Kapitel 14


Kapitel 14

 

Ein paar Stunden nach Tims Aufbruch lagen Jonas und Jillian bereits in deren Zimmer und schliefen tief und fest... zumindest glaubte dies der eine vom anderen. Jonas lag auf der Matratze, die sie beide neben Jillians Bett platziert hatten und starrte in die Dunkelheit.

Er konnte die Worte und Blicke nicht vergessen, die ihre Großeltern unten im Wohnzimmer ausgetauscht hatten. Bestand wirklich kein Grund zur Sorge? Fanden sie sich damit ab, dass ihre Enkelin ihre Hilfe nicht wollte? Galt sie auch vor dem Jugendamt als erwachsen, weil sie bereits achtzehn Jahre alt war? Das alles spukte durch seinen Kopf, während er sich von einer Seite auf die andere wälzte, ohne Hoffnung, in dieser Nacht noch den herbeigesehnten Schlaf zu finden.

Jillian dagegen lag aus ganz anderen Gründen wach. Wie ihre Großeltern ihre Entscheidung aufgenommen hatten interessierte sie herzlich wenig, sie würden sie einfach akzeptieren müssen, ob sie es wollten oder nicht. Sie machte sich viel mehr Gedanken um die Stunden vor diesem lächerlichen Streit. Hatte sie wirklich alles gesagt, was gesagt werden musste? Hatte sie wirklich alles getan, was getan werden musste? Sie konnte ihre Eltern nicht mehr danach fragen, welche Entscheidung richtig oder falsch war und ob sie stolz auf sie und ihr Verhalten waren. Sie konnte nur versuchen, ihr Leben weiter zu leben und hoffen, dass es richtig war, was sie tat.

Gab es denn überhaupt ein Richtig und ein Falsch oder waren auch dies nur von Menschen erfundene Worte, übersetzt in alle erdenklichen Sprachen dieser Welt? Wo war die Grenze zwischen diesen beiden Worten? Wer legte das fest? Jeder hatte eine andere Vorstellung von Richtig oder Falsch. Wenn das Leben für zwei glückliche, junge Eltern so abrupt und herzlos endete, konnte Jillian einfach nichts Richtiges daran finden. War der Weg von Anfang an schon so vorgezeichnet? Hatte man wirklich eine Wahl? Oder wären ihre Eltern auch auf irgendeine andere Weise ums Leben gekommen, wären sie in dieser schicksalhaften Nacht nicht ins Auto gestiegen, weil das ihrem und Tims Leben irgendeine lächerliche höhere Bedeutung gab, die sie absolut nicht verstehen konnte?? Eigentlich wollte sie daran glauben, dass es so war, das gab ihr etwas Trost; gab etwas Sinn in diese so bittere Geschichte.

Sie wollte auch glauben, dass es kurz und schmerzlos vonstatten gegangen war. Wenigstens hatten sie zuvor noch einmal einen schönen Abend zu zweit verbringen können. Vielleicht saßen sie auch jetzt irgendwo zusammen und sahen liebevoll auf sie herab. Was würde sich ihnen da offenbaren? Eine vor Schmerz zerfallene, verstümmelte Seele? Oder eine starke junge Frau? Sie wusste nicht mehr, was sie fühlen sollte. Wie weit sie sich zusammenreißen durfte… wie offensichtlich sie trauern musste. Und wie lange… damit niemand – auch sie selbst nicht – mit dem Finger auf sie zeigte, um ihr Schuldgefühle zu machen, die sie ohnehin schon hatte?!

Sie kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung, der dröhnende Schmerz in ihrem Kopf würde dadurch nachlassen. Stattdessen rauschten nun Bilder durch ihren Kopf, die die Schmerzen nur noch verstärkten. Grabsteine, auf denen die Namen ihrer Eltern standen und Gestalten in schwarzen Gewändern huschten an ihrem geistigen Auge vorbei. Die friedliche Stille in ihrem Zimmer wurde von Schmerzenschreien und herzzerreißenden Schluchzern übertönt, die ihr von ihrem Bewusstsein vorgegaukelt wurden.

