Kapitel 13 - Dunkelheit

Die Vampire mussten schließlich absteigen, denn die Pferde tänzelten so sehr unter ihren Reitern, dass diese keine andere Wahl hatten, um nicht abgeworfen zu werden.

»Was ist das für ein Verhalten?«, wandte sich Phobos an seinen Liebsten. Dieser strich Thally über die Nase. Die Stute rollte mit ihren violetten Augen und bewegte sich nur widerwillig vorwärts.

»Angst. Irgendetwas in der Luft sorgt dafür, dass sie verrückt vor Furcht sind. Wir können sie nicht weiter mitnehmen, wenn wir nicht riskieren wollen, dass sie uns durchgehen. Wir sollten sie hierlassen und erst einmal nachsehen, was sie so beunruhigt.«

Phobos nickte und sie gingen ein ganzes Stück des Weges zurück, um einen Flecken zu finden, auf dem sie Lielan und Thally anbinden und diese etwas grasen konnten. Je weiter sie sich von dem Punkt entfernten, der den Pferden Angst gemacht hatte, umso spürbarer ließ deren Anspannung nach. Sylfaen, die ebenso ängstlich aussah, rutschte auf einer kleinen grünen Lichtung schließlich vom Rücken der Stute und zu dritt setzten sie ihren Weg zu Fuß fort.

»Es ist kein einziges Tier zu hören«, murmelte Riley und das Elflingmädchen blieb irgendwann abrupt stehen und fing zu schlottern an.

»Was hast du?«

»Er ist es«, hauchte sie. »Der Alptraummann. Diese ... diese Schwingung in der Luft ... die war auch da in der Nacht, als er in mein Dorf kam ...«

Phobos hob den Kopf und horchte. Riley hatte Recht, es war totenstill. Nicht einmal mehr das Wühlen der Mäuse und Würmer im Boden war zu hören, was für einen Wald typisch sein müsste. Kein Vogel zwitscherte in den Bäumen und kein sanfter Schritt eines Rehs im Unterholz war zu hören. Es war, als wären alle Waldbewohner verschwunden. Selbst ihr Geruch schien verflogen zu sein.

»Sie hat Recht. Malucius muss hier sein. Diese Stille ist nicht natürlich. Entweder sind die Tiere vor seiner Aura geflohen, wie unsere Pferde es wollten, oder er hat sie getötet.«

»Dann sollten wir ihn stellen und ...«

»Und?«

»Kämpfen. Ich fürchte den Tod nicht!«, knurrte Riley.

»Aber ich. Ich fürchte um dich, um Arian.« Mit einem Blick wandte sich der Unsterbliche wieder an das Mädchen, das blass geworden war, aber einen bitteren und entschlossenen Ausdruck auf seinem kindlichen Gesicht hatte. »Alles in Ordnung?«

»Ja. Gehen wir.«

Riley hatte seine Armbrust im Anschlag und Phobos hatte das Schwert mit der nachtschwarzen Klinge gezogen, das er aufgrund seiner vampirischen Fähigkeiten selten gebrauchte, aber das für einige Überraschungen gut war. Sylfaen hielt den Magierstab ihres Vaters erhoben und leuchtete ihnen mit dem Amethyst den Weg, denn obwohl es erst früher Nachmittag war, wurde das Licht unter den Bäumen immer schlechter.

»Dieser Teil des Waldes ist alt und dicht. Selbst die Luft scheint sich seit Jahrzehnten nicht verändert zu haben.« Phobos kniff die Augen zusammen.

»Es riecht nach Tod«, murmelte der junge Vampir, »nach Moder und nach Alter.«

Leise huschten sie über abgestorbenes Gehölz, das vor langer Zeit umgestürzt war und nun von allerhand neuem Gestrüpp überwuchert wurde, über versteckte Senken, unter tiefhängenden Ästen und durch Dickicht hindurch. Nur ihrem natürlichen Bewegungsgeschick war es zu verdanken, dass sie nicht alle naselang mit ihren wollenen Umhängen hängen blieben.

