Kapitel 13

                                                                     13

Ich bin froh darüber, dass er nicht versucht hat mir zu folgen. Und genau dass ist es, was mir die Gewissheit gibt. Gewissheit darüber, dass ich ihm nichts bedeuten kann. Ich kann ihm nicht mehr in die Augen sehen. Ich bin so verletzt. Verletzt darüber dass er mich benutzt hat. Und enttäuscht von mir selbst, dass ich ihm vertraut habe.
Wütend versuche ich in der Dunkelheit einen Weg durch den Wald zu finden und bemerke dabei gar nicht, dass ich mich verlaufen habe. Ich muss in meiner Panik irgendeine Abzweigung verpasst haben. Und schon wieder bin ich mitten im Wald. Alleine. Und plötzlich wird aus meiner Wut, Angst. Obwohl ich ja mittlerweile abgehärtet sein sollte. Aber ich denke nicht, dass sich ein normaler Mensch hier jemals wohl fühlen würde. Ich sehe kaum Etwas und die Geräusche um mich herum, machen mir nur noch mehr Angst. Mein Puls beginnt schneller zu werden, genauso wie meine Atmung. Die kleine Wolke, die dabei jedes Mal vor meinem Gesicht erscheint, macht es auch nicht gerade besser. Was mache ich bloß hier? Ich will einfach nur mehr nach Hause und am liebsten wäre es mir, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte. Wenn ich einfach wieder in mein altes Leben zurück könnte. Endlich wieder einmal, dass Gefühl von Sicherheit fühlen. Wie kann mich Alex nur so verletzen? Wie konnte ich ihm nur glauben? Genau aus diesem Grund habe ich mir geschworen nie wieder jemandem zu vertrauen.
Es ist so dunkel, dass ich nur durch das Mondlicht die Umrisse der Bäume erkennen kann. Ich bleibe stehen und blicke um mich. Ich weiß nicht in welche Richtung ich gehen soll. Es sieht alles gleich aus und ich habe wirklich keine Ahnung wo ich bin. Ich habe Panik und kann den kalten Angstschweiß auf meiner Stirn spüren. Was wenn ich die Nacht hier verbringen muss?
Keine Ahnung wie lange ich schon hier herumirre, aber mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Langsam spüre ich, wie meine Kräfte wieder nachlassen. Ohne es aufhalten zu können, werden meine Knie weich und ich muss eine Pause einlegen. Also lasse ich mich an dem nächsten Baum nieder und lehne mich mit dem Rücken an den Stamm. Ich habe wohl noch immer nicht wieder meine volle Kraft zurück. Meine Zähne klappern aufeinander und ich kann meine Finger kaum noch spüren. Ich glaube mir war noch nie so kalt und ich bin einfach so müde. Ich kann nicht mehr, ich lehne meinen Kopf zurück und schließe die Augen. In den letzten zwei Wochen wäre ich fast zweimal draufgegangen, alles durch diese neue Welt, in der ich mich befinde. Und jetzt sterbe ich an Unterkühlung? Was für eine Ironie. Doch plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Wange und ich höre eine weibliche Stimme mit sanftem Ton.
„Anna, Kleines. Bleib wach. Es ist Hilfe unterwegs.“
Diese Stimme ist mir so vertraut und dennoch so fremd. Die Stimme meiner Mutter. Ich muss fantasieren. Aber es ist so schön, ihre Stimme zu hören. Ich vermisse sie so sehr. Als ich gerade mit dem Gedanken spiele bei meiner Mutter zu sein und ich beschließe, dass es ja gar nicht mal so schlecht wäre, meiner Mutter auf der anderen Seite Gesellschaft zu leisten, spüre ich plötzlich zwei Hände auf meinem Gesicht.
