Kapitel 14 - Aus den Augen

»Seid ihr in Ordnung?«, drang Phobos‘ Stimme durch die Finsternis. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen.

»Was hat er getan?« Sylfaen richtete sich auf und rempelte dabei gegen die Schulter des älteren Vampirs, der sich ebenfalls hingesetzt hatte. Er tastete nach Riley, der sich orientierungslos über die Schienbeine rieb. Seine Hose war gespickt mit piksenden Resten toter Blätter und winziger Äste vom Sturz auf den Boden.

»Was ist das für eine Dunkelheit? Das ist doch nicht echt ...«

»Nein«, entgegnete Phobos, »das muss ein Obscurita-Bann sein. Eine Dunkelsphäre. Er hat mir mal davon erzählt. Der ultimative Fluchtzauber. Man nimmt den Feinden die Sicht und hat Zeit, zu entkommen.«

»Also ist er über alle Berge, wenn dieses Ding wieder verschwindet? Es verschwindet doch, oder? Ich will hier nicht verrecken.«

Der junge Vampir tastete sich voran, als plötzlich dunkle, violette Blitze und Funken aufleuchteten, die wie bei einem Gewitter über ihre Köpfe hinweg zogen. Über ihnen musste sich tatsächlich eine Glocke aus Finsternis befinden. Riley schrie leise auf, denn die Berührung mit der Wand der Sphäre und die elektrische Entladung taten weh.

Phobos seufzte. »Irgendwann verfliegt das wieder. Es soll ja nur Zeit verschaffen. Aber wir sitzen jetzt hier fest. Tolle Nummer.«

»Ein Scheusal ist er. Du hättest ihn töten sollen ...« Der junge Vampir kroch wieder in die Mitte ihres Gefängnisses, wobei das tote Laub unter ihm knisterte und er schließlich gegen den anderen Unsterblichen prallte.

»Hinterher ist man immer schlauer. Und es ist leider leichter gesagt als getan, die Klinge gegen einen Freund zu ziehen.«

»Ich weiß«, Riley lehnte sich an den Rücken seines Gefährten und streckte die Beine aus. Seine Hände kribbelten nach dem Stromschlag der Sphäre. »Ich hoffe nur, es hat ihn nicht gereizt, dass sich ein Schuss aus der Armbrust gelöst hat. Nicht, dass er das an Ari auslässt.« Der junge Mann seufzte. »Andererseits wünschte ich mir fast, ich hätte sein Auge und nicht seine Schulter getroffen.«

»Hätte nichts genutzt«, erklang das murmelnde Stimmchen Sylfaens in der Finsternis und die beiden Vampire wandten sich in die Richtung dieser.

»Was meinst du?« Riley klang ehrlich neugierig.

»Cadéren hat auf ihn geschossen, mit einem Gewehr, und ihn im Gesicht getroffen. Ein normales Wesen wäre tot umgefallen und nicht wieder aufgestanden. Nicht mit einer Ladung Schrot im Gesicht ... aber nicht der Alptraummann. Er kippte nicht einmal um. Er ... er wischte sich das Blut ab, als wäre nur eine Mücke gegen ihn geflogen, die Wunden heilten und er hat ... Cadéren umgebracht.«

Phobos seufzte. »Ich sagte doch bereits, dass man ihm mit konventionellen Waffen nicht beikommen kann. Sie können ihn höchstens aufhalten, aber nicht vernichten.«

»Was können wir denn dann tun? Gibt es denn nichts, was ihn tötet?«

»Völliger Energieverlust.«

»Toll. Also kann nur ein Reaper einen Reaper töten?«

»Nein. Aber das wäre wahrscheinlich das Leichteste.«

»Na, ist ja fantastisch.«

Schweigend warteten die drei Gefährten die Zeit ab, die es dauerte, bis die Dunkelsphäre, die sie gefangen hielt, sich verflüchtigte. Beinahe wäre es ihnen nicht aufgefallen, denn es war inzwischen Nacht geworden. Wären nicht die Geräusche des Waldes zurückgekehrt und hätten sie das Heulen eines Käuzchens nicht gehört, hätten sie es nicht bemerkt.

Sylfaen hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt und schlief mit dem Kopf auf einem zusammengeknüllten Stück von Rileys wollenem Umhang, während die beiden Vampire einfach nur dagesessen hatten. Zeit spielte für die beiden keine Rolle und so war es gleich, ob sie ein paar Minuten warteten oder ein paar Stunden.

Doch der Ruf der Nachteule ließ sie alle drei zusammenzucken. Das Elflingmädchen war hochgeschreckt, ihre Augenfarbe hatte vor Überraschung zu einem intensiven Gelb gewechselt und die beiden Unsterblichen konnten endlich wieder etwas sehen.

»Oh, dem Himmel sei Dank, ich dachte, das würde gar nicht vergehen und wir müssten unter dem Ding verhungern«, seufzte Sylfaen. Ihr Magen knurrte in derselben Sekunde so laut, dass die beiden Vampire unwillkürlich zu grinsen anfingen.

