leon ist einer davon."

„Mit den Augen wie die Schlange im Dschungelbuch?" lachte ich.

Damon lachte schallend. „Nein, nein. Mit seiner Stimme. Allerdings habe ich noch nie gesehen das Leon seine Gabe anwandte. Er hasst sie."

„Und wenn er sie unbewusst einsetzt?" Ich erinnerte mich an die starke Anziehungskraft die von ihm ausging. Hatte er mich beeinflusst?

„Das passiert eher selten. Diese Gabe ist nicht mit unseren Gefühlen vernetzt wie dein Feuer," verneinte Damon meine Theorie. „Nun, die bei einer Dunkelmondnachtgeborenen haben die Gabe des Gedankenlesens. Duncan ist einer davon."

Erschrocken klappte ich meinen Mund auf. „Er kann Gedankenlesen?"

Damon nickte zustimmend. „Ja."

Reglos starrte ich auf die Tischplatte. „Das heißt er weiß jederzeit was ich gerade im Moment denke?"

Er nickte nur zustimmend.

Seufzend senkte ich meinen Kopf. „Das ist schrecklich," murmelte ich zu mir selbst. Die Stille umgab uns wie ein schwarzer Umhang. Stöhnend hob ich wieder den Kopf. „Was ist mit den letzten?" wollte ich nach einer Weile wissen.

Damon hob verwundert eine Augenbraue. „Wie meinst du das?"

„Na die Blutmondgeborenen und Sonnenfinsternisgeborenen?"

„Ach so," Damon kratzte sich verwirrt am Kopf. Er räusperte sich. „Blutmondgeborene sind selten. Hier im Rudel kenne ich keinen der bei diesem Mond geboren wurde. Sie besitzen auch eine seltene Gabe: Telekinese."

„Telekinese?" fragte ich verwundert.

Damon nickte wieder. „Das bedeutet Gegenstände oder Personen durch reine Gedankenkraft bewegen."

Kurz ließ ich das gehörte auf mich wirken und stellte mir vor wie es wäre durch reine Gedankenkraft einen Gegenstand zu bewegen. Ganz so wie ich wollte.

„Und welche Gabe haben die an Sonnenfinsternisgeborenen?" fragte ich ihn nun neugierig.

„An Sonnenfinsternisgeborene sind auch selten und werden von uns hochgeschätzt. Sie sind Heiler wie Tiara." erklärte Damon.

„Was glaubst du welche Mondgabe ich besitze?" wandte ich mich wieder neugierig an ihn.

Kurz verzog er seinen Mund grüblerisch. „Ich bin mir nicht sicher," setzte er nach einigen Minuten an. „Das sehen wir erst sobald, die ganze Blockade aufgehoben wurde," erklärte er dann.

Die Blockade hatte ich vollkommen vergessen. „Heißt das meine Kräfte sind noch blockiert?"

„Zum Teil," antwortete er gedankenverloren.

„Zum Teil?"

„Ja. Tiara konnte bis jetzt nur das Feuer freisetzen. Dein Wolf und deine Gabe sind noch blockiert."

„Mein Wolf?" hauchte ich fassungslos.

„Das heißt du kannst deine Form noch nicht verändern."

„Also ist es gar nicht sicher, dass ich zu eurer Rasse gehöre," stellte ich tonlos fest.

Für einen Moment starrte Damon mich fassungslos, dann begann er schallend zu lachen.

„Skyler, Skyler," kopfschüttelnd ließ er sich in seinen Stuhl zurücksinken. „Du schaffst mich, Mädchen."

Argwöhnisch beäugte ich ihn.

„Was gibt es da zu lachen?" wollte ich wissen.

„Wie oft soll ich dir noch sagen das wir dich riechen?"

„Ihr riecht mich? Soll das heißen ich stinke?"

„Meilenweit," grinste Damon schelmisch. „Zu meinem Pech riechen nur wir Magischen Wesen dich."

„Das ist nicht witzig," stellte ich schmollend fest.

„Doch. Urkomisch," feixte Damon.

„Ist es wirklich so schlimm?" kleinlaut sah ich zu ihm hinüber.

„Riechst du uns etwa nicht?"

Nachdenklich schloss ich die Augen und atmete die Luft ein. Der Geruch von Holz, nassem Laub und Hund stieg mir in die Nase. Das Bild eines weißen Wolfes mit grasgrünen Augen erschien vor mir. Ich nickte träge.

„Doch, ja. Du riechst nach Wald und nassem Laub." entdeckte ich und öffnete meine Augen.

„Was riechst du noch?" wollte Damon wissen.

Ich schloss wieder meine Augen und konzentrierte mich auf meine Umgebung. Andächtig atmete ich die Luft ein und aus, analysierte jeden Geruchsfetzen den ich mit meiner Nase erhaschte, doch der einzige Geruch der mir etwas sagte war Damons penetranter Geruch. Enttäuscht wollte ich schon die Augen aufschlagen als ein anderer Geruch an meine Nase drang. Ein Geruch den ich aus meinen Träumen kannte und der nur zu einer Person gehören konnte.

„Riley," hauchte ich während der Geruch von Flieder mein Herz schneller schlagen ließ.

„Du bist ein Wolf, Skyler," knurrte Damon. Ich hörte wie sein Stuhl quietschend über die Fliesen gezogen wurde. Seine Schritte hallten über den Boden. Als die Küchentür ins Schloss fiel öffnete ich wieder die Augen.

In der Stille der Küche hörte ich das gleichmäßige Ticken der Küchenuhr. Träge hob ich meinen Kopf.

Die Zeiger standen auf dreiundzwanzig Uhr fünfzig. Mein Herz machte einen Salto: In zehn Minuten war das Treffen mit Leon unten an der Lärche.


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Fairy Dust

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