Ich bin so müde und kann meine Augen kaum öffnen. Mit ein wenig Kraft schaffe ich es aber dann doch. Leider kann ich in dieser Dunkelheit nicht viel erkennen und so schließe ich meine Augen wieder. Ich weiß nur, dass ich mich einfach geborgen fühle in diesen starken Armen in denen ich jetzt liege. Meinen Kopf an eine starke Schulter gelehnt und dieser Geruch, ich kenne diesen Geruch. Ich könnte stundenlang von diesen starken Armen getragen werden. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber ich habe mich noch nie so sicher gefühlt, wie in diesem Moment, obwohl ich nicht weiß an welche Schulter ich mich hier lehne. Ich liege in diesen Armen und mir kommt es vor als wäre meine Welt wieder in Ordnung. Ich bin froh in Sicherheit zu sein. Als wir nach einiger Zeit anhalten, öffne ich langsam wieder meine Augen. Das erste was ich sehe ist ein Gebäude. Vor der Eingangstür erhellt ein warmes Licht die Dunkelheit. Dann drehe ich meinen Kopf um zu sehen, auf wessen Armen ich hier liege.
„Scheiße.“
Ach du heilige Scheiße. Sofort nehme ich meine letzten Kräfte zusammen und hüpfe von seinen Armen. Da ich noch etwas wackelig auf den Beinen bin und meine Zähne von der Kälte noch immer klappern, halte ich mich am Geländer der Veranda fest. Wieso er?
„Nathan.“
Erschrocken, verwirrt und vollkommen ungläubig blicke ich in diese Augen.
„Anna.“
Er steht vor mir und sieht mich mit einem nicht allzu ernsten Gesichtsausdruck an. Er fährt sich mit seinen Fingern durch die schwarzen Haare und dieser Blick, den er bei dieser Geste auflegt. Ich muss es mir eingestehen. Dieser Blick lässt mich noch verwirrter werden. Lässt mich wieder die Kontrolle verlieren.
Einerseits möchte ich weg von hier, aber irgendetwas sagt mir, dass ich keine Angst vor ihm haben muss. Und dieses Gefühl, dass ich jedes mal habe wenn ich ihm begegne ist wieder da. Dieses Gefühl ihn einfach küssen zu wollen, und einfach nur bei ihm zu sein. Ich kann mir dieses Gefühl nicht erklären. Und das nachdem er mich töten wollte. Aber es ist einfach da. Ich kann nichts dagegen machen. Gerade noch wollte ich weg von dieser Welt und jetzt stehe ich mit ihm hier. Und dennoch ist mein Verstand verwirrt.
„Zuerst willst du mich umbringen und dann hilfst du mir? Habe ich etwa irgendwas verpasst?“
Er sieht mich an, als würde er alles über mich wissen und ich komme mir plötzlich so dumm vor. Er weiß wie man jemanden einschüchtern kann und ich meine ausnahmsweise nicht weil er ein Vampir ist. Es ist dieser Ausdruck in seinem Gesicht. Sein dummes Grinsen macht mich irgendwann nochmal wahnsinnig. Ich fühle mich in seiner Gegenwart so schwach. Als würde er mich vollkommen unter Kontrolle haben.
„Vielleicht will ich dich ja noch umbringen? Wer weiß.“
Und plötzlich werden seine Augen dunkler und er sieht mich mit einem immer noch leichten Grinsen an. Ich weiß nicht ob ich jetzt Angst habe soll oder nicht. Ich weiß nicht einmal mehr was ich fühle. Es ist alles so unrealistisch wenn ich in seiner Gegenwart bin. Doch seine Augen sollten mir, jetzt gerade Angst machen. Sollten mich flüchten lassen. Ich sollte eigentlich laufen doch ich könnte nicht einmal. Mein Körper würde mir nicht mehr gehorchen. Und als er einen Schritt auf mich zukommt und mit seinem Gesicht direkt vor meinem steht, beginnt mein Herz wie wild zu rasen. Ich spüre seinen kalten Atem auf meinen Lippen. Als er sich etwas zu mir herunterbeugt, kann ich seine Lippen auf meinen spüren. Ebenso wie sein Blick. Dieser ist auf meine Lippen gerichtet und lässt mich noch schwächer werden. Lässt meine Knie wieder weich werden und meine Atmung schneller werden.
