Kapitel 13

Verstohlen ließ Graf Viktor den Blick über sein Gegenüber wandern und schmunzelte insgeheim über dessen Eigenart, Milch in seine Teetasse zu geben. Augenscheinlich war ihm die rumänische Teemischung zu stark.

»Braucht Ihr etwas? Mir scheint, der Umtrunk ist nicht recht nach Eurem Geschmack.«

Des Grafen Gast, Lord Sandringham, hob verwundert den Kopf. »Wie meinen?« Er blickte in seine Tasse, sah wie die Milch mit dem dunklen Gebräu eins wurde, und lachte schließlich leise auf.

»Oh, das. Nein, werter Graf. Milch im Tee ist in England vollkommen natürlich. Es gibt ihm eine weiche Note. Kräftiger Tee, wie der dieses Landes, ist umso besser geeignet. Natürlich, mit Verlaub, übersteigt nichts einen guten Earl Grey, doch dieser hier kommt nahe heran.«

Graf Viktor führte seine, milchfreie, Tasse an die Lippen. »Mir waren die britischen Sorten stets einen Hauch zu bitter. Vermutlich brauen wir sie hier falsch.«

Hiram nickte wohlwollend. »Sicher der häufigste Fehler.«

Sie schwiegen, blickten ins prasselnde Feuer und wärmten sich die Finger an dem heißen Porzellan. Sie bemerkten beide nicht, wie der jeweils andere versuchte, sein Gegenüber unauffällig zu mustern.

Viktor realisierte, wie sich der Geruch im Zimmer allmählich veränderte. Wo zuvor der Duft von Tee und heißem Gebäck, Flammen und Asche vorgeherrscht hatte, schob sich nun ein dunklerer, holziger Geruch dazwischen, vermischt mit dem ätherischen Aroma von Rosmarin, der den jungen Grafen an Sommertage, Badeseen und trockenes Holz erinnerte.

Der Duft musste von Lord Sandringham ausgehen, dessen Kleider frisch gewaschen zu sein schienen und nach Rosenöl dufteten.

Nie zuvor hatte Viktor einen Menschen gekannt, der einen Geruch aussandte, der Erinnerungen in ihm wachrief. Er hatte sonst nur den Mief ungewaschener Knechte und Bauern gerochen, den warmen und doch unterschwellig fischigen Geruch von Frauen kurz nach der Niederkunft oder bestimmten Tagen im Monat, Stallmist, Schweiß, und Straßendreck. Oder das genaue Gegenteil bei feinen Herren, die Wasser verpönten, und stattdessen nur mehr teures Rosenwasser auflegten.

Nun neben einem Lord zu sitzen, der seiner, Viktors, Nase durch seinen faszinierenden Duft schmeichelte, berauschte den Grafen und so geschah es unbewusst, dass er tief einatmete und die Augen schloss.

Erst ein leises Lachen brachte ihn dazu, diese wieder zu öffnen.

»Oh, verzeiht«, platzte Viktor verlegen heraus, »ich bin ein furchtbarer Gastgeber, Euch gänzlich anzuschweigen und ohne Zerstreuung dasitzen zu lassen!«

Hiram winkte ab. »Seid unbesorgt. Schweigen ist mir sehr recht. Ich möchte mich nicht ungebührlich äußern, doch am ersten Weihnachtstag erhielt ich die freundliche Einladung von Graf Buresti, den Feiertag in Gesellschaft seiner Familie zu begehen und was soll ich sagen ... seine Töchter gehören dringendst verheiratet. Mir klingeln noch heute die Ohren von all ihren Fragen zur englischen Mode, Musik und meinem Junggesellendasein.« Der blonde Engländer schmunzelte charmant und zwinkerte Viktor zu.