Sofort schlug sie die Augen wieder auf und wartete, bis sich das Rasen ihres Herzens wieder in ein beständiges Schlagen verwandelt hatte, dann stand sie auf. Sie brauchte eine Weile, damit sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und passte auf, dass sie Jonas nicht weckte, als sie über seine Matratze stieg. Er schien einen unruhigen Schlaf zu haben, denn seine Brauen hatte er besorgt zusammen gezogen, als dächte er nach.

Was Jillian nicht wusste war: Jonas dachte nach. Er dachte darüber nach, was ihr jetzt so sehr im Kopf herum spukte, dass sie wieder aufstand, weil sie nicht schlafen konnte. Als er die Augen aufschlug, wandte sie sich gerade von ihm ab und verließ leise das Zimmer. Er nahm an, sie wolle nur schnell ins Badezimmer gehen. Als er dann aber die Treppenstufen unter ihrem Gewicht knarren hörte, setzte er sich auf.

Jillian ging im Flur auf und ab, wobei sie sich fragte, was sie erhoffte, hier zu finden. Die Fliesen unter ihren nackten Füßen waren eiskalt, sodass sie fröstelte und unwillkürlich die Arme um den Körper schlang, als könne sie sich somit wärmen. Abrupt blieb sie stehen und öffnete die Tür, die zum Schlafzimmer ihrer Eltern führte. Eine Welle roten Schmerzes fuhr durch ihren Körper, als sie das leere und ordentlich gemachte Bett vorfand. Was hatte sie geglaubt, hier zu sehen? Nichts. Aber sie hatte gehofft, dass es sie nicht mehr so packen würde.

Der Mond tauchte das Zimmer in ein unwirkliches Licht, sodass Traum und Wirklichkeit kurz verschwammen. Aber Träume kann man steuern, dachte sie in diesem Moment und ließ sich auf den kühlen Laken nieder. Es waren einige Tage verstrichen, seit sie das letzte Mal hier gesessen hatte, der Schmerz jedoch war immer noch derselbe. Warum?

Aus einem inneren Impuls heraus, zog sie die oberste Lade des Nachtschränkchens ihrer Mutter auf und sofort fielen ihr die vielen goldenen Ohrringe ins Auge, die sie immer so gern gehabt hatte. Ansonsten fand sie dort eine zierliche Lesebrille und ein Buch von Katrins Lieblingsschriftstellerin Nora Roberts.

Wo mein Herz wohnt hieß es in großen lila Lettern und Jillian fand ihre Mutter in dem Titel wieder. Ihr Herz hatte immer hier gewohnt. Es war nie woanders gewesen, als bei ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Und Jillian hatte sich immer geliebt gefühlt. Sie wusste, dass ihre Eltern etwas ganz besonderes gewesen sind. Wenn sie an Jonas’ Eltern dachte, die trotz ihrer Liebe auch diese gewisse Kälte ausstrahlten, spürte sie mehr denn je, was sie verloren hatte.

Würde es jemals wieder einen Menschen in ihrem Leben geben, der sie genauso bedingungslos lieben würde? Jemand, der nicht fragte, sondern sie wortlos verstand? Als ihre innere Stimme ihr mit einem Nein antwortete, brach sie in Tränen aus.

Als Jillian nach einer halben Stunde immer noch nicht wieder auftauchte, stand Jonas auf und ging leise die Treppe hinunter. Er hörte sie bereits, als er die letzten zwei Stufen noch nicht überwunden hatte und das Herz wurde ihm schwer. So herzlich Jillian lachen konnte, so herzzerreißend konnte sie auch weinen. Sie war schon immer ein Mensch des Herzens gewesen und hatte sich nie geschämt, ihre Gefühle jedem offen zu zeigen. Es war diese Natürlichkeit, die Jonas an ihr so faszinierte. Jillian war einfach echt, nichts an ihr wirkte gestellt.

