Kapitel 14

Lord Sandringham zuckte salopp mit den Schultern.

»Ich sehe sie gern in Turnieren. Doch ich muss gestehen, ich verstehe nicht sehr viel von Pferden. Bislang habe ich mir meine Reittiere von unserem Stallmeister aussuchen lassen, um sicherzugehen, keine lahme Mähre zu erwischen. Die Pferde, die ich hier habe, um die Kutsche zu ziehen, hat auch jemand anders ausgewählt.«

Viktor schmunzelte. »Ich bin auch kein Kenner. Ich kann reiten, weil ich es von Kindesbeinen an lernen musste, doch ich kann keine Rassen unterscheiden.«

»Nun, Ihr als Regent solltet im Kriegsfall Eure Streitmacht selbst anführen können, da ist es nur natürlich, Reiten aufs Perfekteste zu lernen. Niemand würde Euch ernst nehmen, wenn Ihr vom Pferd fielet, weil Ihr nicht reiten könnt.«

»Ihr sagt es. Und gefallen bin ich oft.«

Graf Viktor erhob sich und richtete sich unauffällig die Kleider.

»Wollen wir uns die Beine vertreten? Vor einigen Tagen erhielt ich ein kostbares Geschenk von einem Freund meines Vaters. Das Tier hat die lange Reise von den Türken bis hier bewältigt. Nun sollte es sich einigermaßen erholt haben. Reichlich verrückt von den Osmanen, ein Pferd in den rumänischen Winter zu schicken, wenn es die milden Weiten Anatoliens gewöhnt ist ...«

Hiram folgte seinem Gastgeber höflich.

»Ich habe verlauten hören, im Türkenland solle es im Winter zuweilen ziemlich kalt werden. Nur den Schnee, den müssen sie missen.«

»Wie dem auch sei. Der Hengst hat die Reise gut überstanden. Das feurige Gemüt würde wohl für drei reichen.«

Gemütlich, ohne Hast, durchschritten die beiden Männer den Gang des Schlosses. Hiram betrachtete neugierig die Gemälde und meinte des Öfteren, Ähnlichkeiten zwischen diesen und Graf Viktor zu entdecken.

»Ach, nimmernicht«, winkte dieser mit einem Lachen ab, als der Engländer erneut diesbezüglich etwas sagte. »Die Gemälde sind überspitzt und viel zu idealisiert. Seid Ihr in Eurem Leben einmal einem Mann von dieser Körperfülle begegnet, der so ein schlankes und schönes Gesicht hatte?« Der junge Graf deutete auf seinen Großonkel Ludowig, dessen Namen er geerbt hatte. Hiram setzte scherzhaft einen Kennerblick auf und lachte schließlich.

»Nun, ich sehe einen schönen Mann vor mir, an dem kein Maler seine Finger im Spiel hatte. Doch womöglich werden die Menschen einst von Eurem Gemälde auch glauben, es sei falsch und idealisiert.«

Viktor wandte peinlich berührt den Blick ab. »Nun, dann sollte ich mich porträtieren lassen, solange ich noch jung bin. Dann muss mich niemand ...« Er räusperte sich, »hübscher machen, als ich bin.«

Der junge Graf schritt zügig voran, während Hiram ihm schmunzelnd folgte und dachte, dass es kaum möglich sein würde, Viktor schöner zu machen, da er die Perfektion bereits erreicht hatte.

»Ich wollte Euch nicht in Verlegenheit bringen. Doch Ehre, wem Ehre gebührt.«

Viktor wandte den Blick zu Lord Sandringham. »Auch hier, Mylord, lobt Ihr etwas an mir, das nicht mein Verdienst ist. Außerdem vergänglich. In zehn Jahren schon wird von diesem Antlitz nicht mehr viel übrig sein.«

»Ein wahrer Kenner ist der, der die Schönheit liebt, gerade weil sie vergeht.« Hiram grinste.

»Ihr seid unglaublich!«, platzte der junge Mann prustend hervor. »Ihr habt auch auf alles eine Antwort!«

»Manche nennen es Witz, manche Impertinenz. Ich überlasse es Euch, was es für Euch ist.«

»Im Augenblick ist es eine wunderbare Abwechslung zu der Stille in den vergangenen Monaten.«

»Beruhigend, dass Ihr mich nicht in den Kerker werfen lasst.«

»Was nicht ist, kann noch werden«, lachte Viktor und öffnete eine der Pforten, die auf den Hof führten. Der Engländer machte für einen Moment große Augen und lächelte dann. Der Graf schien Freude an dem Geplänkel zu haben und in ihm, Hiram, selbst wuchs der Wunsch, irgendwo hin zu gehen, wo keine Menschen waren. Um auszutesten, wie weit der junge Adlige bereit war, das Hin und Her gehen zu lassen. Im besten Fall bis unter seine kostbaren Gewänder. Der Lord seufzte und folgte dem jungen Mann in den blassen Wintersonnenschein. Dieser ließ das locker im Nacken zusammengebundene Haar von Viktor glänzen wie poliertes Holz.