»So so. Da müsst Ihr Euch in Acht nehmen, wollt Ihr nicht mit einer gar zu leidenschaftlichen Gemahlin nach England zurückkehren.«

»Zumal dies meinem dort lebenden Weib nicht gefallen würde.«

Viktor wandte überrascht den Kopf um. »Sagtet Ihr nicht, dass Ihr Reisen für Euren Bruder tätigt, da seine Gemahlin ihn nicht weg lässt?«

»So ist es.«

»Verzeiht, ich nahm fälschlicherweise an, dass Ihr ungebunden wäret.«

»Sagt, Graf, liebtet Ihr Euer Eheweib? Verzeiht meine Impertinenz, doch ich würde es dennoch gern wissen ...«

Der Angesprochene zögerte nur kurz, bevor er die Frage mit einem »Ja« beantwortete. »Ohne sie hätte ich bereits vor Jahren aufgegeben. Und nun ist sie fort.«

»Nun, seht Ihr, Graf. Ich tue das nicht. Ich liebe sie nicht. Sie bedeutet mir nicht mehr als ein bedürftiger Hofköter. Ich nahm sie zur Frau, weil es erwartet wurde. Sicher ganz ähnlich wie bei Euch. Ihr hattet Glück, in der Erwählten eine Partnerin zu finden. Ich habe nicht mehr als ein Anhängsel, weder besonders geistreich noch geschwind im Denken. Nicht einmal mit besonderer Schönheit kann sie sich rühmen. Ganz und gar gewöhnlich.«

Hiram seufzte. »Es verwundert nicht, dass ich Zerstreuung jenseits des heimischen Herdes suche. Wobei ich ihr natürlich treu ergeben bin. Kein anderes Weib hat je das Lager mit mir geteilt, obgleich es nicht an Angeboten mangelt ...«

Viktor schmunzelte. Er konnte sich die Begeisterung der Damen über Lord Sandringhams außerordentliche Erscheinung lebhaft vorstellen. Ihm selbst war es ja nicht anders ergangen.

»Habt Ihr Kinder, Lord?«

»Nein. Es war freilich immer ein Wunsch von mir, ein kleines Mädchen zu haben, eine Prinzessin, die ich verwöhnen kann. Oder einen strammen Knaben, der reitet und tapfer fechtet. Vergönnt war uns dies bislang beides nicht. Ich hatte gehofft, wenn ich schon eine Gemahlin mit der Ausdauer eines Ackergauls wähle, zumindest mit vielen Kindern beschenkt zu werden, doch während mein Bruder und meine Vettern munter Nachwuchs produzieren, bleibt bei uns das Kinderbettchen leer. Ob es meine oder ihre Schuld ist, weiß Gott allein. Vielleicht ist das seine Art zu sagen, dass ohne Liebe kein Leben entstehen sollte. Dass aus einer lästigen Pflicht nichts Gutes entstehen kann.«

»Also empfindet Ihr das eheliche Beisammensein nicht als angenehm?«

»Himmel, nein. Ihr kennt mein Weib nicht. Sie ist freilich kein Höhlentroll, aber ...« Hiram verzog das Gesicht, als ärgerte er sich darüber, dass ihm die richtigen Worte ausgegangen waren. Schließlich seufzte er.

»Nein. Es geschieht aus Pflicht heraus und aus der vagen Hoffnung, dass dieses Mal vielleicht doch ein Kind gezeugt werden würde, das mich zuhause halten könnte. Allerdings muss ich gestehen, dass ich das viele Aufheben um unbekleidete Frauenzimmer nie verstanden habe. Wie ein entblößter Schenkel eine Hysterie ausbrechen lässt.«

Der junge Graf blickte auf seine Hände, erfreut und schockiert zugleich, wie offen dieser exotische Engländer mit ihm über persönliche Dinge sprach, als würde er, Viktor, ihm etwas signalisieren, das Vertrauen versprach. Nach Monaten der Stille tat es gut, sich die zotigen und herrlich unverschämten Schmähungen anzuhören, die Sandringham über seine arme Gemahlin sagte, die Viktor beinahe bedauerte.

Mit einem Ziehen im Magen vernahm er die Aussage des Lords, dass dieser den Reiz eines Frauenkörpers nicht verstand.

Er, Viktor, konnte das nämlich auch nicht. Nicht der kleinste Hauch von Anziehung, Erregung, Lust oder Verlangen war in ihm zu spüren gewesen, wann immer er eines solchen ansichtig wurde, wohingegen die bloße Brust eines verschwitzten Pferdeknechts in ihm für eine Berg- und Talfahrt an Empfindungen sorgen konnte. Er räusperte sich verhalten.