„Das war ein Scherz. Keine Angst.“
Er fängt an zu lächeln und geht wieder einen Schritt von mir weg, um die Eingangstür zu öffnen. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und entspanne mich wieder ein wenig. Dieses Lächeln auf seinen Lippen lässt ihn so ungefährlich wirken. So als wäre er ein ganz normaler Mensch mit normalen Bedürfnissen. Was war das jetzt? Hat er ernsthaft versucht witzig zu sein? Irgendwie stehe ich gerade sehr verwirrt auf der Veranda des Hauses und versuche zu verstehen was er gerade gemacht hat. Als ich ihm nicht folge, kommt er nochmals auf mich zu und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Du kannst reinkommen. Ich würde ja gerne sagen, dass du mir vertrauen sollst. Aber ich weiß du würdest das nicht tun. Also auf deine eigene Gefahr hin, kannst du dich jetzt entscheiden reinzukommen. Dich aufzuwärmen und deine Fragen stellen, die dir so auf den Lippen brennen. Oder du kannst, wieder zurück in den Wald. War doch ganz gemütlich dort. Oder nicht?“
Es ist kaum zu übersehen, dass er seinen Spaß mit mir hat. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich in das Haus gehen soll. Aber er legt einfach seine Hand in meine und mit einer kleinen Bewegung stehe ich schon in dem Haus.
„Wusste ich es doch. Du möchtest lieber hier sein, als im Wald.“
„Aber... ich...ähm...ich hab doch noch gar nichts gesagt.“
„Tja, du stehst hier und darum gehe ich davon aus, dass du dich zum bleiben entschieden hast.“
Sein lächeln erhellt den Raum und die Fältchen die sich an seinen Augen dabei bilden, lassen ihn irgendwie menschlicher erscheinen. So als hätte er wirklich Gefühle. Nur dass, das Gefühl das ich gerade von ihm bekomme, eher überheblich ist.
Das Haus ist innen modern eingerichtet, die Wände sind in einem Weiß gestrichen und alles sieht sauber und geordnet aus. Fast so als würden wir in einer Arztpraxis stehen. Kaum zu glauben wenn man das Haus von Außen sieht. Ich bleibe in dem großen Eingangsbereich stehen und betrachte ihn mit großer Bewunderung. Leben alle Vampire so? Es passt irgendwie nicht in meine Vorstellung und ich bin etwas überrascht darüber.
Ich beobachte Nathan, wie er seinen Mantel von seinen Schultern abstreift und auf einen braunen Stuhl wirft, der in dem Eingangsbereich steht. Er verschwindet durch eine Tür und ich bleibe etwas überfordert alleine zurück.
Ich weiß gerade nicht so recht wie mir geschieht. Und als ich noch immer wie angewurzelt dastehe, kommt er um die Ecke. Ich denke, dass es eine Decke ist, die er in seiner rechten Hand hält. Und plötzlich habe ich kaum noch die Energie um zu atmen. Dieser Anblick lässt mich einfach noch mehr erstarren. Er steht vor mir mit einer tiefsitzenden schwarzen Hose und einem eng anliegendem T-Shirt. Erst jetzt kann ich an der Innenseite seines rechten Unterarms eine Zeichnung in schwarzer Tinte erkennen. Es sind vier Kreise die zu seinem Handgelenk hin immer kleiner werden. Ich habe keine Ahnung ob es eine Bedeutung hat, aber es ist mir gerade so was von egal. Denn dieser Anblick, lässt mich vollkommen nervös werden.
„Anna, ich sagte doch komm.“
Sein Ton wirkt streng und ich schrecke auf als er mich etwas lauter anspricht. Wie peinlich. Er hat sicherlich bemerkt, dass ich ihn fast mit meinen Augen ausgezogen hätte. Wie irgendeine billige Schlampe. Verdammt. Reiß dich zusammen. Lass doch einmal deinen Verstand kontrollieren.
„Hast du noch nie ein Haus von Innen gesehen? Komm jetzt, du kannst hier nicht Ewig stehen bleiben.“
„Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass du so lebst.“
„Mein Sarg und meine Haussklaven sind in meiner Gruft.“
Er lacht, kommt auf mich zu und legt mir die Decke über meine Schultern. Dabei kommt er mir wieder so nahe, dass ich mich zusammenreißen muss um ihn nicht anzufassen. Ich hoffe nur das war ein Scherz. Aber zur Sicherheit frage ich ihn lieber, als er nach meiner Hand greift und mich durch die Tür in die Küche führt. Alleine schon diese Berührung lässt mich noch verrückter werden.
„Also. Wie funktioniert es wirklich? Wann schläfst du und wo?“
Er dreht sich um und lächelt mich an.