Leise betrat er das Schlafzimmer ihrer Eltern und fand Jillian auf dem Bett, wo sie sich unter ihren Schluchzern krümmte, als leide sie Todesqualen. Unbeholfen setzte er sich zu ihr und strich ihr sanft über das Haar. Er konnte es nicht wissen, aber es war genau diese eine Geste, die sie wieder ins Hier und Jetzt zurückholte; die ihr zeigte, dass sie nicht allein war; dass sie noch am Leben war. Sie verstummte und ihre Tränen versiegten so schnell wie sie gekommen waren. Ohne es richtig wahrzunehmen setzte sie sich auf und schmiegte sich an ihn. Sie war wieder in Sicherheit. Sie war zu Hause...

 

Am nächsten Tag war von ihren Tränen keine Spur mehr zu sehen. Vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass Justin sie mal wieder in seinen Bann zog. Die letzte Stunde für heute - Physik - hatten sie alle erfolgreich hinter sich gebracht, wobei Jonas sich nicht ganz so sicher war, ob Jillians Moleküle noch alle an ihrem gewohnten Platz zurückgefunden hatten, so wie sie kicherte.

Er erschrak selbst über seine Gedanken und war verwirrt über die Wut, die in ihm aufkeimte. Das konnte nur mit Justins Gehirnwäsche-Lächeln zu tun haben, aber eigentlich ging ihn das alles gar nichts an. Jillian war erwachsen und sie musste selbst am besten wissen, was sie tat... und mit wem. Jonas runzelte verbissen die Stirn und überlegte fieberhaft, wie er seine beste Freundin endlich davon überzeugen konnte, dass Justin nicht der Richtige für sie war.

Nicht weit entfernt von ihm standen Jillians Freundinnen, die das Geschehen nicht weniger besorgt verfolgten, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Selina war besorgt. Ihre Freundin hatte sich ganz offensichtlich in Justin verliebt. Sie konnte es ihr anmerken und sie sah das Funkeln in ihren Augen. In Justins Augen lag ein ganz anderes Funkeln, was ihr noch viel weniger behagte. Jillian war doch nicht dumm. Warum ließ sie zu, dass Justin mit ihr spielte? Selina seufzte hörbar auf und warf dann einen Blick zu Jonas. Er war Jillians bester Freund! Wieso unternahm er nichts gegen Justins ausgeklügelte Flirtattacken, wenn er doch ganz genau wusste, dass dieser Jillian nur ins Bett kriegen wollte?

Sofia platze im Gegenzug zu ihrer besorgten Mitschülerin fast vor Eifersucht. Jillian hatte ihr den Freund ausgespannt! Natürlich waren sie und Justin schon lange kein Paar mehr gewesen, aber es war doch allen bekannt, dass er schon immer Gefallen an Jills lockerer und naiver Art gefunden hatte. „Diese falsche Schlange.“

Selina und Caro starrten ihre Freundin erschrocken an. Sofia war sich nicht bewusst, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte, aber es war ihr ohnehin recht. Alle sollten ruhig erfahren, was sie von Jillian hielt. Sie wandte sich bewusst zuerst an Caro, die schon lange ein Auge auf Justin geworfen hatte. „Merkst du nichts? Vor ein paar Wochen erst hat sie dich noch getröstet und dir mindestens einhundert Mal eingetrichtert, dass du Justin endlich vergessen sollst. Mir hat sie auch mehrmals deutlich gemacht, dass er mein Freund war.“ Sofia legte die Betonung auf das letzte Wort. „Das alles nur, um ihn jetzt für sich allein zu haben.“