»Lasst uns zu den Pferden zurückgehen. Hoffentlich hat sie noch kein Wolf gefressen ... wir sollten langsam Richtung Bernie’s Werft reiten. Eile nutzt uns jetzt, wo wir Malucius’ Spur verloren haben, ohnehin nichts mehr. Ich kann ihn nicht einmal mehr wittern ...« Phobos erhob sich und rieb sich das tote Laub vom Umhang.

»Also? Ist es vorbei?« Riley massierte sich leise murrend den Nacken. Er sah hundemüde aus.

»Diese Art der Suche schon. Wir kehren nach Hause zurück. Wir brauchen die Feen.«

Die drei stapften erschöpft durch das Unterholz und sie fanden Thally und Lielan auf derselben Lichtung, auf der sie sie zurückgelassen hatten. Der Wallach lag im Gras und hielt ein Nickerchen, während die Stute ihren Herrn und Reiter Riley mit freudigem Schnauben begrüßte, sobald sie ihn wittern konnte.

»Na ihr Hübschen«, sprach der junge Vampir leise und strich Thally über das schneeweiße Gesicht. Lielan hatte den Kopf erhoben und wieherte sanft.

»Ihre Angst ist verschwunden. Die sind tiefenentspannt und haben sich sattgefressen. Wir sollten sie dennoch lieber tränken, bevor wir reiten. Ich denke, du willst bei Nacht nicht weiterziehen?«

Phobos zog sanft an den Zügeln, um den Wallach zum Aufstehen zu bewegen, was dieser schließlich tat, und strich ihm anschließend durch die lange, etwas zerzauste Mähne. »Das hatte ich gesagt, als wir noch eine Chance hatten, Malucius einzuholen. Die haben wir verloren. Also brauchen wir keine Eile walten lassen, können sie langsam traben lassen und sie brechen sich nicht die Beine.«

»Können wir nicht hier lagern und etwas essen?« Sylfaen, die müde aussah, stützte sich auf ihren Stab und rieb sich den Bauch.

»Wegen mir könnten wir auch bleiben«, sagte Riley. »Diese Dunkelheit hat doch nicht nur uns ausgelaugt, oder?«

Phobos presste die Lippen aufeinander. Ja, er war müde, erschöpft, ausgehungert und desillusioniert. Am liebsten würde er eine Woche nur schlafen. Doch etwas trieb ihn weiter, in die nächste Stadt, zu einem Portal. Er wollte heimkehren und von dort aus nach Arian suchen. Sie hatten versagt bei ihrem Versuch, den Jungen auf ihre Art zu finden. Jetzt lag es in der Hand der Feen. Malucius musste wiedergefunden werden.

Aber schließlich seufzte der Unsterbliche und nickte. »Ja. Lasst uns bleiben und essen. Ich fange uns einen Hasen, macht ihr ein Feuer.«

Statt eines Kaninchens brachte der Vampir zwanzig Minuten später ein junges Reh mit an den Lagerplatz, wo er es mit einem Messer fachmännisch zerlegte und jeden Tropfen Blut in einem kleinen Topf auffing, damit er und Riley sich damit nähren konnten. Die Fleischstücke brutzelten kurz darauf in einer kleinen Pfanne auf dem Feuer und das Elflingmädchen jammerte bereits vor Hunger.

»Ich hätte es auch roh gegessen«, merkte es an und schnupperte gierig.

Phobos schmunzelte leicht. Er wusste, dass Elflinge barbarische kleine Biester sein konnten, die ein Tier in Stücke rissen, wenn sie hungrig waren. Ganz ähnlich wie die Schattenfeen.

»So ist es bekömmlicher. Hier«, der Vampir reichte dem Mädchen einen Spieß mit Fleisch, das bereits gar war. Zusammen mit etwas Brot und Käse, das sie aus dem Dorf mit sich geführt hatten, verschlang Sylfaen ihr Mahl. Riley bekam einen Becher mit Blut gereicht, auf das er momentan deutlich größeren Appetit hatte. Sich an Phobos zu nähren, der ebenfalls nur wenig zu sich genommen hatte die letzten Tage, war nicht möglich.

»Nicht das, was du brauchst, aber besser als nichts«, murmelte der ältere Unsterbliche, während Riley den noch warmen Becherinhalt hinunterstürzte und sich den Mund abwischte.

»Wird schon gehen. Danke.« Er nahm sich ebenfalls etwas Fleisch und Brot und innerhalb nur kurzer Zeit war das komplette Reh, abgesehen von Kopf, Pelz und einigen weniger schmackhaften Innereien, verschwunden. Die beiden Vampire kamen nicht umhin, angewidert den Mund zu verziehen, als Sylfaen gierig und genüsslich die noch rohe Leber des Tieres verspeiste. Doch sie grinste nur. »Das ist das beste Stück. Sehr gesund. Elflinge lieben das.«

»Na dann genieß’ es«, würgte Riley leicht und grinste schief.

»Euch beim Schlürfen des Blutes zuzusehen, ist nicht weniger eklig«, kicherte das Mädchen.