Im Hof mit ihrer Arbeit beschäftigte Dienstboten hielten inne, als sie ihren Herrn sahen. Sie verneigten sich und grüßten freundlich, was Viktor mit einem Nicken quittierte.

»Aufmerksames Gesinde«, befand Hiram und der Graf machte ein unbestimmtes Geräusch.

»Viele von ihnen sind hier mit mir aufgewachsen ...«

»Also welche von denen, die Euch nicht mitspielen lassen wollten?«

Viktor lachte, dass es über den Innenhof schallte. »Genau die.«

»Hätten sie besser mal, hm.« Der Engländer amüsierte sich und sah sich neugierig um.

Sie waren aus dem Hauptgebäude des Schlosses gekommen und standen nun in einem weiten Hof, umgeben von hellgrauen Mauern mit vielen Fenstern, was auf viele Wohn- und Schlafräume hindeutete. Die Außenmauern der Burg waren massiv und es gab nur wenige, sehr hoch gelegene Glasfenster. Man musste diese an die zwölf Meter hohen Barrieren schon überwinden, wollte man als Eindringling in das Schloss gelangen. Sämtliche Zimmer waren auf den Innenhof gerichtet, wo man beruhigt große Glasflächen haben konnte.

»Wo habt Ihr Eure Gemächer?«, fragte der Gast aus England, als er sich einmal im Kreis gedreht hatte.

»Dort oben im Turm. Ich kann von meinem Balkon aus über die Schlossmauer direkt in den Wald springen ... wenn ich sterben wollen würde freilich.« Viktor wandte den Blick ab und verdrängte, dass er dies vor einigen Tagen, nach der ersten Begegnung mit Lord Sandringham, ernsthaft in Erwägung gezogen hatte.

Der Engländer hob den Kopf, um zu dem hohen Gebäude hochzublicken. »Ah ... sicher eine formidable Aussicht.«

»Auf die östlichen Wälder, ja. Will ich ins Land sehen, muss ich in die Bibliothek oder das Musikzimmer gehen. Die Fenster reichen über den Wall.«

»Eine schöne Anlage. Meine Landsleute neigen dazu, zu glauben, man würde hier in Höhlen leben.«

Viktor lachte. »Ich war einmal in England als Bursche. Da habe ich Burgen gesehen, die düsterer waren als meine.«

Hiram nickte zustimmend. Der junge Graf geleitete seinen Gast durch eine weitere Pforte, die vom Innenhof wegführte in einen anderen, kleineren. Der Engländer konnte trockenes Heu riechen und das Gackern einiger Hühner hören, die in einem eingezäunten Hof in Sägespänen scharrten.

»Ihr solltet die ganze Schar sehen«, kicherte Viktor und deutete auf das Federvieh.

»So ein Schloss braucht für ein vernünftiges Frühstück eine ganze Menge Eier.« Er lachte und bewegte sich geraden Schrittes auf ein großes Gebäude zu, aus dem es typisch roch. Nach Holz, nach Heu und nach Pferd. Hiram trat durch das offene Tor und merkte, wie sich seine Schultern entspannten. Es war trotz der strahlenden blassen Sonne noch immer Dezember und damit tiefster Winter. Und in dem Pferdestall sorgte ein gemauerter Ofen, den man aus Sicherheitsgründen von außen befeuerte, für eine angenehme Wärme.

»Behaltet den Mantel lieber an, wir werden wohl rausgehen müssen in den Auslauf. Mein Stallmeister versucht offenbar noch, die osmanische Wildheit aus dem Biest auszutreiben.«

Hiram ging langsamen Schrittes an den Boxen vorbei. Er fand es immer wieder faszinierend, auf ein schlafendes Pferd zu treffen. Schließlich war es nicht die Aufgabe der Tiere, die dummen Menschen zu unterhalten. Andere hatten faul den Kopf über ihrer Stalltüre hängen oder einen Sack mit Hafer vor ihrem Maul. Überall waren Kaugeräusche, leises Schnauben und Wiehern zu hören. Es wirkte, zusätzlich zu der Wärme und dem heimeligen Geruch, geradezu einschläfernd und der Engländer hob peinlich berührt die Hand an den Mund, als er gähnen musste.

»Verzeiht bitte ...«, stammelte er, als Viktor zu lachen begann.

»Seid gewiss, das passiert mir auch immer wieder. Wie oft ich hier in einer der Boxen eingeschlafen bin.«

»Es ist überaus gemütlich. Ich sollte heute Abend zeitiger mein Nachtlager aufsuchen. Gegenüber seinem Gastgeber seine Müdigkeit so unverschämt zu zeigen, schickt sich wirklich nicht. Wo bleibt nur meine Kinderstube.«

»Sollen wir wieder an die belebende Winterluft?«

»Gern. Eure Pferdeschar schert sich augenscheinlich nicht um Gäste.«

»Nein. Die sind Menschen gewöhnt. Bitte, nach Euch.« Viktor öffnete eine hintere Stalltür und bereits der erste Schwall kalter Luft ließ den Engländer aufatmen.