Caro erschrak. So etwas Niederträchtiges hätte sie ihrer Freundin gar nicht zugetraut, dennoch passte alles zusammen und warum sollte Sofia lügen? „So ein hinterhältiger Trick! Hinter unserem Rücken lacht sie sich sicher krank über uns.“

„Hört mal!“, klinkte Selina sich entsetzt ein. So hatte sie noch nie jemanden über Jillian sprechen hören und erstrecht nicht zwei ihrer eigenen Freundinnen. Zwar waren die beiden schon längere Zeit nicht mehr so gut auf sie zu sprechen wie früher, aber das ging nun doch zu weit. „Ihr wisst genauso gut wie ich, dass das nicht Jills Art ist. Sie hat euch geraten, Justin zu vergessen, weil es das Beste ist, was ihr tun könnt, anstatt euch jetzt wie alberne Hühner aufzuführen.“

Sofia klappte der Mund auf. Sie fühlte sich in ihrem Stolz unantastbar und konnte nicht glauben, dass es jemand tatsächlich wagte, Kritik an ihr zu üben. Ohne Selina noch eines Blickes zu würdigen, drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ zusammen mit Caro den Schulhof, wobei sie noch meinte: „Das muss ich mir von dieser Möchtegern-Ballerina nicht anhören!“

Die Worte kränkten Selina, aber sie hatte jetzt andere Sorgen, als den Ärger über die Beleidigung ihres liebsten Hobbys. Die beiden würden sich auch bald wieder einkriegen. Besorgt schaute sie wieder zu Justin und Jillian hinüber.

Jillian schaute zu Justin auf, direkt in seine grau-grünen Augen. „Es geht mir gut, wirklich.“

Und das war nicht einmal gelogen. Nachdem Jonas sie stundenlang getröstet und beruhigt hatte, war es ihr besser gegangen. Nun stand Justin einfach nur vor ihr, mit seinem kühlen, distanzierten Blick, und es ging ihr bestens.

„Das freut mich.“ Justin überlegte, wie er das Thema wechseln konnte, damit Jillian nicht zurück in ihre Traurigkeit fiel. Er entschied sich dafür, einfach gar nichts zu sagen und ihr stattdessen nur sanft übers Haar zu streichen.

Jillian schloss für einen Moment die Augen und glaubte, im Himmel angekommen zu sein. Für eine Sekunde vergaß sie alles, was war und alles, was noch kommen würde. Was zählte war genau dieser Moment. Dann schlug sie die Lider ganz plötzlich wieder auf. „Wir sollten endlich unser Date nachholen, Jay.“

Allein schon die Tatsache, dass sie seinen Spitznamen benutzte, sagte ihm, dass ihr Herz in seiner Hand lag und er musste sich stark zusammenreißen, um sich seine Siegessicherheit nicht anmerken zu lassen. „Wann du willst, Süße.“

Jillian überlegte. Sofort!, schrie ihr Herz und alles in ihr sehnte sich danach, endlich einmal allein mit ihm zu sein; sich zu fühlen wie eine ganz normale junge Frau. Aber ihr Verstand wollte nicht mitspielen. Warum konnte sie selbst nicht sagen.

„Freitagnachmittag.“, hörte sie sich sagen und beobachtete dabei sein Gesicht, auf dem sich keine Regung zeigte.

„Passt perfekt.“, meinte er, immer noch lächelnd und hauchte ihr einen Kuss ans Ohr.

Stop! Alles in Jonas schien sich gegen diese eine Berührung auflehnen zu wollen. Dabei merkte er nicht, dass diese Gefühle nicht in ihm wachgerufen wurden, weil es Justin war, der Jillian berührte, sondern weil sie überhaupt von einem anderen als ihm berührt wurde. Entschlossen ging er auf die beiden zu und meldete sich hörbar zu Wort. „Jill, komm! Wir verpassen sonst den Bus!“

Jillian sah ihn zuerst leicht verärgert an, weil sie glaubte, er wolle nur verhindern, dass sie weiterhin mit Justin zusammen war. Nach einem kritischen Blick auf ihre Armbanduhr, wurde ihr jedoch schnell klar, dass er Recht hatte. Sie schrie erschrocken auf und machte sich zusammen mit ihm im Laufschritt auf den Weg zur Bushaltestelle, wobei sie Justin über die Schulter noch einen Kussmund zuwarf, der ihnen wütend hinterher sah.