Sylfaen, die ihr Leben im Wald verbracht hatte, las die Spuren, die den Vampiren entgingen, strich über Baumrinden und zerrieb Blätter zwischen ihren Fingern.

»Dieser Baum hier ist zu jung, um so auszusehen. Beinahe wie die Frau von heute Mittag.«

Die Drei blickten sich um und stellten fest, dass alles um sie herum vertrocknet, leblos und tot aussah.

»Malucius ist ganz nah. Er hat sich hier bedient und alles Leben ausgesaugt. Passt auf eure Schritte auf.« Phobos erstarrte, als er ein lautes Knacken hörte und ihm ein Duft in die Nase stieg, den er ein halbes Jahrtausend nicht mehr gerochen hatte und doch immer wieder erkennen würde.



»Wie recht du doch hast, Phobos, mein alter Freund«, schnarrte es hinter den drei Gefährten, die sich wie auf Kommando umdrehten.

»Malucius Maleachi«, fauchte der angesprochene Vampir. »Fast könnte ich mich freuen, dich am Leben zu sehen. Doch ... du hast da etwas, das ich gern wiederhaben würde!«

Der bleiche Mann schmunzelte und legte die Fingerspitzen aneinander, bevor er mit geschürzten Lippen über das Gespann blickte, das ihn verfolgt hatte.

»Sieh an«, murmelte er beim Anblick Sylfaens, »da ist mir ein Elfling entwischt. Nun ... hattest Schwein, hm, Kleine?«

»Du Monster!«, spuckte das Mädchen und ihre schauderhafte Elfenfratze ließ sie erneut wie ein Raubtier aussehen.

»Langsam wird es langweilig. Warum kann sich nicht endlich einmal jemand etwas Neues ausdenken? Immer heißt es ‚Du Monster!’, ‚Warum tust du das?’, ‚Ich werde mich rächen’ ... es ist ermüdend.«

»Ich tue dir gern den Gefallen und lasse mir was ganz Originelles für dich einfallen, wenn ich dich töte, nachdem wir unseren Sohn von dir zurückgeholt haben«, knurrte Riley bösartig und hob die Armbrust.

Malucius betrachtete den jungen Vampir einen Augenblick schweigend. »So. Ist das so? Findest du es nicht etwas unhöflich, mir den Tod zu wünschen, ohne dich vorgestellt zu haben? Ich nehme an, du weißt, wer ich bin. Und du bist Phobos’ Gefährte. Sein Ehemann ... was es nicht alles gibt. Vor fünfhundert Jahren hättest du mit deiner abweichenden Neigung noch keinen Mann heiraten können, nicht wahr, alter Freund?« Der Reaper lachte und sah sein Gegenüber an, das finster dreinblickte. »Und nun das. Verheiratet und ein leiblicher Sohn. Wunder der Magie.«

»Gib’ ihn uns zurück, Lu. Er ist nur ein Kind«, wandte sich der Unsterbliche mit dem vertraulichen Spitznamen von einst an den Anderen. Der jedoch verzog das Gesicht.

»Das Recht, mich so zu nennen, hast du verwirkt! Du hast jedes Recht verloren, irgendetwas von mir zu erbitten oder zu fordern. Das einzige, um das du mich noch bitten kannst, ist der Tod. Entweder für dich oder für deine Freunde.«

»Wenn du Rache willst, verübe sie an mir. Ich bin der Schuldige. Nicht meine Familie.«

»Es ist rührend, wie alle immer zu betteln beginnen, wenn sie merken, dass sie ihren Willen nicht bekommen. Oder dass sie verloren sind. Ich sehe, ihr habt eure Waffen gezogen. Nun denn, bitte. Versucht euer Glück. Ich bin voll aufgeladen. Aber dann werdet ihr nie erfahren, wohin ich euren süßen kleinen Arian gebracht habe. Denn es ist offensichtlich, dass ich ihn nicht bei mir habe.« Malucius aalte sich in der ausweglosen Situation, in der sich die Vampire befanden.

Er wusste, dass sie ihn nicht würden töten können, denn sie wollten ihr Kind zurückhaben und wenn sie den Reaper umbrachten, würde er ihnen keine Antworten mehr geben können.

