Kapitel 12: Das erste Wiedersehen

Als Luzifer dieses Mal in den Himmel zurück kam, erwartete Dominicus ihn freudestrahlend, schloss ihn fest in die Arme und sagte:
"Ich wusste, dass du es schaffst! Das hast du wirklich gut gemacht, Kleines Licht, Kleines Feuer. Komm, wir gehen was trinken, ich lade dich ein."
Luzifer nahm die Einladung scheinbar freudig an und verbrachte den Rest der Nacht in einer verqualmten Bar.  Erst weit nach Sonnenaufgang ging, oder besser, torkelte er nach Hause. Voll angezogen fiel er ins Bett und schlief sofort ein.

Nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen und den Kater halbwegs überwunden hatte, ging er nach draußen und setzte sich an seinen Lieblingsplatz am See. Hier hatte er wirklich das Gefühl, im Himmel zu sein. Es war ein Ort reinen Friedens; das Plätschern der leichten Wellen am Seeufer, die glitzernden Libellen, die über das Wasser schwirrten, das Schilfrohr, das geheimnisvoll in der leichten Brise raschelte, dazu der Gesang der Vögel aus dem nahen Wald, der Duft von Blumen , Gras und würzigem Harz, all das gab Luzifer seine innere Ruhe wieder. Gab es irgendwo tatsächlich Kriege, Leid und Kummer? 
Luzifer seufzte leise. Ja, er wusste, dass es all das gab und selbst hier fiel es ihm schwer, es zu vergessen. Umso mehr genoss er die kurzen Augenblicke dieses stillen Glücks. Viel zu schnell würden sie vergehen.
Er legte sich ins weiche Gras am Seeufer und schloss die Augen. Er versuchte, alle Gedanken auszublenden und sich einfach nur an diesem kleinen Stück wahrhaften Friedens zu erfreuen, aber es gelang ihm nicht. In seinem Kopf wirbelte es nur so von Fragen. 
Was lief da zwischen ihm und Asmodeus? Lief da überhaupt was, oder spielte die Dämonin nur mit ihm? Und in welchen Verhältnis stand Eleazar zu ihr? Was verheimlichte der Engel ihm? Wer waren die anderen, mit denen er sich am nächsten Tag treffen sollte? Was meinte Belphegor, als er sagte, dass er auf Luzifers Seite stünde? Und was zum Kuckuck war jetzt mit den Seelen los? Und wie ging es wohl der kleinen Ketzia?
Ketzia!
Luzifer fiel siedendheiß ein, dass er versprochen hatte, sie bald zu besuchen. Mehr als zwei Monate waren seither vergangen. Höchste Zeit, sein Wort einzulösen. Er hätte es sich niemals verziehen, die Kleine zu enttäuschen. Also stand er auf und machte sich erneut auf den Weg zur Erde.

Jeremias begrüßte ihn wie einen heim gekommenen Sohn, ebenso Selima. Die kleine Ketzia sprang ihm vor Freude in die Arme, schlang ihre Ärmchen um seinen Nacken und übersäte sein Gesicht mit Küssen. Luzifer hatte Tränen der Rührung in den Augen. Das sein Erscheinen solch wahre Freude auslöste...
Nach dieser ersten Wiedersehensfreude setzten die vier sich zusammen und redeten, redeten, redeten. Als Jeremias vorsichtig nach Luzifers Vater fragte, erzählte er ihm nur, dass sie sich versöhnt hatten und alles wieder in bester Ordnung sei. Jeremias freute sich sehr darüber. Es hatte ihn bedrückt, dass ein Vater und sein Sohn sich so sehr zerstritten hatten, dass der eine den anderen aus dem Haus geworfen hatte. Umso glücklicher war er über Luzifers gute Nachricht.
Nach einer Weile hielt Ketzia das Stillsitzen nicht mehr aus. Außerdem langweilte sie das Gerede der Großen. Sie zupfte Luzifer am Hemd und als er sich lächelnd zu ihr wandte, fragte sie:
"Wann seid ihr denn endlich fertig mit Reden? Ich möchte doch mit dir spielen."
Das brachte die Erwachsenen zum Lachen und Luzifer antwortete:
"Wenn deine Eltern nichts dagegen haben, können wir ja jetzt einen kleinen Spaziergang machen und du erzählst mir, was du in letzter Zeit so erlebt hast, einverstanden?!"
Ketzia nickte lebhaft, dann sah sie ihre Eltern bittend an.
"Dürfen wir? Bitte, bitte!"
Jeremias wechselte einen kurzen Blick mit Selima und als diese lächelte und nickte, sagte er:
"Also gut, ihr zwei. Aber dass ihr mir nicht so spät nach Hause kommt, verstanden!"
"Keine Sorge, wir sind vor Sonnenuntergang zurück. Komm, Ketzia."
Luzifer streckte ihr die Hand entgegen, Ketzia ergriff sie und gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Unter Lachen und Plaudern liefen sie bis zu einem kleinen Bach. Sie bauten einen kleinen Staudamm und Ketzia jubelte vor Vergnügen, als sie ihn wieder einrissen und das gestaute Wasser in wildem Schwall über die Steine schoss. Nie zuvor hatte Luzifer eine so reine, unschuldige Freude bei einen Lebewesen gespürt, wie bei diesem kleinen Mädchen. Ihm wurde das Herz schwer, wenn er daran dachte, was sie nach ihrem Tod (mochte er in weiter Ferne liegen!) erwarten würde. Aber lange konnte er nicht betrübt sein, denn das muntere Geplauder der Fünfjährigen lies derlei nicht zu. Niemals seit seiner Erschaffung hatte Luzifer so viel Spaß gehabt, niemals so sehr gelacht. Er ahnte nicht, dass ihm das Lachen bald für eine sehr lange Zeit vergehen würde.

Aus einer anderen Bewußtseinsebene heraus beobachtete Atropos den Engel und das Kind...




Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media