Selina, die die Szene interessiert beobachtet hatte, lächelte zufrieden in sich hinein, bevor sie sich ebenfalls auf den Weg zur Bushaltestelle machte.

 

Als Justin nach Hause kam, saß Lara gerade in ihrem Zimmer und erledigte ihre Hausaufgaben. Das war auch dringend nötig, da ihre Noten weiter und weiter in den Keller rutschten. Ablenkung konnte sie dabei eigentlich gar nicht gebrauchen, aber das Knallen der Haustür ließ sie neugierig aufschauen. Wenn ihr Bruder mit den Türen knallte, musste schon etwas Gravierendes passiert sein, für gewöhnlich war er die Coolness in Person.

Als die Tür des Zimmers nebenan ebenfalls geräuschvoll ins Schloss fiel und kurze Zeit später aus den Boxen seiner Anlage lautstarke Rap-Musik zu hören war, überlegte sie kurz, ob sie sich ihm in diesem Zustand ungefährdet nähern konnte. So sehr sie seine Coolness immer bewunderte, so fürchtete sie sich vor seinen Wutausbrüchen. Der einzige Grund, der ihr den Antrieb dafür lieferte, sich in diese brodelnde Atmosphäre hinein zu bewegen, war ihr grenzenloser Hass auf Jillian Seifert. Da sie wusste, dass Justin schon länger versuchte, bei ihr zu landen, hoffte sie nun, Jillian sei der Grund für seine schlechte Laune.

Neugierig verließ sie also ihr Zimmer und klopfte an die Tür ihres Bruders. Natürlich überhörte er es, darum trat sie einfach ein. „Justin?“ Ihre Stimme war zuerst nur ein gedämpftes Flüstern, das die harten Zeilen des Rappers nicht übertönen konnte. Schließlich gewann aber ihre Neugierde die Oberhand über die Angst und sie schaltete den CD-Player einfach aus.

Justin fuhr herum. „Was soll das? Was willst du?“

Sein Ton gebot sie zu äußerster Vorsicht. Sie näherte sich ihm langsam und legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm, sein Puls raste. „Was hast du für Probleme?“

Ihre Stimme klang wie das Schnurren einer Katze und Justin beruhigte sich sofort ein wenig. Lara konnte mindestens genauso gut die Gefühle anderer manipulieren wie er selbst. „Jonas Hill ist mein Problem.“

Lara erschrak. Justin hatte sich doch nicht etwa schon wieder mit Jonas geprügelt?! „Was? Warum das denn? Wieso?“ Ihre Stimme überschlug sich und in diesem Moment war sie froh, dass ihr Bruder selbst so aufgebracht war, sonst hätte ihn ihre zittrige Stimme möglicherweise noch stutzig gemacht.

„Jillian klebt so dermaßen an diesem Nichtsnutz, dass da kein Platz für mich bleibt! Jonas hier, Jonas da. Und kaum ruft er, ist sie sofort zur Stelle. Er lässt sie nicht eine Sekunde allein. Kaum sieht er sie mit mir, bleibt er in Reichweite wie ein Wachhund.“

Eifersucht drohte Lara die Kehle zuzuschnüren. Hat sich Jonas etwa in Jillian verliebt? Genau diese Frage stellte sie Sekunden später auch ihrem Bruder, der sofort wieder auf hundertachtzig war.

„Das könnte ihm so passen!“ Er lachte böse auf. „Jill hat sowieso nur noch Augen für mich.“ Ein selbstgefälliges Grinsen breitete sich bei diesen Worten auf seinem Gesicht aus.