»Scheusal«, fauchte Riley und in seiner Wut löste sich aus der Armbrust ein Schuss, der den bleichen Mann in die rechte Schulter traf und zurücktaumeln ließ.

»Autsch ...«, knurrte dieser. »Daneben. Schießen solltest du noch mal üben, Jungchen. Du bist ja noch nicht einmal trocken hinter den Ohren!«

Der junge Unsterbliche warf die Waffe weg und wollte auf Malucius zustürmen, doch Phobos hielt ihn zurück. »Lass’ deine Tricks bleiben, Energievampir, und ich zeige dir, wie geübt ich im Kampf bin, du Mistkerl!«, brüllte Riley und wehrte sich gegen den Griff seines Gefährten.

Malucius zog den Bolzen aus seiner Schulter, betrachtete ihn einen Moment und warf ihn schließlich weg. »Hm. Nettes Angebot. Aber ich fürchte, ich muss es ablehnen. Fürs Erste. Denn dein Mann hat recht. Du bist es nicht, dem meine Rache gilt. Du bist nur ein Mittel zum Zweck, genau wie der Junge. Ich werde euch töten. Nicht, weil ich persönlich etwas gegen euch habe, auch wenn der Bengel nervt wie ein Sack Flöhe. Nein. Aber ihr seid das, was mein alter Freund am meisten liebt auf dieser Welt. Und ich werde es ihm nehmen. Das verstehst du doch sicher? Gleiches mit Gleichem.«

»Du kranker Bastard. Du hast Menschen getötet. Damals und heute wieder. Gib’ nicht anderen die Schuld dafür, dass sie dich stoppen wollten!«

»Ja. Ja, natürlich. Ein guter Punkt. Das ist es nicht, mein Junge. Meine Vergeltung gilt allein dem Verrat! Wobei ich natürlich nicht abstreiten kann, dass ich auch vorhabe, die Feenviecher für alles büßen zu lassen, was sie mir angetan haben. Lieber wäre ich gestorben, als fünfhundert Jahre in dieser Hölle gefangen zu sein!«

Phobos seufzte schwer. »Es zählt nicht viel nach so langer Zeit, aber ich hatte deswegen immer Schuldgefühle.«

»Schön für dich. Wenigstens etwas. Aber das reicht noch nicht. Das kann niemals genug sein. Während du dir hier ein Leben in Ansehen und Luxus aufgebaut hast, wurde ich lebendig zu Stein. Ich will, dass du meinen Schmerz und meine Verzweiflung nachempfindest und wenn ich dafür jeden einzelnen Menschen töten muss, den du kennst. Wenn ich dieses Land, das du deine Heimat nennst, bis auf den nackten Fels niederbrennen muss.«

»Dein letztes Wort?« Der ältere Vampir stützte sich auf das Schwert, denn Riley hatte seine Bemühungen, dem finsteren Mann an die Gurgel zu gehen, fürs Erste eingestellt und stand aufrecht neben ihm.

»Definitiv. Du warst mein Freund, Phobos. Und ich sehe noch immer den Mann vor mir, den ich einst kannte. Du hast dich nicht verändert, zu dir war die Zeit gut. Anders als zu mir. Ich liebte dich wie einen Bruder und du warst es, der mir einen Dolch in den Rücken gerammt hat. Du warst es, der sich von mir abwandte und anstatt mir beizustehen, hast du mich ausgeliefert und zugelassen, dass man mich an diesem Ort einsperrt, an dem ich so viele Male kurz davor stand, den Verstand zu verlieren. Nicht einmal das Recht, meinen eigenen Tod herbeizuführen, hat man mir gelassen! Nein. Ich verabscheue dich nicht, Phobos. Das wäre zu einfach. Würde ich das tun, könntest du mir gleichgültig sein. Aber das bist du nicht. Erst wenn ich meine Vergeltung hatte, werde ich dich in Ruhe hassen können.«

»Das verstehe ich«, nickte der Vampir und umklammerte den Griff des Langschwertes fester. »Aber du verstehst im Gegenzug sicher, dass ich nicht zulassen kann und werde, dass sich deine Mordserie von damals wiederholt. Du hast bereits ein ganzes Volk ausgelöscht ...«

»Na offensichtlich ja nicht völlig«, grinste Malucius schadenfroh und deutete auf Sylfaen.