„So viele Fragen.“
Die Küche ist riesig und ebenfalls eher modern eingerichtet. Hier drinnen sieht es trotzdem sehr gemütlich aus. Alles ist aus einem hellen Holz. Doch als ich meinen Blick weiter schweifen lasse, fallen mir die Gitter an den Fenstern auf. Als ich gerade darüber rätsle für was diese Gitter sind, kommt Nathan mit einer Tasse heißen Tee auf mich zu, und reicht mir diese.
Ich sehe ihn verwundert an, zuerst will er mich umbringen, dann rettet er mich und jetzt bringt er mir Tee? Ich muss Grinsen als diese Gedanken durch meinen Kopf schwirren. Er scheint es zu bemerken und stellt sich fragend vor mich.
„Du kannst also schon wieder lächeln, wie schön zu sehen.“
Er grinst mich an, als würde er sich köstlich darüber amüsieren. In diesem Augenblick sieht er einfach nur so unbesorgt und zufrieden aus. Kaum vorzustellen dass ich vor diesem Vampir solche Angst hatte und jetzt stehe ich mit ihm hier und trinke Tee. Für einen kurzen Augenblick hat er mich wieder gefangen. Gefangen mit seinen Augen, die so wunderschön und zugleich außergewöhnlich sind.
„Am Tag muss ich mich schützen, dazu sind sie da.“
Was redet er da? Ich stehe mit einem fragenden Blick vor ihm und zucke mit den Schultern.
„Die Gitter an den Fenstern, sie sind dazu da, damit ich am Tag in Sicherheit bin. Ich kann nicht in das Sonnenlicht. Das wolltest du doch wissen?“
Ich bin überrascht und schockiert zugleich, kann er etwa auch noch Gedanken lesen? Wenn ja dann muss ich so schnell wie möglich weg von ihm.
„Kannst du etwa meine Gedanken lesen?“
Die Angst in meiner Stimme ist kaum zu überhören. Aber ich muss ihn das fragen. Was wenn ja, dann habe ich keine Kontrolle mehr über das hier.
„Nein, aber du hast vorhin die Fenster angestarrt und ich dachte mir dass du dich sicher fragen wirst was diese Gitter zu bedeuten haben.“
„Ah, Gut. Ich dachte schon du würdest meine Gedanken lesen.“
Erleichtert atme ich auf. Und auch er bemerkt dass ich erleichtert bin und nimmt es mit einem Grinsen zur Kenntnis. Aber es liegen mir noch immer so viele Fragen auf den Lippen.
„Also schläfst du am Tag, oder gar nicht? Und wo schläfst du wenn du schläfst?“
Ich rede und rede ohne Luft zu holen, zu Schade das es mir erst auffällt als ich fertig bin.
„Ganz ruhig Anna.“
Er lächelt und antwortet mir danach mit einer sehr ruhigen Stimme.
„Also ich kann nicht in das Sonnenlicht, ich würde verbrennen. Ich schlafe nicht wirklich, es ist eher eine Ruhephase für meinen Körper und meinen Geist. Und, nein, ich schlafe nicht in einen Sarg. Ich schlafe oder ruhe ganz normal in einem Bett wie jeder andere auch. Nur dass die Fenster an diesem Haus sich automatisch verdunkeln und kein Sonnenlicht eindringen kann, wenn es Tag ist. Ansonsten noch irgendwelche Fragen.“
Mein Gehirn versucht gerade das Gesagte zu verarbeiten. Es hört sich irgendwie logisch und irgendwie verrückt an. Keine Ahnung was ich denken soll, aber ich bin überrascht über seine Ehrlichkeit. Und auch darüber, dass wir das erst mal ein echtes Gespräch führen. Also ich meine ein halbwegs normales Gespräch mit völlig verrückten Themen.
„Und wieso hast du gewusst wo ich bin?“
„Ich habe dein Blut getrunken und dadurch habe ich eine Verbindung zu dir. Also, dass heißt ich spüre wenn du in Gefahr bist. Ich höre Geräusche die sehr, sehr weit entfernt sind und ich bin sehr schnell. Es sind einfach alle Sinne die du auch besitzt, nur um das tausendfache verstärkt.“
Ich stehe fasziniert vor ihm und lausche seinen Worten. Das ist zwar alles schwer vorzustellen aber ich danke ihm auch dafür, dass er mir das alles erklärt. Sprachlos und mit leicht geöffnetem Mund stehe ich nun vor ihm. Starre ihn verwirrt und verwundert an und bemerke zu späte, dass ich mit Sicherheit etwas komisch aussehen muss.
