Kapitel 15: Das erste Treffen der Aufständischen

Eine Hand legte sich auf Luzifers Schulter. 
"Komm, die Sterblichen dürfen dich nicht bei ihr sehen."
Aber Luzifer schüttelte nur den Kopf. 
Amodeus fühlte sich ziemlich hilflos. Sie schwieg eine Weile, dann versuchte sie es noch einmal.
"Wenn Jeremias euch so findet, wird er dich für den Mörder seiner Tochter halten. Willst du das? Er hat dich so lieb, du musst ihm und Selima jetzt Halt und Stütze sein. Ich weiß, es ist hart, aber du darfst jetzt nicht an deinen Schmerz denken, sondern an ihren. Sei tapfer, Kleines Licht, Kleines Feuer, um ihretwillen."
Es sah so aus, als wäre die Dämonin zu Luzifer durchgedrungen. Ganz behutsam legte er Ketzias Körper ab und erhob sich schwerfällig. Er schniefte noch einmal, fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht und wischte Tränen und Schnodder ab. Dann sah er Asmodeus an. Diese erschrak, denn Luzifers Blick war kalt wie Eis und hart wie Diamant. Seine Stimme war gefährlich leise, als er fragte:
"Wo ist Atropos?"
"Vergiss ihn, er ist weg."
"Wo ist Atropos?", fragte Luzifer noch einmal, lauter, drohend. Asmodeus machte einen Schritt zurück. In diesem Augenblick fürchtete sie sich vor ihm.
"Ich weiß es nicht."
"Wo ist Atropos?", fragte Luzifer zum dritten Mal und ging auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt, bereit, die Wahrheit aus ihr heraus zu prügeln. Asmodeus schüttelte den Kopf.
"Ich weiß es nicht, Luzifer, das musst du mir glauben!"

"Luzifer!"
Eleazar war hinter ihm aufgetaucht. Asmodeus atmete auf. Der Engel machte ein paar schnelle Schritte und stellte sich zwischen sie und Luzifer.
"Luzifer, hör mir zu! Ich verspreche dir, er wird für das hier bezahlen. Aber jetzt müssen wir hier weg. Komm, es ist höchste Zeit.
Asmodeus", wandte er sich an die Dämonin, "hol die anderen, wir treffen uns gleich am Felsendom."
"Was ist mit IHR?", fragte Asmodeus.
"SIE ist heute beschäftigt, wir sind sicher. Jetzt beeil dich, es wird Zeit, dass er endlich die Wahrheit erfährt. Bis gleich."
Asmodeus nickte und ging. Eleazar nahm Luzifers rechte Faust zwischen seine Hände und sah ihn eindringlich an.
"Komm, wir können hier nichts mehr tun."
Sämtliche Energie schien aus Luzifers Körper zu weichen, willenlos ließ er sich von Eleazar davon führen.

Als Eleazar und Luzifer am Felsendom eintrafen, wartete bereits ein halbes Dutzend weiterer Engel auf sie. Luzifer sah Eleazar fragend an. 
"Hier siehst du deine Freunde und Verbündete, von denen du bisher nicht einmal etwas ahntest. Sieh sie dir an, ich glaube, einige von ihnen kennst du."
Luzifer ließ den Blick über die Engel schweifen. Ja, er kannte sie. Allen war er bereits begegnet, in Bars und Spielhöllen, in Eleuria und in Harpreetia. Aber zu keinem hatte er eine engere Beziehung aufgebaut, ja, er hatte gerade diese Engel aufgrund ihres ausufernden Lebenstils immer verachtet. Und genau diese sollten jetzt Freunde und Verbündete sein? Verbündete in welcher Hinsicht?  
In diesem Augenblick erschien Asmodeus mit einigen anderen Dämonen. Einen von denen kannte er bereits. Eleazar übernahm die Vorstellung.
"Luzifer, hier sind unsere anderen Gesellen. Asmodeus und Belphegor kennst du ja bereits, die anderen sind Mammon, Herr des Geizes, Beelzebub, Herr der Völlerei, Leviathan, Herrin des Neides und Satan, Herr des Jähzorns. Leute, das hier ist Luzifer, aber das wisst ihr ja bereits, oder?"
Die Dämonen nickten und Satan sagte:
"Ist bekannt, Eleazar. Respekt übrigens, Luzifer, du hast Belphegor neulich ganz schön zugesetzt."
Belphegor rieb sich das Kinn.
"Das kann man wohl sagen. Für einen Engel langst du ganz schön zu. Aber das war bei uns ja damals auch nicht anders."
Als sie Luzifers fragenden Blick bemerkte, ergänzte Leviathan:
"Hat dir denn keiner gesagt, dass wir alle mal Erzengel waren?"
Hätte sie behauptet, sie sei IHRE leibliche Tochter, Luzifer hätte nicht erstaunter sein können. Stumm schüttelte er den Kopf.
"Oje, da müssen wir wohl ganz von vorne anfangen. Kommt, setzen wir uns lieber, das wird ne Weile dauern. Eleazar, haben wir genug Zeit?"
Der Engel nickte.
"Keine Sorge, SIE ist noch den ganzen Tag lang beschäftigt und wie die anderen sich dann aufführen, wisst ihr ja. Da denkt keiner an uns."
"Jaja, kaum ist die Katze aus dem Haus... Aber genug, wer erklärt Luzifer denn jetzt, was los ist?"
"Wenn ihr erlaubt, dann würde ich gerne", ließ sich Beelzebub vernehmen und als niemand Einspruch erhob, wandte er sich an Luzifer.
"Also gut, ganz von vorne. Ja, es ist wahr, wir Dämonen waren früher tatsächlich Erzengel. Aber wir haben uns gegen SIE erhoben und wurden darum aus dem Himmel geschmissen. Aber auch als gefallene Engel blieben wir Engel, darum legten wir uns einige Attribute zu, wie schwarze Flügel, Hörner und lange Schweife, um uns von dem Himmelspack zu unterscheiden. Alles andere, das hässliche Äußere und die Grausamkeit, die uns, die wir uns jetzt Dämonen nennen und nicht mehr Engel, zugeschrieben werden, sind einfach nur Lügen, von IHR und IHREN Anhängern in die Welt gesetzt, damit die Sterblichen uns fürchten und uns nicht vertrauen. Das klappt ganz gut, aber es wird immer Menschen - und Engel - geben, die SIE und IHRE Lügen durchschauen."
Er machte eine kurze Pause und Luzifer fragte:
"Warum habt ihr euch gegen SIE aufgelehnt?"
Asmodeus war es, die ihm antwortete:
"Wir sind hinter das Geheimnis der Seelen gekommen!"

Die Seelen!
Luzifer richtete sich auf. Jetzt endlich würde er erfahren, warum sie so geist- und sinnlos umher wandelten.




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  • Author Portrait

    Spannend zu erfahren, dass SIE eigentlich nach unten gehört.

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Fairy Dust

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