Aufgeregtes Wiehern und das Rufen von Männern drang den beiden Neuankömmlingen entgegen. Zwei Burschen hielten einen pechschwarzen Hengst an den Zügeln fest, da sich dieser vehement wehrte. Die feurigen dunklen Augen funkelten auf die Männer hernieder. Der großzügige Auslauf war durch Hufe und Stiefel matschig getrampelt und der Stallmeister, ein älterer Herr mit grauen Schläfen und einer Narbe auf der Wange, verneigte sich vor Graf Viktor und seinem Gast.

»Mein Herr, ich bezweifle, dass Euer Freund Euch wohlgesonnen war, als er diesen Teufel übersandte.« Der Mann deutete auf den bockenden Araberhengst, den die Burschen losgelassen hatten und der nun über die Fläche trabte.

»Wo liegen die Probleme?«

»Er duldet Zaumzeug, aber wehe, jemand versucht, ihm einen Sattel anzulegen.«

Viktor brummte. »Nun, er ist erst seit einigen Tagen hier und hat einen langen Weg hinter sich. Braucht er womöglich mehr Zeit?«

»Werden wir ihm geben müssen, sonst bricht er einem meiner Jungen noch etwas. Allerdings glaube ich, er wurde vor seiner Reise nicht ausreichend gezähmt.«

»Nein, die Sicherheit geht vor.«

Der Stallmeister schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, den vierbeinigen arabischen Teufel genau im Blick behaltend.

»Nun, Lord Sandringham, das ist Tiber. Ich hatte gehofft, er wäre bereits etwas ruhiger und zutraulicher.« Viktor wandte sich bedauernd an seinen Gast.

»Vielleicht sollten wir ihn kastrieren«, murmelte Dimitri, der Bursche, der Hiram die Antwort auf die Einladung gebracht hatte, im Hintergrund und kassierte eine Kopfnuss von seinem Chef.

»Dämlicher Junge. Einen Araber kastrieren ...«

Der junge Adlige ließ die Männer sich streiten und beobachtete das Tier.

»Araber werden fett, wenn man sie kastriert, habe ich gehört«, sagte der Engländer so, dass nur der Graf es hören konnte. Er schmunzelte.

»Mir ist bei dem Gedanken auch nicht wohl.«

»Dem Pferd auch nicht, wenn er wüsste, was hier geplant wird. Vorsicht!« Der Lord trat erschrocken einen Schritt zurück, als Tiber geradewegs auf sie zu galoppierte und keine Anstalten machte, den beiden Männern auszuweichen.

Viktor reagierte zu langsam und der Hengst schnitt ihn beim Abdrehen mit der Flanke. Durch den Schubser des Tieres und das fehlende Gleichgewicht durch den halb vollzogenen Schritt nach hinten verlor der Graf seine Standfestigkeit und schwankte. Er spürte, wie er sich dem Boden näherte und kalt drang die matschige Feuchtigkeit an sein Gesäß.

Doch etwas war merkwürdig. Er spürte Hände an sich und sah um sich. Offenbar hatte Lord Sandringham noch versucht, ihn am Fallen zu hindern und war gescheitert. Seine Hände hielten seine Oberarme jedoch noch immer umfasst.

»Oh weh, das war wohl nichts. Habt Ihr Euch verletzt?« Der blonde Engländer zog den Grafen wieder auf die Beine. Tiber wieherte, als würde er über seine Missetat lachen.

»Bis auf meinen Stolz bin ich unversehrt ...«, murmelte Viktor und spürte trotz der Winterkälte, wie der Schweiß ihm ausbrach.

Dieses Teufelsvieh hatte ihn lächerlich gemacht und nun sprang es fröhlich und wiehernd umher. Er würde Würste aus ihm machen lassen, oh ja!

»Mit Eurer Erlaubnis, Herr.« Der Stallmeister klopfte mit einer Bürste den Dreck von Viktors Mantel. Der Graf fühlte sich wie fünf. Damals hatte der jetzt alte Mann ihn auch einmal versohlt, weil er, Viktor, alle Karotten gegessen hatte, die für die Tiere gedacht gewesen waren.

»Das bringt Erinnerungen hoch«, seufzte der junge Mann und der Ältere lachte nur.

»Geht lieber wieder hinein und wechselt die Kleidung, bevor die Nässe in die Knochen dringt.«

»Ich bin doch nicht aus Zucker!«, protestierte Viktor, nickte aber trotzdem. Es dämmerte bereits und Sebastian würde bald das Abendessen servieren.

»Lord Sandringham, darf ich Euch trotz der Peinlichkeit zum Essen einladen?«

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