Kapitel 16: Die erste Wahrheit

"Hast du mal die große Kathedrale in Eleuria bemerkt?", fragte einer der Engel, Debora mit Namen, Luzifer. Dieser nickte.
"Klar, ist ja nicht zu übersehen. Warum fragst du?"
"Hast du sie dir mal genauer, will sagen, länger, angesehen?"
"Nein, warum?"
"Wenn du das getan hättest, mein lieber Luzifer, dann wäre dir aufgefallen, dass jede Seele regelmäßig dort hineingeht."
"Ja, und?"
Debora seufzte.
"Also, pass auf. Hast du jemals von Engelstrompeten gehört?"
"Meinst du die, die Gabriel..."
"Nein!", unterbrach Debora ihn, "ich rede von der Pflanze."
Davon hatte Luzifer nie gehört.
"Engelstrompeten sind Giftpflanzen. Sie gehören zu den Nachtschattengewächsen, was ja wohl schon alles sagt. Nimmt man ihr Gift zu sich, führt das unter anderem zu Sedierung, also zu einer Art Dämmerschlaf, und zu Bewusstseinsstörungen.. Halluzinationen sind auch noch mit dabei, also ein tolles Mittel, um unangenehme Leute ruhig zu stellen."
Luzifer begriff noch immer nicht.
"Willst du damit etwa sagen, dass..."
Asmodeus beantwortete seine Frage, bevor ein anderer den Mund aufmachen konnte.
"Ja, Luzifer. Die Seelen werden permanent unter Drogen gesetzt."

Das musste Luzifer erstmal verarbeiten Mehrere Minuten lang schwieg er, seine Gedanken rasten. Schließlich stellte er die Frage, die ihn am meisten beschäftigte:
"Aber warum?"
"Ist doch ganz klar", nahm Eleazar das Wort, "stell dir mal vor, du wärst ein Sterblicher. Dein ganzes Leben lang wird dir erzählt, dass du ein Sünder bist und nur bei Gott allein Rettung liegt. Der Himmel ist gut, die Engel sind gut, der Himmel ist ein sündenfreier Ort, Dämonen sind böse, Laster sind böse, Sünden sind böse, die Hölle ist ein verdammt heißer Ort, in dem du die schrecklichsten Qualen erleiden musst, wenn du kein gottgefälliges Leben führst. Du kannst deine unsterbliche Seele nur retten, in dem du ein ehrbaren Leben bar jeden Lasters und jeder Sünde lebst. Nur dann hast du die Chance, nach deinem Tod in den Himmel zu kommen, wo ewiger Frieden herrscht, wo du all deiner Gebrechen und Schmerzen ledig bist, wo du bis in alle Ewigkeit selig auf einer Wolke sitzt und Hosianna singst. Unter diesem Druck entwickelst du dich also zu einem strenggläubigen, puritanischen Menschen. So, und dann stirbst du und musst erkennen, dass das alles gar nicht wahr ist. Dass im Himmel mehr gesündigt wird als sonst wo, dass es da schlimmer zugeht als in Sodom. Wie würdest du dich dann fühlen?"
Luzifer musste nicht lange überlegen.
"Ich käme mir ziemlich verarscht vor."
"Ganz genau."
"Es steckt noch ein bisschen mehr dahinter", ergänzte Satan.
"Es gibt ein einziges unumstößliches Gesetz. Es gilt für alle Welten, den Himmel, die Erde und die Hölle gleichermaßen. Das ganze Leben, alles, was existiert, die gesamte Schöpfung, hängt nur von diesem einen Gesetz ab:
GOTT ist unfehlbar!
Würde man IHR Fehlbarkeit beweisen können, würde das sofort alles Sein vernichten."
Plötzlich verstand Luzifer.
"Na klar, und wenn so eine Seele sich über die Zustände im Himmel aufregen würde und sagen würde, hört mal, ihr habt uns aber ganz schöne Lügen erzählt, solange wie am Leben waren, dann..."
"Dann wäre GOTTES Fehlbarkeit bewiesen, ja. Darum werden die Seelen sofort nach ihrer Ankunft mit dem Gift abgefüllt und sobald die Wirkung anfängt nachzulassen, werden sie per posthypnotischen Befehl in die Kathedrale gerufen, wo sie den nächsten Schuss erhalten. Dann ist erst mal wieder Ruhe und die Engel können ganz in Ruhe weiter sündigen. Das ist aber noch längst nicht alles."
"Wird das etwa noch schlimmer?"

Asmodeus erhob sich, setzte sich neben Luzifer und legte ihm einen Arm um die Schultern.
"Ich fürchte, ja, und ich wünschte, ich könnte es dir ersparen. Denn jetzt kommen wir...", sie schluckte schwer und sah Luzifer teilnehmend an, "jetzt kommen wir zu Atropos und seiner Rolle in diesem Debakel."
Luzifer hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter dem Hintern weg gezogen. Alles in ihm verkrampfte sich. Asmodeus verstärkte den Druck ihres Armes, gab ihm den Halt, den er jetzt brauchte.
"Es ist nämlich so,", sagte Mahala, ein weiblicher Engel, die bis jetzt geschwiegen hatte, "dass die Engelstrompeten ausschließlich in... Eden wachsen. Und nur SIE kann diesen Ort betreten. Wenn SIE also in Eden ist, um die Pflanzen zu ernten, gibt es niemanden, der ein Auge auf die Sterblichen hat. Die Schutzengel, deren Aufgabe das nämlich eigentlich wäre, nutzen IHRE Abwesenheit nämlich gründlich aus, um mal so richtig die Sau raus zu lassen. Und diese Gelegenheit nutzt wiederum Atropos, indem er, einfach aus Lust und Laune, Lebensfäden zerschneidet. Lebensfäden von Menschen, deren Zeit eigentlich noch gar nicht gekommen wäre...  und alle sterben einen viel zu frühen und überaus qualvollen Tod...so wie Ketzia."
Luzifer entwand sich Asmodeus Arm, drehte den Kopf zur Seite und übergab sich.

Comments

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    Kaum zu glauben, dass man so handeln kann und das als Gott... Atropos Stelle muss neu besetzt werden! Ich würde das gerne machen.

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