„Anna, alles klar bei dir?“
Er lächelt mich an und mein Herz beginnt wie wild zu rasen. In seiner Gegenwart erkenne ich mich kaum wieder. Ich sehe ihn an und blicke in dieses perfekte und wunderschöne Gesicht. Seine Augen strahlen. Sein Mund ist leicht geöffnet und seine Lippen sehen so weich aus. Er steht vor mir mit seinem weißen Shirt und er sieht damit so verdammt gut aus. Ich muss mich wieder konzentrieren, nicht dass er noch bemerkt was ich denke.
„Ja alles in Ordnung. Denke ich. Es hört sich nur alles irgendwie sehr verrückt an.“
„Ich weiß, dass dich das alles sehr verwirren muss, aber diese Welt, von der die meisten Menschen nichts wissen, ist allgegenwärtig.“
Als dieser Satz über seine Lippen kommt, wirkt sein Gesichtsausdruck wieder ernster als vorhin.
„Nathan, wie alt bist du eigentlich?“
Ich muss ihn das fragen, es schwirrt mir schon in meinem Kopf umher, seit mich dieser Marius im Wald bedroht hat und Alex mir diese Geschichte erzählt hat.
„Willst du das wirklich wissen, Anna?“
Ich nicke mit dem Kopf als er noch näher zu mir kommt.
„Ich bin sehr, sehr alt Anna, ich glaube nicht dass du damit klarkommen würdest.“
Weshalb will er mir nicht sagen wie alt er ist? Was soll daran so schlimm sein?Weßhalb sollte ich nicht damit klarkommen? Mittlerweile steht er vor mir, am Tisch angelehnt, mit verschränkten Armen. Dadurch zeichnen sich die Muskeln an seinen Oberarmen noch mehr ab als sonst. Ich weiß nicht was ich tun soll, je näher er mir ist, desto schwieriger wird es, mich kontrollieren zu können.
„Wieso sollte ich damit nicht klarkommen? Ich habe die letzten Wochen schon genug durchgemacht, da werde ich wohl dass auch noch verkraften.“
Ich versuche wirklich ernsthaft zu bleiben. Auch wenn es mir sehr schwer fällt, bei diesen Augen. Um meiner Ernsthaftigkeit mehr Ausdruck zu verleihen, stelle ich den Tee ab und stütze meine Hände in die Hüfte. Ich warte auf eine Antwort. Doch als sich unsere Blicke treffen, habe ich wieder alles vergessen. Ich bin wie versteinert. Sein Blick lässt mich alles vergessen. Was hat er nur an sich, dass er mir meine Gedanken nimmt? Bei ihm kann ich nicht denken. Bei ihm handelt nur mein Herz und mein Instinkt. Mit einer fließenden Bewegung bewegt sich seine Hand auf mich zu und gleitet sanft an meiner Wange vorbei und auf meinen Nacken. Seine Augen wandern ebenfalls zu meinem Nacken und danach wieder zu meinen Augen. Wie kann diese Berührung etwas so Magisches besitzen? Mein Herz rast und ich kann erahnen was jetzt kommt. Er hält mich gefangen mit seinem Blick und wie in Zeitlupe kommt er einen Schritt näher. Sein Kopf senkt sich und seine Lippen kommen immer näher an meine.
„Er ist tausendachthundertvierunddreißig Jahre alt. Und nebenbei könntet ihr es bitte unterlassen hier vor meinen Augen rumzumachen.“
Plötzlich schrecke ich hoch, dieser Moment. Einfach so zerstört. Ich höre eine Frauenstimme und als ich mich umdrehe habe ich auch schon das passende Gesicht zur Stimme. Es ist eine, zu meinem Bedauern, sehr hübsche Frau mit kinnlangen haselnussbraunen Haaren.
Was macht diese Frau hier in Nathans Haus und wer ist sie? Gehört sie etwa zu Nathan? Sind sie zusammen? Wie kann er nur? Ich bin verunsichert. Hat er etwa eine Freundin und mein Vertrauen wird schon wieder benutzt?