Lara schluckte schwer. Der Gedanke, dass Jillian möglicherweise bald die neue Freundin ihres Bruders sein könnte, gefiel ihr ganz und gar nicht. Aber immerhin war sie dann von Jonas weg und Justins Beziehungen waren meist nur von kurzer Dauer. Wieso sollte eine Jillian ihm mehr zu bieten haben, als alle anderen Mädchen vor ihr!?

„Was findest du eigentlich so toll an ihr?“

Justin überlegte kurz. „Keine Ahnung... Sie sieht gut aus, ist locker und das aller beste: total naiv.“ Er lachte vielsagend.

„Wann trefft ihr euch?“, fragte sie so beiläufig wie möglich, doch Justin durchschaute seine Schwester. „Freitag. Und du wirst nett zu ihr sein! Es ist mir egal, aus welchen Gründen du sie nicht leiden kannst. Du wirst mir die Tour nicht versauen!“

Lara verzog das Gesicht. Sie hasste es, wenn er sie wie ein Kleinkind behandelte und fuhr ihn an: „Ich glaube nicht, dass Vater sehr erfreut darüber sein wird, wenn du schon wieder eine neue Freundin anschleppst!“

Justin lachte freudlos auf. „Er wird es ja sowieso nicht erfahren, da er am Freitag selbst bei seiner neuen Freundin übernachtet.“

Lara zog einen Schmollmund. Sie hatte keine Mutter mehr. Die hatte sich gleich nach ihrer Geburt mit einem neuen Mann aus dem Staub gemacht. Sie hatte ihre Vergangenheit einfach zurückgelassen und somit auch ihre Kinder. Lara kannte die Frau nicht, die sie auf die Welt gebracht hatte, aber das war ihr auch egal. Sie war ganz zufrieden mit ihrem Vater und ihren zwei älteren Brüdern, obwohl ihr manchmal eine weibliche Bezugsperson in dem überwiegend männlichen Haushalt fehlte.

Ihr ältester Bruder Stefan konnte sich wohl noch am besten an ihre Mutter erinnern und tat dies auch oft, was hier nicht gern gesehen war. Justin verdrängte alle Bilder und Erinnerungen, die er mit seiner Mutter in Verbindung brachte - der einzigen Frau, die ihn jemals verlassen hatte.

Vielleicht ist er darum so flatterhaft, wenn es um die Liebe geht!, dachte Lara und seufzte unwillkürlich. Er lässt keine wirklich an sich heran, weil er Angst hat, dass sie wieder einfach verschwindet, so wie Mutter vor sechzehn Jahren.

„Hey!“ Sie schrak aus ihren Gedanken hoch und starrte ihren großen Bruder fragend an, dessen Augen jetzt ganz sanft auf sie herabblickten. „Ich werde nicht ewig mit ihr zusammen sein. Es ist nur eine Phase, wie immer.“

Er legte ihr aufmunternd den Arm um die Schultern und ihr ging es gleich viel besser, obwohl sie sich eine Frage stellte, die sie dann auch laut aussprach: „Warst du eigentlich jemals wirklich verliebt, Jay?“

Justin lachte leise, als hätte seine Schwester einen schlechten Scherz gemacht, antwortete dann aber doch, wenn auch zögernd: „Liebe macht dumm, unvorsichtig und blind. Ich brauche keinen Kontrollverlust und kein dummes Grinsen. Ich will weder Abhängigkeit, noch eine Freundin, die wie eine Klette an mir hängt. Liebe bedeutet für mich, jemanden zu besitzen, um ihn dann nach und nach wieder frei zu lassen.“

Lara schwieg. Die Worte, die ihr auf der Zunge brannten, wären jetzt nicht angebracht gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Bruder verstanden hatte, worum es in der Liebe wirklich ging.

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    Starke, tiefsinnige Gedanken, gut formuliert.

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