Der junge Vampir zwinkerte. »Normalerweise trinke ich es aus Phobos’ Halsvene. Dabei sitze ich rittlings auf seinem Schoß. Wäre dir das lieber?«

Sylfaen grinste. »Ich bin vielleicht klein, aber ich bin kein Kind. Mich schockiert so etwas nicht.«

Die Anspannung des Nachmittags, ihre hilflose Gefangenschaft und die Tatsache, dass sie ihr Ziel aus den Augen verloren hatten, löste sich allmählich etwas in den Dreien. Sie hatten freilich ihre Aufgabe nicht vergessen, doch für einen Moment erlaubten sie sich, vergnügt zu sein und einfach gemeinsam ein Abendessen zu genießen.

»Ihr könnt schlafen. Ich übernehme die erste Wache«, sagte Phobos, nachdem er die Überbleibsel des Tieres in den Wald geschafft hatte. Es gab genug kleinere Fleischfresser, die erfreut sein würden über die übrig gebliebenen Innereien und Reste, die an der Haut des Rehs und an einigen Knochen zurückgeblieben waren.

Sylfaen rollte sich unter ihrer Decke zusammen, so dicht am Feuer, wie es möglich war, ohne dass es gefährlich wurde, denn die Nacht war kalt und sie fror, im Gegensatz zu den Vampiren.

Riley setzte sich zu Phobos auf die Satteldecke, die der zuvor Lielan abgenommen hatte, und lehnte sich an ihn. »Wir finden ihn. Oder? Unseren Ari?«

Der Unsterbliche legte den Arm um den jungen Vampir und küsste ihn auf die Stirn. »Und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Ich bringe ihn nach Hause zurück.«

»Mir wäre es lieber, wenn das nicht das Letzte wäre, das du tust ...«

»Mir auch. Aber ich habe uns das eingebrockt und ich trage die Konsequenzen, wenn es sein muss.«

»Hmmm ... wenn man sich immer Sorgen machen müsste, was einzelne Handlungen in der Zukunft mit sich bringen, würde man irgendwann gar nichts mehr tun und sein Leben steif wie ein Stock verbringen, immer in der Furcht, den berüchtigten Schmetterling zu zertreten, der den Untergang der Welt herbeiführt. Du hast dich damals für etwas entschieden. Aber du hast uns nichts eingebrockt. Ich sehe das nicht so ...« Rileys Stimme wurde immer murmeliger und er rutschte mit dem Kopf von der Schulter auf Phobos’ Brust. Der junge Vampir musste sehr erschöpft sein und der ältere Unsterbliche bettete ihn sanft in seinem Schoß, damit er schlafen konnte, während er, Phobos, die Sterne durch das Blätterdach betrachtete.

Schmetterlinge hatte er viele zertreten. Doch geschadet hatte ihm das in seinem langen Leben erst jetzt.



Sylfaen war es, die die Vampire bei Tagesanbruch weckte und zur Eile antrieb.

»Ihr schaut mich an wie die Schafe«, sagte sie erstaunt, »Ich denke, wir wollten heute noch Bernie’s Werft erreichen. Dann hoch mit euch.«

Mit knackenden Rücken und schlechter Laune erhoben sich die Unsterblichen, stürzten etwas Wasser und trockenes Brot hinunter und räumten ihr Lager auf. Das Feuer war inzwischen erloschen, doch der junge Tag versprach, mild zu werden. Die Feuchtigkeit des Morgentaus fühlte sich dennoch klamm auf ihren Kleidern und Umhängen an.

»Wenn wir daheim sind, gehe ich baden. Und wehe, jemand stört mich, bevor ich schrumplig bin!«, murmelte Riley verschlafen und rieb sich den verspannten Nacken.

»Vampire sind wohl keine Naturburschen, huh?«, feixte Sylfaen, die nicht im Geringsten abgespannt aussah. Sie war, trotz ihres Dorfes und der hübschen kleinen Häuser, Nächte unter freiem Himmel und alles, was dazu gehörte, gewöhnt. Elflinge lebten mit der Natur, Vampire taten das nicht. Und nun zahlten sie den Preis, mit schmerzenden Rücken, vor Feuchtigkeit laufenden Nasen und eiskalten Füßen.

Die Pferde, die die lange Verschnaufpause genossen hatten, scharten bereits mit den Hufen, als ihnen ihre Sättel aufgesetzt wurden. Sie wollten endlich wieder laufen.

Phobos fischte den Kompass aus der Manteltasche, während Sylfaen umständlich versuchte, auf den Rücken des Wallachs zu klettern und ihn schließlich zu einem großen Stein zog, auf den sie steigen konnte.

»Wir brauchen ein Pony für dich«, schmunzelte Riley, der bereits auf Thally saß.

»Lasst uns reiten. Wenn der Weg gut ist, erreichen wir am frühen Abend Bernie’s Werft.« Phobos stieg hinter Sylfaen auf und lenkte Lielan zurück auf den Pfad, von dem sie am Tag zuvor abgekommen waren.

»Los geht’s. Wir haben schon zu viel Zeit verloren.« Er berührte den Wallach leicht an den Seiten, der schnaubte und sich in Bewegung setzte.

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