Nathan steht mittlerweile neben mir und sieht wütend aus. Ist er etwa wütend auf mich? Wenn einer wütend sein kann, dann ja wohl ich. Oder?
„Anna, darf ich vorstellen, dass ist Melina.“
Seine Stimme klingt böse und sein Gesichtsausdruck ist finsterer als vorhin. Ich denke mal er will mir nicht mehr über sie erzählen. Und ich werde sicherlich auch nicht danach fragen. Auch wenn gerade tausend Fragen in meinem Kopf herumschwirren. Ich bin gerade zu verwirrt. Oder auch ein bisschen enttäuscht von ihm. Was wenn ich jetzt die Frau bin, mit der er sie gerade betrügen wollte. Oder denke ich gerade vollkommen falsch?
„Ich denke es ist besser wenn ich dich jetzt nach Hause bringe, Anna.“
Meine innere Stimme kann es sich schon zusammenreimen wieso ich jetzt nach Hause soll. Ich bin froh über Nathan's Vorschlag. Ich muss weg von hier. Diese Situation ist unerträglich. Ich fühle mich wie das fünfte Rad. Also packe ich meine Jacke und will nach draußen gehen. Ich muss natürlich auch an Melina vorbei. Doch gerade als ich neben ihr gehe, packt sie mich mit einem schmerzhaftem Griff, an meinen Hals und schon liege ich wieder einmal am Boden. Mein Rücken schmerzt und als ich mich wieder aufrichten will spüre ich schon die Zähne die sich in meinen Nacken bohren. Das alles ging so schnell dass ich kaum reagieren konnte. Ich spüre den Schmerz und das warme Blut dass über meine Schulter fließt.
Und so schnell wie sie mich zu Boden geworfen und ihre Zähne in mich gebohrt hat, wird sie von Nathan durch das Zimmer geschleudert. Sie kommt auf dem Tisch auf, der dadurch zusammenbricht.
„Fasst du sie noch einmal an, ramme ich dir einen Pflock durch dein Herz.“
Nathan steht mit dem Rücken zu mir und in seiner Stimme höre ich puren Hass. Er sieht Melina an, aber diese lächelt nur und wischt sich mit ihrem Zeigefinger das übrige Blut von ihren Lippen um ihn dann, mit vollem Genuss, in ihren Mund zu stecken.
„Ihr Blut ist echt der Wahnsinn. Wie hältst du es bloß in ihrer Nähe aus ohne sie zu kosten?“
Langsam raffe ich mich wieder auf und gehe Richtung Tür. Ich will einfach nach Hause, weg von hier und diesen Wahnsinnigen. Die beiden diskutieren noch weiter und ich versuche irgendwie nach draußen zu kommen. Wo bin ich da nur hineingeraten? Ich halte mir mit einer Hand meinen Nacken zu und mit der anderen stütze ich mich an der Wand ab, um nicht hinzufallen. Plötzlich greift eine Hand unter meinen Arm und stützt mich.
„Anna, es tut mir Leid.“
Es ist Nathan der neben mir steht und mich besorgt ansieht. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck nicht von ihm. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Aber ich will trotzdem weg von hier. Irgendwann muss es doch einmal ein Ende haben. Wieso will bloß jeder mein Blut? Ist es wirklich so etwas Besonderes?
„Lass mich bitte einfach gehen.“
Ich fühle mich schon wieder so schwach und wenn das so weiter geht, habe ich bald keinen einzigen Tropfen meines Blutes intus. Wie kann man nur in so kurzer Zeit soviel Blut abzapfen?
„Ich werde dich nach Hause bringen. Keine Angst, es wird dir nichts mehr passieren. Dafür werde ich sorgen.“
Das haben bis jetzt viele gesagt, mir kommt es vor als wäre ich ein Magnet für diese ganzen Verrückten. Ich will jetzt wirklich nach Hause. Einfach in meinem Bett liegen und in Sicherheit sein. Keine kranken Vampire oder Werwölfe oder Jäger um mich herum haben. Ich will einfach nur umfallen und schlafen.