»Mir geht es ähnlich wie Euch. Als eine der Mägde sich vor einigen Tagen auf dem Hof bei der Arbeit das Kleid zerriss und halb entblößt da stand, brach unter den jungen Burschen ein regelrechter Kampf aus, wer sie als Erster würde anfassen dürfen. Als wäre dies ihr natürliches Recht, nur weil die Brust unbekleidet war. Die Männer benahmen sich wie brünftiges Rotwild. Ich bin mir sicher, wären nicht einige andere Arbeiter und die Waschfrauen dazwischen gegangen, hätte die Meute der unglücklichen jungen Gans der Reihe nach Gewalt angetan.« Viktor goss sich noch etwas Tee ein und nippte daran.

»Ja, nun, aber würdet Ihr Euch auf die gleiche Stufe wie Euer Gesinde stellen? Dass Ihr ähnlich unzivilisiert reagieren würdet?«

»Aber ja. Stand ist reine Glückssache. Man sucht sich nicht aus, wohin man geboren wird und ich glaube auch nicht daran, dass Gott das tut. Also Menschen nach gesellschaftlicher Stellung sortieren. Das können wir selbst schon gut genug. Nimmt man alles weg, was Stand einem bieten kann, ist darunter, bei jedem, nur ein Mensch. Und reduziert betrachtet, wollen wir alle das Gleiche: Essen, Schlafen, Arterhaltung. Ohne das wird auch ein feiner Herr irgendwann sterben, ob nun mit oder ohne Geschmeide und höfische Manieren. Und mit Verlaub: Oftmals sind die, die wir als ach so edel und vornehm ansehen, die größten Schweine.«

Hiram nickte leicht. Oh ja, die, die Macht und Einfluss hatten, konnten sich nehmen, was oder wen sie wollen, ohne sich um Konsequenzen wie illegitime Bastarde zu scheren.

Doch das war dem Engländer herzlich egal. Ihn kümmerte das einfache Volk wenig. Er hatte es längst aufgegeben, sich um die Welt und die Belange der gegenwärtigen Menschen Gedanken zu machen. Geld, Stand, Status, das zählte in der Ewigkeit wenig und was man brauchte, das konnte man sich nehmen. Wer würde sich jemandem wie ihm auch in den Weg stellen?

Zufrieden sah er den jungen Grafen von der Seite an. Mit diesem an seiner Seite war es ein Leichtes, sich vorzustellen, solange zu leben, bis es vielleicht so etwas wie Stände tatsächlich nicht mehr gab.

Hiram schmunzelte. Viktor schien ein überaus mildtätiger Regent zu sein, wenn man bedachte, welche Position er in der rumänischen Gesellschaft inne hatte. Die Bojaren unterstanden einzig dem ungarischen König, wie der Engländer bei seinen Recherchen erfahren hatte. Es entzog sich allerdings seiner Kenntnis, warum Rumänien, oder vielmehr dessen drei vorherrschende Fürstentümer, kein eigenes Königreich bildete. Vermutlich war es wie bei den Britanniern und den Schotten. Man mochte sich einfach nicht.

Graf Viktor herrschte als transsylvanischer Fürst über eine verhältnismäßig große und fruchtbare Region und vereinte unzählige Bauern, freie wie leibeigene, unter seinem Wappen. Es war erstaunlich, dass ihm noch niemals jemand an das Leben gewollt zu haben schien. Immerhin war es in diesem Land mehr als unüblich war, dass ein von den Bojaren, dem rumänischen Adel, gewählter Fürst seinen Titel an den Sohn vererbte. Augenscheinlich hatte Graf Draganesti senior nämlich genau dies getan. Und obwohl Viktor mit der Last dieser Verantwortung aufgewachsen war, zeigte er sich großzügig und milde seinen Untertanen gegenüber. Er stellte sie, wenn auch nicht gesellschaftlich, so doch menschlich auf eine Stufe mit sich selbst.

Der Engländer leerte gleichmütig seine Tasse. Der Graf war jung, lebte in einer Zeit, in der kriegerische Konflikte nicht direkt vor den Schlossmauern ausgetragen wurden, hatte vermutlich das Glück gehabt, noch niemals mit Schwert in die Schlacht reiten zu müssen, und womöglich hatte er noch niemals wirkliches, menschliches Elend gesehen.

