Kapitel 17

Als ich aufwache ist es schon nach zwölf Uhr am Mittag. Ich steige aus dem Bett. Die Ereignisse der letzten Nacht haben mich ausgelaugt und mir den vorerst letzten Rest an Kraft gestohlen, den ich noch hatte. Ich entsperre mein Handy und checke meine Nachrichten.
Eine Nachricht von 'Lexie' und eine von 'Papa'.
Ich klicke auf Lexies Chat.

Lexie: Hey Beth. Wie geht's dir? Wie ist New York?

Ich überlege kurz. Die Wahrheit kann ich ihr natürlich nicht sagen. Oder? Sie ist doch meine beste Freundin und ich wollte sie nie anlügen, aber in dieser Sache ist es wahrscheinlich etwas anderes.

Ich klicke auf die Tastatur und beginne zu schreiben.

Ich: Hey Lexie. Mir geht es sehr gut. Ich habe schon einige Freunde hier gefunden und New York ist klasse.

Ich lüge nicht gerne, aber so eine kleine Notlüge ist doch nicht schlimm. Hoffe ich jedenfalls. Ich kenne Lexie seid ich klein bin. Sie war schon immer meine Nachbarin und auch meine Freundin. Auch unsere Eltern waren befreundet. Meine Mutter und Lexies Mutter kennen sich noch aus der Kindheit.

Nach einigen Sekunden antwortet sie.

Lexie: Wo bist du gerade?

Ich fühle mich ertappt. Mist, was soll ich denn jetzt sagen. Sie denkt ich bin in New York. Wahrscheinlich ist jeder Teenager in meinem Alter um diese Zeit in der Schule oder gerade zu Hause. Da fällt mir plötzlich ein, dass sie in einer anderen Zeitzone ist. Wieso schreibt sie mir, obwohl sie in der Schule ist. Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Ich beiße mir auf die Lippe und beginne darauf zu kauen. Was soll ich denn jetzt schreiben. Dann fällt mir etwas ein und ich antworte ihr.

Ich: Ich bin im Central Park und füttere Tauben.

Lexie: Echt? Schick mal ein Bild.

Oh nein. Was soll ich jetzt tun? Ich verlasse den Chat und gehe auf den Chat meines Vaters. Er hat eine ellenlange Nachricht geschrieben.

Papa: Hey Schatz. Wie geht es dir? Sind die Anderen auch wirklich nett zu dir? Kaya erschien mir wirklich nett. Auch Jackson und Matt sind meiner Meinung nach nett. Was habt ihr schönes unternommen? Habt ihr schon eine der Kronen gefunden?

Er überspielt seine Besorgnis echt gut. Ich bin froh, dass er keine Suchanzeige oder sowas aufgibt. Er weiß wie wichtig mir die Sache mit meiner Mutter ist. Ich antworte ihm.

Ich: Es geht mir sehr gut, danke. Die anderen sind sehr nett. Und ja, Kaya ist super nett. Auch die anderen sind ziemlich freundlich. Wir haben noch nicht viel unternommen und eigentlich auch noch keinen Hinweis auf die Kronen.

Papa: Oh, ach so.

Ich: Papa?

Ich: Papa?

Papa: Ja?

Ich: Kannst du mir vielleicht ein Bild vom Central Park schicken?

Er geht kurz offline und schickt mir dann ein Foto aus dem Central Park. Darauf scheint die Sonne und einige Jogger sind zu sehen. Ich klicke auf 'weiterleiten' und schicke das Bild an Lexie. Dann bedanke ich mich bei meinem Vater und gehe offline.

Lese noch ein paar Zeitungsartikel bei 'Spiegel Online' und stehe dann endlich auf. Es ist mittlerweile zwei Uhr und ich höre von unten Geräusche. Hat Jackson etwa wieder versucht Matt mit einem Ball ab zu werfen?

Ich gehe im Schlafanzug runter und erstarre. Die Drei stehen mit den Füßen auf bunten Platten mit Pfeilen darauf. Ein Pfeil zeigt nach oben, einer nach unten, einer nach links und ein Letzter nach rechts. Auf dem Fernsehbildschirm läuft eine Abfolge von Pfeilen. Kaya, Matt und Jackson bewegen sich mit dem Beat der Musik, die aus zwei Lautsprechern ertönt. Sie versuchen die Abfolge von Pfeilen nach zu machen. Bei Kaya klappt das schon ganz gut, während es bei Matt und Jackson noch sehr unbeholfen aussieht. Sie lachen und scheinen sehr viel Spaß zu haben.

Ich beobachte sie. Sie sehen so fröhlich aus wie noch nie, nachdem ich in ihr Leben getreten bin. Nach einigen Minuten wende ich meinen Blick ab und gehe wieder hoch um mich um zu ziehen.