„Haben wir heute etwa, einen Tötet-Anna Tag?“
Er schüttelt nur leicht seinen Kopf und legt seinen Arm um meine Hüfte. Er stützt mich als wir mit langsamen Schritten durch die Tür nach draußen gehen. Auf der Veranda angekommen bleibt er wieder stehen und sieht mich an. Was ist jetzt schon wieder? Ich habe diese Überraschungen so satt. Doch es passiert etwas Unerwartetes, seine spitzen Zähne schießen aus seinem Kiefer und schneller als ich sehen kann bohren sie sich in seinen Unterarm. Das Blut läuft über seinen muskulösen, sehnigen Unterarm als er ihn mir vor das Gesicht hält. Doch ich weiche zurück. Ich weiß was er will. Er will dass ich trinke.
„Trink. Dann wirst du dich gleich besser fühlen. Melina hat dich wieder geschwächt.“
Ich kann dieses Blut nicht mehr sehen, und erst recht nicht trinken. Es reicht einfach mit diesem ganzen Zeug für Heute.
„Nein danke, ich schaff dass auch so. Ich will einfach nur nach Hause und das Ganze Zeug verarbeiten. Vorausgesetzt dass ich das schaffe.“
Nathan sieht mich an und schüttelt etwas verwundert den Kopf.
„Du weißt es würde dir besser gehen, wenn du mein Blut trinkst?“
„Ja ich weiß Nathan, aber ich will einfach nicht. Kannst du mich einfach nach Hause bringen. Bitte.“
„Alles was du willst.“
Er nimmt mich wieder an meiner Hand und wir gehen auf die andere Seite des Hauses. Immer wieder versucht er mich zu stützen und fängt mich auf, wenn ich wieder einmal zur Seite taumle. Wir halten vor einem großen, alten Holztor. Er stellt sich vor mir hin, seine Hände an meiner Hüfte und sieht mich mit seinen wunderschönen Augen an.
„Schaffst du es kurz alleine zu stehen?“
„Schon gut, ich kann schon stehen seit dem ich eins bin.“
Ich versuche witzig zu sein, da sich irgendwie alles gerade ein wenig unecht anfühlt. Vielleicht bin ich aber auch schon abgehärtet durch die ganzen Sachen die mir heute und in den letzten Tagen passiert sind. Ein leichtes Lächeln legt sich auf seine Lippen und lässt mich los um das Tor zu öffnen.
„Wer ist sie?“
Ups....und schon wieder einmal nicht nachgedacht. Dadurch dass sich alles so unecht anfühlt, hab ich wohl auch keine Kontrolle mehr über mich selbst. Nathan steht schon in der Scheune als ich ihm diese Frage stelle und er kommt wieder nach draußen. Er sieht niedergeschlagen aus. Und ich glaube zu wissen was jetzt kommt. Er wird mir jetzt sagen, dass er sie liebt und sie liebt ihn und ich bin nur ein Zeitvertreib für ihn? Wieso hab ich bloß diese Frage gestellt, ich will es doch gar nicht wirklich wissen.
„Es ist eine lange Geschichte, die mich und Melina verbindet.“
Er kommt näher und steht vor mir, streicht mir sanft mit seinen wunderschönen Fingern eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Bei dieser Berührung fängt mein Herz wieder an zu hüpfen. „Scheiße. Anna reiß dich zusammen, er kann es wahrscheinlich auch hören wenn du nervös wirst. Atme Anna.“
„Melina ist meine Nichte. Ich habe es meinem Bruder versprochen, dass ich mich um sie kümmern werde. Mit mehr möchte ich dich aber heute auch nicht belasten. Es ist eine wirklich lange Geschichte und ich kann sie dir gerne erzählen. Nur nicht heute.“
Er sieht traurig aus.
„Bist du für’s erste zufrieden mit dieser Antwort.“
Mehr als zufrieden aber ich nicke nur kurz und versuche mir meine Freude nicht anmerken zu lassen. Sie ist seine Nichte und nicht seine Geliebte. Aber was soll das schon bedeuten? Wieso macht mich das eigentlich glücklich? Ich kenne ihn kaum. Außerdem ist er ein Vampir. Er wollte mich umbringen. „Und sieht verdammt heiß aus.“ Ich hasse meine innere Stimme. Wieso ist sie auf seiner Seite?
„Ich hoffe du schaffst es, dich festzuhalten. Du siehst noch nicht aus als würdest du schon die Kraft dazu haben.“
Ich kann ihm nicht so ganz folgen und als ich noch darüber nachdenke wieso ich mich festhalten muss, ist das Rätsel gelöst. Wir stehen vor einer schwarzen Mit einer eleganten Bewegung schwingt er sein Bein darüber. Dann greift er nach dem schwarzen Helm und zieht sich ihn über.