»... und dass du meiner Familie ans Leben willst, die keine Beteiligung an meinem Verrat hatte«, fügte Phobos etwas lauter und bestimmt hinzu, »werde ich genauso wenig zulassen.«

»Hach, Phobos. Immer noch den gleichen Hang zur Überdramatik wie früher. Was willst du denn tun? Mich mit deinem Zahnstocher da piken? Die Wunde, die mir dein kleiner Ehemann zugefügt hat, ist schon längst verheilt.«

»Im Gegensatz zu ihm kenne ich deine Schwächen! Und es sind fünfhundert Jahre, Lu. Ich habe inzwischen einiges dazu gelernt. Wie steht es mit dir?«

Malucius verzog abschätzend das Gesicht. Es war ein Leichtes für ihn, den kleinen Elfling matt zu setzen. Seine Magie reichte nicht, um gegen ihn zu bestehen. Dafür war er noch viel zu jung.

Auch der Jüngling war keine wirkliche Bedrohung. Er mochte zwar ein Vampir sein, doch Malucius konnte sehen, dass er noch nicht sehr alt war. Seine Verwandlung konnte erst wenige Monate zurückliegen. Er mochte überaus stark sein, wie junge Blutsauger es nun einmal waren, aber mächtig war er noch nicht.

Bei Phobos, der inzwischen über sechshundert Jahre alt war, sah die Sache etwas anders aus. Malucius konnte nur schwer einschätzen, was sein alter Weggefährte inzwischen alles drauf hatte. Und auf einen Kampf mit einem Vampir, der eventuell sogar Psi-Kräfte besaß, wollte er sich nicht einlassen. Dazu hatte er keine Lust. Die kleine, aber schmerzhafte Schulterverletzung war für diesen Tag definitiv genug gewesen.

»Ich würde mir ja gern weiter dein aufregendes Säbelrasseln anhören, aber da gibt es einen kleinen Jungen, der ganz allein ist mit Schattenfeen, die sich manchmal schlecht beherrschen können, wenn man sie zu sehr ärgert. Ihr habt da einen ganz schön verzogenen Bengel. Nicht, dass er sie noch reizt. Also ... ihr versteht sicher, dass ich jetzt gehen muss, nicht wahr?«

»Du gehst nirgendwohin, bevor du uns nicht gesagt hast, wo Arian ist!«, fauchte Riley, was Malucius nur müde lächeln ließ.

»Äh ... nö.« Der Mann mit dem seidenen Umhang hob die Hand und man konnte sehen, wie das ohnehin schon tot aussehende Laub und Unterholz noch mehr austrocknete. Phobos hob Sylfaen hoch, damit der Absorptionszauber nicht auch ihr Schaden zufügte und starrte dem Reaper entgegen.

»Ich hätte dir den Gefallen tun sollen. Dich töten. Damals.«

»Nun. Vielleicht hast du noch einmal die Gelegenheit. Aber ich denke, es wird eher andersherum sein.«

Riley, der besorgt auf den sterbenden Waldboden blickte, stellte fest, dass es Phobos und ihm als Vampiren offenbar nichts ausmachte, denn er spürte rein gar nichts.

»Flieh, du Feigling. Wir sind dir immer auf den Fersen!«, knurrte Riley schließlich.

»Ich weiß. Aber ich kenne auch ein Mittel dagegen.« Malucius’ graue Augen wurden silbern, als er die Arme hochriss und den Kopf hob.

Phobos, dem keine Zeit mehr blieb, den Reaper an seinem Zauber zu hindern, zog den jungen Vampir und Sylfaen dicht an sich und warf sich mit ihnen auf den Boden.

»Tŭmnina!«, brüllte Malucius und um die drei Gefährten legte sich eine undurchdringliche Finsternis.


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