Als ich fertig bin, gehe ich wieder runter und suche Kaya, um zu fragen was heute ansteht. Doch sie ist nicht im Wohnzimmer und auch die beiden Jungs wirken wie von Erdboden verschluckt. Ich schaue im Garten und in den anderen Zimmern. Sogar im Bad schaue ich nach, doch niemand ist zu sehen. Es wundert mich, dass die anderen plötzlich weg sind und dass mir keiner von ihnen Bescheid gegebene hat. Ich beginne langsam zu verzweifeln. Haben sie mich etwa alleine gelassen? "Kaya? Jackson? Matt? Wo seid ihr?", rufe ich etwas ängstlich.

Plötzlich legt jemand seine Hände über meine Augen und verdeckt mir die Sicht. Ich quicke erschrocken auf. Die Hände sind groß und kalt. Das ist sind mit Sicherheit nicht Kayas Hände, die mir hier die Sicht erheblich erschweren und Matts Hände sind eher klauenartig geformt und genau wie Kayas pulsierend und warm. Als bleibt mir nur eine Möglichkeit. "Jackson?", frage ich zaghaft. "Ja?", ich spüre seinen Atem an meinem Hals und seinen Kopf nah neben meinem. Aus irgendeinem Grund schlägt mein naives Herz schneller. In solchen Momenten verfluche ich meinen Körper innerlich für seine blöden Reaktionen. "Wo sind die anderen?", frage ich und versuche seine Hände weg zu schieben, scheitere aber kläglich. "Unten", flüstert er mir ins Ohr. Ich schlucke und bekomme eine Gänsehaut. Ich mag es nicht wenn er mir so narr ist. Oder etwa doch? Nein, diesen Gedanken verbanne ich schnell wieder aus meinem Kopf. Er ist so anstrengend. Einmal kalt wie ein Eisklotz und im nächsten Moment in Spiellaune. Wie kann jemand so schnell seine Stimmung ändern? Er scheint ein Meister darin zu sein.

Ich hole mich selbst aus meiner Gedankenwelt heraus und komme zurück in die Realität:"Lass mich los." Er tut-wenn auch etwas wiederwillig- was ich will und ich beginne mich wieder an das helle Licht, was durch die großen Fenster zu meiner rechten fällt, zu gewöhnen. Ich blinzele noch einige Male und sage dann fest entschlossen:"Komm. Wir gehen zu Matt und Kaya." Er zeigt mir ohne ein weiteres Wort zu sagen den Weg und ich folge seiner Beschreibung.

Wir gehen einen dunkeln Flur im Keller entlang. Der Flur erinnert mich ein bisschen an den Flur eines Schloss, welches ich einmal mit meinem besucht habe.

Es war ein schwüler Sommertag und mein Vater hatte sich einen Tag frei genommen, um mit mir aufs Land zu fahren. So waren wir einfach ins Auto gestiegen und sind einfach herum gefahren, bis wir zu diesem großen Schloss irgendwo im Nirgendwo gekommen sind. Es hatte schwarz-graue Mauern und passte gar nicht zur Landschaft ringsherum. Wir sind den ganzen Tag durchs Schloss gelaufen und haben verstecken gespielt. Wenn ich mich recht entsinne war das ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Mutter, der wie ich ja mittlerweile weiß Mord war. Mein Vater ist mit mir danach nach Deutschland gezogen. Es war dort auch sehr schön, doch Amerika ist eben mein Zuhause und hier gehöre ich hin. Ich würde nirgendwo anders wohnen wollen.

Bei dem Gedanken an diesen Tag muss ich lächeln. Jackson sieht mich fragend an. Ich ignoriere ihn und gehe durch eine Tür mit der Aufschrift 'Bibliothek'. Ich weiß nicht sicher, dass die anderen beiden hier drinnen sind, vermute es aber, da die Tür einen Spalt breit geöffnet war bevor ich eingetreten bin.

Kaya und Matt sitzen an einem Holztisch umgeben von verstaubten Büchern mit vergilbten Seiten. Matt wischt gerade den Staub von einem Buch ab, sodass er den Titel lesen kann.

Ich räuspere mich. Kaya und Matt blicken auf und Jackson folgt mir in den Raum. Er schließt die Tür hinter sich.

"Oh. Hey Beth", sagt Kaya gut gelaunt. Auch Matt begrüßt mich und Kaya erklärt mir, dass sie in den alten Büchern nach neuen Erkenntnissen suchen. Hoffen sie etwa etwas über den Verbleib der Kronen heraus zu finden? Ich setze mich zu ihnen und Kaya gibt mir lächelnd auch ein Buch. Ich beginne zu lesen.

Wir lesen den ganzen Nachmittag, doch bisher habe ich nicht Wichtiges herausgefunden. Dafür kenne ich mich jetzt mit den Essgewohnheiten der Vampir um die Viktorianische Zeit herum aus. Na toll. Das wollte ich ja auch super gerne wissen.

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Fairy Dust

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