„Sicherheit geht vor. Hast ja heute schon genug durchgemacht.“
Ich ziehe mir ebenfalls den Helm über und stelle mich neben ihm. Dann reicht er mir seine Hand und zieht mich hinter sich. Er hilft mir und mit einem Ruck sitze ich hinter ihm. Ich bin noch nie Motorrad gefahren und jetzt sitze ich hinter Nathan. Ist gar nicht so ungemütlich wie ich immer gedacht habe. Doch ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als seine Hände sich auf meine Oberschenkel legen. Meine Temperatur steigt dabei wieder um einige Grade an. Dann wird sein Griff fester und mit einem Ruck zieht er mich näher zu sich. Jetzt kann ich ihn fast überall spüren. Ich klebe ja förmlich auf ihm. Er lässt seine Handflächen noch einige Sekunden auf meinen Oberschenkel liegen bevor er nach meinen Händen greift und sie auf seinen Bauch legt.
„Gut festhalten.“
Ich habe schon ein mulmiges Gefühl aber es verschwindet, als Nathan meine Hände noch fester an seinen Körper drückt. Ich spüre seinen durchtrainierten Bauch durch das Shirt und es lässt diese Berührung noch intensiver für mich werden. Als er den Motor startet und aus der Scheune fährt, rutsche ich durch die Geschwindigkeit zurück. Doch Nathan hält mich fest und ich drücke mich noch fester an ihn. Mein Herz springt mir fast aus der Brust. Dieses Gefühl ihm so nahe zu sein. Kaum vorzustellen, dass er mich bei unserer ersten Begegnung umbringen wollte. Ist doch jetzt egal, ich bekomme einfach nicht genug von seiner Nähe. Ich will ihn niemals wieder loslassen. Es ist ein befreiendes Gefühl, als würde man fliegen und keiner könnte mir etwas tun. Ich fühle mich sicher. Sicher mit Nathan. Wir fahren eine schmale Straße entlang bevor wir auf die Hauptstraße abbiegen. Es ist eine klare Nacht und die Sterne am Himmel leuchten über uns. Der Mond lässt sein Licht über die Baumspitzen wandern und der Scheinwerfer des Motorrads wirft einen Lichtkegel auf den dunklen Asphalt. Aber ich habe keine Angst. Auch wenn Nathan sehr schnell unterwegs ist, fühle ich mich so sicher mit ihm. Und so sehr ich es genieße sind wir nach viel zu kurzer Zeit schon vor der weißen bekannten Garage. Nathan stellt den Motor ab und hilft mir abzusteigen. Beide ziehen wir den Helm von unserem Kopf und seine durcheinandergebrachten Haare bringen mich zum Lächeln. Er sieht mich mit diesen wunderschönen und faszinierenden Augen an und das Mondlicht lässt diese noch mehr leuchten als sonst. Als ich da so vor ihm stehe und er mich ansieht, kommt dieses Gefühl wieder in mir hoch. Dieses Gefühl ihn küssen zu wollen. Und gerade als ich glaube, dass dieses Gefühl wieder zwischen uns ist, unterbricht er diese Stimmung.
„Versuch ein wenig Schlaf nachzuholen.“
Er lächelt mich an und seine Augen bringen mich zur Verzweiflung.
„Werde ich definitiv.“
„Ich muss mich beeilen. Die Sonne geht bald auf und du weißt ja was mit mir passiert. Du kannst ihn behalten, du wirst ihn sicher noch brauchen. Bis Bald.“
Bevor ich reagieren kann oder darüber nachdenken kann, zieht er sich seinen Helm wieder über seinen Kopf und fährt los. Jetzt weiß ich was er gemeint hat. Denn ich habe noch immer den Helm in meiner Hand. Beim Gedanken daran, den Helm nochmal brauchen zu können muss ich lächeln. Aber es kommt mir auch ein anderer Gedanke. Wie schlimm muss es sein die Sonne nicht sehen zu können. Nicht auf der Haut spüren zu können? Ich kann. Besser gesagt will, es mir gar nicht vorstellen. Es wäre für mich eine reine Qual.

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beta
Fairy Dust

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