Würde er wie Hiram den Dreck einer Stadt wie London kennen; die entstellten, verkrüppelten und verrückten Bettler und die verdreckten Freudenmädchen, die nach Fisch und billigem Fusel stanken; dann würde er, Viktor, sein edles Selbst ganz sicher nicht mehr mit deren Existenz gleichsetzen. Stand mochte Zufall sein. Die Verwendung von Wasser und Seife war eine Entscheidung.

»Verzeiht, Lord, ich wollte Euch nicht mit meinen Ansichten langweilen. Ich weiß, dass ich diesbezüglich allein dastehe, da auch unser Priester die Auffassung vertritt, dass es 'niedere, einfache' Menschen geben muss, um die zu tragen, die 'wichtig' sind. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich ein anderes Leben als dieses gar nicht leben könnte.«

»Ihr braucht Euch nicht zu grämen. Ihr seid als der geboren, der Ihr seid. Ihr könnt Euch Gedanken über das Bauernvolk machen, wie Ihr wollt. Ihr habt das Privileg, darüber zu stehen. Genießt es. Euch für Euer Glück zu schämen, ändert nichts an der Situation des einfachen Volkes. Die Bauern tragen die Last, Euch zu unterhalten. Wobei ich es bei Euch nicht als Belastung bezeichnen würde. Ihr tragt die Verantwortung, für Eure Untertanen zu sorgen und sie zu schützen.«

Hiram schmunzelte und zwinkerte, als Viktor sein Lächeln gen Kamin gewandt erwiderte. »Vermutlich habt Ihr Recht.«

»Woher rühren diese Schuldgefühle bezüglich Eures Standes?«

»Wahrscheinlich aus meiner Kindheit. Mein Bruder starb, da war ich acht Jahre alt. Von diesem Tag an hatte ich lange Zeit keine Spielgefährten mehr. Die Kinder der Dienstboten scheuten sich, mich mitmachen zu lassen und wenn doch, war es ein angespanntes Spielen und ich zog mich rasch zurück. Meine Vettern zogen auf den Hof, da muss ich zehn gewesen sein. Aber mit ihnen spielen war anders, längst nicht so spaßig und ungestüm, wie ich es beim Gesinde gesehen hatte ...«

Viktor lachte leise. »Närrisch, doch ich dachte häufig, wäre ich nicht des Grafen Sohn, würden sie mich wie einen der ihren behandeln. Ich war ziemlich einsam.«

»Armes, reiches Kind.«

»Ihr sagt es. Ich begann früh, meine Zeit allein zu verbringen. Und mit Sebastian.«

»Eurem Leibdiener?«

»Meinem Sekretär. Er kam an den Hof, halb verhungert, und mein Vater ließ ihn ausbilden, einzig um mein Leben zu erleichtern.« Der junge Graf lachte selbstironisch auf und tippte sich peinlich berührt an die Nase. »Ich wäre verloren ohne ihn und käme morgens nicht einmal gescheit in meine Kleider. O je, was bin ich für ein fürchterlich verwöhnter Aristokrat.«

Hiram erlaubte sich, über den bestürzten Gesichtsausdruck seines Gastgebers zu lachen. Es erheiterte ihn, dass der Graf seine Schwächen so charmant offenlegte.

Dann konnte er eben ohne Hilfe seine Garderobe nicht anlegen. Das musste er auch nicht. Er war ein Fürst, ein König in seinem Schloss. Er hatte Personal für alles, wenn er das wollte. Wie diesen Sebastian. Ein ansehnlicher Bursche, bei Licht betrachtet sogar noch mehr. Allerdings auch überaus wachsam und protektiv seinem Herrn gegenüber. Wie ein Geier, der schützend seine Schwingen über die arglose Maus legt.

Irgendetwas umgab diesen Mann, etwas, das Hiram noch nicht hatte fassen können. Der Diener war anders. Ein Schatten lag auf ihm, den jedoch niemand zu bemerken schien. Sebastian konnte ihm, Hiram, jedenfalls gefährlich werden bei der Verwirklichung seines Ziels, den Grafen für sich zu haben!

Viktor setzte sich plötzlich auf und blickte sein Gegenüber frei heraus an. »Jetzt sitzen wir uns hier den Hintern flach, während draußen endlich mal die Sonne heraus kommt. Sagt, habt Ihr Interesse an Pferden?«

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